Donald Trumps Aufstieg ins Weiße Haus ist ohne das evangelikal-fundamentalistische Christentum kaum zu verstehen. Ein Blick in die Religionsgeschichte der USA zeigt, wie apokalyptische Deutungsmuster, religiöses Sendungsbewusstsein und politische Machtansprüche seit Langem ineinandergreifen. Unser Autor Peter Lampe, Seniorprofessor für Neues Testament in Heidelberg, zeigt, warum diese Verbindung demokratisch wie theologisch hoch problematisch ist.
Ins Weiße Haus wäre Donald Trump nie ohne „seine“ Christgläubigen gelangt. Dem unabhängigen Public Religion Research Institute zufolge wählten weiße evangelikale Protestanten zu 85 Prozent den jetzigen Präsidenten. Konservativ geschätzt, stellen sie mehr als ein Fünftel seiner Wählerschaft. Ebenso stehen fast zwei Drittel aller evangelikal-fundamentalistischen Pfingstler:innen lateinamerikanischer Herkunft hinter ihm. Evangelikal-fundamentalistische Christ:innen halten Trump maßgeblich mit an der Macht.
MAGA-Propagandisten verstehen sich als kulturkämpferische Rückeroberer, wie der Historiker Thomas Zimmer richtig einordnet. „Fight Fight Fight“ steht auf der für 2026 geplanten Dollarmünze, auf der Trump beidseitig prangt. Der Dreiklang erinnert an den ikonischen Auftritt Trumps nach dem Attentatsversuch auf ihn am 13. Juli 2024 in Butler, Pennsylvania, als er kurz nach den Schüssen diesen Ruf in die schockierte Menge schleuderte.
Trumps Kampf und der seiner Hintermänner, die vor allem in der konservativen Denkfabrik Heritage Foundation zu suchen sind, versteht sich als Konterrevolution gegen die „Linke“, die mit ihrer „woken“ Kultur die Universitäten, Museen, Medien, Behörden – ja den Staat insgesamt – überschwemmt und revolutioniert habe. Nach Auffassung dieser Kreise sei der linke „deep state“ auszurotten und die undifferenziert als links abgestempelte andere Bevölkerungshälfte mit ihrem Befürworten von Pluralität und Gleichheit als antiamerikanisch zu bekämpfen. Denn das wahre Amerika ist für die MAGA-Fans weiß, christlich – und patriarchal. „Great again“ heißt für sie auch: zurück zur weißen Dominanz, zur Dominanz der Männer, zur Dominanz des Christentums – oder dessen, was sie dafür halten.
In religiös aufgeladener Sprache wird als Ziel vorgegeben, die „sieben Berge“ – ein Motiv aus der Offenbarung des Johannes – zurückzuerobern und unter weiße christliche Dominanz zu beugen: Politik, Wirtschaft, Bildung, Medien, Kunst, Familie und Religion. Obwohl mit den Stimmen der Konservativen gewählt, haben die Trump-Truppen einen „zivilen“ Konservativismus hinter sich gelassen, der die Verfassung, ihre Rechtsordnung und ihre Werte bewahren möchte. Freiheit der Meinungskundgabe soll bei den MAGA-Kämpfern vor allem für die eigene gelten, während in Hörsälen und Redaktionsstuben der Druck zu spüren ist, Kritik in Watte zu packen oder zu verstummen.
Schockierende Vorfälle
Eine der Stärken der MAGA-Bewegung ist, dass sie in vielem diffus und so offen fürs Andocken vieler ist: für Waffenlobby, Tech-Milliardäre, Rednecks und Big-Business-Bosse, junge Männer, die meinen, zu kurz zu kommen, und Scharen Christgläubiger, die Nationalismus zu einem christlichen verklären, sodass MAGA sich religiöser Sprache als Deckmantel bedienen kann für, wie sich zeigen wird, unchristliche, politisch gefährliche Inhalte. Dass diese Rhetorik Folgen zeitigt, zeigen die schockierenden Vorfälle mit Beamten des U.S. Immigration and Customs Enforcement, kurz ICE, in Minneapolis vor wenigen Wochen, bei denen die beiden friedlichen Demonstrant:innen Renée Nicole Good und Alex Jeffrey Pretti, beide 37 Jahre alt, erschossen wurden.
Wer die religiös getränkte Politrhetorik Amerikas und das politische Sendungsbewusstsein amerikanischer Evangelikaler zu verstehen sucht, muss die transatlantische Religionsgeschichte aufblättern. Politisches Sendungsbewusstsein beseelte spätestens seit dem 19. Jahrhundert christliche Gruppen der Neuen Welt. Ihr Leitbild war die Metapher der leuchtenden Stadt auf dem Berg: „Amerika ist eine Nation der Einzigartigkeit. Die leuchtende Stadt auf dem Berg sollen wir sein … zusammen repräsentieren wir ein vollkommenes Ideal“, so tönten nordamerikanische Gläubige seit Langem, in diesem Zitatbeispiel von 2008 die damalige Alaska-Gouverneurin Sarah Palin.
In der Metapher der „leuchtenden Stadt auf dem Berg“ hallt nicht nur die Rhetorik von Präsident Ronald Reagan wider, der von 1981 bis 1989 amtierte, sondern auch die Bibel. Zum Beispiel „Ihr seid das Licht der Welt … eine Stadt auf einem Berg“ aus der Bergpredigt (Matthäus 5,14) oder Verse aus der Offenbarung des Johannes: Ein Engel „führte mich im Geist auf einen großen, hohen Berg. Dort zeigte er mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott aus dem Himmel herabkam. Die Stadt erstrahlte im Glanz der Herrlichkeit Gottes … wie ein überaus kostbarer Edelstein“ (21,10 f.). Oder der Beginn des Buches des Propheten Jesaja: „Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen“ (2,2).
Das mit dem Mythos der Einzigartigkeit der USA verquickte religiöse Bild der „leuchtenden Stadt auf dem Berge“ wurzelt tief im nordamerikanischen Selbstbewusstsein. Im 19. Jahrhundert wurde der Mythos selbst in die Anfangszeit weißer Besiedelung Amerikas zurückprojiziert: Bereits die puritanischen Pilgerväter des 17. Jahrhunderts hätten ihr „Commonwealth“ in der Massachusetts Bay als „Stadt auf dem Berge“, als Gottes neues Israel und als Muster, wie ein protestantisches Staatswesen zu organisieren sei, der Welt empfohlen.
Daran stimmt, dass etliche Puritaner sich durchaus in einem weltgeschichtlichen Rahmen sahen: Sie waren Chiliasten, das heißt, sie verstanden sich als Teil des in der Offenbarung (Kapitel 19 f.) prophezeiten Kampfes zwischen Christus und dem Antichristen, an dessen Ende Christus eine tausendjährige Königsherrschaft auf Erden antreten werde. Auch 1743 unterzeichneten Kleriker in Neuengland ein Manifest, in dem sie den Beginn des tausendjährigen Christusreiches erwarteten. Selbst den Französisch-Indianischen Krieg (1754–1763) gegen den frankokanadisch-katholischen „Antichristen“ deuteten viele protestantische Kolonisten als Beitrag zum endzeitlichen Krieg vor dem tausendjährigen Christusreich.
Wenige Jahrzehnte später während des Unabhängigkeitskrieges (1775–1783) taten sich erneut vor allem nicht-anglikanische Protestanten hervor, Gott politisch parteilich zu vereinnahmen. Die patriotische Hymne Chester von William Billings mit den Worten „New England’s God for ever reigns“ wurde gesungen und der Revolutionskrieg gegen England so zur Sache des Himmels erklärt. Viele träumten von einem Amerika, das erwählt sei, das göttliche Freiheits- und Friedensreich für alle Völker einzuläuten – nach dem großen Krieg gegen den satansbesessenen Antichristen King George im St.-James-Palast. Das wörtlich ausgelegte Buch der Offenbarung – mit seinem Endkampf bei Armageddon und dem auf Erden nachfolgenden tausendjährigen Reich Christi – musste als Skript herhalten.
Dieser Chiliasmus trieb sogar säkulare Blüten. Die meisten unter den Gründungsvätern der USA sahen ihre aufgeklärte Demokratie fortschrittsgläubig in ein goldenes Zeitalter einmünden. John Adams, der zweite Präsident der USA, schrieb 1813 in einem Brief: „Unsere reine, tugendhafte … Republik wird für immer fortdauern, den Globus regieren und die Vollkommenheit des Menschen herbeiführen.“
In diesen Beispielen vermischten sich Realpolitik und Religion – paradoxerweise in einer Gesellschaft, die sich nach ihrer Entfesselung von der englischen Kolonialmacht (1776) der Trennung von Religion und Regierung verschreiben sollte. Wie kam diese Separation zustande? In der Kolonialzeit fochten vielfältige Religionsgruppen für ihre religiöse Freiheit gegenüber der anglikanischen Staatskirche der englischen Kolonialmacht und forderten eine Scheidelinie zwischen Religion und britischem Zentralregiment – ein Prinzip, das als Trennung von Kirche und Staat nach der amerikanischen Revolution in der US-Verfassung (1787) überlebte. James Madison, der vierte Präsident der USA (1809–1817), prophezeite als ihr federführender Autor, die mit der Garantie religiöser Freiheit und Vielfalt einhergehende Trennung von Regierung und Religion werde das religiöse Leben nicht austrocknen, sondern beleben. Er behielt recht. Nur wurde diese Freiheit missbraucht, als einzelne Gruppen begannen, politische Aspirationen zu hegen und so die Trennung von Politik und Religion zu unterlaufen – ein Widerspruch, unter dem bis heute die Balken der Nation knarzen.
Die religiöse Komponente des amerikanischen Nationalismus prägte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beispielhaft bei der kalifornischen Pfingstlerin Aimee S. McPherson aus, einem charismatischen Superstar. Gott habe einen einzigartigen Bund mit den USA geschlossen. Säubere sich die Nation von Säkularisierung, werde sie wieder in ihre „privilegierte Stellung als Gottes derzeitiges Heiliges Land“ eingesetzt. McPherson setzte sich für die Armen ein, verdammte aber deren Streiks als „kommunistisch“ und rief dazu auf, Schulen zu boykottieren, die die Evolutionslehre auf den Stundenplan setzten. Die McPherson Church of the Brethren stellt nur eine der über 2 000 religiösen Gruppierungen in den USA dar. Die meisten entstanden nach dem Bürgerkrieg zwischen 1865 und 1925.
Chiliastisch geprägt
Viele dieser Gruppierungen waren chiliastisch geprägt. Vor der Kulisse ihres apokalyptischen Weltbildes nahm sich der Bush’sche Weg in den Mittleren Osten für sie keineswegs als Gruseltheater aus, weil der erwartete Weltkrieg (Stichwort Armageddon) ja segensreich das tausendjährige Christusreich einläuten werde. Der gefährliche Wahn, das Buch der Offenbarung wörtlich auszulegen und als Skript heutiger Geopolitik zu missbrauchen, geistert in vielen fundamentalistisch-evangelikalen Hirnen umher. Folgerichtig schreckt auch militärischer Konflikt nicht wirklich. Für die Frommen werde alles ohnehin nicht so schlimm kommen, beschwichtigte etwa Ed Kalnins in Alaska, Pastor einer Pfingstkirche in Wasilla, der Sarah Palin 2008 angehörte. Er predigte damals, Alaska werde in der kriegerischen Endzeit zu einem der wenigen Zufluchtsorte für Gläubige werden.
Strebten weiße Evangelikale bereits in der Reagan-Ära (1981–1989) nach Nähe zur Macht, so taten sie es umso deutlicher in den 1990er-Jahren, als fundamentalistische Kräfte in den Gebetskreisen im Washingtoner Regierungsviertel die Oberhand gewannen. In Jubel brachen sie aus, als die Pfingstlerin Sarah Palin 2008 für die US-Vizepräsidentschaft nominiert wurde. Die „Assemblies of God“, denen Palin entstammte, stellten einflussreiche Televangelisten, die das Vordringen der Evangelikalen in die Politik mit vorantrieben.
Im Wahljahr 2008 kontrollierten politisch engagierte Fundamentalisten und Evangelikale 85 Prozent der protestantisch-religiösen Radio- und Fernsehsendungen. Im Oktober 2008 riefen 33 Prediger wie Gus Booth in Minnesota in 22 Staaten von den Kanzeln dazu auf, sich im Wahlkampf für die Republikaner ins Zeug zu legen. In dieser Aktion testeten die Hirten das Finanzamt, denn Politik von der Kanzel müsste von Rechts wegen das Steuerprivileg der Gemeinden beenden. Wie die Bush-Administration 2003 mit der Irakinvasion internationales Recht missachtete, provozierten diese Kanzelprediger das nationale Rechtssystem.
Vor einem Jahr krönten weiße Evangelikale einen Autokraten zum Sieger. Trunken von ihrer Nähe zur Macht, himmeln viele von ihnen den Attentats-Survivor Trump als Messias an oder als neuen Kyros, jenen Perserkönig, der einst Israel förderte und laut biblischer Geschichtsschreibung von den Babyloniern befreite. Mit Tunnelblick versuchen diese Gruppen, ihre Themen durchzudrücken – von undifferenziertem Bestrafen abgebrochener Schwangerschaften (was „pro birth“ ist, aber noch nicht „pro life“ und verschleiert, dass moralisches Urteilen und strafrechtliches Bewehren nicht dasselbe sind) bis hin zu homophoben Umerziehungsversuchen von Schwulen und Lesben. Probleme wie die Erderwärmung erscheinen ihnen weniger wichtig – die Welt geht ja, Gott sei Dank, ohnehin bald unter.
Der von vielen Evangelikalen propagierte apokalyptische Chiliasmus, aus der Antike unreflektiert in die Gegenwart transportiert, und der Wahn, die Endzeit werde anbrechen, wenn Israel alle Landstriche einnehme, die es einst besessen habe, sind brandgefährlich, wenn sie sich in politisches Handeln übersetzen. Dergleichen naive Hermeneutik gefährdet den Globus. Schlicht unchristlich ist das Vereinnahmen Gottes, der die USA vor allen anderen Nationen erwählt haben soll; geradezu widerchristlich das Prosperity Gospel, dem auch Trumps langjährige „Spiritual Advisor“ im Weißen Haus, Paula White-Cain, anhängt. Prosperity-Prediger tönen: Wer stark glaubt, betet und reichlich spendet, den belohnt Gott mit Erfolg, Wohlstand und Gesundheit. Im Umkehrschluss heißt das: Arme, Erfolglose und Kranke sind selbst schuld. Sie glauben, beten und spenden nicht genug. „Loser“, höhnt Donald Trump über Hilfsbedürftige – und löste kurz nach seiner Amtsübernahme 83 Prozent des Entwicklungshilfeprogramms USAID auf, was Hunderttausenden weltweit das Leben kosten wird.
Klarheit nötig
Christlicher Firnis beginnt, auch deutsch-völkischen Nationalismus unserer Tage zu überziehen. Im Vorfeld der AfD agiert der Verein für „Tradition, Familie und Privateigentum“ (TFP), der bestens mit der MAGA-Bewegung vernetzt ist. Etliche christliche Influencer:innen stoßen in dasselbe Horn. Deshalb bedarf es in diesen bewegten Zeiten theologischer Klarheit und historischen Erinnerns. Die Bibel offeriert kein Drehbuch für geopolitische Machtspiele. Wer Gott für nationale Interessen vereinnahmt, verlässt den Boden des Christentums. Der Jesus der Evangelien segnet keine Imperien, sondern stellt Machtansprüche infrage. Es gilt, religiöse Sprache zu prüfen – und zu widersprechen, wenn sie sich zu menschenverachtender Waffe schärft.
Peter Lampe
Dr. Peter Lampe ist Professor am Forschungszentrum Internationale und Interdisziplinäre Theologie an der Universität Heidelberg.