Doch kein Nullum

In Stuttgart ging nach drei Tagen die letzte Runde des sechsjährigen Reformprojekts „Synodaler Weg“ der katholischen Kirche Deutschlands zu Ende.
In einem großen Konferenzsaal mit Kristallleuchtern trifft sich eine Versammlung der katholischen Kirche in Deutschland.
epd
Die sechste und letzte Synodalversammlung des Reformprojekts Synodaler Weg der katholischen Kirche in Deutschland tagte in einer ehemaligen Reithalle in Stuttgart.

Er könnte weltweit ein Beispiel geben: Nach sechs Jahren hat der große Reformprozess der katholischen Kirche in Deutschland, der „Synodale Weg“, mit einer dreitägigen Synodalversammlung in Stuttgart sein Ende gefunden. Nun soll eine Synodalkonferenz etabliert werden, die zukünftig die Geschicke der Kirche Roms hierzulande mitbestimmen soll – wenn Rom zustimmt. Eine Analyse von zeitzeichen-Redakteur Philipp Gessler.

Nach sechs Jahren Arbeit, Einsatz und Mühe, fast ganz am Ende, ja wortwörtlich in den letzten Minuten dieses so langen Weges, verlor Kardinal Reinhard Marx kurz die Nerven. Der Erzbischof von München saß, mittlerweile durch einen Stock zusätzlich abgestützt, in einer der Tischreihen der letzten Synodalversammlung des Reformprojekts Synodaler Weg der hiesigen katholischen Kirche, ein Gesprächsmarathon, den er selbst vor Jahren angestoßen hatte. In einem Stuttgarter Konferenzsaal schimpfte der Erzbischof nach drei Tagen der vielen Worte und Gebete aus dem Nichts los: So eine deutschlandweite „Oberinstanz“, die in seinem Bistum hineinregieren wolle, „das will ich nicht“, polterte der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, „ich bin dagegen.“ Das sei doch genau so ein Gremium, das der Vatikan in Rom nie gewollt habe. „So geht es nicht!“

Der Ausbruch tat dem leidenschaftlichen Oberhirten von der Isar später sichtlich leid. Bei der Verabschiedung der rund 220 Synodalen am Samstagmittag sagte er, das jahrelange Reformprojekt habe eben auch ihn „gerüttelt und geschüttelt“. Aber es gab in den letzten Wortmeldungen der Synodalversammlung in der baden-württembergischen Landeshauptstadt dann doch aus der Synodalrunde so viele beruhigende Versicherungen in Richtung Marx und ähnlich Zweifelnder, das der Münchner Kardinal schließlich bei seinen Abschiedsworten nur noch strahlte und lachte: Es war nach so vielen Jahren der Mühe und der vielen, vielen Worte am Ende tatsächlich etwas Außergewöhnliches gelungen, nämlich ein Aufbruch der römisch-katholischen Kirche Deutschlands zu mehr Reform, Mitbestimmung und Transparenz. Zumindest auf dem Papier.

Auf Dauer stellen

Denn die Reformen des großen Projekts mit dem Namen Synodaler Weg müssen noch zwei entscheidende Hürden nehmen: Es gibt zum einen die meist klugen und theologisch anspruchsvollen Papiere, die seit 2020 in mühsamen Redigier- und Abstimmungsprozessen erarbeitet wurden, nämlich vor allem und im Kern zur Mitbestimmung der Nicht-Priester („Laien“) in der Kirche, zum Zölibat, zur katholischen Sexualmoral und zu einer größeren Beteiligung von Frauen in der Kirche Roms. Zum zweiten aber gibt es ein neues Gremium, das die Fortschritte des Reformprojekts Synodaler Weg strukturell auf Dauer stellen soll. Es ist eine geplante „Synodalkonferenz“, bestehend aus Bischöfen und Laien, mit der ab Herbst dieses Jahres große Entscheidungen der deutschen katholischen Kirche besprochen und vorbereitet werden sollen – ohne dass dabei in die Autonomie der Bistümer und Bischöfe eingegriffen wird, so das Versprechen. Das Vorhaben kommt der Quadratur des Kreises nahe, ist jedenfalls sehr ambitioniert, weil es tatsächlich ein synodales, halb-demokratisches Element in die eigentlich hierarchisch verfasste Kirche Deutschlands einfügt.

Die Synodalkonferenz ist mit mehr als der nötigen Zwei-Drittel-Mehrheit sowohl der deutschen Bischöfe wie der Laien in einem Vorbereitungsgremium (dem „Synodalen Ausschuss“) im vergangenen Herbst verabschiedet worden. Auch die Synodalversammlung in Stuttgart hat die Installation der Synodalkonferenz noch einmal bekräftigt, ihm eine Satzung gegeben und unter anderem festgelegt, wie dieses Gremium personell bestückt werden soll. Was aber noch aussteht, ist die Anerkennung der Synodalkonferenz durch die deutschen katholischen Bischöfe, die sich zu ihrer Frühjahrsvollversammlung Ende dieses Monats in Würzburg treffen werden. Außerdem fehlt noch das Okay des Vatikans aus Rom, genauer des Papstes, in schönem Kirchenlatein „Recognitio“ genannt. Erst wenn beide Hürden genommen wurden, hat sich die Struktur der katholischen Kirchen hierzulande wirklich geändert, ist ein Stück „Synodalität“ an höchster Stelle tatsächlich etabliert worden.

Nach deutschem Vorbild

Das Ganze gewinnt zugleich dadurch an Brisanz, dass die rund 20 Millionen deutschen Katholikinnen und Katholiken mit diesem Gremium weltweit beispielgebend werden könnten. Papst Franziskus hatte ja als Vorgänger des gegenwärtigen Papstes Leo XIV. das Prinzip der Synodalität als Zukunftskonzept der Weltkirche mit ihren rund 1,2 Milliarden Mitgliedern vorgegeben. Wenn also die deutsche Synodalkonferenz von Rom akzeptiert würde und die Ortskirchen anderer Länder nach dem deutschen Vorbild ähnliche Strukturreformen und Gremien etablieren würden, würde in der rund 2.000-jährigen Geschichte der katholischen Kirche etwas Ungeheuerliches geschehen: Die Macht der Bischöfe und ihrer Zentrale in Rom würde beschnitten zugunsten einer größeren Beteiligung der Laien, theologisch gesprochen: des Kirchenvolks. Die katholische Weltkirche würde, ähnlich den Kirchen der Reformation, ein wichtiges basisdemokratisches Element erhalten.

Da dies keine Kleinigkeit ist, wurde in den vergangenen sechs Jahren vor und hinter den Kulissen verbissen um den Synodalen Weg in Deutschland gerungen, zwischen Oder und Rhein, aber auch am Tiber. „Wer hat die Macht?“ beziehungsweise „Wie viel Macht müssen die Bischöfe abgeben?“ – das waren im Kern die Fragen, um die mit harten Bandagen gekämpft wurden, mit fairen und unfairen Mitteln. Der Ausgang dieses Ringens ist noch unklar, es kann nach vorn, aber auch nach hinten gehen.

Den Wurf gewagt

Der Synodale Weg ist von seinen Gegnern in den vergangenen sechs Jahren oft diskreditiert worden, als Schwatzbude, kirchenrechtliches „Nullum“ oder uninspiriertes Pseudoparlament. Aber er hat einen großen Wurf gewagt, der im Einklang mit dem Kirchenrecht die massiven gegenwärtigen Probleme des Katholizismus nicht nur in Deutschland anpackt und versucht, dafür Lösungen zu finden, die in der Gegenwart und Zukunft tragen sollen. Sollte das alles am Ende hinter den Hoffnungen und Erwartungen zurückbleiben, wird niemand gewonnen haben.

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