Was heißt es, evangelisch zu sein?

Sieben Thesen zum Projekt "Netzwerk evangelisch" im Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf (Berlin)
Mann putzt Kreuz vor Christusfigur an Kirche
Foto: picture-alliance
Ein Arbeiter reinigt ein Kreuz und eine Statue von Jesus Christus (Kirche in Agartala / Indien, Dezember 2025).

Vorgestern veröffentlichten wir an dieser Stelle ein Interview mit Johannes Krug zum „Netzwerk evangelisch“ im Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf (Berlin). Heute bringen wir sieben Thesen des Osnabrücker Professors für Systematische Theologie, Gregor Etzelmüller, die er als eine theologischen Kommentar und Grundlegung  für das Projekt in Berlin formuliert hat und die vom Steuerungskreis des Projektes angenommen wurden.

Der Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf hat sich auf den Weg gemacht. Ziel ist es, vom Nebeneinander unterschiedlicher evangelischer Akteure in verfasster Kirche, Diakonie und Bildung zu einem „evangelischen Wir“ zu kommen (siehe hier). Es soll ein evangelisches Netzwerk entstehen, zu dem alles gehört, „was mit und neben der verfassten Kirche – organisatorisch oft eigenständig – auch evangelisch ist“. Auf diesem Weg zeigte sich, es bedarf einer kurzen, thesenartigen „Vergewisserung, was eigentlich evangelischer Markenkern ist. Was ist es, was uns in Gemeinden, Diakonie und evangelischen Bildungseinrichtungen verbindet?“ Mit der Bitte um eine solche Selbstvergewisserung trat der Superintendent des Kirchenkreises an mich heran. So entstanden zehn Thesen und ein erläuternder Vortrag, die im Pfarrkonvent Teltow-Zehlendorf – zunächst in Kleingruppen, dann im Plenum – diskutiert worden sind. Dabei kam die Bitte auf, manche Erläuterungen aus dem Vortrag in die Thesen aufzunehmen, so dass diese auch für sich verständlich seien. Das Ergebnis war eine überarbeitete Reihe von sieben Thesen, die dann zunächst in Mainz im Arbeitskreis Konstruktive Dogmatik mit Kolleginnen und Kollegen aus der Theologie und anschließend in Osnabrück mit Studierenden der evangelischen Theologie diskutiert worden sind. Die daraufhin nochmals überarbeiteten Thesen sollen verdeutlichen, was die Partner eines evangelischen Netzwerkes verbindet. 

Am 15. September 2025 haben die im „Steuerungskreis Evangelisch in Teltow-Zehlendorf“ verbundenen Netzwerkpartner die Thesen als gemeinsamen Ausdruck dessen, was unter evangelisch verstanden werden kann, angenommen. Sie sehen diesen Text als Anstoß einer überfälligen Verständigung darüber, was in heutiger Zeit evangelischer Markenkern ist.

Zum Verständnis der Thesen noch drei Vorbemerkungen:

1. Die Thesen dienen der gemeinsamen Selbstvergewisserung und sprechen deshalb die Sprache der Theologie. Sie sind kein Kampagnentext.

2. Theologische Bestimmungen dessen, was uns verbindet, werden nur überzeugen, wenn sie an die reale Gestalt von Kirche, Diakonie und evangelischen Bildungseinrichtungen anschließen. Umgekehrt gilt es, die faktische Lebenswirklichkeit ins Licht des Evangeliums zu rücken und von dort her kritisch und konstruktiv neu zu erschließen. 

3. Evangelisch heißt: dem Evangelium Jesu Christi gemäß. Insofern ist evangelisch zunächst kein Konfessionsattribut! Wenn wir als evangelische Christinnen und Christen sagen: „Das ist evangelisch!“, dann sagen wir zugleich zu unseren ökumenischen Schwestern und Brüdern: „So wollen wir gemeinsam mit euch Christinnen und Christen sein.“ Wir gestehen ein, dass wir selbst oft hinter dem zurückbleiben, was uns als evangelisch einleuchtet. 

Evangelisch sein heißt,

(1.) in Jesus Christus die universale und unbedingte Menschenliebe Gottes zu erkennen.

Der evangelische Glaube erkennt Gottes Menschenliebe in Jesus Christus zunächst im irdischen Jesus, der keinen abweist, der ihn um Hilfe bittet. Im Handeln Jesu erkennen wir: Gott will das nicht, was Menschen plagt, quält, stört und zerstört. Sodann erkennen wir am Kreuz: Gott hält in Jesus Christus an seinem Willen zur Gemeinschaft mit den Menschen fest, auch wenn diese Gemeinschaft ihm das Leben kostet. Schließlich erkennen wir in der Auferweckung Jesu Christi: Gott wendet sich im Auferstandenen gerade denen zu, die ihn verlassen haben (den Jüngern), die ihn verleugnet haben (Petrus) und die ihn in Gestalt seiner Gemeinde verfolgen (Paulus). An Ostern erkennen wir, wie Gott auf den Triumph der Sünde in der Kreuzigung Jesu reagiert. Er setzt den Weg Jesu, den Weg der gewinnenden Liebe zu denen, die der Macht der Sünde verfallen sind, fort. Dadurch wird deutlich: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes. Diese Einsicht begründet die evangelische Freiheit! 

In Gottesdiensten feiern und verkündigen wir Gottes Menschenfreundlichkeit, verdichtet an Karfreitag und Ostern. Predigt, Kirchenmusik und die Feier von Taufe und Abendmahl stützen sich dabei wechselseitig. 

Wir wollen allen Menschen, seien sie konfessionslos oder religiös, unabhängig von Herkunft und Geschlecht, in der Atmosphäre der Menschenfreundlichkeit Gottes begegnen.

 

Evangelisch sein heißt,

(2.) im Vertrauen auf das Evangelium zu leben: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Verwurzelt in der Hebräischen Bibel und mit Israel bekennen wir: Gottes Treue zeigt sich darin, dass er Menschen, die sein Recht missachtet und so ihre Freiheit verspielt haben, erneut in die Freiheit führt. Er hält an ihnen als seinen Partnerinnen und Partnern beim Aufbau einer gerechten Gesellschaft fest. 

Evangelischer Glaube lebt von Gottes Treue und Vergebungsbereitschaft. In Gottes Augen geht unser Leben nicht in unserer Schuldgeschichte auf. Gott traut uns als schuldig gewordenen Menschen Großes zu. Wo man unter dem Label ‚evangelisch‘ operiert, da lebt man – hoffentlich! – aus dieser Erfahrung und versucht, sie anderen zu vermitteln. Dies geschieht in Gottesdienst und Seelsorge, in Krankenhäusern und Hospizen, aber auch im Aufbau einer Kultur der Fehlerfreundlichkeit und Selbstannahme in evangelischer Beratungstätigkeit und an evangelischen Schulen. Evangelische Christinnen und Christen dürfen fröhliche Menschen und sollten ihre eigenen Fehler offen und ehrlich eingestehen können – vor den Menschen und vor Gott.

 

Evangelisch sein heißt,

 (3.) sein Leben zu führen in Verantwortung vor Gott, der will, dass allen Menschen geholfen wird. Gottes guten Geboten folgend und in der Nachfolge Jesu Christi treten wir für Freiheit, Recht und soziale Gerechtigkeit ein. Wir engagieren uns für den freiheitlich-demokratischen Rechts- und Sozialstaat und eine lebendige Zivilgesellschaft. Wir arbeiten mit am Aufbau und Erhalt einer Kultur der Barmherzigkeit und des Respekts. 

Weil Gott will, dass allen Menschen geholfen wird, kann die Kirche sich nicht selbst genug sein. Sie nimmt sich der Notleidenden auf vielfältige Weisen an, sowohl in der verfassten Diakonie, die oftmals auf einem hart umkämpften Markt operieren muss, als auch in der Gemeindediakonie. Sie tritt ein für das Recht auf gesellschaftliche Zugehörigkeit und Teilhabe. Sie wendet sich nicht nur an jene, die immer schon hier waren, sondern auch an die, die dazu gekommen sind und dazu kommen. In Härtefällen gewähren wir Kirchenasyl. In evangelischen Kirchen ist kein Raum für Nationalismus. Zunehmend erkennen wir, dass wir nicht nur eine Verantwortung für unsere Mitmenschen haben, sondern auch für die Bewahrung der Schöpfung. Klimaneutral zu werden, haben sich viele evangelische Gemeinden und diakonische Einrichtungen zum Ziel gesetzt.

Dabei steht uns deutlich vor Augen, wie sehr wir hinter dem zurückbleiben, was notwendig wäre und was Gott uns zutraut. Wir haben nicht die Lösung, sondern sind eher Teil des Problems. Die Erinnerung an Gott, der will, dass allen geholfen wird, hat immer auch eine kritische Funktion. Evangelisch sein, heißt, sich Gottes Kritik zu stellen und deshalb im Licht von Gottes Gnade und Gottes Wort selbstkritisch zu leben. Wir wollen unsere Schuld bekennen und aufarbeiten. Wir fragen, wo wir Macht missbraucht und Menschen ausgegrenzt haben. Wir wollen mutiger, vielfältiger und diverser werden.

 

Evangelisch sein heißt,

 (4.) sich von der Heiligen Schrift auch in der Gegenwart heilsam orientieren zu lassen. Unser Glaube und unser Leben, unsere Verkündigung und unsere Theologie werden durch die biblischen Überlieferungen provoziert, gebildet und heilsam irritiert.

Mit der Bibel ist uns ein Schatz anvertraut, den wir zu den Menschen bringen und in unterschiedlichste Diskurse einspielen wollen. Biblische Texte vermögen bis heute, Menschen zu trösten. Die Bibel kann aber auch jenseits von Theologie und Kirche Diskussionen bereichern und inspirieren. Sie braucht verantwortliche Auslegerinnen und Ausleger. Solche wollen wir sein. Wir glauben, dass uns die Bibel die Spur Gottes in dieser Welt erschließen kann. Im evangelischen Religionsunterricht führen wir Kinder und Jugendliche in die großen biblischen Erzählzusammenhänge des Alten und Neuen Testaments ein. Um sie im Leben zu orientieren, greifen wir nicht auf die vermeintlichen Wahrheiten unserer Weltgegend zurück, sondern auf eine fremde Tradition, die aus Israel stammt und von dort zu uns gekommen ist. Evangelisch zu sein heißt, sich zu verorten in der Welt der Bibel.

 

Evangelisch sein heißt,

 (5.) so im Glauben gebildet, Verantwortung für die Kirche, aber auch im Alltag der Welt zu übernehmen. Evangelische Kirchen trauen diese Verantwortung allen Glaubenden zu. Sie schätzen das Ehrenamt. Sie eröffnen allen Menschen den Zugang zu allen kirchlichen Ämtern. Sie sehen auch im weltlichen Beruf eine Form des Gottesdienstes.

Evangelischer Glaube opfert weder Vernunft noch Verstand, sondern stellt sich selbst immer wieder infrage, um so zu klarerer Erkenntnis und festerer Gewissheit zu gelangen. Er hat deshalb immer auch die Gestalt eines tastenden und fragenden Glaubens.

Nicht nur Pfarrerinnen und Pastoren sollen von Gott reden, nicht nur die diakonischen Organisationen helfen, nicht nur die Kirchenleitungen für Recht und Gerechtigkeit einstehen. Die Reformatoren sprachen in diesem Kontext vom Priestertum aller Getauften. Wer getauft ist, ist dazu ermächtigt und beauftragt, wie Christus von der Menschenfreundlichkeit Gottes zu erzählen, wie Christus Menschen in ihrer Not zu helfen und wie Christus dort kritisch sein Wort zu erheben, wo es nottut. Evangelische Weltgestaltung vollzieht sich nicht nur in jenen Organisationen, die unter dem Label ‚evangelisch‘ operieren, sondern überall dort, wo Menschen in ihren konkreten Umgebungen, auch in ihrem Berufsleben, Glaube, Liebe und Hoffnung kommunizieren. 

 

Evangelisch sein heißt,

 (6.) das Gebet den Anfang und das Ende allen Handelns sein zu lassen. Mit unserem Handeln ist es nicht getan, wir leben allein aus Gottes Gnade.

Im Gebet bringen wir die Fragwürdigkeit unseres Handelns vor Gott: All unser Handeln ist (erstens) endlich und damit begrenzt. Es verdankt sich (zweitens) endlicher und damit begrenzter Einsicht. Es bleibt (drittens) immer das Handeln von Menschen, die in lebensabträglichen Strukturen gefangen sind, die sie selbst schuldhaft mitgestalten. Im Sündenbekenntnis bringen wir diesen Aspekt zum Ausdruck. Damit unser Handeln segensreich wirken kann, sind wir darauf angewiesen, dass es von Gott heilsam korrigiert und mit anderen Prozessen segensreich abgestimmt wird. Darum bitten wir Gott im Bittgebet. Gott möge Geschöpfe verlocken, seinen guten Absichten Raum zu geben. Er möge Handlungen und Prozesse so koordinieren, dass Leben sich in Gerechtigkeit und Frieden entfaltet. Wo das geschieht, da steigt ein Loblied zum Himmel. Wo Menschen sich Gottes gutem Willen verschließen, kommt es zu Disharmonie, Zwietracht, Zerstörung und Krieg. Solche Situationen bringen wir klagend vor Gott. Gott soll sich damit nicht abfinden – und wir wollen uns damit nicht abfinden. Dankend nehmen wir aber auch wahr, wie Gottes guter Geist in dieser Welt – inspirierend und ermutigend, aber auch kritisch und heilsam – gegenwärtig ist. Freiheit und Gerechtigkeit, Frieden und Nächstenliebe leuchten in der Welt immer wieder auf. Evangelische Christinnen und Christen schreiben diese lebensförderlichen Prozesse nicht sich selbst und ihrem Handeln zu, sondern Gottes gutem Geist und seinem Wirken.

 

Evangelisch sein heißt,

 (7.) in der Hoffnung zu leben, dass Gott in seinem guten Geist lebensförderlich gegenwärtig ist und in Jesus Christus unseren Lebensgeschichten, aber auch der Geschichte dieser Welt am Ende eine neue Zukunft eröffnen wird.

Dem Evangelium entspricht eine zweifache Hoffnung. Der evangelische Glaube hat sowohl eine Hoffnung für diese Welt und ihre Geschichte(n) als auch eine Hoffnung über diese Welt und deren Geschichte hinaus. Weil Gott in dieser Welt in seinem guten Geist präsent ist, kann und wird es auch in dieser Welt und ihren Geschichte(n) immer wieder heilsame Neuaufbrüche und notwendige Selbstkritik geben. Von der Idee einer allgemeinen Fortschrittsgeschichte ist nicht viel übergeblieben, aber es gibt den Glauben an rettende Geschichten, die sich immer wieder ereignen können und ereignen. 

Viele dieser rettenden Geschichten sind Episoden geblieben, die viel zu früh abgebrochen und unterdrückt worden sind. Der christliche Glaube hat für diese abgebrochenen Geschichten ebenso eine Hoffnung wie für die unzähligen abgebrochenen Lebensgeschichten dieser Welt: Gott selbst wird in Jesus Christus noch einmal auf sie zurückkommen. Er wird Neues aus ihnen schaffen, nämlich sein gutes Reich, das Reich Gottes. Wir wollen diese Hoffnung nicht verschweigen. Kinder und Jugendliche fragen im Religions- und Konfirmandenunterricht genauso nach ihr wie Menschen in Krankenhäusern, Hospizen und an den Gräbern ihrer Verstorbenen. Das Buch des Lebens ist noch nicht zu Ende geschrieben. 

 

Am kommenden Montag reagiert Rüdiger Schuch, Präsident der Diakonie Deutschland, hier auf zeitzeichen.net  auf das Projekt des Kirchenkreises Teltow-Zehlendorf und die Thesen von Professor Etzelmüller.

 

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