Das ist kein kuscheliges Buch. Rafael Seligmann hat mit Keine Schonzeit für Juden so etwas wie Lebenserinnerungen geschrieben, und die sind, man kann es kaum anders sagen, voller Bitterkeit. So schreibt der 78-jährige deutsch-jüdische Autor mit israelischer Zweitheimat (und schon diese Beschreibung wäre ihm wahrscheinlich zu platt oder etwas schief) den bitteren Satz: „Wenn ich meine Jahre Revue passieren lasse und abwäge, bin ich überzeugt, dass das Leben in Deutschland mir insgesamt schlecht bekommen ist.“ Und weiter geht es so: „Doch trotz Bemühungen Wohlmeinender und fortwährender energischer Anstrengungen meinerseits wurde ich in der Regel zum Außenseiter gestempelt. Gelegentlich begegnete mir wie anderen Juden gezielter Antisemitismus. Häufiger und verletzender aber empfand ich Gleichgültigkeit und Gedankenlosigkeit … Sich fast lebenslänglich in einer Außenseiterposition zu befinden, in der man stets damit rechnen muss, dass sich eine gläserne Wand auftut und mich vom Gros der Gesellschaft isoliert, versetzt meine Psyche in einen permanenten Alarmzustand und plagt meine Seele.“

Es ist diese Unversöhnlichkeit, diese schonungslose Betrachtung des eigenen Lebens und Wirkens wie der deutschen Gesellschaft in den rund sechzig Jahren, die Seligmanns Buch phasenweise atemberaubend macht. Hier will jemand mit sich und mit dem heutigen Deutschland so ehrlich wie möglich ins Gericht gehen. Seligmanns knapp 200-seitiges Werk ist so etwas wie das Gegenteil eines gemütlichen deutsch-jüdischen oder christlich-jüdischen Austausches in der gepflegt-intellektuellen Atmosphäre einer evangelischen oder katholischen Akademie. Nein, hier geht’s zur Sache, und die vielen deutschen Lebenslügen etwa der so genannten Vergangenheitsbewältigung, Erinnerungspolitik oder christlich-jüdischen Aussöhnung kommen so krachend auf den Tisch, dass einem die Ohren klingeln.

Immer wieder nimmt Seligmann Bezug auf seine Biografie und schafft es, durch die Beschreibung von Schlüsselszenen seiner eigenen Lebensgeschichte Analysen zu liefern, die über seine eigene Vita hinausweisen. Das geht so weit, dass man das Buch gelegentlich zur Seite legen will, weil schon das Lesen dieser Passagen ein Gefühl von Schmerz oder Unwohlsein hervorruft. Ein Beispiel sind diese Zeilen, in denen Seligmann seine Erfahrungen mit Judenhass während seiner Lehre als Fernsehtechniker 1967 in München schildert – und welche Konsequenzen dies in seiner Psyche für lange Zeit hatte oder hat: „Ich schwor mir, nie wieder Schwäche vor anderen zu zeigen. Antisemiten sollten meine Feindschaft zu spüren bekommen. Hass um Hass! Fortan gelang es mir tatsächlich, mir vor anderen keine Blöße zu geben. Doch die Verschlossenheit und der Hass richteten sich unweigerlich gegen mich selbst. Seither bin ich unfähig, seelische Verletzungen vor Mitmenschen kundzutun. Und mein Hass zerbrach an der Liebe – wie es sich gehört.“

In einer entscheidenden Passage des Buches reflektiert der Autor den Skandal um das Frankfurter Fassbinder-Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ aus dem Jahr 1985. Hier schreibt Seligmann die harten Sätze, die seinem Buch den Titel gaben: „Tatsächlich hatte es in Deutschland nie eine ‚Schonzeit‘ für Juden gegeben. Nach der Shoah haben viele, die die Judenfeindschaft der Nazis geteilt hatten, aus Angst ruhig gehalten oder gar Verständnis für die Hebräer geheuchelt, andere gewannen durchaus Mitgefühl und Solidarität mit den Juden. Diese Grundsituation hat sich danach nicht prinzipiell geändert. Objektive Anlässe wie Israels Reaktion auf das Massaker der Hamas 2023 werden keineswegs allein von Islamisten als Alibi für Antisemitismus genutzt. … Das bedeutet, die Juden sind zum Abschuss freigegeben.“ Rafael Seligmanns Buch tut weh. Es sei dringend empfohlen.

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