Im Ressentiment vereint

Warum Antisemitismuskritik eine notwendige und anhaltende christliche Aufgabe ist
Die Kanzel der Kirche San Moisè in Venedig zeigt in einem Relief von 1732 die Figuren der „Ecclesia“ und „Synagoga“ ausnahmsweise als ebenbürtige Verkünderinnen der christlichen Botschaft.
Foto: akg-images/Cameraphoto
Die Kanzel der Kirche San Moisè in Venedig zeigt in einem Relief von 1732 die Figuren der „Ecclesia“ und „Synagoga“ ausnahmsweise als ebenbürtige Verkünderinnen der christlichen Botschaft.

Der Antisemitismus ist in den vergangenen Jahren vor allem in bestimmten Milieus salonfähiger und anerkannter geworden. Oder er gehört sogar zum „Auf-der-richtigen-Seite-Stehen“. Der Judenhass erfüllt zudem weiterhin die Funktion der Selbstidealisierung. Das erklärt Christian Staffa, der Beauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland für den Kampf gegen Antisemitismus ist.

Sowohl die empirischen Untersuchungen zu antisemitischen Einstellungen als auch der Anstieg von antisemitischen Gewaltdelikten verdeutlichen, dass sich die Situation in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023 verschärft hat. Nicht zuletzt weisen darauf auch die geteilten Alltagserfahrungen von Jüdinnen und Juden hin. Ein Blick in die Einstellungsforschung zeigt, dass bis 2022 die Zustimmungswerte beim traditionellen und auch beim israelbezogenen Antisemitismus rückläufig waren und seit dem 7. Oktober 2023 wieder steigen.

Der Anstieg ist – nicht überraschend – vor allem beim israelbezogenen Antisemitismus zu verzeichnen, so offenbaren es die wichtigsten Langzeit-Studien „Im Ressentiment vereint“ der Leipziger Universität und „Die angespannte Mitte“ im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die in der Wissenschaft und Forschung zwar sinnvolle Unterscheidung verschiedener Antisemitismen heißt aber nicht, dass sich beim israelbezogenen Antisemitismus diese Einstellungen „nur“ gegen Israel richten, sondern gegen Jüdinnen und Juden. Hier werden klassische „alte“ antijüdische Bilder auf Israel übertragen und sozusagen aktualisiert. Der Antisemitismus und seine Wirkmacht bleiben, nur ist er vor allem in bestimmten Milieus salonfähiger beziehungsweise anerkannter oder gehört sogar zum „auf der richtigen Seite stehen“. Er erfüllt weiterhin die Funktion der Selbstidealisierung.

Die existenzielle Bedrohung für die jüdische community durch israelbezogenen Antisemitismus, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit, wird auch am massiven Anstieg der antisemitischen Gewaltdelikte deutlich. So erfasste etwa die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) 2024 bundesweit einen Anstieg um 77 Prozent antisemitischer Vorfälle gegenüber dem Vorjahr. Es ist zudem von Bedeutung, auch Berichte von Jüdinnen und Juden mit einzubeziehen, um das Bild nicht nur durch Zahlen zu beschreiben, sondern eben auch durch Erfahrungen der Betroffenen. Diese Erfahrungen zeichnen ein noch deutlicheres Bild der Bedrohung, der Ängste, der Ausschlusserfahrungen.

So analysierten die israelische und deutsche Antisemitismusforscherinnen Marina Chernivsky und Friederike Lorenz-Sinai in einer neuen Studie: „Dabei ist es wichtig zu begreifen, dass nicht ‚nur‘ der Umstand des Terrors nachwirkt, sondern auch die Abwehr, die Nichtbeachtung, die Anerkennungsverweigerung. In der deutschen, postnationalsozialistischen und postmigrantischen Gesellschaft stehen Jüdinnen und Juden sowie Israelis einer Mehrheit gegenüber, die ihre Beziehung zur eigenen Geschichte weitgehend abspaltet, die Erinnerung an die Shoah als leeres Ritual begreift und den Kontakt zu allem Jüdischen ambivalent gestaltet.“

Wortwörtliches Verständnis

Eine weitere Studie des vergangenen Jahres ist für die Deutung des Antisemitismus für Kirche und Theologie wichtig. Sie heißt: „Der Gebrauch der Bibel und die Feindschaft gegen Jüd:innen. Ergebnisse der Leipziger Bibelstudie“. Hier wird nach der Relevanz der Bibellektüre für die Empfänglichkeit und das Vertreten von antijüdischen und antisemitischen Positionen gefragt. Sie kommt zu dem Ergebnis:
„Zwar sind hinsichtlich der Erklärung von antisemitischen Ressentiments andere Faktoren, wie autoritäre Einstellungen und die Offenheit für Verschwörungserzählungen, wichtiger als die Bibel. Ohne Bedeutung ist diese aber nicht. Bei antijudaistischen Aussagen sind zwei Verständnisse der Bibel sogar die mit der stärksten Erklärungskraft unter allen verwendeten Erklärungsfaktoren: Das eine Bibelverständnis ist ein literalistisches, welches ein wortwörtliches Verständnis der Bibel abbildet, das andere ist die Einschätzung, die Bibel sei irrelevant und habe keine Bedeutung für die Gegenwart.“

In dieser Studie, in der mehr als die Hälfte der Befragten angab, dass das Alte Testament überholt sei, wird die Verantwortung kirchlicher Bildungsarbeit und Theologie deutlich. Sie gilt eben nicht nur nach außen, sondern ganz besonders nach innen.

An dieser Stelle stellt sich die scheinbar einfache Frage: Was eigentlich ist Antisemitismus? Hier die beiden gängigen und miteinander konkurrierenden Definitionen:

1. Antisemitismus ist Diskriminierung, Vorurteil, Feindseligkeit oder Gewalt gegen Juden als Juden (oder gegen jüdische Institutionen als jüdische Institutionen).

2. „Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, die sich als Hass gegenüber Jüdinnen und Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“

Beide Antisemitismusdefinitionen scheinen mir neben anderen Schwächen an der Tiefenstruktur von Antisemitismus vorbeizugehen. Eine Form, diese Tiefenstruktur zu beschreiben, liefert David Nirenberg in seinem großartigen Buch „Anti-Judaismus. Eine andere Geschichte des westlichen Denkens“ (2017). Hier zeigt er, wie tief judenfeindliche Stereotypen und Welterklärungsmuster in das Selbstbild des westlichen Denkens als jeweils negatives Gegenüber eingewoben sind.

Christliche Signatur

Dieses Selbstbild beziehungsweise seine Sicherung ist das entscheidende Motiv, das erst die Diskriminierung, den Hass und die Gewalt aus sich heraus setzt. Diese Konstruktion hat eine christliche Signatur, ja in gewisser Weise Urheberschaft. Sie funktioniert über folgende Mechanismen:

Die prinzipielle Auslagerung von Negativem im Eigenen auf „den Juden“, also die aus ethischen, religiösen oder moralischen Gründen abgelehnten Eigenschaften, die Menschen fast naturhaft in sich selbst immer wieder finden, wie zum Beispiel materielle oder sexuelle Gier, werden „dem Juden“ zugeschrieben, wie auch die eigenen Bestrebungen nach Weltherrschaft und Macht.

„Die Juden“ oder hier auch „das“ Judentum werden für das Nicht-Eintreten der versprochenen Erlösung, des versprochenen Glücks verantwortlich gemacht, wie es das Christentum, oberflächlich betrachtet, durch die Ankunft des Messias verkörpert oder der Sozialismus durch das Gleichheits- und Gerechtigkeitsversprechen, der Nationalismus durch Stärke, Gemeinschaft, Zusammenhalt oder eben die Demokratie mit Chancengleichheit, individueller Freiheit und Beteiligungsgarantie präsentieren. Das Nichteintreten dieser Versprechen wird in der Geschichte des Westens wegen der christlichen Prägung dieser Negativprojektion auch weltweit „dem unsäglichen Tun der Juden“ zugeschrieben. Die Juden werden für „unser Unglück“ verantwortlich gemacht und durch Pogrome, Vertreibung, Denunzierung und Beleidigung dafür bestraft.

Die Denunzierung geht einher mit der Negativ-Phantasie der die Weltgeschicke bestimmenden Juden. Dieses Phantasma führt notwendigerweise zu Verschwörungserzählungen, wie sie zuletzt in der Corona-Zeit zu beobachten waren. Antisemitismus wird als ein Welt- und Unheilserklärungsmuster genutzt, gänzlich unabhängig davon, was Jüdinnen und Juden sind oder tun. Mit der unerwarteten „Verlängerung der Zeit der Wiederkunft Christi“ war also für das frühe Christentum sowie auch die nachfolgenden Generationen ein wichtiges theologisches Problem gegeben, das nun eine sich dehnende Zwischenzeit der Bewährung denken musste. Das aber überzeugte alltagsweltlich nicht nachhaltig, weil so vieles an Hoffnungen auf Gerechtigkeit und Frieden persönlich und für die Welt unerfüllt blieben, weshalb ein Ventil für diese Enttäuschungen geschaffen wurde.

Die „Leipziger Autoritarismus-Studie“ konstatierte vor zwei Jahren, dass es eine ähnliche Struktur im Säkularen gibt: „Die autoritäre Aggression heute zeigt an, dass auch die moderne Gesellschaft von der Hoffnung auf Versöhnung angetrieben ist. […] So aufgeklärt und modern die Gesellschaft erscheint, so wenig kann sie auf die Erlösungshoffnung verzichten. Und auch in ihr schlägt die Hoffnung in Destruktivität um, wenn das Scheitern des Versprechens überdeutlich wird.“

Ergänzt werden kann hier schließlich auch die enttäuschte Hoffnung, die mit dem uneingelösten Versprechen der Naturbeherrschung der Aufklärung verbunden war, und eben jene Aggression, die sich gleichsam automatisch gegen die als „Gottesmörder heimtückisch agierenden Hohepriester/Juden/Judas“ richtet, denen alle Negativität, eigene Ohnmacht, Unzufriedenheit und je eigenes Versagen zugeeignet wird. Diese Verantwortung vermeidende und jede Ambivalenz abwehrende Identitätskonstruktion, die sich gleichzeitig als Opfer versteht und deshalb eigene Täterschaft legitimiert glaubt, ist auf christlichem Grund gewachsen.

All dies gibt Anlass genug, nach den christlichen Selbstbildern zu fragen, die sich in der Rezeptionsgeschichte der Bibel am Feindbild „des Juden“ durchgesetzt haben. Hier wird christliche Liebe gegen angebliche alttestamentliche Gewalt, Gnade gegen Gesetz und eben am Ende Glaube gegen Unglaube, Erwähltheit gegen Verlust der Erwähltheit gesetzt. Diese dualistische Hermeneutik richtet sich gegen „den anderen, nämlich den Juden“, um ein positives christliches Selbstbild zu sichern. Im Gegensatz dazu geht es uns in einer antisemitismuskritischen Hermeneutik der Ambivalenz um Empathie, also um ein Verständnis der biblischen Botschaft als Anleitung zur „Erziehung zur Zartheit“, die sich gegen Barbarei, Menschenverachtung und Unmündigkeit richtet.

Säkulare Beerbungen

Ich schlage, für einen Theologen nicht ganz überraschend, vor, dies an der Bibel selbst zu erlernen. So haben Marie Hecke vom Berliner „Institut Kirche und Judentum“ und ich schon vor vier Jahren analysiert: „Die Einsicht in die konstitutive Bedeutung der Bibel für eine antisemitismuskritische Bildungsarbeit setzt zugleich hohe Anforderungen an ihre Hermeneutik und Didaktik. Sie muss sich immer wieder auf das Verhältnis von Erstem und Zweitem Testament beziehen, um die in diesem Verhältnis entstandenen Konfliktlagen zu verstehen und die kirchlichen wie außerkirchlichen Indienstnahmen von ‚judenfeindlichen‘ Bildern und Geschichten aufzudecken und alternative Verständnis- und Handlungsweisen zu entwickeln.“

Auf dem Weg eines solchen Lernprozesses müsste in kirchlichen Handlungsfeldern wie zum Beispiel Gottesdienst, Schule, Konfirmandenunterricht und Bibelarbeiten eine kritische Sichtung christlicher Selbstbilder handlungsleitend werden. Geprüft werden müsste hier, ob diese angewiesen sind auf die Negativfolie Judentum. Das ist insbesondere in der Passionsgeschichte und in der Beschreibung der „Lehre“ Jesu besonders wichtig. Wir sind nicht mehr am Anfang dieses Weges, aber auch noch lange nicht am Ende, wie wir zum Beispiel an Religionsschulbüchern, aber eben auch an den säkularen Beerbungen christlicher antijüdischer Stereotype sehen können.

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Christian Staffa

Dr. Christian Staffa ist Studienleiter für Demokratische Kultur und Kirche der Evangelischen Akademie zu Berlin, Christlicher Vorsitzender der AG Juden und Christen beim DEKT und Beauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland für den Kampf gegen Antisemitismus

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