„Die Erosion ist eine Chance“

Über Netzwerkkirche, Organisationslogiken und den Versuch, Kirche anders zu organisieren
Alle umfassen. Die Fassadenplastik an der Jesus-Christus-Kirche in Dahlem zeigt das Werk „Christus segnet die Gemeinde“ von Ludwig Isenbeck.
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Alle umfassen. Die Fassadenplastik an der Jesus-Christus-Kirche in Dahlem zeigt das Werk „Christus segnet die Gemeinde“ von Ludwig Isenbeck.

Im Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf (Sprengel Berlin) wird seit einigen Jahren mit einer anderen Gestalt von Kirche experimentiert: Verfasste Kirche, Diakonie und Bildungseinrichtungen arbeiten bewusst als evangelisches Netzwerk zusammen. zeitzeichen hat den dortigen Superintendenten Johannes Krug gefragt, was dahintersteckt – und wo die Grenzen dieses Ansatzes liegen.

zeitzeichen: Herr Krug, im Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf wird seit einigen Jahren an einer neuen Gestalt von Kirche gearbeitet. Von außen betrachtet wirkt das wie ein bewusster Abschied von klassischen kirchlichen Organisationsformen. Was ist dort eigentlich im Gang?

Johannes Krug: Wir haben uns im Kirchenkreis sehr grundsätzlich gefragt, ob die Formen, in denen Kirche sich organisiert, noch zu den gesellschaftlichen Bedingungen unserer Zeit passen. Dabei sind wir zu der Überzeugung gekommen: Die Erosion, die wir gerade erleben, ist kein Betriebsunfall, sondern ein Hinweis darauf, dass gewohnte Organisationsformen an ihre Grenzen kommen. Und genau darin sehen wir eine Chance.

Viele erleben diese Erosion vor allem als Verlust: weniger Mitglieder, weniger Ressourcen, weniger Einfluss. Warum lesen Sie das anders?

Johannes Krug: Organisationen – auch Kirchen – sind immer Antworten auf bestimmte gesellschaftliche Konstellationen. Wenn diese sich verändern, geraten Organisationen unter Druck. Das ist schmerzhaft, aber nicht ungewöhnlich. Die evangelische Kirche hat im 19. Jahrhundert sehr plausibel vereinsähnliche Strukturen ausgebildet und war lange staatsanalog organisiert¹. Beides hatte gute Gründe. Aber im digitalen, hochvernetzten 21. Jahrhundert funktionieren diese Modelle immer schlechter.

Ihre Antwort auf diese Diagnose lautet: Kirche als Netzwerk. Was unterscheidet diesen Ansatz von dem, was man bisher Kooperation oder Zusammenarbeit genannt hat?

Johannes Krug: Ein Netzwerk ist mehr als lose Kooperation. Es ist eine eigene Organisationsform. Wir verstehen Kirche als ein integriertes evangelisches Netzwerk, in dem alles zusammenwirkt, was mit und neben der verfassten Kirche evangelisch ist: Diakonie, Schulen, Hochschulen, Bildungsarbeit, weitere Werke. Entscheidend ist: Diese Akteure werden nicht als nachgeordnete Einheiten verstanden, sondern als eigenständige Partner.

„Einwand greift zu kurz“

Warum sollte man das, was Sie beschreiben, nicht schlicht für eine kirchliche Übersetzung aktueller Management- und Organisationstheorien halten?

Johannes Krug: Dieser Einwand liegt nahe, greift aber zu kurz. Auch klassische kirchliche Strukturen sind Organisationsmodelle – nur historisch vertraute. Theologisch verfügt die Kirche über starke Bilder, die Netzwerkdenken nahelegen. Das Bild vom Leib Christi mit seinen vielen Gliedern lässt sich sehr gut institutionell lesen (1. Korinther 12). Und pneumatologisch gesprochen ist der Heilige Geist keine hierarchische Steuerungsinstanz, sondern eine integrative Kraft. Das bedeutet: Unseren Ansatz leiten wir aus dem biblischen Zeugnis ab. In vielen biblischen Geschichten gehören Glaubensfragen, Dienst am Nächsten und Bildung zusammen – lesen Sie zum Beispiel das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Wir halten unsere Netzwerkstrategie daher gar nicht für originell, sondern bringen nur wieder zusammen, was zusammengehört. Es geht ad fontes.

Sie sagen, die Kirche sei für diesen Schritt besonders gut vorbereitet. Worauf stützt sich diese Einschätzung?

Johannes Krug: Auf die Realität. Diese Netzwerke existieren längst – nur meist nebeneinanderher. Diakonische Einrichtungen, evangelische Schulen, Hochschulen, Akademien, Religionslehrkräfte: All das ist ja bereits da, nur viel zu oft ganz unverbunden. Historisch hat sich diese Ausdifferenzierung aus guten Gründen entwickelt. Jetzt stellt sich die Frage, ob man sie weiter hinnimmt – oder neu miteinander ins Verhältnis setzt.

Gerade diese Bereiche funktionieren sehr unterschiedlich. Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Reibungen?

Johannes Krug: In den unterschiedlichen Betriebslogiken. Eine ehrenamtlich geprägte Kirche, eine professionell unternehmerisch geführte Diakonie und staatlich gerahmte Bildungseinrichtungen folgen sehr verschiedenen Entscheidungs- und Zeitlogiken. Das erzeugt Konflikte – etwa bei der Frage, wie schnell Entscheidungen fallen oder wie Projekte finanziert werden.

Warum ist Abschottung für Sie trotzdem die schlechtere Option – obwohl Netzwerke offenkundig konfliktreicher sind?

Johannes Krug: Weil wir gemeinsam den Menschen unserer Zeit mehr anbieten können. Und unsere Zeit braucht mehr denn je ein gutes evangelisches Zeugnis. Abschottung beziehungsweise weitergeführte Versäulung ist daher verantwortungslos. Es stimmt aber: Ein evangelisches Netzwerk ist kein harmonisches Gebilde. Es verlangt Netzwerkfähigkeit als Haltung: Einsicht in die eigenen Grenzen, Wertschätzung anderer Logiken und die Bereitschaft, als evangelische Zeugnisgemeinschaft Verantwortung zu teilen. Unterschiede müssen nicht aufgelöst, sondern als komplementär verstanden werden².

Mehr als eine Formel?

Sie betonen immer wieder die Bedeutung einer gemeinsamen geistlichen Mitte. Ist das mehr als eine Formel, die Konflikte überdecken soll?

Johannes Krug: Auf jeden Fall! Ohne geistliche Mitte zerfällt jedes Netzwerk in Zweckbündnisse. Wenn Gebet, Gottesdienst und theologische Verständigung fehlen, bleibt am Ende nur Interessenkalkül. Eine gemeinsam kultivierte geistliche Mitte ist kein Konfliktvermeidungsinstrument, sondern die Voraussetzung dafür, Konflikte überhaupt aushalten zu können. Dazu kommt: Unsere geistliche Mitte, das biblische Zeugnis und die evangelische Auslegungsgeschichte, sind krisenerprobt und daher in Krisenzeiten eine wertvolle Ressource.

Im Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf ist dieser Ansatz nicht bei Absichtserklärungen stehen geblieben. Was wurde strukturell tatsächlich verändert?

Johannes Krug: Die Kreissynode hat früh entschieden, den Aufbau eines evangelischen Netzwerks zum strategischen Kern zu machen. Es folgten jahrelange Gespräche mit diakonischen Partnern, Kooperationsvereinbarungen und die Gründung eines Steuerungskreises. Gemeinsam finanzieren wir Stellenanteile, die sich um die Schnittstellen kümmern. Ein zentraler Schritt war auch die Öffnung der Kreissynode: Netzwerkpartner haben heute Sitz und Stimmrecht³.

Sie haben jetzt viel über Strukturen, Haltungen und Prozesse gesprochen. Wo wird das für Menschen konkret erfahrbar? Woran merkt man im Alltag, dass hier anders Kirche gelebt wird?

Johannes Krug: Ein Beispiel ist die Öffnung unserer Kreissynode. Wenn diakonische Träger und Bildungspartner dort mitentscheiden, verändern sich Themen, Perspektiven und Verantwortlichkeiten spürbar. Ein weiteres Beispiel sind die sogenannten Zukunftsorte: Gemeinden stellen Räume und Flächen gezielt Netzwerkpartnern zur Verfügung – nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern in strategischer Partnerschaft. So können wir kirchliche Standorte, die sich allein mit Kirchensteuermitteln nicht mehr halten ließen, gemeinsam weiterentwickeln. Sehr konkret ist auch der Arbeitsmarkt: Mit einer evangelischen Jobmesse bringen wir Studierende der evangelischen Hochschule, diakonische Einrichtungen und andere kirchliche Arbeitgeber zusammen. Und schließlich gibt es symbolische Formen: Zum Sommer-Taufgottesdienst im Strandbad Wannsee haben wir gemeinsam eingeladen. Es war bewegend, mit 600 Menschen am Strand Gottesdienst zu feiern und mehr als 50 Personen mit Wannseewasser zu taufen. Zusammen geht einfach mehr. Oder ein letztes Beispiel: Wenn sich ein Gemeindepfarrer morgens mit Thermoskannen vor die evangelische Grundschule stellt und gestressten Eltern Kaffee anbietet, freuen sich die einen über das Angebot, die anderen holen dankbar nach, wofür morgens keine Zeit mehr war, und wieder andere nutzen die Gelegenheit für ein Gespräch. Wahrscheinlich findet sich kaum einer von ihnen in seiner Gemeindeliste. Was hat er da also gemacht? Wir sagen: Alles richtig. So funktioniert evangelisches Netzwerk: Schule und Gemeinde sind gemeinsam da für die Kinder und ihre Eltern.

Sie würden also sagen, hier wird tatsächlich eine andere Gestalt von Kirche sichtbar?

Johannes Krug: Ja – die Betonung liegt auf „wird“. Das Evangelische Netzwerk, wenn man es denn so nennen möchte, ist nie fertig, sondern existiert nur als Werden. Wir haben kein Patentrezept, das man einfach übertragen könnte. Aber wir glauben, dass man überall gemeinsam mehr erreichen kann, wenn evangelische Partner zusammenrücken. Übrigens hebt dieser Ansatz nach unserer Erfahrung auch die eigene Stimmung: vom Abbau hin zum Aufbau, von Standortschließungen hin zur Entwicklung tragfähiger Nutzungspartnerschaften, vom Rückzug hin zur gemeinsam wahrgenommenen Verantwortung im Sozialraum, vom „Wir werden immer weniger“ zum „Wir sind gemeinsam ganz viele“. In diesem Sinn ist die Erosion, die wir erleben, kein Endpunkt, sondern ein Übergang, eine Chance. Wir sind im Werden.

Die Fragen stellte Reinhard Mawick

Hinweis: Am kommenden Aschermittwoch (18.2.) lesen Sie auf zz.net theologische Thesen von Prof. Gregor Etzelmüller (Osnabrück) zum Evangelischen Netzwerk im Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf.

 

Fußnoten:

¹ Die organisationssoziologische Perspektive orientiert sich u. a. an Frederic Laloux, Reinventing Organizations (2014), der Organisationsformen als Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungsstufen beschreibt.

² Der Ansatz reagiert auf eine Gegenwart, die der Zukunftsforscher Jamais Cascio als „BANI-Welt“ beschreibt (brittle, anxious, non-linear, incomprehensible).

³ Der Aufbau des Netzwerks erfolgte schrittweise: 2020 Synodenbeschluss zur Netzwerkorientierung; 2022 Gründung des Steuerungskreises „Evangelisch in Teltow-Zehlendorf“; 2024 Erweiterung um Krankenhaus und Hochschule; weitere Ausbaustufen sind geplant. Der Prozess wird u. a. durch Fördermittel der EKBO im Programm „Dritte Orte“ unterstützt.

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Johannes Krug

Johannes Krug (*1969), ist seit 2012 Superintendent im Kirchenkreis Zehlendorf. Zuvor war der promovierte Neutestamentler u.a. Pfarrer an der St. Marienkirche in Berlin-Mitte.

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