Wie kann evangelische Kirche in Zeiten struktureller Erosion neu Gestalt gewinnen? In Auseinandersetzung mit den Beiträgen von Johannes Krug und Gregor Etzelmüller zum evangelischen Netzwerk plädiert Rüdiger Schuch, Präsident der Diakonie Deutschland und Herausgeber von zeitzeichen, dafür, Kirche als sozialraumorientiertes Gefüge eigenständiger Partner zu verstehen – geistlich verankert und organisatorisch neu justiert.
Eine Taufe am Wannsee mit 600 Gästen, das gemeinsame Nutzen und Erhalten kirchlicher Standorte durch Kirchengemeinden, diakonische Träger und weitere Netzwerkpartner, evangelische Jobmessen – diese Beispiele zeigen, was Netzwerkarbeit leisten kann: Kirche wird sichtbarer, einladender und unmittelbarer wirksam. Nicht primär als Institution, sondern als Gefüge eigenständiger Partner, die zusammen Verantwortung im Sozialraum übernehmen und so als gemeinsame positive Kraft im Leben der Menschen spürbar werden.
Im Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf wird Kirche in neuer Gestalt gedacht und gelebt. Superintendent Johannes Krug versteht die gegenwärtige „Erosion“ kirchlicher Arbeit nicht als Betriebsunfall, sondern als Chance – und setzt auf ein integriertes, evangelisches Netzwerk. Inmitten der Transformation kirchlicher Strukturen und kirchlichen Lebens brauchen wir solche neuen Organisationsansätze. Das evangelische Netzwerk im Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf macht die Vielgestaltigkeit von Kirche sichtbar – agil, einladend und attraktiv!
In einem Netzwerk gibt es viele Knotenpunkte, Akteure mit Verbindungen untereinander. Die Akteure sind eigenständig und doch eng miteinander verbunden. In der Grundidee eines Netzwerkes steuern alle Einheiten gleichberechtigt. Übertragen wir das auf Kirche, stellt sich die Frage, ob die schier endlosen Diskussionen über Zu- und Nachordnungen endlich der Vergangenheit angehören könnten. Aber machen wir uns nichts vor: Auch in einem Netzwerk drängen sich Rangordnungsfragen auf, allein schon, um Unsicherheiten entgegenzuwirken und Handlungen die nötige Sicherheit zu geben. Aber diese sind lösbar. Kirche als Netzwerk zu denken, zu organisieren, zu leben, könnte ein wesentlicher Baustein für eine Kirche mit Zukunft sein.
Besonders überzeugend am Netzwerkgedanken ist seine konsequente Sozialraumorientierung. Konfessionelle Bildungseinrichtungen, Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen sind bereits im öffentlichen Raum verortet. Als Netzwerk werden diese Akteure sichtbarer und zeigen gemeinsame Präsenz, die den Menschen im Quartier zugutekommt. Das übersteigt die Möglichkeiten einer einzelnen Kirchengemeinde. Als Netzwerk verwirklicht sich die Idee einer „Kirche für und mit anderen“ in vielerlei Gestalt.
Mehr als eine Konfession
Klar ist, wie bereits Gregor Etzelmüller vergangene Woche in seinen sieben Thesen zum evangelischen Netzwerk zum Ausdruck brachte: „evangelisch“ ist hier kein bloßes Konfessionsmerkmal, sondern verweist auf das Evangelium Jesu Christi.
Das halte ich aus zwei Gründen für essenziell: Erstens, um der Gefahr von Selbstreferenzialität und reflexhafter konfessioneller Engführung gegenzusteuern. Es soll eben nicht in erster Linie darum gehen, die eigenen gefährdeten Strukturen zu „retten“. Sich am Evangelium Jesu Christi zu orientieren, befreit auch dazu, Strukturen in Frage zu stellen. Wo das Wohl der Menschen in ihren Gemeinwesen handlungsleitend wird, öffnen sich organisatorisch Spielräume, die konfessionelle und weltanschauliche Grenzen durchlässiger machen. Aus meiner Sicht gehören im Interesse der Menschen im Sozialraum auch deswegen nicht nur die evangelischen Partner selbstverständlich zu unseren Netzwerken. Zweitens steht die Klärung aus, wie die Orientierung am Evangelium Jesu Christi bei den verschiedenen Netzwerkpartnern in einer gleichzeitig stark säkularisierten und spirituell vielfältigen Gesellschaft verbindend Gestalt und Sprache gewinnen kann.
Vernetzung als Haltung?
Ein weiterer Schlüssel zum Gelingen eines evangelischen Netzwerks ist die Antwort auf die Frage, wie die Vernetzung unterschiedlicher Partner und unterschiedlicher Betriebslogiken gelingen kann. Johannes Krug spricht von „Netzwerkfähigkeit als Haltung“. Die Frage ist: Was braucht es, um diese Haltung zu entwickeln? Drei Voraussetzungen scheinen mir zentral: 1) Neuverteilung von Entscheidungsbefugnissen; 2) transparente Spielregeln für die Zusammenarbeit; 3) eine professionelle Steuerung, die Vermittlung und Ressourcenbalance verantwortet.
Der unsichtbare Elefant im Netzwerk-Raum ist die Frage nach der Macht und den sich daraus ergebenden Hierarchien. Dass traditionsreiche Institutionen und Organisationen als „Partner auf Augenhöhe“ agieren, bleibt oft ein Ideal. Immerhin geht es um Einfluss, Finanzflüsse, den Erhalt von Stellen, die Hoheit über Immobilien. Es braucht klare Regelungen zur Machtverteilung und zum Teilen von Entscheidungsprivilegien. Die Vergabe von Sitz und Stimme an Netzwerkpartner in der Kreissynode im Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf ist ein wichtiger erster Schritt in diese Richtung!
Denn es gilt: Ein Netzwerk verlangt keine gleichmäßige Machtverteilung; wohl aber ein neues System jenseits des traditionellen kirchlichen Entscheidungsprimats, das konfessionelle Bildungseinrichtungen und diakonische Partner ernsthaft gleichstellt.
Ein zweiter Gelingensfaktor sind transparente Spielregeln. Eine Grundhaltung für das Teamplay im Netzwerk müsste die Bereitschaft sein, keine Abwertungsmechanismen einzuziehen – so unterschiedlich die Netzwerkpartner auch aufgestellt sind. Wer die jeweils anderen Logiken verstehen und achten kann, erkennt deren Stärken und profitiert von der Vielfalt des Gesamtgefüges.
Und schließlich verlangt eine Neuorganisation als Netzwerk drittens eine professionelle, netzwerkspezifische Steuerung, die mehr ist als eine klassische Koordination von Kooperationspartnern. Zwei Herausforderungen einer solchen Steuerung erscheinen mir zentral: Zum einen muss man vermeiden, dass Netzwerkarbeit selbst zum Ressourcenfresser wird. Dies würde dem agilen Netzwerkcharakter widersprechen und zurück auf altbekanntes Terrain führen. Zum anderen gilt es, die unterschiedlichen Logiken der Partner zu vermitteln und ihnen in ihrer Eigenart entsprechend als Knotenpunkt ihre Eigenständigkeit zu belassen. Denn darin besteht die Chance und die Stärke des neuen Netzwerkes Kirche. Eine Aufgabe, die unbedingt Managementkompetenz erfordert.
Der Beitrag der Diakonie
In Netzwerkarbeit bringt die Diakonie einen Erfahrungsvorsprung mit. Denn die Diakonie ist eine hybride Organisation: Sie bewegt sich als eine Gestalt von Kirche zwischen Staat, Markt und Zivilgesellschaft.[1] Für ihr tägliches, professionelles Hilfehandeln braucht die Diakonie Kenntnis aller drei Sektoren. Sie muss deren Logiken verstehen und deren Sprache sprechen können – sie muss wechselseitige Beziehungen, Impulse und Einflüsse gestalten. Damit ist sie vielfältigen Dynamiken und Wandlungsprozessen unterworfen. Diakonisches Handeln erfordert Kenntnisse über staatliche Refinanzierungsstrukturen ebenso wie über wirtschaftliches Handeln und die Bedeutsamkeit einer hohen Bindung in die Zivilgesellschaft.
Diese verschiedenen Betriebslogiken sind konstitutiv für diakonisches Handeln; ebenso wie die Haltung, diese nicht gegeneinander auszuspielen. Erst ihr Zusammenspiel macht professionelles Hilfehandeln am Nächsten möglich und verleiht der sozialpolitisch-anwaltschaftlichen Arbeit im Interesse der Menschen in Notlagen Überzeugungskraft. Das gilt es im Netzwerk zu steuern und auszubalancieren.
Damit geht unmittelbar einher, dass diakonisches Handeln auf unterschiedliche Professionen und damit gut ausgebildete Fach- und Führungskräfte setzt. Diese berufsgruppenbezogene Diversität sollte auch ein integriertes evangelisches Netzwerk prägen – in operativer Arbeit wie in den Denkprozessen, in Strategie und Steuerung des Netzwerkes.
Interdisziplinäre Teams, Anschlussfähigkeit für andere Perspektiven und die bewusste Orientierung über die eigenen Sektorengrenzen hinaus – mit diesem Erfahrungsvorsprung ist die Diakonie eine starke Partnerin für ein evangelisches Netzwerk.
Prozess im Werden
Eine prozessorientierte Selbstwahrnehmung entspricht dem Netzwerkgedanken, wie Johannes Krug es passenderweise an den Schluss stellt. „Wir sind im Werden“, das trifft die Natur des Netzwerkgedankens, der nicht starr auf etablierte Strukturen setzt, sondern offen für Veränderungsprozesse bleibt. Agilität und Stabilität brauchen einander.
Bleibt die Frage nach der geistlichen Mitte. Sie wird im Netzwerk nicht obsolet, aber auch sie verändert sich, denn ein Netzwerk hat keine Mitte. Die neue Frage könnte vielleicht lauten: Hat das Netzwerk eine Seele? Die „Seele“ – wie der zentrale Kern eines Seils, Kabels oder Drahtseils genannt wird – dient der Stabilisierung, Erhöhung der Reißfestigkeit und der Formgebung. In einem Netzwerk ist die Seele das verbindende Integral. Paulus spricht im 1. Korintherbrief von der Gemeinde als einem Leib, dessen Glieder verschieden, aber gleichwertig sind, und nennt Christus das Haupt der Gemeinde. Im Evangelischen Netzwerk ist Christus die Seele der Seile, mit denen das Netzwerk der verschiedenen Akteure geknüpft wird, und sorgt in der Tiefenstruktur für lebendige Verbundenheit. Darüber lohnt es sich, ins Gespräch zu kommen.
Wir müssen klären, wie wir im evangelischen Netzwerk die Verantwortung für die geistliche Deutung dieser Verbundenheit verorten, in der sich die unterschiedlichen Erfahrungsräume zum Wohl der Menschen öffnen – sei es in Kirchengemeinden, diakonischen Trägern oder Bildungseinrichtungen. Evangelische Netzwerke brauchen mündige Christ:innen, die das Wir im Werden mit Leben füllen.
[1] Die Organisationslogik der Diakonie als hybride Organisation ist nachzulesen u.a. bei Johannes Eurich: Hybride Organisationsformen und multiple Identitäten im Dritten Sektor. Zum organisationalen Wandel der Dienstleistungserbringung und der Steuerungsformen in diakonischen Einrichtungen, in: Heinz Schmidt, Klaus Hildemann (Hg.), Nächstenliebe und Organisation. Zur Zukunft einer polyhybriden Diakonie in zivilgesellschaftlicher Perspektive (VWGTh 37), Leipzig 2012, Evangelische Verlagsanstalt, S. 43-60.
Rüdiger Schuch
Pfarrer Rüdiger Schuch ist Präsident der Diakonie Deutschland in Berlin und Herausgeber von zeitzeichen.