Eine Schicksalsgemeinschaft

Ein Essay zur Geschichte und Identität des Judentums in Deutschland
Felix Nussbaum: „Die zwei Juden (Inneres der Synagoge von Osnabrück)“, 1926.
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Felix Nussbaum: „Die zwei Juden (Inneres der Synagoge von Osnabrück)“, 1926.

Seit rund 1 700 Jahren gibt es jüdisches Leben auf deutschem Boden. Über Jahrhunderte waren die deutschen Juden zu einer Existenz in latenter Bedrohung gezwungen – bis zum schrecklichen Tiefpunkt des Holocausts. Doch auch nach 1945 blieb ein vorurteilsfreier Umgang mit Juden Wunschdenken. Das Wohl und Wehe des Judentums in Deutschland beschreibt der Autor Rafael Seligmann.

Die meisten Juden in Deutschland und weltweit sind nicht religiös. Sie sind, anders als viele annehmen, weder Angehörige einer Rasse noch Ausländer. Wer Jude ist, bestimmen in den Ländern der Diaspora vielmehr ihre Feinde. Der Philosoph Jean-Paul Sartre resümierte: „Der Antisemit müsste den Juden erfinden, wenn es ihn nicht bereits gäbe.“ So wandelten sich die Juden von einer Glaubens- zu einer Schicksalsgemeinschaft. Wie ist es dazu gekommen?

Juden leben seit mindestens 1 700 Jahren hierzulande – Deutschland gab es seinerzeit noch nicht. Diese historischen Details kümmern die Antisemiten nicht. Sie geben sich lieber ihrem Hass, zumindest ihrer Abneigung gegen die Hebräer hin. Damit ist der Kern des deutsch-jüdischen Miteinanders seit knapp einem Jahrtausend angesprochen. Das lange, intensive Zusammenwirken hat Juden wie Nichtjuden geprägt. Sie kommen voneinander nicht los – unabhängig davon, ob sie dies wollen oder nicht. Das deutsch-jüdische Verhältnis gemahnt an eine langjährige Ehe. Auf Phasen des Glücks, der Harmonie folgen jene des Streits, gar Zeiten des Hasses. Gleichwohl wird man sich mit den Jahren immer ähnlicher.

Sprache als Schlüssel

Die Sprache ist dabei ein Schlüssel-Element. Wenige wissen, dass das Jiddische, ehedem die Sprache der europäischen Juden, ein Abbild der deutsch-jüdischen Symbiose war – und bleibt. Ihre lange Geschichte brachte die hiesigen Juden dazu, am Deutschen als ihrer portablen Heimat festzuhalten, selbst als sie verfolgt und aus deutschen Landen vertrieben worden waren. Das Jiddische, einst das Idiom der Juden in Osteuropa, besteht zu 80 Prozent aus dem deutschen Sprachschatz. Die Sprache wurde und wird mit hebräischen Buchstaben geschrieben.

Der Grund: Das Gros der Deutschen ist erst seit gut zweihundert Jahren alphabetisiert. Die meisten Juden aber beherrschten die Kunst des Schreibens und Lesens bereits, als sie in dieses Land kamen. Wie sollten sie sonst ihre Gebete lesen und die Gebote aus den heiligen Schriften studieren? Folglich gebrauchten sie ihre hebräische Schrift auch, um die deutsche Alltagssprache und Verträge festzuhalten. Vor allem auf diese Weise entstand das untrennbare deutsch-jüdische Sprachband, welches die Juden später in aller Welt verbreiteten. Es wird unter religiösen Juden noch heute, vor allem in den modernen mosaischen Zentren der Vereinigten Staaten und in Israel, geredet und geschrieben.

Aber auch in der deutschen Sprache hat das Hebräische seine Spuren hinterlassen, vielfach, ohne wahrgenommen zu werden. Dass Masl aus dem Hebräischen kommt, wissen viele. Doch dass der „gute Rutsch“ ins neue Jahr seine Herkunft dem hebräischen Fest Rosch ha-Schana, also „Neujahr“, zu verdanken hat, bleibt weitgehend unbekannt. Ebenso der Knast oder Stuss. Ähnlich wie zahllose andere Begriffe und Wörter. Selbst die christliche Religion, die Deutschland und Europa bis heute prägt, hat jüdische Wurzeln. Jesus war bekennender Jude. Das hat selbst der Reformator Martin Luther nicht abgestritten. Auch wenn er den „lügnerischen … starrköpfigen“ Juden nicht verzeihen mochte, dass sie sich störrisch weigerten, seine Interpretation des christlichen Glaubens, ja das christliche Bekenntnis als solches anzunehmen. Bemerkenswert ist, dass, selbst wenn die christliche Religion abgelegt oder gar verachtet wird, die ursprünglich von Christen initiierten antijüdischen Vorurteile weiter bestehen bleiben und mit neuen theoretischen, gar sich wissenschaftlich gebenden Begründungen „modernisiert“ und verbreitet werden.

Blühende Gemeinden

Wir sind der Zeit vorausgeeilt. Zunächst ließen sich die jüdischen Einwanderer, die zumindest seit dem vierten Jahrhundert hier lebten, in römischen Siedlungen entlang von Rhein, Mosel, Donau nieder. So entstanden blühende hebräische Gemeinden, die samt ihrer Menschen auch nach dem Abzug der römischen Legionen unbehelligt blieben. Am besten prosperierten die jüdischen Zentren in Speyer, Worms und Mainz, den sogenannten „Knoblauch“-Städten. Während des ersten Kreuzzugs ab 1095 löschten dessen aus Frankreich einfallende Ritter und Gesinde die meisten jüdischen Gemeinschaften Deutschlands aus. Die Hebräer wurden erschlagen, zur Flucht gezwungen, ihre Synagogen, Lehrhäuser und Heime vernichtet oder bestohlen. Die überlebenden Juden flohen unter Mitnahme ihrer jiddischen Sprache.

Damals und später erwies sich die föderale Struktur des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation als Segen für die hiesigen Juden. Denn wenn deren Gemeinschaft aus einem Gebiet vertrieben wurde, fanden sie in der Regel Schutz im nächsten Landstrich, dessen Herrscher das Geld der Flüchtlinge brauchte – der Kaiser war ohnehin in Geldnöten und daher den Bitten der Juden um Obhut aufgeschlossen. Doch die Gunst der Regenten wechselte gelegentlich schnell. Und Juden, die heute gebraucht wurden, konnten morgen in Ungnade fallen. Die tragische Biografie des Jud Süß Oppenheimer, eines „Geldjuden“ des württembergischen Herrschers, hat der Schriftsteller Lion Feuchtwanger literarisch einfühlsam festgehalten.

Insgesamt waren die deutschen Juden zu einer Existenz in latenter Bedrohung und Benachteiligung gezwungen – die Zünfte und viele Städte erlaubten den Juden weder Zugang noch Grundbesitz oder die Ausübung eines Handwerks. Das nötigte sie, in ständiger Wanderschaft zu hausieren oder Geld zu verleihen – was den Hass gegen die Hebräer am Kochen hielt. Immerhin, in manchen Gegenden Deutschlands konnten die Juden längere Zeit unbedroht, doch diskriminiert leben. In den einheitlich regierten ausländischen Staaten Westeuropas dagegen war Juden der Zugang strikt verboten. So blieb Deutschland ihre strenge, doch vertraute Heimat.

Im 19. Jahrhundert nahte mit der Aufklärung, deren Grundsätze von den Truppen Napoleons gewaltsam über den Rhein transportiert worden waren, die einsetzende Gleichberechtigung der deutschen Juden. Nun begann die Gelehrsamkeit vieler Hebräer, sich auszuzahlen, beispielsweise die Heinrich Heines (1797–1856). Der Neffe des Bankiers Salomon Heine besaß kein Talent zum Geschäftsmann. Auch die Juristerei interessierte den geborenen Düsseldorfer wenig. Lieber wurde er „deutscher Dichter“ – einer der besten und beliebtesten. Manche seiner Lieder und Texte wurden bleibender Teil der deutschen Volksdichtung und des Kulturkanons, etwa die „Loreley“: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, / Dass ich so traurig bin, / Ein Märchen aus alten Zeiten, / das kommt mir nicht aus dem Sinn.“ Dazu gehören auch: „Deutschland. Ein Wintermärchen“, „Der Rabbi von Bacharach“ und andere seiner Werke. Gleichwohl bekam der junge Poet ebenso wie andere Juden den ständigen Antisemitismus zu spüren. Heine meinte, sich durch den Übertritt zum Christentum von den antijüdischen Vorurteilen befreien zu können. Die Taufe sei „das Entreebillet zur europäischen Gesellschaft“, wollte der Schriftsteller glauben. Er und andere Juden mussten einsehen, dass dies Wunschdenken war – selbst als die Juden nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 die gesetzliche Gleichberechtigung erlangt hatten. Dennoch waren die Hebräer von staatlichen Schlüsselstellungen wie Diplomatie, Beamtentum, gar dem Offizierscorps ausgeschlossen.

Fortwährende Feindseligkeit

Der Antisemitismus blieb in Gesellschaft, Kirche und Staat bestehen. Der Historiker Heinrich von Treitschke ersann am Ende des 19. Jahrhunderts die Parole: „Die Juden sind unser Unglück!“ Fortwährende Feindseligkeit und Benachteiligung prägten das Bewusstsein der deutschen Juden. Walther Rathenau drückte es präzise aus: „In den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: wenn ihm zum ersten Male bewusst wird, dass er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist und keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien wird.“ Rathenau wurde einer der einflussreichsten deutschen Wirtschaftsführer. Im Ersten Weltkrieg organisierte er die Rohstoffversorgung. Später, in der Weimarer Republik bekleidete er zuletzt das Amt des Außenministers. Antisemiten hetzten unverdrossen: „Schlagt tot den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau!“ 1922 ermordeten sie den Juden. Viele trauerten, doch gut ein Jahrzehnt später wählte die Mehrheit Hitlers Nazis, die sich die Hassworte Treitschkes zu eigen gemacht hatten.

Die meisten Deutschen mochten sich nicht vorstellen, dass der Judenhass der Nazis zum Völkermord führen würde. Doch Hitler und seine Schergen hatten kein Geheimnis aus ihrem fatalen Endziel in der „Judenfrage“ gemacht. Millionen Deutsche machten sich zu Komplizen der Mörder: als Nazi-Wähler, als Partei-, SA- und SS-Mitglieder oder „nur“ als Mitläufer. Wer die Haltung der deutschen Gesellschaft, Politik, vor allem der Menschen bis zur Gegenwart verstehen will, kommt um die Vergangenheit, auch jene während der NS-Herrschaft, nicht herum. Daher wurde sie hier ausführlich geschildert.

Die Überzeugung, nach dem Ende des Nazi-Reiches am 8. Mai 1945 wäre ein vorurteilsfreier Umgang mit Juden rasch möglich, ist Wunschdenken. Das widerspricht den Erkenntnissen von Geschichte und Psychologie. Viel Gutes wurde unternommen. Milliardenschwere materielle Entschädigung wurde geleistet, der Wiederaufbau jüdischer Gemeinden unterstützt, der einst verdrängende Geschichtsunterricht zugunsten eines aufklärerischen Verständnisses aufgegeben. Die Beziehungen zu Israel wurden intensiviert. 2008 erklärte Bundeskanzlerin Merkel vor dem Parlament in Jerusalem Israels Sicherheit zur deutschen Staatsräson.

Antisemitische Kundgebungen

Der Wille zur Aussöhnung, zur Unterstützung ist da – doch als die Zeiten stürmischer wurden, geriet das freundliche Unterfangen in Not. Spätestens nach dem 7. Oktober 2023, dem Massenmord an Israelis und der vehementen Reaktion der israelischen Armee, nahmen antisemitische Kundgebungen, ja kriminelle Übergriffe gegen Juden hier wie anderswo sprunghaft zu. Alter deutscher Antisemitismus verband sich mit Juden- und Israelhass arabischer Migranten und gesellschaftlichem Opportunismus. Denn Judenhass lässt sich wie andere Vorurteile nicht per Anordnung auslöschen – auch nicht mit viel Geld. Notwendig sind vielmehr viel Geduld, Einfühlungsvermögen und, umgekehrt, Streitkultur.

Es gilt das alte Motto: „Streiten wie in der Judenschul .“ Hass und Vorurteile müssen ausgesprochen werden, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Auf vielfältigen Ebenen. In Schulen, Universitäten, Medien, der Gesellschaft insgesamt. Juden und Israel niederzubrüllen und so den Nahostkonflikt zum Alibi für altneue Feindschaft zu missbrauchen, ist eine Falle, sie führt in der Konsequenz zum Mord. Erklären, beschreiben, einfühlen ist langwierig und von Rückschlägen begleitet.

Jeder muss seinen Weg gehen. Meiner ist die Literatur. Mir fiel auf, dass es noch Jahrzehnte nach Auschwitz keine deutsch-jüdische Gegenwartsliteratur gab. Denn die Juden hatten Angst, ihre Gefühle zu entdecken. Ich tat’s – und wurde von Juden gescholten. Christen zeigten Verständnis. Jetzt droht sich das Verhältnis zu drehen. Um Himmels Willen, nein! Lasst uns reden, streiten, schreien. Versuchen wir weiterhin, einander zu fühlen und zu verstehen. Denn wie man mit Juden verfährt, geht man mit sich selbst um. Bewahren wir unsere Menschenwürde! 

Information
Rafael Seligmann: Keine Schonzeit für Juden. Herder Verlag, Freiburg 2025, 192 Seiten, Euro 18,–
(siehe auch die Rezension zu Rafael Seligmann: Keine Schonzeit für Juden).

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