Bedürfnis nach Orientierung
zeitzeichen: Frau Ahrens, Sie haben mit Kooperationspartnern im Herbst 2022 7000 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr nach dem Stellenwert der Militärseelsorge befragt. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Ergebnisse der Studie, die nun vorgestellt wurde?
PETRA ANGELA-AHRENS: Im Zentrum steht die hohe Wertschätzung der Militärseelsorge in der Bundeswehr. Das hatten wir in diesem Ausmaß nicht erwartet. Die Zustimmungswerte bewegen sich um die 90 Prozent-Marke. Das gilt für die Präsenz der Militärseelsorge am Standort im so genannten Grundbetrieb ebenso wie im Einsatz der Soldat:innen und – last but not least – für die persönlichen Erfahrungen im Umgang mit den Seelsorger:innen selbst.
Welche Angebote der Militärseelsorge sind den Soldatinnen und Soldaten besonders wichtig?
PETRA ANGELA-AHRENS: Die Seelsorgegespräche und auch die Beratung. Deutlich stärker genutzt als vorab gedacht, werden Gottesdienste und Andachten. Ich gebe aber zu bedenken, dass zum Beispiel ein Gottesdienst während der Dienstzeit besucht werden kann, anders als im privaten Lebensumfeld. Dort ist die religiöse Praxis denn auch ausgesprochen gering.
Um welche Themen geht es in den Gesprächen und bei der Beratung?
PETRA ANGELA-AHRENS Vor allem berufsspezifische Sorgen spielen eine wichtige Rolle. Direkt danach folgen Partnerschaft, Familie und Kinder. An vorderster Stelle stehen Fragen zu existenziellen Themen wie Krankheit, Tod und Sterben, die gerade im Zusammenhang mit dem genauso hoch bewerteten Einsatz und seinen potenziellen Folgen hochkommen.
Hat es Sie erstaunt, dass die Militärseelsorge auch bei den Soldatinnen und Soldaten ohne konfessionelle Bindung und geringe Religiosität einen derart hohen Zustimmungswert bekommen hat?
PETRA ANGELA-AHRENS: Ja, die Zustimmungswerte liegen insgesamt bei 87 bis 93 Prozent. Die 93 Prozent beziehen sich auf die positive Bewertung der Begleitung im Auslandseinsatz. Das ist ein ungemein hoher Wert. Und es gibt nur geringe Unterschiede zwischen denen, die einer Konfession angehören oder sich einer Religion zugehörig fühlen und den so genannten Konfessionslosen. Sicher spielt dabei eine große Rolle, dass bei Beratungsgesprächen kein missionarischer Impetus an erster Stelle steht, sondern vielmehr das Eingehen auf die Bedürfnisse oder Probleme der Soldaten. Die größte Gruppe der Soldat:innen ist evangelischer oder katholischer Glaubensrichtung; 44 Prozent fühlen sich keiner Glaubensrichtung verbunden. Wobei es diesen Soldat:innen überwiegend gleichgültig ist, welcher Glaubensrichtung der/die Militärseelsorger:in angehört.
Wie erklären Sie sich diese breite Akzeptanz?
PETRA ANGELA-AHRENS: Es liegt am insgesamt überaus positiven Image der Militärseelsorge. Das ist auch dann der Fall, wenn die Soldat:innen selbst noch gar keinen Kontakt mit der Militärseelsorge hatten. Ein spannender Befund.
Wie hoch ist der Anteil der Menschen aus dem muslimischen Kulturkreis in der Bundeswehr? Und wie steht es um deren Religiosität?
PETRA ANGELA-AHRENS: Auch wenn es sich mit 1,7 Prozent um eine kleine Gruppe handelt: Die meisten sind ihrer Religion eng verbunden, und das ist ein großer Unterschied zu den anderen Gruppen. Zugleich nutzen sie die Militärseelsorge deutlich seltener, haben auch geringere Kontakte und Begegnungen mit ihr. Da stellt sich die Frage: Führt man das auf ihre muslimische Glaubensrichtung zurück oder darauf, dass sie deutlich jünger als die anderen Soldat:innen, damit auch eher in den unteren Dienstgradgruppen anzutreffen sind und schon deshalb noch nicht so viel Erfahrung mit der Militärseelsorge haben.
Gibt es noch einen weiteren Unterschied zu den anderen Religionen?
PETRA ANGELA-AHRENS: Ja, 71 Prozent der muslimischen Soldat:innen wünschen sich Seelsorger:innen der eigenen Glaubensrichtung. Genau darüber wird schon seit einiger Zeit diskutiert. Nun soll ein Pilotprojekt mit muslimischen Seelsorger:innen in der Bundeswehr gestartet werden. Allerdings bleibt es schwierig, einen Militärseelsorgevertrag zu schließen, da es keine klar festzulegenden Ansprechpartner dafür gibt.
Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht die institutionelle Unabhängigkeit der Militärseelsorge von der militärischen Hierarchie für das Vertrauen in sie und ihre Wirksamkeit?
PETRA ANGELA-AHRENS: Genau diese Unabhängigkeit ist eine wichtige Basis für dieses große Vertrauen der Soldat:innen. Die Militärseelsorger:innen sind in der Bundeswehr vor Ort fest verankert, aber trotzdem unabhängig. Das heißt, sie sind fester Bestandteil des Sozialraums Bundeswehr, ohne dass sie von Weisungen abhängig wären; denn sie arbeiten ja im Auftrag der Kirchen. An vorderster Stelle steht dabei auch die Schweigepflicht: Gespräche mit Militärseelsorger:innen werden unter vier Augen und Ohren geführt und dabei bleibt es auch.
Wenn die Militärseelsorge im Sozialraum verankert ist, kann man dann davon sprechen, dass sie ein Stück Kirche in der Lebenswelt ist?
PETRA ANGELA-AHRENS: Ja, in der Lebenswelt der Bundeswehr. Diese Sozialraumorientierung ist den Militärseelsorger:innen vom Auftrag her praktisch schon eingeschrieben, da ihr Wirken von vornherein auf die Bedürfnisse der Soldat:innen ausgerichtet ist. Und darin liegt auch ein bedeutender Unterschied zur Arbeit der Gemeinden im zivilen Leben, für die eine solche Orientierung in ihrem breit gefächerten Umfeld eine große Herausforderung bedeuten kann.
Zurück zu den Bedürfnissen von den Soldatinnen und Soldaten. Welche treten in den Ergebnissen der Studie deutlich hervor?
PETRA ANGELA-AHRENS: Insgesamt spielen die dienstbezogenen Probleme eine große Rolle. In diesem Zusammenhang werden die Seelsorger:innen besonders angefragt und als kompetent erlebt, auch weil sie mit den Soldat:innen vor Ort sind. Das ist gerade im Auslandseinsatz von hohem Stellenwert.
Worin unterscheidet sich denn die Seelsorge speziell im Auslandseinsatz von der im Inland?
PETRA ANGELA-AHRENS: Man kann sagen, dass Angebote wie Gottesdienste, Andachten oder Gedenkveranstaltungen im Einsatz noch stärker genutzt werden als im Grundbetrieb. Natürlich muss man auch sehen, dass es sich dabei um einen deutlich kleineren Sozialraum handelt, in dem man noch stärker aufeinander angewiesen ist. Das macht schon einen großen Unterschied.
Beeinflusst die Begegnung mit der Militärseelsorge die Einstellung der Soldatinnen und Soldaten zu Kirche, Religion oder Glauben?
PETRA ANGELA-AHRENS: Ja. Wenn es um die kirchlich-religiöse Nachhaltigkeit der Militärseelsorge geht, sagen zwar insgesamt 71 Prozent der Soldatinnen, dass die Militärseelsorge ihre Einstellung zu Religion, Glauben und Kirche nicht verändert hat. Das ändert sich jedoch, wenn es persönliche Kontakte gegeben hat.
Inwiefern?
PETRA ANGELA-AHRENS: Die Werte verschieben sich deutlich zugunsten einer positiven Einschätzung. Das heißt nicht unbedingt, dass die Soldat:innen deshalb auch religiöser werden, zumindest aber wird eine positive Veränderung der eigenen Sicht auf Religion, Glauben und Kirche wahrgenommen. Dass personale Kontakte von ungemein hoher Bedeutung sind, wissen wir aus der kirchensoziologischen Forschung.
Kann die Militärseelsorge Brücken bauen? Für die Einbindung in das Gemeindeleben im privaten Lebensumfeld?
PETRA ANGELA-AHRENS: Da wäre ich sehr vorsichtig, weil die größten Effekte für Veränderungen und Nachhaltigkeit sich wirklich in Bezug auf die Wahrnehmung der Militärseelsorge selbst zeigen. Die religiöse Sozialisation in Kindheit und Jugend spielt für die Einbindung in die Gemeinden vor Ort die deutlich größere Rolle.
Wo sehen Sie die Grenzen militärseelsorglichen Handelns?
PETRA ANGELA-AHRENS: Die sehe ich vor allem in der veränderten Lage angesichts der aktuellen Szenarien zur Landes- und Bündnisverteidigung, in der sich die Bundeswehr befindet. So ist der so genannte Aufwuchs der Soldat:innen geplant, der die Militärseelsorge vor neue Herausforderungen stellt. Da müssen z.um Beispiel Wege gefunden werden, gerade die Jüngeren noch besser zu erreichen. Die evangelische Militärseelsorge selbst fordert von der Politik ja auch eine Verstärkung der Seelsorger:innen.
Warum sind eine größere Erreichbarkeit und breitere Kontakte zu jüngeren Soldatinnen und Soldaten so wichtig?
PETRA ANGELA-AHRENS: Weil sie weniger Erfahrungen in der Bundeswehr und mit der Militärseelsorge haben. So haben wir festgestellt, dass die Wahrnehmung der Militärseelsorge bei den Soldat:innen stark mit dem jeweiligen Alter und dem Bildungsabschluss, und damit der Dienstgradgruppe zusammenhängt. Dieser Effekte zeigt sich auch bei allen anderen Themen, von der Lebenszufriedenheit und Religiosität bis zur Nutzung der Militärseelsorge und der Akzeptanz von innerer Führung, also dem Leitbild vom „Staatsbürger in Uniform“, der die freiheitlich-demokratische Grundordnung verteidigt.
Der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg hat bei der Vorstellung der Studie gesagt, dass die Ergebnisse kein Ruhekissen seien, sondern dass die Arbeit weitergehen müsse. Welche Konsequenzen ergeben sich aus Ihrer Studie für die zukünftige Ausgestaltung der Militärseelsorge?
PETRA ANGELA-AHRENS: Wie gesagt: Die Erreichbarkeit, gerade unter den jüngeren Soldatinnen muss verstärkt werden. Außerdem stellt sich die Frage, wie Alternativen organisiert werden, wenn Seelsorger:innen an den Standorten nicht immer verfügbar sind. Eine wichtige Rolle spielen dabei schon heute die Militärseelsorgeassistent:innen – früher hießen sie Pfarrhelfer –, die den Militarseelsorger:innen an den Standorten unterstützend zur Seite gestellt sind. Sie übernehmen zugleich auch wichtige Funktionen, vom Erstkontakt zu Soldat:innen bis hin zu Vertretungsaufgaben bei Abwesenheit der Militärseelsorgerinnen.
Felmberg fordert eine Aufstockung der evangelischen Militärseelsorger von derzeit 104 um 44 weitere.
PETRA ANGELA-AHRENS: Die hohe Nachfrage nach Präsenz der Militärseelsorge im Grundbetrieb und in der Begleitung im Einsatz ist, zumal angesichts der anstehenden Veränderungen, sicher eine der größten Herausforderungen, für die es eine Verstärkung braucht.
Wo sehen Sie Chancen für die Militärseelsorge?
PETRA ANGELA-AHRENS: Das Pfund der Militärseelsorge, mit dem sie wuchern kann, ist, dass sie den Bedürfnissen der Soldaten nach Orientierung und psychosozialer Begleitung nachkommt. Dies dokumentiert sich deutlich in der Seelsorge, aber auch im lebenskundlichen Unterricht, der als Gestaltungsfeld der Inneren Führung von den Militärseelsorger:innen durchgeführt und von den Soldat:innen hoch bewertet wird. Dies stärkt die gerade in Extremsituationen so wichtige individuelle moralische Urteilskraft,
Durch die religiöse Offenheit und den ethischen Bedarf kann man den Eindruck gewinnen, dass die Militärseelsorge auch bei fortschreitender Entkonfessionalisierung relativ anschlussfähig bleibt, oder?
PETRA ANGELA-AHRENS: Ja, deutlich. Unter den Soldat:innen selbst überwiegt zwar eine eher geringe religiöse Selbsteinschätzung. Das macht sich auch an Begriffen fest wie zum Beispiel religiös oder Gott. Dagegen grenzen sich viele klar ab. Wenn aber diese Begriffe nicht verwendet werden, sind auch die Abgrenzungen nicht mehr so deutlich, tritt bei vielen eine religiöse Offenheit zu Tage.
Was heißt das?
PETRA ANGELA-AHRENS: Ein Beispiel: In der Vorstudie haben sich Soldat:innen selbst erst einmal als Atheisten einsortiert. Auf Nachfrage holten diese aber dann ihre Glücksbringer und Talismane heraus, die sie bei sich tragen. In der repräsentativen Befragung haben wir deshalb eine Frage ergänzt, in der nach Talismanen, individuellen Ritualen und auch Tattoos gefragt wurde, die dem Schutz, der Bewahrung vor Unglück dienen sollen. Manche nennen es Aberglaube, aber es ist zumindest etwas, das über das Selbst hinausweist, etwas Quasi-Religiöses. Genau diese Aspekte spielen eine deutlich größere Rolle, als die institutionalisierte religiöse Praxis wie das Beten oder der Gottesdienstbesuch im privaten Lebensumfeld. Diese religiöse Offenheit sehen wir gerade unter den Jüngeren und auch bei denen, die keiner Glaubensrichtung zuneigen.
Das Gespräch führte Kathrin Jütte am 5. Februar 2026 per Videokonferenz.
Petra-Angela Ahrens
Petra-Angela Ahrens, Jahrgang 1958, war zuletzt Referentin für empirische Kirchen- und Religionssoziologie beim Sozialwissenschaftlichen Institut (SI) der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Hannover. Sie hat in Forschungskooperation mit dem Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam die Studie „Was kann und was leistet Militärseelsorge“ verantwortet.
Kathrin Jütte
Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.