Keine Kanarienvögel mehr
Juden werden hierzulande vor allem in drei Rollen wahrgenommen: als Maskottchen im interkulturellen Dialog, als Hassobjekt im Kontext Israels oder als Opfer des Holocaust. Dadurch bleibt das deutsch-jüdische Verhältnis verkrampft und von tiefen Berührungsängsten geprägt, beklagt die jüdische Publizistin Alexandra Bandl.
Jüdisches Leben gehört zu Deutschland.“ Kaum ein Satz wird häufiger wiederholt, wenn es um das deutsch-jüdische Verhältnis geht. Er klingt wie ein Versprechen, wie eine Versicherung, manchmal wie ein Bekenntnis. Doch je öfter er gesagt wird, desto drängender wird die Frage, was er eigentlich bedeutet. Die Tatsache, dass diese Formel so häufig bemüht wird, verweist auf eine ungelöste Spannung. Die ständige Wiederholung soll ein verborgenes Unbehagen kompensieren. Die Annahme, dieses Unbehagen gehe von Juden aus und richte sich vor allem gegen die Unsicherheit jüdischen Lebens in Deutschland, greift jedoch zu kurz. Tatsächlich verweist es eher auf ein Unbehagen der deutschen Gesellschaft mit ihrer eigenen Geschichte, als deren lebendige Erinnerung Juden unweigerlich empfunden werden. In Gesprächen verdichtet sich der Eindruck, dass es in der großen Politik oft nicht um reale Juden, sondern um eine bestimmte „Idee von Juden“ gehe. Diese würden dabei vor allem als Gradmesser des eigenen Anspruchs dienen, trotz der „schwierigen Geschichte“ ein anständiges und demokratisches Land zu sein.
Das Bekenntnis zum „Schutz jüdischen Lebens” wirkt dabei mitunter wie eine Pflichtübung, die zwar gewissenhaft absolviert, aber insgeheim als Belastung empfunden wird. Diese Diskrepanz zeigt sich nicht nur in politischen Ritualen, sondern auch im Alltag. Seit Jahren kritisieren jüdische Aktivisten, dass Juden hierzulande vor allem in drei Rollen wahrgenommen werden: als Maskottchen im interkulturellen Dialog, als Hassobjekt im Kontext Israels oder als Opfer des Holocaust. Dadurch bleibe das deutsch-jüdische Verhältnis verkrampft und sei von tiefen Berührungsängsten geprägt.
Paradoxerweise geht diese Unsicherheit häufig mit erstaunlicher Selbstgewissheit einher – etwa dort, wo über die Legitimität israelischer Gegenschläge geurteilt oder darüber gefachsimpelt wird, ob Auschwitz als historisch präzedenzlos gelten dürfe. Die Ursache dieser Schieflage ist weniger ein Mangel an Informationen als eine Resistenz gegenüber Erfahrungen, die nicht in das vorgefertigte Bild passen. Wie groß das Bedürfnis nach moralischer Entlastung und wie gering selbst das Wissen über die eigene Familiengeschichte ist, zeigen repräsentative Umfragen: So geben rund 18 Prozent der Deutschen an, ihre Vorfahren hätten während des Nationalsozialismus Verfolgten geholfen, indem sie beispielsweise Juden versteckt haben. Historische Forschungen zeichnen jedoch ein anderes Bild. Selbst unter großzügigen Annahmen lag der Anteil derer, die tatsächlich Juden beim Untertauchen unterstützten, bei nur etwa 0,2 Prozent der damaligen Bevölkerung.
Das im besten Fall schemenhafte Wissen führt indessen nicht zu Zurückhaltung, sondern mitunter zu einer passiv-aggressiven Erwartungshaltung. Vor diesem Hintergrund ist bemerkenswert, mit welchem Selbstbewusstsein Erwartungen an ein angeblich „schützenswertes jüdisches Leben“ formuliert werden. Die Vielzahl der Anfragen an jüdische Gemeinden, Verbände und ihre Vertreter spricht eine deutliche Sprache: Jüdisches Leben soll nicht zu zionistisch sein, sich fürs Mahnen und Erinnern eignen und interreligiös anschlussfähig bleiben.
Selektive Empörung
Solange der „schützenswerte Jude” in das erwartete Raster passt und man sich auf dessen rechtmäßige Bedürfnisse einigen kann, funktioniert das Arrangement. Sobald Juden jedoch ihre alltäglichen Ängste und Sorgen um Sicherheit artikulieren und dabei die Bedrohungslage durch radikalisierte Muslime oder postkoloniale Agitatoren an Universitäten benennen, gerät es ins Wanken. Dann gelten sie plötzlich als unzuverlässig, als politisch instrumentalisiert oder als auf Abwege geraten. Juden werden in dieser Konstellation nicht als Subjekte mit eigenen, realen Erfahrungen wahrgenommen, sondern als Statisten in einem vorgefertigten moralischen Stück. Sie dürfen sprechen, solange sie das bestätigen, was ohnehin als richtig gilt. Weichen sie davon ab, verlieren sie ihre Rolle.
Am deutlichsten wird diese Schieflage dort, wo Empörung selektiv ist. In Deutschland hängt die Anteilnahme bisweilen weniger vom Opfer als vom Täter ab. Werden Juden von einem weißen Neonazi angegriffen, ist die Empörung groß. Die Bilder passen, die Fronten sind klar, man kann sich eindeutig abgrenzen. Kommt Antisemitismus jedoch aus Milieus, die man als „eigene Seite“ oder als vermeintliche „Opfer von Rassismus“ wahrnimmt, wird es kompliziert. Dann setzen Relativierungen ein, es wird kontextualisiert, der Blick verschoben: bloß nicht verallgemeinern, bloß nicht instrumentalisieren. Die Sorge gilt dann weniger den angegriffenen Juden als der politischen Hygiene des eigenen Weltbildes.
Eike Geisel hat diese perfide Erwartungshaltung zugespitzt, indem er die deutsche Sicht auf Auschwitz als eine Art „Besserungsanstalt“ für Juden beschrieb: Ausgerechnet die Opfer sollen im Nachhinein belegen, dass sich aus dem zweckfreien Morden der Todesfabriken noch etwas moralisch Verwertbares habe ziehen lassen. So werden Juden zur didaktischen Ressource, zur Bestätigung eines gelungenen Lernprozesses. Nicht trotz, sondern gerade wegen Auschwitz werde von Juden ein besonderes Verhalten erwartet. Von ihnen verlangt man, bessere Menschen zu sein und ein „Nie wieder“ verinnerlicht zu haben, das heute zunehmend als Pflicht zur Zurückhaltung selbst gegenüber antisemitischem Terror verstanden wird, sobald dieser dem multikulturellen Selbstverständnis entgegenzulaufen droht.
In diesem Zusammenhang ist es nicht schwer, sich den „bösen Juden“ vorzustellen. Er ist widerspenstig und verweigert sich der ihm zugedachten Rolle. Er ist nicht versöhnlich und nicht bereit, die Gewalt gegen sich und seine Gemeinschaft als Ausdruck tieferer Zusammenhänge zu relativieren. Er besteht auf Selbstverteidigung, jüdischer Solidarität sowie dem Recht, Wut zu äußern und Vergeltung für erlittenes Unrecht zu üben. Vor allem aber stört er die Vorstellung, dass aus der Katastrophe etwas moralisch Verwertbares hervorgegangen sei. Der „böse Jude“ ist damit vor allem derjenige, der sich der pädagogischen Erwartung entzieht. Genau darin liegt seine Provokation. Wer Juden nicht länger als didaktische Ressource nutzen kann, muss sich der eigenen Geschichte stellen.
Der Drang zur Entlastung sowie die unermüdliche Suche nach „jüdischer Schuld” sind dabei keine Randphänomene, sondern zentrale Mechanismen der Schuldabwehr. Die vermeintlichen Verbrechen anderer werden genutzt, um die Verbrechen der eigenen Vorfahren nicht mehr aushalten zu müssen. Unter diesen Umständen überrascht es kaum, dass Parolen wie „Free Palestine from German guilt“ besondere Resonanz fanden und antisemitische Mobilisierungen einsetzten, noch bevor Israel auf das Massaker vom 7. Oktober reagieren und seine Bevölkerung vor weiteren bereits angekündigten Angriffen schützen konnte. Die Erwartung moralischer Überlegenheit schlägt in Aggression um, wenn sie enttäuscht wird. Juden, die sich nicht selbst „läutern“ und sich der geforderten Israelkritik nicht anschließen, werden entsprechend „diszipliniert“. Eine Gesprächspartnerin von mir beschrieb die unmögliche Situation so: „Ich wünsche mir, dass mehr Menschen in diesem Land uns wie normale Menschen behandeln – und nicht als Symbol oder Projektionsfläche für ihre eigenen Konflikte.“
Tief verankerte Reaktionsmuster
Nach dem 7. Oktober wurde deutlich, wie tief diese Reaktionsmuster verankert sind und wie brüchig die behauptete deutsch-jüdische Normalität tatsächlich ist. Viele Juden hatten erwartet, dass die Grausamkeit des Massakers und dessen unverhohlene genozidale Absicht jede Relativierung unmöglich machen würden. Dass das Ausmaß der Gewalt überzeugt, wo Argumente längst versagt haben. Doch stattdessen explodierte der Hass auf Juden, mit tödlichen Konsequenzen weltweit. Die Bilder der verstümmelten Toten und der nach Gaza Verschleppten erzeugten nicht in erster Linie Mitgefühl, sondern verstärkten die bestehende Aggression. Der Hass auf Juden lebte nicht trotz des Leides fort, sondern in verstörender Weise gerade wegen ihm. In den Gesprächen tauchte immer wieder dasselbe Bild auf. Man sprach von Haien, die Blut wittern und beginnen, um ihre Beute zu kreisen. Damit war der Schock darüber gemeint, dass das Sichtbarwerden jüdischer Verwundbarkeit nicht schützt, sondern angreifbar macht. Dass sich durch das offene Zeigen von Leid die Hemmschwelle zur Feindseligkeit senkt, statt sie zu erhöhen. Es herrschte ein Klima, in dem ihre Trauer nicht als solche anerkannt wurde, sondern sofort relativiert oder gegen die Anzahl der Opfer in Gaza aufgerechnet werden musste.
Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass viele Jüdinnen und Juden darüber nachdenken, Deutschland zu verlassen. Die Frage nach der Zukunft jüdischen Lebens in Westeuropa wird längst nicht mehr nur abstrakt gestellt. Nachdem bereits mehrere zehntausend Juden Frankreich verlassen haben, entscheiden sich auch in Großbritannien immer mehr zur Auswanderung. Auch hierzulande wächst die Unsicherheit, und immer mehr jüdische Eltern fragen sich, ob sie ihre Kinder noch in Deutschland großziehen und auf Regelschulen schicken können – Schulen, an denen aus Rücksicht auf die Sensibilitäten muslimischer Schüler das Thema Holocaust mancherorts nur noch ausweichend oder gar nicht mehr behandelt wird. Viele ziehen sich zunehmend in jüdische Zusammenhänge zurück, nicht aus Abschottung, sondern aus Notwendigkeit. Dass sich eigene Verbände für jüdische Journalisten, Hochschullehrer oder Juristen bilden, ist ein Indikator dafür, wie sehr sich öffentliche Räume für Juden verengt haben.
Juden werden häufig als Kanarienvögel im Bergwerksschacht bezeichnet, ohne dass vielen bewusst ist, was damit eigentlich gemeint ist. Dabei geht es nicht nur um den „Brain-Drain“, also um all die Freuds, Einsteins und Zweigs sowie andere vermeintlich „verlorene Talente“, die oft im Kontext von Flucht und Exil angeführt werden. Gemeint ist vielmehr die zentrale, aber noch immer selten verinnerlichte Einsicht, dass Antisemitismus eine Bedrohung für Freiheit, Demokratie und den westlichen Lebensstil insgesamt darstellt. Gerade deshalb müsste sich die Mehrheitsgesellschaft weit größere Sorgen machen, nicht aus wohlmeinender Fürsorge, sondern aus nüchternem Eigeninteresse. Denn wo Juden angegriffen werden, gerät früher oder später auch die Ordnung ins Wanken, die Recht über Macht stellt und Widerspruch zulässt. Wenn der Hass auf den liberalen Westen, als dessen Agenten Juden gelten, ohne nennenswerte Gegenwehr weiterwächst, werden sich die bedrängten Juden Europas andernorts niederlassen. Die jüdische Geschichte ist reich an solchen Beispielen. In der Regel schadet dies langfristig denjenigen Gesellschaften, die sich der Juden entledigen oder tatenlos dabei zusehen, weil sie diesen Wunsch insgeheim teilen.
Letztlich ist jeder Jude ein Beweis dafür, dass irgendwann in seinem Stammbaum jemand trotz Gewalt, Ausschluss und Verfolgung die bewusste Entscheidung für das Judentum getroffen hat, auch gegen die verführerischen Angebote der Assimilation. Manchmal bedeutete dies, den alten Wohnort nach Jahrhunderten zugunsten einer jüdischen Zukunft aufzugeben. Jüdisch zu bleiben war selten der einfache Weg, und doch wurde er immer wieder gewählt. Rabbi Jonathan Sacks beschrieb das Judentum deshalb nicht als Religion im Sinne eines bloßen Glaubenssystems, sondern als eine gemeinsame Erzählung über die Zeit hinweg. Diese Zivilisation hat überdauert, während wir die Vasen und den Schmuck der Römer sowie ägyptische Mumien heute nur noch in Museen bewundern können.
Alexandra Bandl
Alexandra Bandl ist im Vorstand des jüdischen Vereins TaMaR Germany. Aktuell ist sie Doktorandin am Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur - Simon Dubnow und arbeitet zudem als Bildungsreferentin im jüdischen Kulturzentrum Ariowitsch-Haus in Leipzig.