Mehr als nützlich?
Glaube soll sich lohnen. Er soll tragen, stärken, verändern. Ausgerechnet der „religiös unmusikalische“ Philosoph Jürgen Habermas mahnte hier zur begrifflichen Klarheit. Das veranlasst Thies Gundlach, bis 2021 theologischer Vizepräsident der EKD, zu fragen, worin die eigentliche Relevanz des Glaubens liegt. Er meint: Wer den christlichen Glauben an sichtbaren Wirkungen misst, verfehlt sein Zentrum.
Von allen Seiten wird die Relevanzkrise des Glaubens, des Christentums und der Kirchen in den europäischen Gefilden festgestellt, beklagt oder begrüßt – je nachdem, wo man selbst steht. Das beschäftigt selbst die Philosophen: Ein prominentes Beispiel dafür ist die jüngste Äußerung von Jürgen Habermas. Am 5. November berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung über einen Beitrag in einer Festschrift für den Frankfurter Religionsphilosophen Thomas M. Schmidt. Darin warnt Habermas vor einer „Verflachung“ des christlichen Glaubens. Religion, so der 96-jährige Nestor der deutschen Philosophie, dürfe nicht auf allgemeine Zuversicht, moralische Grundhaltung oder ein gutes Lebensgefühl reduziert werden. Wenn Glaube nur noch als innerweltliche Sinnressource verstanden werde, verliere er sein eigentliches Profil. Zum Kern des Christentums gehörten vielmehr Transzendenz, die Hoffnung auf Auferstehung und das Vertrauen auf Gottes Verheißung. Eine bloß immanente Deutung verwässere den Religionsbegriff und sein Relevanzverständnis.
Relevanz ist theologisch gesehen eine heikle, geradezu verführerische Kategorie; sie verleitet leicht zu einer Art innerweltlicher Werkgerechtigkeit, die an der diesseitigen, gegenwärtigen Wirksamkeit des Glaubens das entscheidende Kriterium für dessen Bedeutung festmacht. Nur wenn etwas jetzt, hier, gleich und sofort eine Wichtigkeit und Wirksamkeit nachweisen kann, erscheint es relevant; im Glauben aber geht es um eine besondere Art von Relevanz.
Fast nur jenseitig definiert
In früheren Zeiten war die Relevanz des Glaubens fast ausschließlich jenseitig definiert: Frommes Handeln in Gestalt von Glaubensfestigkeit, Gotteslob und Barmherzigkeit diente dem ewigen Heil. Relevanz bezog sich auf eine unsichtbare, überirdische, jenseitige Dimension. Glaube war der entscheidende und entschiedene Versuch, die ewige Hölle zu vermeiden und den ewigen Himmel zu erlangen. Eine Relevanz des Glaubens im diesseitigen Leben konnte oftmals gar nicht erwiesen werden, im Gegenteil: Dem Frommen erging es nicht viel besser als dem Bösen – wie schon das Alte Testament wusste. Die Relevanz des Glaubens bezog sich auf das Jenseits, sie konnte aber auch innere, seelische Wirkungen zeitigen sowie äußerliche Haltungen beeinflussen. Mönche und Nonnen unterwarfen sich ganz und gar der Jenseitsrelevanz des Glaubens und konzentrierten sich ausschließlich auf diese. Der „Normalmensch“ versuchte, durch anständiges Handeln und moralische Fairness dem Jenseits jedenfalls etwas zuzuarbeiten. Im Kern aber galt: Die Relevanz des Glaubens lag im Jenseits, die Prägungen im Diesseits waren abgeleitete, sekundäre Konsequenzen.
Heute dagegen steht die innerweltliche Relevanzfrage ganz vorn: „What’s in it for me?“ (Was habe ich jetzt, hier, gleich und sofort davon?) Was früher eventuell eine sekundäre Folge der jenseitigen Relevanz war, erscheint heute als prioritäres Anliegen. Man will relevante Folgen des Glaubens aufzeigen, aber die Voraussetzung dafür – der Glaube an eine jenseitige Relevanz – ist geschwächt oder gar verloren gegangen. So wird das Relevanzkriterium ganz und gar diesseitig: Wenn der Glaube nicht in meinem Leben und Erleben nachvollziehbar Wirkung zeitigt, ist er irrelevant. Entsprechend versuchen Glaube und Kirche verständlicherweise nicht selten, ihre Relevanz durch unmittelbare Wirksamkeitsverheißungen nachzuweisen: Der Glaube mache erfolgreicher, glücklicher, umweltbewusster, demokratischer, friedlicher und so weiter. Dies aber führt meines Erachtens in eine theologische „Relevanzfalle“, denn die Konzentration auf die diesseitigen, erfahrbaren Wirkungen des Glaubens tendiert unvermeidlich zu einer Art moderner Werkgerechtigkeit. Die „Werke des Gesetzes“ machen Gott dann gleichsam zum Funktionär meines Relevanznachweises, und die Kirche gewährt diese Relevanz durch die Glaubwürdigkeit ihres Handelns.
Wertvoll und wünschenswert
Kategorial sind diese Relevanznachweise vergleichbar mit jener Werkgerechtigkeit, die im Spätmittelalter für ein frommes und spendables Leben Zugang zum Himmelreich oder wenigstens Nachlass im Fegefeuer erwartete. Dass wir in einer diesseitigen Wirkung die Relevanz des Glaubens verifizieren wollen, gefährdet die reformatorischen Freiheitserkenntnisse. Entsprechend wird immer mal wieder darauf verwiesen, dass der Glaube die Förderung der Demokratie, ein vorbildliches Umweltverhalten oder ein kraftvolles Friedenszeugnis nach sich ziehe. So wertvoll und wünschenswert diese Haltungen auch sind – die Relevanz des Glaubens kann daran allein nicht ausgewiesen werden.
Relevant ist unser Glaube, wenn er jenseitig orientiert bleibt. Ihm muss etwas am Himmel, an Gott, an Jesus Christus, am Heiligen Geist um ihrer selbst willen liegen; nur dann kann er auch in reformatorischer Freiheit Relevanz im Diesseitigen zeitigen. Allein das Evangelium, das verkündigte, gesungene, gemalte, versinnlichte Wort Gottes kann eine Relevanz des Glaubens erzeugen; wir Glaubende und auch wir als Kirche können lediglich auf diese Kraftquelle der Relevanz verweisen. Anders formuliert: Nicht die sichtbare Kirche, sondern die unsichtbare Gemeinschaft der Glaubenden allein kann Relevanz erzeugen.
Allerdings ist spätestens seit dem 19. Jahrhundert die Vorstellung kraftlos geworden, dass im Jenseits bei Gott erst das entscheidende Leben beginnt und wir in diesem Leben alles daran setzen müssen, dort gut abzuschneiden. Nicht mehr, wie wir im Tode sein werden, spielt für unsere Frömmigkeit die große Rolle, sondern wie wir sterben müssen und können. Damit aber ist der jenseitige Bezugspunkt eines relevanten Glaubens außer Sicht geraten beziehungsweise in den Innenraum des Menschen verlagert worden. Und das Restaurieren alter Ängste vor Gottes unbarmherzigen Urteilen trotz seiner behaupteten Barmherzigkeit, wie es mitunter noch in evangelikalen Kreisen versucht wird, ist jedenfalls für ein mildes, aufgeklärtes Luthertum obsolet und widersprüchlich.
Wie aber kann dann jene geistliche Spannung gewahrt werden, die eine jenseitige Relevanz mit einer diesseitigen Folge so verbindet, dass es nicht zu einer modernen Werkgerechtigkeit kommt? Wie kann der Glaube Relevanz haben, ohne diese an moralische Wirkungen, demokratisches Handeln, aufklärerisches Tun, glückliches Innenleben, gelingende Beziehungen oder ähnliche sichtbare Phänomene zu binden? Im Grunde kann das nur gelingen, wenn wir die Sehnsucht nach Gott wiederentdecken.
Sehnsucht aber ist innerlich eine zwiefache Haltung: Sie weiß um die Abwesenheit des Ersehnten und hält es in dieser Haltung gerade präsent. Indem das Sehnen den Verlust des Ersehnten voraussetzt, hält es das Ersehnte präsent. Indem wir uns nach Gott sehnen, setzen wir seine Abwesenheit voraus; insofern ist die Sehnsucht nach Gott zugleich Glaube und Unglaube. Und es sind nicht zuletzt die biblischen Texte, die Gottes Schweigen, sein Fernbleiben und seine Verborgenheit aussprechen und gerade deswegen voller Sehnsucht nach seiner Gegenwart bleiben.
Im Stall der Gegenwart
Leider kennen Suchen und Vermissen, Nachfragen und Sehnen keine Abkürzungen. Sehnsuchtsvolle Rituale können nur Langzeitwirkungen entfalten. Wir stehen mit unserer Sehnsucht nach Gott gleichsam quer im Stall der Gegenwart mit Blick auf ihre Relevanzerwartungen. Rituale, Gesten, fremde Texte und alte Musik leben von Wiederholungen. Einzelfallrituale sind vielleicht erlebnisstark, aber mittelfristig wirkungslos. Auch inhaltlich sind die Traditionsbestände des christlichen Glaubens keine leichte Kost; sie bedürfen eines genauen Studiums und längeren Sinnierens. Im Schnellverfahren kann man vielleicht einen „lieben Gott“ kennenlernen, aber dem Geheimnis des Glaubens wird man so nicht nahekommen. Der Inhalt des Glaubens braucht Einübung, braucht Zeit, braucht viele Wege und Umwege, braucht viele Worte, um bereit zu sein für das eine Wort. Insofern ist der Glaube an Gott aus der Zeit gefallen, da er denkbar ungeeignet ist für leichtes Erschließen und schnelle Relevanz. Glaube ist auf Menschen angewiesen, die Geduld mit Gott haben, denn er ist so ziemlich das Gegenteil unserer ungesunden Hektik der Kurzmitteilungen und Überschriftenlektüre. Und vielleicht kann uns dieses Wissen in all den kirchlichen Umbrüchen und Kürzungen, Mitglieder- und Relevanzverlusten trösten: Gott mutet uns auch Zeiten zu, in denen Geduld und Treue die wichtigste Relevanz des Glaubens sind.
Was lehrt uns das: Wenn sich selbst ein erklärtermaßen religiös unmusikalischer Philosoph wie Jürgen Habermas um den Transzendenzbezug der Religion sorgt, könnte das für die Glaubenden des 21. Jahrhunderts durchaus als Ansporn zu verstehen sein, nicht aufzugeben.
Thies Gundlach
Thies Gundlach ist Theologe war bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 2021 einer der drei Vizepräsidenten des Kirchenamtes der EKD.