Der Glaube – auch eine transatlantische Beziehung

Marco Rubio, die US-Regierung und eine Nachlese zur 62. Münchner Sicherheitskonferenz (MSC): Die Zerstörung ist nicht ausgeschlossen
Ein Mann im schwarzen Anzug wird von Bischöfen an einer Treppe in Rom begrüßt
dpa picture alliance
Die Politik der US-Regierung ist nicht ohne ihren christlichen Hintergrund zu verstehen: Der gläubige Katholik Marco Rubio ließ sich diesen Termin nicht nehmen - der Außenminister der USA wird im Mai 2025 bei der Inthronisierung von Papst Leo XIV. in Rom von Bischöfen begrüßt.

Die Rede von US-Außenminister Marco Rubio auf der Münchner Sicherheitskonferenz und ähnliche Auftritte der Trump-Regierung mit starken christlichen Bezügen zeigen: Die europäischen Regierungen müssen sich einerseits ernsthaft fragen, was sie zwischen den Großmächten USA, China und Russland noch zu sagen haben. Zu fragen wäre andererseits, ob in der neuen harten Welt der Real- und Machtpolitik der christliche Glaube mehr sein kann als ein Lippenbekenntnis, analysiert der Journalist und Sicherheitsexperte Roger Töpelmann.

Die Veranstalter hatten für die 62. Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) Mitte Februar 2026 ein düsteres Motto gewählt: „Under Destruction“ - Unter Zerstörung. So sehen sie den Status der internationalen Ordnung nach einem politisch tumultartigen Jahr. Wie sie in ihrem Munich Security Report 2026 schreiben, sind sie auf das Wort Zerstörung gekommen, weil US-Präsident Donald J. Trump zum Teilabriss des Ostflügels des Weißen Hauses in Washington D.C. eine große Abrisskugel einsetzen ließ. Profunde Unsicherheit (Uncertainty) beherrscht das transatlantische Verhältnis. Wie könnte sie behoben werden?

Hier spielte untergründig, ziemlich überraschend, der christliche Glaube eine Rolle. Das fiel vor allem in der Rede von Marco Rubio auf. Der US-Außenminister startete seine Rede im Bayerischen Hof auf der Main-Stage I durchaus erwartbar mit großen  Worten: „Wir versammeln uns hier als Mitglieder einer historischen Allianz – einer Allianz, die die Welt gerettet und verändert hat. Als diese Konferenz 1963 begann, fand sie in einer Nation statt, ja auf einem Kontinent, der in sich selbst gespalten war.“ Und Rubio fuhr fort: „Die Trennlinie zwischen Kommunismus und Freiheit verlief mitten durch das Herz Deutschlands. Die ersten Stacheldrahtzäune der Berliner Mauer waren erst zwei Jahre zuvor errichtet worden. Nur wenige Monate vor dieser ersten Konferenz, bevor unsere Vorgänger sich hier in München zum ersten Mal trafen, hatte die Kuba-Krise die Welt an den Rand einer nuklearen Vernichtung gebracht.“

Christliche Vorfahren aus Europa

Dann aber fand Rubio Worte über den christlichen Glauben beziehungsweise seine Bedeutung für die transatlantischen Beziehungen, die in den Medien ziemlich untergegangen sind. Es waren Sätze, die die Kirchen in Europa, zumal die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), hätten aufhorchen lassen: Die amerikanischen Vorfahren, so Rubio, hätten den christlichen Glauben als ein heiliges Erbe in die Neue Welt gebracht. Es sei eine unzerbrechliche Verbindung zwischen den Kontinenten. „Wir wollen, dass Europa stark ist, weil wir wissen, dass das Schicksal Europas nie irrelevant für unsere nationale Sicherheit sein wird“, erklärte Rubio.

 Solche vom christlichen Glauben getragene Worte waren bei der „Internationalen Wehrkunde-Begegnung“ – so hieß die Sicherheitskonferenz bei ihrer Gründung 1963 - wohl noch nie zu hören. Das stellte auch an die EKD die Frage, wie sie darauf reagieren will. Ohne diesen (christlichen) Faden weiter zu spinnen, beschrieb Rubio das gemeinsame Band des Westens genauer, allerdings in einer Weise, mit der die EKD eher Probleme haben dürfte. Der US-Außenminister sagte nämlich, das westliche Bündnis dürfe sich nicht durch Angst vor Klimawandel, Angst vor Krieg und Technologie lähmen. Notwendig sei ein Bündnis, das bereit sei, sich zu verteidigen, seine Interessen zu schützen und die Handlungsfreiheit zu bewahren. Schlagzeilen verkündeten schnell das Ende der transatlantischen Ära, sagte Rubio, aber: „Für uns Amerikaner mag unser Zuhause in der westlichen Hemisphäre liegen, aber wir werden immer ein Kind Europas sein.“ Wer so spricht, stellt das Fatum zweier Kontinente nicht in Frage. Müsste aber auch eine Antwort geben, wie die Menetekel der Gegenwart in ihre Schranken gewiesen werden. Womöglich gar vor dem Hintergrund von Glaubensüberzeugungen.

Göttlicher Auftrag

 Im bayerischen Sonntagsblatt schrieb Oliver Marquart kritisch zu diesem Konzept: „Rubio entwirft das Bild eines christlichen-imperialen Westens, in dem religiöse Heilsgeschichte und koloniale Expansion unauflöslich miteinander verbunden sind… kulturelle Überlegenheit als göttlicher Auftrag.“

Auch die Frage, ob Europa dem überhaupt folgen möchte, stellte Rubio nicht.  Das imperiale Muster des Alten Europa lässt sich wohl nicht so leicht wiederbeleben – und sollte es auch nicht. Überzeugender scheint, dass hier die Kirche zur Kenntnis nimmt: Rubios auch christlich fundiertes Denken ist in den USA weit verbreitet, bei Republikanern und bei Demokraten. Die US-Präsidenten Lyndon B. Johnson und George W. Bush sind mit ihren Kriegen, die auch mit christlicher Rhetorik begründet wurden, die besten Beispiele. Bush junior sprach kurzzeitig bei seinem „Krieg gegen den Terror“ nach 9/11 von einem „Kreuzzug“. Bis in die Gegenwart ist der amerikanische Alltag von stetem Aufbruch und einer Verantwortung für die ganze Welt geprägt, und der christliche Glaube spielt da immer eine Rolle.

Mehr als ein Lippenbekenntnis?

Und wie kommt das außerhalb der USA an? Will man in dieser Hinsicht ein Fazit aus dem mit „Standing Ovations“ beschlossenen Auftritt von Marco Rubio ziehen – es gab auch Meldungen, „man habe sich verklatscht“ - so waren die historischen Bezüge zu Europa der Schlüssel, um die Zuhörenden für die Sicht der amerikanischen Administration zu gewinnen. Auch die Bezüge zum christlichen Glauben waren offenbar als eine Art Brücke nach Europa gedacht. Dass Rubio ausdrücklich den Kölner Dom und die Sixtinische Kapelle als großes europäisches, aber am Ende auch gemeinsames Erbe mit den USA hervorhob, war kein Zufall. Doch das Motto der MSC „Under Destruction“ fand damit keine Antwort. Die europäischen Regierungen müssen sich ernsthaft die Frage stellen, was sie zwischen den Großmächten USA, China und (eingeschränkt) Russland noch zu sagen haben. Zu fragen wäre auch, ob in der neuen harten Welt der Real- und Machtpolitik der christliche Glaube mehr sein kann als ein Lippenbekenntnis.

Als journalistischer Konferenzbeobachter fragt man sich schließlich: Weshalb werden die Schicksalsfragen der Welt nicht drängender gestellt? Und müssen sie nicht im Vertrauen auf Glaube und Hoffnung tiefschürfender gestellt werden? Kirchliche Repräsentanten, auch der Militärseelsorge, sieht man in den Konferenzhallen und Salons nicht. Nun gut, es ist eine politisch-militärische Tagung: Außenpolitik und Militär haben Vorrang. Wichtig sind dennoch die Meldungen zu den Friedensinitiativen und zur Krisenprävention, die epd von der Sicherheitskonferenz publizierte.  Zeigen die globalen Entwicklungen nicht, dass über den Horizont der Politik hinausgedacht werden muss? Es könnte mit dem weltlichen Motto geschehen: „Wir heißen euch hoffen“. Oder mit dem amerikanischen „In God we trust“.

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Foto: privat

Roger Töpelmann

Dr. Roger Töpelmann ist Theologe und war von 2015 bis 2020 Mitarbeiter des Evangelischen Militärbischofs, - im Handlungsbereich Evangelische Seelsorge in der Bundeswehr (HESB) in Berlin. 

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