Homme de lettres

Der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz ist der Herz-Jesu-Priester Heiner Wilmer
Ein Mann mit Priesterkragen steht vor einem Aufsteller der Deutschen Bischofskonferenz
Deutsche Bischofskonferenz / Marko Orlovic
Der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer.

Etwas überraschend haben die deutschen katholischen Bischöfe Heiner Wilmer zu ihrem neuen Vorsitzenden gewählt. Ein großer Reformer wird der Hildesheimer Bischof aller Voraussicht nach nicht werden. Aber gut vernetzt ist er in Rom, wo er über Jahre lebte und als Generaloberer seines Ordens wirkte. Immerhin das könnte dem Synodalen Weg in Deutschland ein wenig helfen, erklärt zeitzeichen-Redakteur Philipp Gessler.

Im Nachhinein konnte man ein paar Zeichen dann doch erkennen: Am Montagnachmittag hatten die Fotografen und Kameraleute, die zur Frühjahrsvollversammlung der deutschen katholischen Bischöfe nach Würzburg gekommen waren, das Privileg, für ein paar Bilder in den Sitzungssaal der Bischöfe hinein schlüpfen zu dürfen. Interviews aber verboten! Die meisten von ihnen umzingelten den Paderborner Erzbischof Udo Markus Bentz, der als heißester Kandidat für die Nachfolge von Georg Bätzing als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) galt. Etwas im Abseits stand, fast völlig unbeachtet, Heiner Wilmer, der Bischof von Hildesheim. Er war im Gespräch mit Stefan Oster, dem Bischof von Passau, der als einer der wenigen ganz rechts in der Bischofskonferenz steht und den hiesigen Reformprozess des Synodalen Weges der Kirche Roms sehr negativ sieht. Hat der Hildesheimer Wilmer hier die entscheidenden Stimmen auch in der konservativen Ecke des deutschen Episkopats gesammelt, um der neue DBK-Vorsitzende zu werden?

Denn, das muss man sagen: Die Wahl Wilmers, eines Ordensmanns, genauer: eines Herz-Jesu-Priester („Dehonianers“), war schon eine Überraschung. Wie bei der Wahl von Papst Leo XIV. vor knapp einem Jahr gehörte auch Wilmer nur zum erweiterten Kandidatenkreis für die Aufgabe an der Spitze der hiesigen Bischofskonferenz. Der 64-jährige Emsländer galt den meisten Fachleute als nicht ganz passend für diesen vor allem kirchenpolitisch fordernden Job. Wilmer hat etwas sehr Frommes, fast Vergeistigtes um sich – in den manchmal sehr unschönen Kämpfen und Rangeleien der 27 römisch-katholischen Bischöfe Deutschlands könnte das eher ein Nachteil sein. Oder etwa nicht?

Fromme Prägung

Der neue DBK-Vorsitzende hielt jedenfalls mit seiner frommen Prägung überhaupt nicht hinterm Berg, als er nach der Wahl (mit wie vielen Stimmen blieb ein Geheimnis) vor die Presse trat, um sich vorzustellen. Selten ist in den vergangenen Jahrzehnten ein deutscher DBK-Vorsitzender außerhalb einer Kirche mit so vielen Bibelworten und Gebetsanliegen in die Öffentlichkeit getreten. Und das natürlich ganz bewusst und als klares Signal: Hier geht es nicht um Politik und nur entfernt um Soziales, sondern vor allem um den lieben Gott und seine hoffentlich frommen Geschöpfe.

Gleich zweimal, einmal am ganz am Anfang und noch einmal fast ganz zum Schluss der Pressekonferenz, wiederholte Wilmer das Gloria aus dem Lukasevangelium „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens (oder: seiner Gnade).“ (Lukas 2, 13f). Dies sei sein „Kompass“, erklärte Willmer. Er wolle als Pilger Gottes mit dem Evangelium in der Hand Gott ins Zentrum stellen und sich mit Blick auf die Menschen für deren Frieden und Gerechtigkeit einsetzen, sagte der Hildesheimer Bischof, der eine vorbereitete Ansprache von seinem Smartphone ablas, sehr kontrolliert und mit spärlichen Bewegungen in Mimik und Gestik. Der neue Vorsitzende der Bischofskonferenz sieht seine neue Aufgabe eindeutig als eine geistige an, weniger als eine politische oder gar kirchenpolitische. Er wolle das Evangelium verkünden, so Wilmer, „notfalls auch mit Worten“. Ein Botschafter des höheren und gerechten Friedens Gottes wolle er sein, „nach innen und außen“.

Verletzungen auf beiden Seiten

Wer genau zuhörte, konnte bei Wilmer in seiner etwa viertelstündigen Ansprache vor den Medienleuten aber auch einige Positionen im kirchlichen Gerangel der Gegenwart heraushören. So bekannte er sich in der Tradition von Papst Leos Vorgänger Franziskus zur Synodalität als Strukturprinzip der katholischen Weltkirche. Er betonte aber zugleich, er verstehe sie auch als „geistige Haltung“. Den Opfern der sexualisierten Gewalt in der Kirche müsse man zuhören, sicherlich. Aber auffällig war schon, dass hier nur von „Verlässlichkeit“ die Rede war – von mehr nicht. Es gebe Verletzungen „auf beiden Seiten“, sagte Wilmer, also offenbar bei der Kirche und ihren Opfern, ein leicht missverständlicher Satz. Anders als zum Beispiel in Köln hat man in Hildesheim unter Wilmer nicht auf ein Votum für Verjährung verzichtet, wenn Opfer nach Jahrzehnten auch eine Entschädigung vor Gericht gegen die Kirche erstreiten wollten. Wilmer sprach sich vor zwei Jahren gegen außergerichtliche Vergleiche bei Klagen von Missbrauchsbetroffenen aus. Den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, der sich an diesem Dienstag zum vierten Mal jährte, verurteilte Wilmer scharf. Er sagte: „Im Namen Gottes: Dieser Krieg brauchte ein Ende!“ Die Demokratie hier in Deutschland müsse geschützt werden (das Kürzel „AfD“ fiel nicht). Und etwas bodenständig-handfester: Die katholische Kirche sei „attraktiv“ und die Gläubigen vor Ort nach seiner Erfahrung „gut drauf“.

Es ist offensichtlich, dass Wilmer in seinem neuen Amt der Kirche in Deutschland einen neuen Schub geben will. Dies soll aber eher ein Stoß ins Geistige sein. Der Gremien- und Reformkatholizismus des Synodalen Weges erhielt durch seine Worte keine starke Unterstützung, um es vorsichtig zu sagen. Immerhin sagte Wilmer: „Der Heilige Geist lebt nicht nur im Konsens, sondern auch im Widerspruch.“ Die Ökumene wurde von ihm als eine wichtige Aufgabe markiert, auch die mit Juden und Muslimen. Und was die Streitfrage der Frauenweihe angeht, die die katholische Weltkirche seit Jahren beschäftigt, rang sich Wilmer auch nach Nachfrage nur zu der vagen Aussage durch, dass er es richtig finde, dass die Weltsynode in Rom, was so etwas wie der Synodale Weg auf globaler Ebene ist, das Thema auf der Tagesordnung habe und die Kompetenz der Frauen in der Kirche stärken wolle. Ansonsten freue er sich „auf die Überraschungen des Heiligen Geistes“.

Geprägt von Etty Hillesum

Wo geht also die Reise hin mit dem neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz? Ein großer Reformer wird Wilmer wohl eher nicht werden, aber er ist in Rom, wo er über Jahre lebte und als Generaloberer seines Ordens wirkte, gut vernetzt. Immerhin das könnte dem Synodalen Weg in Deutschland helfen, zumal dies ein offensichtliches Manko bei seinem Vorgänger Georg Bätzing aus Limburg war, dem die römische Welt und internationale Kirchenpolitik eher fremd waren. Vielleicht ist die Reform der Kirche hierzulande und weltweit deshalb nicht Wilmers erstes Anliegen, aber mit seinen Kontakten in den Vatikan und als global agierender Ordensmann (wie Papst Leo und Papst Franziskus zuvor) hat er durchaus eine internationale Ausstrahlung, die der deutschen Kirche auch bei ihren Reformen helfen könnte, zumindest perspektivisch. 

Vor allem aber ist Wilmer jemand, der mit dem Wort die Menschen zum stärkeren oder überhaupt zum Glauben bewegen will. Der Hildesheimer Bischof ist ein Homme de lettres, ein Mann des Schreibens und der Bücher, von denen er schon mehrere verfasst hat. Seine letzte Monografie war eine über das niederländische Holocaust-Opfer Etty Hillesum, deren Mystik Wilmer stark inspiriert hat. Wie ihr gehe es ihm um Tiefe und eine Verantwortung, die aus dem Gebet komme, sagte Wilmer. Außerdem halte er sich an Hillesums Ratschläge für einen gelungenen Morgen: Frisches kaltes Wasser auch unter der Dusche. Momente der geistlichen Stille – und Tagebuch führen! Wer weiß, vielleicht wird man in wenigen Jahren nachlesen können, wie das genau war an diesem Dienstagvormittag in Würzburg, als Heiner Wilmer SCJ zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt wurde.

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