Dem Rad jetzt in die Speichen fallen

Über den kirchlichen Widerstand gegen den christlichen Nationalismus in den USA
Washington D.C., 29. Januar 2026: Geistliche unterschiedlicher Religionsgemeinschaften demonstrieren in einem Bürogebäude des US-Senats. Aufgerufen zum Protest hatte das Netzwerk „Faith in action“.
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Washington D.C., 29. Januar 2026: Geistliche unterschiedlicher Religionsgemeinschaften demonstrieren in einem Bürogebäude des US-Senats. Aufgerufen zum Protest hatte das Netzwerk „Faith in action“.

Zivilgesellschaft und Kirchen in den USA sind aus der Schockstarre erwacht und leisten Widerstand gegen das brutale Vorgehen der Trump-Regierung gegen Migranten. Der Journalist Arnd Henze analysiert in seinem neuen Buch Mit Gott gegen die Demokratie vor allem den christlichen Nationalismus und seine Verbindungen zur MAGA-Bewegung. Aber er beschreibt auch den wachsenden Widerstand, der sich an Martin Luther King und Dietrich Bonhoeffer orientiert, indem er den säkularen Rechtsstaat verteidigt.

Seit Generationen gehört Charlotte’s Web von E. B. White zu den Klassikern der amerikanischen Kinderbuchliteratur. Es erzählt von der Freundschaft zwischen dem schwächlichen Ferkel Wilburn und der Spinne Charlotte, die ihm mit viel Fantasie und der Unterstützung anderer Tiere das Leben rettet. Es gehört schon einiges an Sadismus dazu, dem Angriff von ICE und Border Patrol auf North Carolinas größte Stadt den Namen „Operation Charlotte’s Web“ zu geben. Mitte November 2025 drangen die paramilitärisch ausgerüsteten Sondereinheiten nach Charlotte ein – an einem Wochenende, an dem die Menschen traditionell ihre Häuser, Schulen und Kirchen mit dem opulenten Festtagsschmuck für Thanksgiving und Weihnachten dekorieren. (…)

Solange die Einheiten von ICE und Border Patrol in der Stadt waren, konnten Zehntausende Migranten weder einkaufen, noch zur Schule oder zum Arbeitsplatz gehen. Einwanderer ohne Papiere wagten gar nicht mehr, ihre Häuser zu verlassen. Wer die Staatsbürgerschaft oder zumindest eine Greencard besaß, musste das Risiko abwägen, trotzdem verhaftet zu werden. Geschäfte blieben geschlossen, auf Baustellen ruhte die Arbeit. Viele fühlten sich an die Lockdowns während der Corona-Pandemie erinnert – nur dass die Angst diesmal eine andere war.

Stresstest bestanden

Dass es Charlotte irgendwann auch treffen würde, war absehbar. North Carolina ist ein Swing State mit einem demokratischen Gouverneur. Im November 2026 steht hier einer der besonders umkämpften Sitze im US-Senat zur Abstimmung. Anders als Chicago und Los Angeles ist Charlotte keine „Sanctuary Jurisdiction“, die lokalen Behörden die Zusammenarbeit mit Border Patrol und ICE explizit verbietet. Aber die Stadt hat sich zur „Certified Welcoming City“ erklärt. Diese Willkommenskultur wurde nun einem Stresstest ausgesetzt, den die Menschen in North Carolina auf beeindruckende Weise bestanden haben.

Nur einen Tag nach der Ankündigung von „Operation Charlotte’s Web“ fanden in großen Kirchen der Stadt Bürgerversammlungen und Trainings für den Widerstand gegen das Vorgehen der Grenzbehörden statt. Anwälte erklärten die Rechtslage, Geistliche sprachen über die praktischen Folgen der Nächstenliebe und Aktivisten halfen, sich in gewaltfreien Bürger-Patrouillen zu organisieren und gefährdete Migrantinnen zu unterstützen. Geschäftsleute bekamen Aushänge, mit denen sie Bundesbeamten unter Verweis auf den vierten Verfassungszusatz den Einlass in ihre Läden verweigern konnten.

Man muss sich diese Trainings sehr handfest vorstellen: Im Altarraum wurden Festnahmen nachgespielt und genau geübt, wie man sich als Nachbarn verhalten kann, ohne sich selbst strafbar zu machen. Ladenbesitzer trainierten, ihre Angst zu überwinden und bedrohlich wirkenden Vermummten mit klarer Stimme die immer gleiche Frage zuzurufen: „Do you have a warrant?“ – also: Haben sie einen richterlichen Haftbefehl? In den folgenden Tagen übernahmen Seniorengruppen spontanes Homeschooling. Kinder wurden morgens nicht von ihren Eltern, sondern von weißen Nachbarn zu den Schulbussen und nachmittags wieder nach Hause gebracht.

Die Gruppenräume geschlossener Kitas verwandelten sich in provisorische Sammelstätten für Lebensmittel, die an betroffene Familien verteilt wurden. In den migrantisch geprägten Stadtteilen und in der Nähe der großen Einkaufszentren bildete sich ein Frühwarnsystem, über das Nachbarschaften sich gegenseitig informierten, wenn die auffälligen SUVs ohne Kennzeichen gesichtet wurden. Anwälte, Jurastudierende und Bürgerrechtsgruppen arbeiteten rund um die Uhr, um die Identitäten der über 250 Verhafteten zu ermitteln und Rechtsschutz zu organisieren. (…) Und die Kirchen? Sie boten nicht nur den Raum, um für den Frieden in der Stadt zu beten, sondern auch, um das weitere Vorgehen mit den vielen weiteren zivilgesellschaftlichen Akteuren abzustimmen.

Als Dietrich Bonhoeffer 1933 das berühmte Wort „Dem Rad in die Speichen fallen“ prägte, hatte er sicher nicht den späteren Weg in den bewaffneten Widerstand vor Augen. Ihm ging es um den Auftrag der Kirche, „unmittelbar politisch“ zu werden, wenn sie den Staat „in seiner Recht und Ordnung schaffenden Funktion versagen sieht“.

Das Beispiel von Charlotte zeigt, wie der Weg vom Mahnen und Helfen – also den beiden ersten Stufen in Bonhoeffers Dreiklang – in den konkreten Widerstand nicht aus dem Raum des Rechts herausführt, sondern damit das Recht selbst gegen den Angriff staatlichen Unrechts verteidigt. (…) Auch im Widerstand geht es also weder um eine religiöse Überhöhung des eigenen Tuns noch um eine Dämonisierung des Staates. Das ist der fundamentale Unterschied zur politischen Theologie der christlichen Nationalisten. In der Auseinandersetzung mit ICE zeigt sich, wie fließend der Übergang vom Mahnen und Helfen zu „Dem Rad in die Speichen fallen“ ist.

Seit den tödlichen Schüssen auf Renée Nicole Good und der Rechtfertigung der Gewalt durch die Trump-Regierung ist aber auch für viele Kirchen und Glaubensgemeinschaften ein „point of no return“ überschritten. Wie in Charlotte suchen sie dabei auch in Minneapolis ihre Rolle fest an der Seite der Zivilgesellschaft und der rechtsstaatlichen Institutionen von Stadt und Bundesstaat. In Minneapolis waren wohl nur wenige überrascht, dass der Angriff von ICE und Border Patrol die Stadt besonders hart treffen würde. „Wir werden Ground Zero“, hatte mir unmittelbar nach der Wahl von Trump eine befreundete Professorin gesagt. Zum einen sei Minnesota der Staat von Mike Walz, der als Vizepräsidentschaftskandidat von Kamala Harris Trump als „weird“ vorgeführt hatte. Noch wichtiger aber: Minneapolis bildet den Ursprung der Black Lives Matter-Bewegung, die im Jahr 2020 nach dem Mord an George Floyd Trumps Wahlkampf gegen Joe Biden überschattet hatte. Und natürlich sei auch Minneapolis eine „Sanctuary Jurisdiction“, die sich Migranten gegenüber schon immer offen und einladend verhalten habe.

Entsprechend gut vorbereitet war die Stadt, als am 6. Januar die vermummten Agenten unter ihrem martialisch auftretenden Kommandanten Greg Bovino in der Stadt auftauchten. Alles hätte wie in Charlotte laufen können – doch die gezielte Tötung von Renée Nicole Good hat ganz neue Herausforderungen geschaffen. Einerseits gingen in den Tagen darauf Zehntausende gegen ICE auf die Straße. Gleichzeitig war allen Beteiligten klar, dass die Trump-Regierung nur auf einen Anlass wartete, um den Einsatz des Militärs rechtfertigen zu können. (…)

Präsenz gezeigt

Auch die liberalen Kirchen haben in den Wochen nach den tödlichen Schüssen eine Präsenz gezeigt, für die ich aus den zurückliegenden Jahrzehnten keinen annähernd passenden Vergleich finde. Als Notfallseelsorger waren Hunderte von Geistlichen rund um die Uhr an den Brennpunkten der Stadt sicht- und ansprechbar. In kritischen Situationen begaben sie sich immer wieder deeskalierend in die vorderen Reihen – wissend, dass Tränengas, Pfefferspray und mitunter auch Schusswaffen der ICE-Agenten damit unmittelbar auf sie gerichtet würden. Was Bischöfin Marian Edgar Budde auf dem Kirchentag in Hannover angedeutet hatte, wird für engagierte Seelsorgerinnen inzwischen Realität: An der Seite von verfolgten Migranten und einer sich wehrenden Zivilgesellschaft setzen sie zunehmende ihre Gesundheit, wenn nicht sogar ihr Leben aufs Spiel. Der anglikanische Bischof von New Hampshire, Bob Hirschfeld, rief seine Geistlichen ausdrücklich auf, „ihre persönlichen Angelegenheiten zu klären und ihr Testament zu schreiben“. Man komme in eine Phase, in der es nicht mehr um Statements gehe, sondern „in der wir uns mit unseren Körpern zwischen die Staatsmacht und die Verwundbarsten stellen müssen“. (…)

Was Dietrich Bonhoeffer als „Dem Rad in die Speichen fallen“ bezeichnet, hat in der politischen Kultur der USA eine lange Tradition als „ziviler Ungehorsam“. In der Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre gehörten gezielte Übertretungen ungerechter Gesetze zu den wichtigsten Aktionsformen, um das Unrecht anschaulich zu machen und das Gewissen der Öffentlichkeit anzusprechen. Auch für Martin Luther King ging es dabei immer darum, den säkularen Staat in seiner Unvollkommenheit zu verbessern – und nicht darum, eine religiöse Ideologie von einem christlichen Staat zu verwirklichen. So tief seine Reden von evangelikaler Frömmigkeit und der Tradition Schwarzer Predigten geprägt waren: Der Kontrast zum theokratischen Eifer christlicher Nationalisten könnte nicht größer sein. Darin war King selbst von Dietrich Bonhoeffer geprägt. Geht es dem christlichen Nationalismus um die religiöse Begründung von Macht und um die totalitäre Kontrolle gesellschaftlicher Ordnungen, zielt Bonhoeffers Ethik darauf, den säkularen Staat als Rechtsraum zum Schutze der Schwächeren zu stärken, ihn aber auch in seiner Unvollkommenheit im Raum des „Vorletzten“ kritisch zu begleiten.

Der Vergleich zur Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre bringt noch eine weitere Erkenntnis: Alles Handeln muss sich an dem Ziel ausrichten, den gesellschaftlichen Diskurs zu verändern. Die kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Proteste sind immer auch ein Kampf um die Deutungshoheit im öffentlichen Raum. Auf der Seite der Trumpisten haben das Strategen wie Steve Bannon und Charlie Kirk schon früh erkannt und mit den Narrativen des christlichen Nationalismus die ersten Monate der zweiten Amtszeit von Donald Trump dominiert. Mitunter konnte man den Eindruck bekommen, die MAGA-Bewegung repräsentiere eine Mehrheit der Bevölkerung – und nicht nur eine laute und aggressive Minderheit, die es in die Machtzentralen der Regierung geschafft hat.

Demgegenüber wirkten nicht nur die oppositionellen Demokraten, sondern auch Kirchen und Zivilgesellschaft in den ersten Monaten eingeschüchtert und ratlos. Das hat sich in der zweiten Jahreshälfte 2025 deutlich verändert. Es ist den ideologischen Wortführern der Regierung und der christlichen Nationalisten nicht gelungen, dem brutalen Vorgehen gegenüber Migrantinnen ein mehrheitsfähiges Narrativ zu geben. Der Sadopopulismus der Trumpregierung verfängt nur noch bei einer Minderheit. Auch unter denen, die Trump 2024 gewählt haben, merken inzwischen viele, dass es ihr Leben nicht verbessert, wenn die Migranten von Baustellen und Feldern, als Gärtner und aus den Backstuben verschwinden. (…)

Orientierung am Recht

Solange die unheilige Allianz aus Trumpismus und weißem christlichen Nationalismus die Machtinstrumente der Regierung in den Händen hält, wird sich Bon­hoeffers Dreiklang von Mahnen, Helfen und „Dem Rad in die Speichen fallen“ auch in den kommenden Monaten immer neu bewähren müssen. Aber das Beispiel Charlotte zeigt: Kirchen und Zivilgesellschaft, Gerichte und lokale Behörden sind aus der Schockstarre erwacht (…). Die nüchterne Orientierung am Recht erweist sich dabei als ungleich stärkeres Fundament als jedes kulturkämpferische Widerstandspathos. Denn das Recht verbindet das Gerechtigkeitsempfinden der Progressiven mit dem Wunsch nach Verlässlichkeit bei Konservativen. Bonhoeffers Gedanke, dass der Widerstand gegen staatliches Unrecht dem Ziel diene, den Staat als Staat vor sich selbst zu schützen und zu erhalten, ist heute so aktuell wie 1933. 

 

Information
Der Text ist ein Vorabdruck aus: Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie – Warum der christliche Nationalismus alle angeht. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2026, 224 Seiten, Euro 20,–. Das Buch erscheint am 11. März.

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Foto: Solveig Böhl

Arnd Henze

Arnd Henze ist WDR-Redakteur und Theologe. Er lebt in Köln. 2019 erschien sein Buch "Kann Kirche Demokratie?". Seit 2020 gehört Henze als berufenes Mitglied der Synode der EKD an.

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