Der Narr von Weimar
Er galt als enfant terrible in der klassischen Weimarer Gesellschaft. Der satirische Schriftsteller und Dichter Johann Daniel Falk. Nach den Napoleonischen Kriegen änderte er sein Leben drastisch. Aus dem Satiriker wurde ein „praktischer Christ“ und der „Urvater der Inneren Mission“. Am 14. Februar jährt sich zum 200. Mal der Todestag des „Johannes von der Ostsee“, den man vor allem als Dichter eines populären Liedtextes kennt
„Ein Jahr länger Fröhlichkeit“ titelte vor zehn Jahren die Frankfurter Allgemeine Zeitung kurz vor dem Weihnachtsfest. Durch eine kleine Meldung hatte der Falk-Verein in Weimar mit seinem rührigen Vorsitzenden Paul Andreas Freyer eine große Medien-Resonanz erzielt. Laut Überlieferung soll Johann Daniel Falk (1768-1826) „O du fröhliche“ 1816 geschrieben haben. So steht es auch in den Gesangbüchern. Doch Freyer ist überzeugt, dass das beliebte Weihnachtslied bereits 1815 gedichtet worden sein musste.
Der MDR-Redakteur stützt sich bei seiner Annahme auf den Kirchenhistoriker und früheren Chefredakteur der Mitteldeutschen Kirchenzeitung „Glaube+Heimat“, Herbert von Hintzenstern. Der erklärte 1994 im literarischen Journal „Palmbaum“, wie es zu den Versen kam: „Den Text zu dem bekannten Weihnachtslied schrieb Falk, als er sich in der Adventszeit 1815 überlegte, wie er mit den vielen Kriegswaisen, die er bei den Handwerkern durch die ‚Gesellschaft der Freunde in der Not‘ seit 1813 ausbilden ließ, Weihnachten feiern könnte.“ Falk nahm sich bei den Freudenrufen Anleihen aus Goethes Singspiel „Claudine von Villa Bella“. Der Chor wiederholt dort mehrfach: „Fröhlicher, seliger, herrlicher Tag!“ Die Melodie, so von Hintzenstern, stammt aus Herders Volksliedersammlung und gehört zu dem sizilianischen Fischerlied „O sanctissima, o piissima, dulcis virgo Maria“. Der Schriftsteller Falk, der seit 1797 in Weimar lebte, gab selbst 1825 eine Neuausgabe der Volksliedersammlung heraus.
Ein Lied für drei Feiertage
Ab 1816 mussten die Zöglinge Falks „O du fröhliche“ auswendig können. Deshalb ist sich der Vorsitzende des Falk-Vereins sicher: „Wenn Falk das Allerdreifeiertagslied schon 1816 hat auswendig lernen lassen, wird er es wohl bereits 1815 geschrieben haben.“ Alldreifeiertagslied deshalb, weil Falk ursprünglich neben der Weihnachtszeit auch der Oster- und Pfingstenzeit einen Vers gewidmet hat. Damit wollte er den Kindern und Jugendlichen die kirchlichen Feiertage nahebringen. Dass im Gesangbuch drei Weihnachtsstrophen stehen, geht auf den Falk-Mitarbeiter Heinrich Holzschuher zurück. Er hospitierte 1823 am Weimarer Lutherhof bei Falk, der sein großes Vorbild wurde. 1825 gründete Holzschuher in Kulmbach eine Unterrichts- und Lehranstalt für „jugendliche Verbrecher“. Den zweiten und den dritten Vers, der „O du fröhliche“ zum reinen Weihnachtslied macht, dichtete er nach Falks Tod.
Holzschuher war nicht der Einzige, der die Waisenhaus-Idee weitertrug. Auch das von Johann Hinrich Wichern 1833 in Hamburg gegründete „Rauhe Haus“ geht auf die sozialpädagogischen Vorstellungen Falks zurück. Friedrich Fröbel, der als Begründer des Kindergartens gilt, verdankt seinen pädagogischen Ansatz dem Weimarer Sozialreformer. Er stellte Spiel, Kreativität und Selbstständigkeit in den Mittelpunkt und revolutionierte somit die frühkindliche Bildung.
Goethe war verärgert
Wer war dieser Falk und was wollte er? „Johannes von der Ostsee“ wuchs in Danzig als Sohn eines Perückenmachers in ärmlichen Verhältnissen auf. Sein Leben schien vorgezeichnet. Doch er rang seinem Vater ab, das Gymnasium besuchen zu dürfen. Dort tat er sich als außergewöhnlich begabter Schüler hervor, so dass die Danziger Ratsherren ihm ein Stipendium gewährten. Lehrer und ein einflussreicher Pfarrer hatten seine sprachliche Begabung und seinen wachen, kritischen Verstand erkannt und empfahlen dem Rat das Theologiestudium in Halle/Saale. Falk sollte später als gebildeter Pfarrer in den Dienst seiner Heimatstadt zurückkehren.
Doch daraus wurde nichts. Falk brach das Studium ab und wandte sich der Literatur und der publizistischen Arbeit zu. Er profilierte sich als freier Schriftsteller und Journalist zunächst in Halle, bald darauf auf Empfehlung Christoph Martin Wielands in Weimar. Dort trat er in den Kreis um Goethe und Herder ein. Seine politisch-ironische Satire trug ihm Anerkennung, aber auch Feindschaft ein. Mit dem Puppenspiel „Die Prinzessin mit dem Schweinerüssel“ brachte er den Hof und auch sein großes Vorbild Goethe gegen sich auf, die sich darin stark persifliert dargestellt fanden. Das Stück durfte nicht mehr öffentlich aufgeführt werden. Falk ließ sich nicht beirren und ließ das damalige Theaterleben und den Intendanten Goethe eben vom Fenster seiner Wohnung am Markt aus aufs Korn nehmen.
Wende im Leben
Falks Mutter stammte aus einer französisch-calvinistischen Familie, und auch sein Großvater mütterlicherseits war Franzose. Er wuchs zweisprachig auf. So konnte Falk während der französischen Besatzung nach der Schlacht bei Jena 1806 als Dolmetscher und Vermittler zwischen Militär und Bevölkerung wirken. Mit seinem diplomatischen Geschick bewahrte er Weimar vor der Plünderung. Dafür wurde er 1807 zum weimarischen Legationsrat ernannt. 1824 erhielt er das Bürgerrecht und wurde damit zum zweiten Ehrenbürger der Stadt.
Die entscheidende Wendung seines Lebens vollzog sich bereits 1813, als vier seiner zehn Kinder an Typhus starben und er selbst schwer erkrankte. Hinzu kam das Elend der Verwahrlosung und Obdachlosigkeit vieler Kinder als Folge der Napoleonischen Kriege. Seine tiefe Trauer und Resignation formulierte er so: „Oh mein Gott! So schickst du uns die fremden Kinder, die wir so gerne aufnehmen, unablässig ins Haus, und die eigenen nimmst du uns!“ Er ergänzte: „Herr, dein Wille geschehe!“ Falk gründete zusammen mit dem Stiftsprediger Karl Friedrich Horn den Mäzenatenverein „Gesellschaft der Freunde in der Not“. Im Lutherhof nahm er Waisen und heimatlose Jugendliche auf, versorgte sie und kümmerte sich bei Handwerksmeistern um ihre Ausbildung. In seiner Sonntagsschule unterwies er die Zöglinge in Lesen, Schreiben, Rechnen und in Glaubensdingen. Zur Vermittlung der hohen kirchlichen Feiertage dichtete er das Drei-Feiertags-Lied „O du fröhliche“. Die bahnbrechende Erziehungseinrichtung kann als die erste Berufsschule betrachtet werden. Falk setzte auf eine gewaltfreie, familienähnliche Erziehung ohne Prügelstrafe, verband religiöse Bildung mit beruflicher Qualifizierung und schuf damit ein Modell bürgerlicher Sozialpädagogik, das europaweit Vorbild wurde und ihn zum „Urvater der Inneren Mission“ werden ließ.
Hilfreich handeln
Falk sparte nicht mit Kirchenkritik. Sein Verständnis von praktischem Christsein sorgte bei der damaligen Pfarrerschaft mindestens für Stirnrunzeln. „Die Predigt ist keine Tat, aber die Tat ist eine Predigt“, fasst er sein diakonisches Verständnis zusammen. Christliche Nächstenliebe anstatt bloßer Frömmigkeit. Reden allein genügte ihm nicht. Die wahre Verkündigung sah er im hilfreichen Handeln in der Not anderer. Dieses Prinzip sollte später die diakonische Arbeit der Inneren Mission prägen.
Johannes Falk gehört Weimarer Klassikern der zweiten Reihe an. Nach 1989 schien sein Erbe in Vergessenheit zu geraten. Das änderte sich im Vorfeld des europäischen Kulturstadtjahres. Kurz nach der Gründung des „Johannes-Falk-Vereins – Gesellschaft der Freunde in der Not“ wurde der „Falk-Plan“ auf den Weg gebracht, der im Kulturstadtjahr den Satiriker, Schriftsteller und Sozialreformer wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken sollte. 1999 feierte der Einakter „Der Narr von Weimar“ Uraufführung. Darin treffen sich der Geheimrat Goethe und der Legationsrat Falk zum Gespräch über Gott und Welt. Nach 200 Jahren erlebte das Puppenspiel „Die Prinzessin mit dem Schweinerüssel“ eine Wiederaufführung am Markt vom Balkon des Hotels „Elephant“.
Kleinstes Museum
Heute hat der Falk-Verein sein Domizil im Lutherhof. Das einstige Falk’sche Rettungshaus beherbergt das kleinste Museum der Klassikerstadt. Drei Säulen bestimmen die Vereinsarbeit: die Bewahrung des Erbes, die Unterstützung sozialer Projekte, Bildungsarbeit und kulturelle Aktivitäten. Neben dem Open-Air-Gottesdienst beim größten Stadtfest Thüringens, dem Zwiebelmarkt, und „Weihnachten bei Sophie“, einer Einladung zu einer Feier am Heiligen Abend mit Festessen, „O du fröhliche“ und Bescherung, unterstützen die Mitglieder des Vereins Urlaubsprogramme für Kinder aus sozial benachteiligten Familien.
Johann Daniel Falk verstarb am 14. Februar 1826 an einer Blutvergiftung. Die Inschrift des Grabsteins auf dem Historischen Friedhof in Weimar lautet: „UNTER DIESEN GRUENEN LINDEN IST DURCH CHRISTUS FREI VON SUENDEN, HERR IOHANNES FALK ZU FINDEN. KINDER DIE AUS DEUTSCHEN STAEDTEN DIESEN STILLEN ORT BETRETEN, SOLLEN FLEISSIG FUER IHN BETEN: EW'GER VATER DIR BEFEHLE ICH DES VATERS ARME SEELE HIER IN DUNKLER GRABESHOEHLE! WEIL ER KINDER ANGENOMMEN, LASS IHN EINST ZU ALLEN FROMMEN ALS DEIN KIND AUCH ZU DIR KOMMEN. GEB. DEN 28TEN OCT. 1768. GEST. DEN 14TEN FEB. 1826.“
Willi Wild
Willi Wild ist Chefredakteur der evangelischen Wochenzeitung "Glaube und Heimat".