Jüngst hat Peter Sloterdijk nochmals daran erinnert: Philosophen von Rang haben als Denkhabitus durchaus das Poetische hofiert. „Alle Philosophen, die zu studieren sich lohnt, haben ihre poetischen Momente. Es gibt dieses berühmte Zwischenkapitel in der »Kritik der reinen Vernunft«, wo Kant plötzlich anfängt blumige Metaphern zu benutzen: die ‚Nebelbänke der Fiktion‘, die uns jenseitige ‚Länder‘ vorgaukeln, die es nicht gibt. Da wird er für eine Minute Dichter. Oder denken Sie an die berühmte Passage in Hegels Rechtsphilosophie: Die Eule der Minerva beginnt in der Abenddämmerung ihren Flug. Für einmal redet Hegel nicht vom Katheder aus, er äußert sich dichterisch. Er resümiert sein eigenes Werk in zwei, drei Sätzen. Er tritt aus dem System heraus und fliegt als Vogel der Weisheit über den eigenen Kopf. An solchen Stellen spürt man, dass auch in strengeren Formen des Philosophierens der poetische Ton nicht fehlen muss.“ Die Liste ließe sich leicht erweitern. Bekannt und berüchtigt ist Heideggers Schwäche für Hölderlin oder Celan, bekannt und berüchtigt sind seine etwas bedeutungsschweren Versuche, statt Gedichte Gedenke zu schreiben.
Überraschend auch das: In der Gedichtkunst sind die großen philosophischen Gesänge, die die Elemente feiern, zurück. Es gibt wieder Sänger und Sängerinnen. Homer hat neue, singkräftige Nachfahren. Das hat man lange nicht mehr lesend gehört. Eine Perle im poetischen Rosenkranz ist Johano Strassers Gedichtband über den Wind, weil Strasser – Philosoph, Soziologe, Übersetzer, Schriftsteller, Politiker – präzise verknappt am luftigen Element seine eigene und zugleich exemplarische Autobiographie einer Generation, nämlich der 68er, durchlüftet. Und ganz unprätentiös hält er, für einen gelernten Niederländer nicht ganz überraschend, auch Kontakt zu den Göttern, die er zunächst wehmütig ins Exil schickt :
„Ein Windstoß
Der durch die Baumkronen fährt
Verrät mir die Anwesenheit der Götter
Natürlich sind sie nicht meinetwegen hier
Sie sind auf der Durchreise
Auf dem Weg ins Exil
Ich werde mich bemühen, sie nicht zu stören
Bei ihren himmlischen Flüchtlingsgesprächen“ (30)
Nicht nur wir, wir Clan der aus dem Paradies, sind heimatlos geworden. Jetzt teilen die Götter unser Schicksal, zwar weiterhin unsterblich, aber unbehaust. Der Himmel scheint leer zu sein. Johano Strasser kennt als Vielreisender alle Energiegrade des Windes, anhebend mit dem Säuseln, sich aufblähend zum Sturm, weiß Bescheid über den sehr speziellen Hexenwind:
„Bei den Barmherzigen Schwestern springt er
Über den rostigen Schinkelzaun
Dreht ein paarKokette Pirouetten
Auf dem Kopfsteinpflaster und wisch!
Ist er weg der Hexenwind
Schwingt sich hinaus ins Lichtgewitter der Eichen.“ (6)
Verläßlich? Nein: Verlässlichkeit und Treue sind keine Eigenschaften des Windes. Der Wind bespielt nicht das Imaginäre des Festen und des Stabilen, bitteschön. Er ist beileibe kein schollenfester Erdling, sondern ein Luftikus
.„Es ist kein Verlaß auf den Luftikus
Als ich Kind war schlich er nachts ums Haus
Flüsterte mir
Durchs halboffene Fenster
Geschichten zu die eigentlich
(Aber woher hätte ich das wissen sollen?)
Nur für Erwachsene bestimmt waren
Er kitzelte mich mit einer Binse im Ohr
Wenn ich mich im winterfahlen Gras
Der BahndammböschungIn der Aprilsonne wärmte
Und einmal stieg er einer Lerche folgend
In den blaßblauen Himmel hinauf
Nur um sich von oben auf mich zu stürzen
Als wäre ich ihm
Als Beute versprochen“ (7)
Und gleichsam herrlich nebenbei verwebt Johano Strasser die Elemente Luft und Feuer, denn auch der Luftikus ist nur eine Figur im verspielten Geviert der Elemente
.„Es gibt Vollmondnächte
Da gefriert das Licht
Und fällt wie ein silbriger Vorhang vom Himmel
Die Überleitungen
In solchen Nächten
Sind wie die Saiten einer Harfe
Zwischen die ragenden Masten gespannt
Ihr cantus firmus erfüllt die Luft
Dringt bis ins warme Innere der Erde
Wo Meister Vulcanus
Für einen Moment seinen Schmiedehammer sinken läßt“ (7f.)
„die Gedanken
Aufscheucht daß sie wie ein Schwarm Stare
In meinem Kopf herumflattern“ (9)
Es ist der Wind, der „in meinem Kopf
Nach Verwertbarem stöbert“ (13)
Und auch das gilt: der Wind ist ein Charmeur, dem man nicht blind trauen darf, er kann betören und verführen, kann mir den Kopf verdrehen.
„Natürlich weiß er daß ich korrumpierbar bin
Der Zuträger
Wichtigtuer
Schmeichler der er ist
Er macht sich klein
Damit ich mich groß fühle“ (41)J
Johano Strasser fragt sich selbst angesichts des Windes:
„Bin ich ein Falke ein Sturm oder
Ein großer Gesang?“ (20)
Und er trainiert schreibend die Metaphysik des Schwebens, um der Erdenschwere zu entkommen:
„Ich mache mich leicht
Federleicht
Wenn jetzt noch ein günstiger Windstoß mir
Unter die Achseln führe
Fliegen wäre ein Kinderspiel“ (21)
Abheben ja, aber die Kunst der Landung ist das schwierigere Geschäft. Man kann sich schrecklich verfliegen und als Ikarist untergehen.Johano Strasser beklagt die zeitfressende Kommunikationshysterie seines politischen Frühlings, erinnert milde klagend die Sehnsüchte „Von den Luftgeschäften der Poesie“ (22) leben zu können.Er ruft ins Gedächtnis die längst ergraute Hoffnung aller dichtenden Kolleginnen und Kollegen
,„Daß ein lindes Lüftchen
Sie mitsamt ihren vergilbten Manuskripten
Auf den Parnaß transportieren würde“ (22)
Ziemlich präzise auf der Hälfte des Gedichts oder des Gesangs wandelt sich kurz die Tonlage, auch die 68er entdecken milde verspätet das Anthropozän. Leibniz hat recht, aber:
„Kein Zweifel: Diese Welt
Ist die beste aller denkbaren Welten
Ich bin ein Risikofaktor“ (23)
Es braucht mehrere poetische Felgaufschwünge um als Naturwesen mit der Natur seinen Frieden zu finden:
„Das große Einverständnis mit der Welt
Für einen kurzen Augenblick
Fühle auch ich mich
Glücklich verbunden mit allem was ist
Mit dem Gras
Mit den Bäumen dem Felsgestein
Mit Pflanzen und Tieren
Mit dem Wind
Und mit all den sich redlich bemühenden Menschen.
“Kurz nur ist dieses „große Einverständnis mit der Welt.“
„Aber warum ist mir als müßte ich
Weinen vor Glück?
Vielleicht weil dem Glück die Vergänglichkeit
Von allem Anfang an eingeschrieben?
Vielleicht weil das Glück in Wirklichkeit immer
Ein erinnertes ist?“ (35)
Immerhin führt ihn der Wind auf eine Lichtung:
„Der Himmel reißt auf
Ein Sonnenstrahl
Beleuchtet mein Armesündergesicht
Als hätten die Götter sich doch noch entschlossen
Mich vor allen Sterblichen auszuzeichnen
Als den der ich sein könnte wenn es mir endlich
Gelänge ein andrer zu sein.“
Im Gesang „Vielleicht eine Motette von Heinrich Schütz“ (43) wächst das Rettende, denn jetzt wird Dank adressiert. Der Dank, das Jubilieren, das Gotteslob, ist der Proviant für die Götter. „Lobe den Herrn, meine Seele“, so heißt es frühbarock bei Heinrich Schütz.
„Die Götter haben den Wald verlassen
Sind weitergezogen über die Grenze
Auf daß sie nicht verloren werden
Sondern das ewige Leben haben“ (43)
Der leere Himmel als Exil. Als best account.
Wenn es an der Zeit ist, sollte man den Göttern nachreisen. Der Wind wird helfen.
Literatur:
Johano Strasser: Der Wind. Ein Gedicht, Weitra 2025. Mit drei Bildern von Juschi Bannaski, die in ihrer feinen Dynamik synästhetisch mit dem Gedicht verwoben sind.
Gert Heidenreich: Das Meer. Altantischer Gesang, Weitra 2022.
Klaas Huizing
Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.