Sexualisierte Gewalt ist auch in der evangelischen Kirche Realität – und ihre Aufarbeitung stößt noch immer auf Abwehr, Sprachlosigkeit und falsche Gewissheiten. Wie können Gemeinden lernen, Betroffenen wirklich zuzuhören? Die Theologin Nora Schmidt plädiert dafür, literarische Zeugnisse von Missbrauchsbetroffenen ernst zu nehmen – und sie als Einladung zur Selbstprüfung und Solidarität zu lesen.
Unsere Gegenwart prägt ein Phänomen, das Anlass gibt zu Dankbarkeit und Hoffnung: Betroffene von sexualisierter Gewalt sprechen öffentlich über die an ihnen verbrochenen Taten. Dies ist insofern bemerkenswert, als sexualisierte Gewalt in besonderer Weise mit gesellschaftlichen Tabus belegt ist und Betroffene neben den Erlebnissen selbst oft an verschiedenen sozialen Mechanismen der Verharmlosung, der Schuldumkehr oder zweiten Viktimisierung leiden.
Latent aggressive Reaktion
Die Aufdeckung von Taten sexualisierter Gewalt im Kontext der katholischen und evangelischen Kirche ist gegenwärtig ein zentrales Thema der kirchenbezogenen Medienberichterstattung und auch in der evangelischen Öffentlichkeit sehr präsent. Die Veröffentlichung der ForuM-Studie im Januar 2024 und die Beunruhigungsreaktionen hierauf fielen mit dem Beginn meines Gemeindevikariats zusammen. Das Thema hat in allen Bereichen der Vikariatsausbildung – im Predigerseminar, in der Gemeinde, bei Pfarrkonventen, im Austausch unter uns Vikar:innen und in der Klinischen Seelsorgeausbildung – eine Rolle gespielt, allerdings nicht immer eine konstruktive. Eine erste latent aggressive Reaktion auf die Studie verdichtete sich zunächst im Motiv des polizeilichen Führungszeugnisses. Eine der ersten Maßnahmen der Kirchenleitung war die Einforderung eines solchen Zeugnisses von den Kirchenmitarbeitenden, was einzelne Pfarrer als Generalverdächtigung auffassten und – statt über die Ergebnisse der ForuM-Studie – immer wieder über das Ärgernis dieser über sie verhängten Maßnahme sprachen. In einem Treffen regional vernetzter Gemeindeleitender erzählte ein Mitglied eines Gemeindekirchenrats, er habe einer Referentin des Kirchenkreises wegen dieser Anforderung eines Führungszeugnisses „den Krieg erklärt“. Wenn ich in anderen Kontexten, etwa im Predigerseminar oder in der Gemeinde, auf das Thema zu sprechen kam, hatte ich den Eindruck einer unerwünschten Störung. Üblicherweise hörte ich Hinweise auf den Umfang der Studie und die Traurigkeit ihres Inhalts. Zu meiner Arbeit sagte ein Gemeindeglied, das sei „kein schönes Thema“.
Trotz aller Kritik hat in den vergangenen Jahren ein Umdenken mit Blick auf den kirchlichen Umgang und die Kommunikation zu sexualisierter Gewalt durch Amtspersonen stattgefunden. Eine „Zäsur“ stellt die EKD-Synode von 2018 dar, in der erstmals die Notwendigkeit einer radikalen Selbstkritik der Institution Kirche formuliert wurde, statt das Problem zu bagatellisieren oder von der Kirche als durch die Missbrauchsvorwürfe geschädigter Institution zu sprechen. Eine Gegenüberstellung von „der Kirche“ und „den Betroffenen“ findet sich zwar weiterhin, doch sind Kirchenvertreter*innen erkennbar darum bemüht, diese sachlich unbegründbare und selbst viktimisierende Dichotomie zu entkräften. Opfer sexualisierter Gewalt sind nicht das Gegenüber einer Kirche, verstanden als vermeintlich homogene Gruppe von Gewalt nicht betroffener Menschen, sondern Bestandteil von Kirche, und die Prävention und Aufarbeitung sexualisierter Gewalt durch Vertreter der evangelischen Kirche ist deren Pflicht, kein gnädiger Akt der Barmherzigkeit.
In der katholischen und in der evangelischen Kirche sind es nicht allein von den Kirchen selbst in Auftrag gegebene (primär interviewbasierte) Forschungsprojekte wie ForuM und MHG, sondern auch die Erzählungen einzelner Betroffener, Filme und andere künstlerische beziehungsweise investigative Projekte, denen wir die geleistete Aufklärung und den begonnenen Perspektivwechsel innerhalb der Kirchen verdanken. Eine entscheidende Publikation war für mich der 2023 publizierte Band Entstellter Himmel (siehe Seite 19), in dem zehn Betroffene von sexualisierter Gewalt in unterschiedlichen Kontexten evangelischer Kirche erzählen.
Eine Autorin aus dem Band Entstellter Himmel bringt den sexuellen Missbrauch durch ihren Vater in einem einzigen Satz zur Sprache: „Mein Vater hat mich als Kleinkind sexuell missbraucht.“ Der Text verweilt anschließend nicht bei der Tatbeschreibung, sondern entfaltet die Folgen für Beziehungen, Körperwahrnehmung und Glauben. Die radikale Kürze dieses Satzes wirkt nicht verharmlosend, sondern markiert eine Grenze des Sagbaren – und verweist zugleich darauf, wie sehr das Erlebte das gesamte Leben prägt.
Ich wünsche mir, dass evangelische Gemeinden solche Berichte stärker wertschätzen und sie dazu nutzen, um konstruktiver über das Thema sprechen zu lernen. Hierfür mache ich in meiner Examensarbeit „Literarische Aspekte einzelner Berichte über sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche“ Vorschläge.
Um dem Ziel der Vertrauensfindung zwischen Menschen, die von sexualisierter Gewalt erzählen können, und Menschen, die dies (noch) nicht tun, sowie zu Menschen, die von solchen Erfahrungen bisher verschont geblieben sind, näherzukommen, kann es hilfreich sein, die Formen der Erzählungen mit zu berücksichtigen. Mit anderen Worten: sie als „literarische“ Texte zu lesen, die dem Lesenden Informationen nicht neutral übermitteln, sondern ihn oder sie in einen Auseinandersetzungsprozess einladen.
Zunächst erscheint es aber notwendig, die Barrieren, die beim Sprechen über Gewalt bestehen, als solche zu benennen und die in verschiedenen Fachdisziplinen erarbeiteten Ursachen hierfür vor Augen zu stellen: Die Ursachen für die kollektiven Abwehrmechanismen gegenüber Gewaltopfern sind mit Blick auf die Strafverfolgung gut erforscht. Ein Grund dafür, dass nur ein kleiner Teil von Sexualstraftaten (in Deutschland und international) strafrechtlich verfolgt wird, ist der „Einfluss von stereotypen Urteilsmustern und ‚Vergewaltigungsmythen‘“, die sich auf die Person des Opfers beziehen. Es geht hierbei um die Frage, ob dem Bericht eines Opfers geglaubt wird oder ob vermutet wird, dass die Tat möglicherweise durch dessen Verhalten mitverschuldet wurde. Im Zentrum steht die gesellschaftlich weit verbreitete Vorstellung von einer „echten Vergewaltigung“ (real rape). Eine solche bezeichnet die Vorstellung, dass eine Frau unter Gewaltanwendung von einem ihr unbekannten Täter vergewaltigt wird. Weicht die Tat in der Wirklichkeit von dieser Vorstellung ab, steigt die Bereitschaft bei direkt oder indirekt beteiligten Menschen, sie nicht als Vergewaltigung einzuordnen und stattdessen eine Mitschuld beim Opfer zu vermuten. Auch in der ForuM-Studie finden sich Beispiele für die gewaltverschleiernden Auswirkungen solcher „Mythen“, wie etwa die Vorstellung, dass sexualisierte Gewalt notwendig mit körperlicher Gewalt einhergehen müsse oder dass Menschen ab der Volljährigkeit sich immer wehren könnten.
Wie fragmentiert traumatische Erinnerung sein kann, zeigt eine weitere Autorin aus Entstellter Himmel. Sie beschreibt einen sexuellen Übergriff mit den Worten: „Was dann passierte, weiß ich nicht. Bis heute ist da alles schwarz, nur schwarz, und diese alles verdeckende SCHWÄRZE lässt sich nicht auflösen.“ Die typografische Hervorhebung des Wortes SCHWÄRZE markiert eine Leerstelle, die sich weder erinnern noch erzählen lässt – und macht gerade dadurch das Ausmaß des Erlebten sichtbar.
Besondere Vulnerabilität
Die gesellschaftlichen Abwehrmechanismen gegen Gewalt haben eine Rückseite in den Wahrnehmungen und Möglichkeiten von Menschen, die mit Traumafolgen leben. „Die Zerstörung von Beziehungen ist kein Sekundäreffekt des Traumas, wie man ursprünglich glaubte“, so die vielfach zitierte Aussage der Pionierin der Psychotrauma-Forschung Judith Herman. „Traumatische Ereignisse wirken sich nicht nur direkt auf die psychischen Strukturen aus, sondern ebenso auf Bindungen und Wertvorstellungen, die den Einzelnen mit der Gemeinschaft verknüpfen.“
In der ForuM-Studie berichten mehrere Betroffene, gerade aufgrund von besonderer sozialer Vulnerabilität Zugang zu den Angeboten der evangelischen Kirche gesucht zu haben, in der Hoffnung, hier verlässliche Bindungserfahrungen zu machen. Mehrere Betroffene berichten allerdings, dass im Elternhaus erlebte Vernachlässigung, Trennungen, Gewalt, Selbstwertverletzungen und damit einhergehende gesteigerte Bedürfnisse nach Bestätigung und Orientierung schließlich sogar Einfalltor für Missbrauch in der Kirche waren. Die besondere Vulnerabilität führte – neben verschiedenen anderen Faktoren – dazu, dass die Betroffenen sich nicht wehren oder den Missbrauch erkennen und anklagen konnten. Einer besonders drastischen Form der sozialen Vulnerabilität sind die Kinder und Jugendlichen ausgesetzt, die in Heimen sexualisierte Gewalt erlebt haben. Viele Betroffene erzählen von einem bleibenden Gefühl der Unzugehörigkeit zur „normalen“ Gesellschaft, dem Eindruck, keine Rechte zu haben, dauerhaft ausgegrenzt oder übersehen zu werden. Das Empfinden von Unzugehörigkeit und Unverbundenheit verbindet sich mit den gesellschaftlichen Mechanismen der Gewaltabwehr zu einem doppelten Verständigungshemmnis.
Gerade aufgrund dieser fatalen Mechanismen sind Bücher, in denen Betroffene von ihren Erlebnissen erzählen, unendlich wertvoll, auch um die Kommunikation zum Thema sexualisierte Gewalt in Gemeinden oder der evangelischen Öffentlichkeit zu erleichtern. Die der Öffentlichkeit anvertrauten Texte bieten die Möglichkeit der langsamen Annäherung und achtsamen Beobachtung eigener Abwehrreaktionen. Sie ermöglichen die Fragen: Wo trage ich mich selbst in die Berichte ein? Wie fühle ich mich angesprochen? Spüre ich Misstrauen, Scham, Erregung oder Angst? Oder aber Ermutigung, Bestätigung, Dankbarkeit oder Trost? Welche Rolle spielen meine eigenen Erfahrungen und Beziehungen zu Kirche, Sexualität und Gewalt?
Für Theologinnen und Theologen sind diese Vorüberlegungen alles andere als neu. Es war eine Einsicht der literarischen Hermeneutik Hans-Georg Gadamers, dass es kein vorurteilsloses Lesen geben kann und ein Bewusstwerden der eigenen Annahmen, Standpunkte und Vorerfahrungen auf Seiten eines Lesers daher zum Verstehen von Texten notwendig dazu gehört. Dies gilt umso mehr für die Annäherung an Gewaltnarrative, insofern wir den beschriebenen Mechanismen der Abwehr und starken Affizierung durch das Gewaltwissen Rechnung tragen.
Spezifische Darstellung
Berichte über sexualisierte Gewalt als literarische Texte zu lesen, muss auch bedeuten, von den Literaturwissenschaften zu lernen. Die erste (entlastende) Einsicht kann darin bestehen, wahrzunehmen, dass diese Texte niemals „alles“ über die Personen erzählen, die sie geschrieben haben, sondern eine sprachlich verdichtete, selektive Darstellung von Ereignissen wiedergeben. Die Berichte über sexualisierte Gewalt sind nicht literarisch in dem Sinne, dass sie fiktiv wären oder unterhalten sollten. Aber sie beinhalten durchaus erzählerische Elemente: Sie selektieren, stellen Zeit und Dauer erzählter Ereignisse spezifisch dar, adressieren den Leser direkt oder indirekt und lassen eine Haltung zum Erzählten erkennen. Die Instanz, die diese Prozesse im Text koordiniert, nennen Literaturwissenschaftler den Erzähler. Dieser ist nicht identisch mit der textexternen Person des Autors.
Diese literarische Dimension wird besonders deutlich im Beitrag eines dritten Autors aus Entstellter Himmel. Er montiert Brieffragmente des Täters aus der Zeit nach der Offenlegung der Taten. In den scheinbar harmlosen Anreden, religiösen Belehrungen und Schuldumkehrungen setzt sich die Gewalt fort – nicht als körperlicher Übergriff, sondern als sprachliche Grenzverletzung. Die Täterstimme bleibt unkommentiert und macht gerade dadurch Mechanismen der Manipulation erfahrbar.
Durch die Lektüre von Berichten über sexualisierte Gewalt erfahren wir durchaus viel über gewaltfördernde und -erhaltende Strukturen an kirchlichen Orten. In erster Linie aber erfahren wir viel über das Erleben von Menschen mit Gewalterfahrungen und über die Folgen, die diese für Beziehungen, für Selbstbild und für den Glauben hinterlassen. Aber wir kommen den Autorinnen und Autoren durch das Lesen ihrer Texte eigentlich nicht näher, sondern „nur“ den Erzählfiguren, die sie geschaffen haben.
Auf diese vermittelte Weise werden wir als angesprochene Leserinnen Zeugen der Betroffenen, allerdings sind wir Zeugen ohne detektivischen Auftrag. Wir dürfen den Erzählern tatsächlich „alles“ glauben, ohne zwingend nach einer „Wahrheit“ abseits der Texte zu fahnden, und werden uns durch loyale Zeugenschaft auch nicht in kollegiale oder kirchenrechtliche Dilemmasituationen manövrieren. Im Gegenteil: Wir sollten diese Berichte nutzen, um uns umfassender und detaillierter zu informieren und uns innerlich zu solidarisieren. Hierzu geben die Berichte jedem einzelnen interessierten Kirchenmitglied die Gelegenheit, gerade weil sie – im langsamen Medium der Schrift – keine direkten Reaktionen erfordern. Es gibt keine Verpflichtung zu Betroffenheit oder einem anderen Affekt. Nicht jede Erzählung ist ein Handlungsauftrag an die Kirche. Es ist bereits ein großer Schritt, wenn sich achtsame und aufmerksame Leserinnen finden, die bereit sind, den Autorinnen und Autoren „aufs Wort“ zu glauben, wie wir dies mit unseren Mitmenschen in Seelsorge- oder Alltagssituationen in der Regel tun. Die Leseerfahrungen, das erworbene Wissen und die erfahrene Selbstreflexion werden auch der Kommunikation über das tabubesetzte Thema zugutekommen. Durch den Vertrauensvorschuss der Autorinnen und Autoren haben wir die Gelegenheit, an einem sukzessiven Abbau erlernter Abwehrmechanismen und affektiver Scheuklappen der Scham, Schuld und Angst mitzuarbeiten und uns neu miteinander und uns selbst zu verbinden.
Literatur
Christiane Lange/Andreas Stahl/Erika Kerstner (Hg.): Entstellter Himmel – Berichte über sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2023, 240 Seiten, Euro 26,–.
Information
Die Examensarbeit der Autorin können sie hier herunterladen:
Literarische Aspekte Berichte sexualisierte Gewalt Nora Schmidt | zeitzeichen.net