Unsichtbar fleißig
Hilfe, wir Deutschen arbeiten zu wenig. Der wirtschaftsliberale Flügel der CDU brachte kürzlich das böse Wort vom „Teilzeit-Lifestyle“ ins Gespräch. Das nagt natürlich an der deutschen Identität. Schaffe, schaffe, Häusle bauen, hieß es schließlich lange. Wir sind stolz auf unsere Fleißigkeit, besonders wir Protestant*innen. Unsere Arbeitsmoral ist legendär, Soziologen haben ganze Bücher darüber geschrieben. Und jetzt das? Jetzt sollen wir plötzlich faul sein?
Ich selbst kann mit gutem Gewissen behaupten, dass ich nicht Schuld bin. Ich komme auf weit mehr als 40 Stunden Erwerbsarbeit pro Woche, eher geht es so in Richtung 50 oder 60. Von „Lifestyle-Teilzeit“ also keine Spur. Stundenmäßig betrachtet bin ich eine Traum-Arbeitnehmerin.
"Danke, Schatz!"
Aber ehrlich gesagt: So fleißig bin ich gar nicht. Denn diese ganzen Stunden kommen nur deshalb zusammen, weil mein Mann seit einigen Jahren keiner Erwerbsarbeit mehr nachgeht. Nach und nach sind seitdem immer mehr Arbeiten, die wir früher gleichmäßig unter uns aufgeteilt hatten, in seinen Bereich hinübergewandert – Putzen, Frühstück machen, Spülen, Einkaufen, sich um Reparaturen kümmern, Pakete entgegennehmen, sogar Verabredungen mit Freund*innen arrangieren – das macht inzwischen alles er.
Ich kann dafür mehr Aufträge annehmen. Ich kann Bücher schreiben, Vorträge halten, stundenlang lesen und in aller Ruhe vor meinem Computer sitzen. Manchmal habe ich deswegen ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Als Feministin weiß ich schließlich um die Bedeutung unsichtbarer Care-Arbeit. Zu meiner Ehrenrettung muss man sagen, dass ich diese Entlastung nicht als selbstverständlich hinnehme, sondern ordnungsgemäß in meiner internen Bilanz verbuche. Ich sage also nicht: „Oh, was bin ich für ein toller Hecht, ich habe meinen Umsatz gesteigert.“ Sondern ich sage: „Danke Schatz, dank deiner Hausarbeit habe ich dieses Jahr richtig viel Umsatz gemacht.“ Wenn man fair ist, ist ein Teil des Geldes, das auf meinem Konto ankommt, eigentlich sein Verdienst.
Falsche Konzepte
Aber leider sind nicht alle Menschen Feministinnen, weshalb die komplexe Verwobenheit von bezahlter und unbezahlter Arbeit im Lebensalltag leider noch nicht ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungen ist. Wenn von Arbeit die Rede ist, meinen die meisten immer noch Erwerbsarbeit. Nehmen wir nur den verräterischen Ausdruck „Work-Life-Balance“. Was ist denn das für eine Gegenüberstellung, Arbeit versus Leben? Als ob die Arbeit kein Teil des Lebens wäre! Okay, es mag Menschen geben, die sich totstellen, sobald sie ihr Büro betreten. Aber das ist doch nicht die Regel!
Es sind solche falschen Konzepte, an denen die Debatten über Arbeitszeiten und wirtschaftliche Produktivität in Deutschland scheitern. Es werden keine sauberen Rechnungen aufgemacht, und Logik spielt auch keine große Rolle. Stattdessen herrscht postpatriarchales Durcheinander. Weit und breit kein kohärentes Konzept davon, was wir eigentlich unter Arbeit verstehen und was nicht. Welche Rolle dabei das Geld spielt, und welche nicht. Aber solange wir keine vernünftige Grundlage für Analyse haben, verfügen wir auch nicht über die nötigen Instrumente, um Faulheit oder Fleiß der Bevölkerung sinnvoll beurteilen zu können.
Fünf Stunden mehr
Es sind vor allem ältere Herren, die sich gerne über die Faulheit der Jüngeren aufregen. Offenbar haben sie vergessen, dass zumindest die Westdeutschen unter ihnen früher praktisch alle eine nicht erwerbstätige Hausfrau an der Seite hatten, die ihnen die komplette Care-Arbeit abnahm. Zehn-Stunden-Tage sind natürlich ein Klacks, wenn man danach zuhause ein Essen serviert bekommt, für das man nichts einkaufen musste, die Kinder sind schon im Bett, und am nächsten Morgen hängt ein frisch gebügeltes Hemd bereit.
Wenn man nicht den einzelnen erwerbstätigen Mann betrachtet, sondern die Gesamtheit aller Erwachsenen, dann ist die Behauptung, wir würden heute weniger Zeit für Erwerbsarbeit aufbringen als früher, schlicht und ergreifend falsch. Laut Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung beträgt die durchschnittliche Erwerbs-Arbeitszeit pro Kopf heute 29 Wochenstunden - mehr als zu jedem anderen Zeitpunkt seit 1960. Die durchschnittliche Erwerbsarbeitszeit der Männer ist seit 35 Jahren gleichgeblieben, die der Frauen hat sich um rund fünf Arbeitsstunden erhöht.
Feministisches Flugblatt
Neulich fand ich in alten Kisten ein feministisches Flugblatt aus den 1980er Jahren. Darauf stand die Forderung nach einer 20-Stunden-Woche für alle. Damit, so argumentieren die Autorinnen damals, würde die Gesamt-Arbeitszeit der Bevölkerung dieselbe bleiben, nur dass Erwerbs- und Hausarbeit gleichmäßig unter Ehepaaren aufgeteilt würde. Leider ist es nicht so gekommen. Stattdessen hat sich die verrückte Idee ausgebreitet, die Welt wäre erst dann in Ordnung, wenn alle Erwachsenen Vollzeit arbeiten.
Ganz ehrlich: Mit Analysen, die derartig an der Lebensrealität vorbeigehen, können wir unsere Gesellschaft nicht für zukünftige Herausforderungen fit machen.
Antje Schrupp
Dr. Antje Schrupp ist Journalistin und Politologin. Sie lebt in Frankfurt/Main.