„Wir sollen Mitmenschen sein“, erklärte Rabbiner Leo Baeck 1921 in den Anfangsjahren der Arbeit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST): „Es ist meine Pflicht, den Menschen neben mir, den Gott als meinen Mitmenschen geschaffen, auch selbst zu meinem Mitmenschen zu machen.“ Die normative Wurzel jüdischer Wohlfahrtspflege, ihr Leitbild auch heute, ist prägnant gefasst in dem hebräischen Wort Zedakah. Es meint ein soziales Handeln, das nicht nur das Leid des Mitmenschen lindert, sondern auch seine Ursachen bekämpft. Es schließt Ausgrenzung und Abwertung von Menschen aus und wendet sich jedem Hilfebedürftigen zu. Prinzipien, die für unseren modernen Sozialstaat genauso grundlegend sind wie für die Arbeit aller Verbände der Freien Wohlfahrtspflege. Zugleich buchstabiert sie jeder Wohlfahrtsverband, ob christlich, jüdisch oder säkular, auf der Basis der eigenen Werte in aller Freiheit unterschiedlich aus. Eine religiöse und weltanschauliche Vielfalt, die zusammenwirkt, um die Würde des Einzelnen zu schützen und soziale Gerechtigkeit zu ermöglichen.
Der Rechtsphilosoph und Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde (1930–2019) wusste um die Bedeutung dieses pluralen Wertefundaments, das nicht nur von Wohlfahrtsverbänden, sondern von einer vielfältigen Zivilgesellschaft getragen wird. „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Damit hat er die große Stärke und zugleich das immerwährende Risiko der Demokratie schon vor mehr als 60 Jahren auf den Punkt gebracht.
Möglicherweise erleben wir derzeit, was geschieht, wenn diese Voraussetzungen weiter an Kraft verlieren und Werte wie Menschenwürde unwidersprochen in Frage gestellt werden. In diesem Jahr wird in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt gewählt. In den zwei letztgenannten Bundesländern erreicht die AfD zurzeit hohe Umfragewerte. Dass die Popularität der AfD allerdings kein ostdeutsches Phänomen ist, zeigte im Herbst 2025 die Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen. Die AfD konnte ihr Ergebnis verdreifachen – der Trend ist deutlich und besorgniserregend. Machen wir uns klar: Die AfD stellt die freiheitliche und pluralistische Demokratie in Frage und vertritt Positionen, die auf einer Ideologie der Ungleichwertigkeit beruhen. Dem Selbstverständnis der Freien Wohlfahrtspflege und dem Subsidiaritätsprinzip steht das diametral entgegen. Alarmierend ist zudem, dass die Anzahl derer wächst, die diese „Alternative“ wählen, ohne ihre Positionen zwangsläufig in ihrer ganzen demokratie- und menschenfeindlichen Konsequenz zu teilen. Sie nehmen diese Konsequenzen schlicht in Kauf. Das ist gefährlich.
Hier sehe ich uns als Diakonie mit unseren Partner:innen in der Freien Wohlfahrt gefordert: Wir sind nicht zuletzt Hüterinnen und Hüter der Werte, die den Schutz des Mitmenschen in seiner Verletzlichkeit in den Mittelpunkt stellen. Zedakah, Nächstenliebe, Solidarität: Es geht um die Grundlage unserer Arbeit für soziale Gerechtigkeit und für die Menschen, die an den Rand dieser Gesellschaft gedrängt werden. Dafür lohnt es sich zu streiten. Leo Baecks Worte sind Mahnung, Aufruf und Programm zugleich: „Wir sollen Mitmenschen sein.“
Rüdiger Schuch
Pfarrer Rüdiger Schuch ist Präsident der Diakonie Deutschland in Berlin und Herausgeber von zeitzeichen.