„Tod dem Diktator!“
Über eine Evangelische Gemeinde in Deutschland hat zeitzeichen einen Text einer im Iran lebenden Schriftstellerin erhalten, mit der diese Gemeinde seit einiger Zeit im direkten Austausch steht. Die hier zu ihrem eigenen Schutz anonymisierte Autorin schildert in schockierenden Sätzen den mutigen Aufstand gegen das diktatorische Regime im Iran und die äußerst brutale Unterdrückung der Freiheitsbewegung durch die Mullahs und ihre Handlanger. Wir haben den Text leicht gekürzt.
„Großes Volk des Irans,
heute habt ihr Großes vollbracht und einen historischen Tag geschaffen.
Diese gewaltigen Versammlungen, erfüllt von unerschütterlicher Entschlossenheit,
haben die Pläne ausländischer Feinde, die durch innere Agenten umgesetzt werden sollten, zunichtegemacht. Das große iranische Volk hat seine Stärke, seinen Willen und seine Identität den Feinden gezeigt. Dies war eine Warnung an die amerikanischen Politiker, ihre Täuschungen einzustellen und sich nicht auf verräterische Agenten zu verlassen. Das iranische Volk ist stark, mächtig, wachsam und kennt seine Feinde – und ist zu jeder Zeit präsent.
Möge Allahs Barmherzigkeit auf euch herabkommen.“
— Seyyed Ali Chamenei, 12. Januar 2026
Diese Nachricht wurde an alle Menschen im Iran verschickt, in einem Moment, in dem wir nicht einmal imstande waren, unseren eigenen Familien eine SMS zu senden. Die Telefonleitungen waren gekappt. Die Mobiltelefone stumm. Kein Internet. Kein Inlandsanruf. Keine Verbindung irgendeiner Art. Unsere Handies lagen tagelang unberührt da, mit über achtzig Prozent Akku – als wären selbst sie von der Welt abgeschnitten.
Ich hatte das Gefühl, ich müsste barfuß in die Wüste laufen und die Büsche zu dem Wort HELP legen und sie anzünden, damit vielleicht jemand unseren Hilferuf vom Himmel aus sehen könnte.
Ihr altes Spiel
Was Ajatollah Chamenei mit dieser Botschaft sagen wollte, war klar:
Dass ihr altes Spiel – dieses immer gleiche Ritual angesichts der Volksaufstände – noch funktioniere. Aber, Ajatollah, wir wussten Bescheid. Wir haben es mit eigenen Augen gesehen: Nach drei Tagen gnadenlosen Mordens an jenen Menschen, die du „innere Söldner“ nennst, wie ihr die Straßen abriegeltet, wie ihr – wie immer – U-Bahn und Busse kostenlos fahren ließt für eure bezahlten Statisten, um unsere Augen zu blenden. Ja. Du hast unsere Augen geblendet – bis zur Blindheit der Mädchen und Frauen, deren Augen auf euren Befehl hin aus ihren Höhlen gerissen wurden.
Aber hast du die Stimme jener Mutter gehört, die über dem Körper ihres Kindes schrie: „Chamenei, du hast mein Kind getötet – nun herrsche!“
Für uns, die „inneren Söldner“, war immer alles haram: Liebe. Freude. Leben. Wie ist es möglich, von neunzig Millionen Menschen mindestens achtzig Millionen zu „fremden Agenten“ zu erklären? Ach, meine Brüder und Schwestern, meine angeblichen Söldner. Ach, ihr ehrlichen Arbeiter meines Landes. Wie soll ich vergessen, was ich in jenen drei schwarzen Tagen gesehen und gehört habe?
….
Ihr Brüder und Schwestern, die ihr Iran verlassen habt, aber deren Herz dort geblieben ist:
Straße um Straße
Am 7. Januar 2026, als ich die Straßenecke erreichte, sah ich mit eigenen Augen die viel beschworene Apokalypse. Straße um Straße war ein Schützengraben. Eine gebeugte alte Frau griff mit einer Gabel den Henker an. Ich sagte: „Mutter, geh nach Hause.“ Sie zog mich in die Menge und sagte: „In der Revolution Frau, Leben, Freiheit haben sie meiner Tochter die Augen genommen. Bin ich keine Frau, um nicht einem der Revolutionsgardisten die Augen auszustechen und dann heimzugehen?“ Sie hob die Gabel wie ein Maschinengewehr und schrie: "Tod dem Diktator!"
Straße um Straße brannte. Junge Männer rissen die Busspuren auf und bauten Barrikaden, während sie sich bei den Frauen entschuldigten, für die Wege, die ihnen so schwer gemacht wurden. Ich sah mit eigenen Augen einen sechzehnjährigen Jungen, der seine Brust vor das Herz eines obdachlosen Müllsammlers hielt, während er ihn mit schwachen Lippen „Vater“ nannte. Busse brannten. Ein Krankenwagen, dessen Türen heruntergerissen wurden, eröffnete das Feuer auf die Menschen. Ein Basidschi [Miliz, die den Ehren-Kodex durchsetzt] raste auf dem Motorrad hinter einem markierten „inneren Söldner“ her, beschimpfte dessen Mutter als Hure und schoss – viele fielen, nur dieser eine nicht.
Ihr werdet mir nicht glauben, aber auf dem Rückweg, als ich mich durch Asche und Rauch nach Hause schleppte, sah ich dieselbe gebeugte Alte wieder. Blut tropfte von ihrer Gabel. Sie sagte: „Ich habe es getan.“ In ihren schmalen Augen.
Moscheen brannten
Und der 8. Januar 2026 war noch blutiger.
Moscheen brannten.
Moscheen brannten in einem Hass von vierzehnhundert Jahren.
Die „inneren Söldner“ meines Landes befreiten Mädchen,
die in Moscheen festgehalten wurden,
um sie später in Sicherheitsgebäude zu verschleppen,
und sie setzten diese Häuser des Satans in Brand.
Auf dem Rückweg sah ich wieder Krankenwagen, die „Heidar, Heidar“ riefen und Häuser beschossen, aus denen „Tod dem Diktator“ erklang – während sie den Namen des Onkels des Propheten des Islam schrien. Ach, der blutige 9. Januar 2026. Nachrichten gingen von Mund zu Mund, wie arbeitende Ameisen. Tausende Verwundete wurden auf Krankenhausbetten mit dem Gnadenschuss getötet. Operationssäle meldeten „Roten Alarm“. Leichen wurden den Familien für hohe Summen verkauft – oder der Preis wurde erlassen, wenn man dafür eine Basidsch- oder Sepah-Karte annahm.
Aus Rascht hörten wir:
Menschen wurden im Großen Basar eingeschlossen.
Alle Ein- und Ausgänge verriegelt.
Man setzte ihn in Brand.
Ein einziger Ausgang blieb offen –
wer ihn betrat, wurde mit einem Kopfschuss getötet.
Demokratie herrschte – so wie Dschawad Sarif es seinen europäischen Freunden erklärte. Die Menschen durften wählen: Ob sie ersticken und verbrennen wollten oder bei vollem Bewusstsein ihr Gehirn an die Wände spritzen lassen. Diese Wahlfreiheit galt in allen Straßen Irans.
Ach, diese Isolation!
Eines Tages wird man glauben, dass die Zahl der Opfer über hunderttausend lag. Das Internet war so vollständig gekappt, dass selbst die Nachrichtenagentur der Revolutionsgarde nicht mehr funktionierte.
Erstickung.
Erstickung.
Ach, diese Isolation.
Keine Zigarette linderte mehr das Brennen der Augen.
Die Tränengase rochen anders als bei allen Demonstrationen zuvor.
Noch zwei Wochen später brannten unsere Kehlen.
Unsere Lungen eiterten.
Kein Wasser,
keine Flüssigkeit
befeuchtete diese Trockenheit.
In diesen Tagen dachten wir viel an die Opfer des Holocaust.
An ihre Einsamkeit.
An ihre Verlassenheit.
An die Gaskammern.
Glaubt die Welt wirklich, dass jene Millionen, die Ajatollah Chamenei „das iranische Volk“ nennt, die ihre eigenen „inneren Söldner“ so abschlachten, morgen – mit einer Atombombe – Erbarmen mit den „äußeren Söldnern“, mit den armen Menschen dieser Welt haben werden?
Ihr „äußeren Brüder“, ihr Herrscher der Welt:
Lasst uns, die einfachen Arbeiter, die gewöhnlichen „inneren Söldner“, zur Hölle fahren – denkt wenigstens an euch selbst.
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur:
Was ich gesehen und gehört habe, wird den Rest meines Lebens zerstören.