Die Ankündigung des Rücktritts von Nancy Janz als Sprecherin der Betroffenen im EKD-Beteiligungsforum ist bedauerlich, wenn auch kein Donnerschlag (siehe Seite 71). Wer die vergangenen Monate verfolgte, konnte ahnen, wie groß die Belastung ist, und nach vier Jahren sollte man jedem zugestehen, ein so forderndes Amt abzugeben. Dennoch ist es ein Einschnitt, denn der angekündigte Rückzug von Janz macht sichtbar, wo es weiterhin hakt bei der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Raum der evangelischen Kirche. Nicht am guten Willen, nicht an der Einsicht in die historische Schuld, nicht an der Vielzahl beschlossener Maßnahmen. Sondern an einer Frage, deren problematische Folgen im Raum der EKD wohl bewusst sind, aber immer noch zu wenig bedacht werden: Wie viel Vielfalt verträgt die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt? Sicher, Vielfalt im Protestantismus ist ein Reichtum – kulturell, historisch, geistlich. Aber er ist kein Wert an sich und schon gar nicht dann, wenn Betroffene den Eindruck gewinnen müssen, Tempo und Qualität der Aufarbeitung hingen davon ab, in welcher Landeskirche ihnen schweres Unrecht widerfahren ist. Dann wird Vielfalt zum Problem.
Im Interview mit zeitzeichen.net weist die Sprecherin der Beauftragten im Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt, die pfälzische Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst, selbst darauf hin, dass es „Bereiche gibt, wo wir ihn uns einfach nicht erlauben können“. Gemeint ist der Föderalismus beim Thema sexualisierte Gewalt. Genau hier liegt der neuralgische Punkt: Es kann nicht sein, dass Anerkennungsleistungen, Verfahrensweisen oder die Frage, ob Betroffene zunächst vor staatliche Gerichte ziehen sollen, regional unterschiedlich gehandhabt werden. Wer sexualisierte Gewalt erlebt hat, soll nicht auch noch erleben müssen, dass kirchliche Strukturen regional unterschiedlich reagieren. Das beschädigt Vertrauen – und es beschädigt die Glaubwürdigkeit der evangelischen Kirche insgesamt.
Die EKD hat mit ihrem Maßnahmenplan viel erreicht. Aber die bleibende Schwäche des Systems ist und bleibt die fehlende flächendeckende Verbindlichkeit. Auf der Synodaltagung der EKD im November in Dresden hatte man als Beobachter den Eindruck gewonnen, dass diese Lektion gelernt ist. Regionales Ausscheren, wie zum Beispiel im Verbund der Konföderation Evangelischer Kirchen in Niedersachsen, zeigt, dass das leider immer noch nicht der Fall ist. Natürlich fordert keiner ein generelles Weisungsrecht der EKD-Zentrale aus Hannover, und niemand will den protestantischen Föderalismus schleifen. Doch strategisch, politisch und nicht zuletzt seelsorglich braucht es an diesem einen Punkt einheitliche Lösungen. Einheitlichkeit bedeutet nicht Zentralismus, sondern Gerechtigkeit. Dass eben Betroffene nicht mehr vergleichen müssen, sondern sich darauf verlassen können, dass überall im Raum der EKD nach denselben Maßstäben verfahren wird. Wenn die Kirche glaubhaft zeigen will, dass sie verstanden hat, dann muss sie hier über ihren Schatten springen. Alles andere bleibt halbherzig und wird weiterhin mit Recht scharfe Kritik nach sich ziehen.
Reinhard Mawick
Reinhard Mawick ist Chefredakteur und Geschäftsführer der zeitzeichen gGmbh.