Die neuen Monarchomachen
Gewaltfantasien, Widerstand, Hoffnung: Hans-Jürgen Benedict knüpft an die Monarchomachen der frühen Neuzeit an und fragt angesichts Putin, Iran und Trump, wie mit staatlichem Unrecht umzugehen ist. Zwischen Hass, Rechtfertigung und gewaltfreiem Protest verteidigt er den demokratischen Widerstand.
Angesichts der Entwicklung Wladimir Putins zu einem Diktator, der zehntausende von jungen Männern in einem verbrecherischen Angriffskrieg gegen die Ukraine in den Tod schickt und täglich mit Raketen und Drohnen die ukrainische Zivilbevölkerung bedroht, kann einen als daran Anteil nehmender Zeitgenosse der Wunsch ankommen, der Alleinherrscher im Kreml möge tödlich erkranken oder sonst wie vom Tod ereilt werden. Ähnliches gilt für die greisen Machthaber im Iran, die den Aufstand ihrer Bürger blutig niederschlagen ließen. Nach Berichten zuverlässiger Quellen soll es 3400 Tote gegeben haben. Und die jetzt den Verhafteten den Prozess machen wollen und dabei, wie zu befürchten steht, Todesstrafen in großer Zahl verhängen werden. Und das alles im Namen Allahs, eine Blasphemie ungeheuren Ausmaßes. Schließlich US-Präsident Donald Trump, der die Nationalgarde gegen protestierende Amerikaner einsetzt und die Beamten der Einwanderungsbehörde (ICE) aggressiv gegen Flüchtlinge vorgehen lässt. Und der die Tötung der nicht beteiligten Renee Nicole Good, einer 37jährigen Mutter von drei Kindern, oder des Krankenpflegers Alex Pretti, der Videos zufolge unbewaffnet war, in Minneapolis rechtfertigt.
Als Trump jüngst in einem Interview mit der New York Times erklärte, er kenne keine Regeln des Völkerrechts, die auch für ihn verbindlich seien, er handle nur nach seiner eigenen Moral, fiel mir das Widerstandsrecht der reformierten Monarchomachen des 16. und 17. Jahrhunderts ein. Es besagt, dass Herrscher, die den Bund, verletzen, den sie unter Gott mit ihrem Volk geschlossen haben, bekämpft werden müssen. Und das sogar der Tyrannenmord ein legitimes letztes Mittel ist, um das von ihnen verübte Unrecht zu beenden. So der Theologe Theodor Beza, der Nachfolger Calvins in Genf und der anonym veröffentlichte Traktat aus dem Jahre 1579 Vindiciae contra Tyrannos. Die Monarchomachen (Königsbekämpfer) wandten sich gegen die absolute Souveränität des Herrschers. Als theoretischer Grundgedanke diente ihnen die Vorstellung, dass es eine vertragliche Regelung zwischen Volk und Herrscher gibt, und dass dazu das Recht auf die Absetzung des tyrannischen Herrschers gehörte, falls dieser fortgesetzt Unrecht tut.
Völkerrecht ignoriert
Trump ist von einer Mehrheit des US-amerikanischen Volks gewählt und als Präsident mit der Hand auf der Bibel vereidigt worden. Aber er zerstört demokratische Strukturen und Institutionen durch seine innenpolitischen Entscheidungen. Er geht gegen Einwanderer mit Gewalt vor und schickt die Nationalgarde in die Städte, die Illegale aufspüren sollen und dabei Unschuldige töten. Und was die Außenpolitik betrifft, so erklärt er ganz offen, er wolle sich nicht an das Völkerrecht halten. Dessen Beachtung hat Putin schon längst aufgegeben, als er unter anderem ukrainische Kinder nach Russland deportieren ließ. Die Opposition gegen seine Politik unterdrückt er brutal, wie die Verfolgung von Alexey Nawalny zeigt, der vergiftet wurde und in einem Straflager 2024 zu Tode kam.
In Deutschland ist die Lage eine andere. Wenn eine Regierung oder Gruppe die demokratische Ordnung insgesamt zu beseitigen droht, ist hierzulande nach dem 1968 ins Grundgesetz eingefügten GG 20,4 auch der Widerstand gegen die Staatsgewalt erlaubt beziehungsweise geboten.
In den USA gibt es einen entsprechenden Paragraphen in der Verfassung nicht. Aber der erste Zusatzartikel schützt den friedlichen Widerstand durch Meinungs-und Pressefreiheit. Es gibt daher gewaltfreien Widerstand gegen Unrechtshandlungen des Staates, den sogenannten dissent, der auch während des Vietnamkriegs massenhaft angewandt wurde. Auf Schildern ist jetzt bei Protesten zu lesen NO KINGS!, Abolish ICE ,Epsteins best Buddy. An den NO KINGS Protesten im Herbst 2025 beteiligten sich in den USA landesweit sieben Millionen Menschen.
Wachsender Widerstand
Der Widerstand wächst. Glaubensgemeinschaften von Chicago bis Los Angeles bilden Netzwerke, um ihre eingewanderten Nachbarn vor Abschiebung zu schützen. Selbst von ehemaligen Marine-Soldaten wurde ein Bündnis zum Schutz der demokratischen Institutionen ins Leben gerufen. In der New York Times gab es im Dezember 2025 eine ganze Seite, die vom christlichen Widerstand gegen Trumps Flüchtlingspolitik an der Basis berichtete, gleichzeitig mit einem Bericht über Trumps antidemokratische Entscheidungen.
Zwei amerikanische Politikwissenschaftlerinnen haben die These aufgestellt, dass gewaltfreier Widerstand dann erfolgreich ist, wenn sich mindestens 3,5 Prozent der Bevölkerung aktiv daran beteiligen. In den USA wären das immerhin 11,5 Millionen Menschen. So viele sind es momentan noch nicht. Aber der Widerstand wächst, es gibt ein Erwachen des demokratischen Amerika (s. Michaela Haas , Das Erwachen, SZ 10./11.1.2026). Weil es diese Monarchomachen, sprich gewaltfreien Königsbekämpfer in den USA noch gibt, gibt es noch Hoffnung, dass Trump letztlich nicht triumphiert, auch wenn er momentan viele Institutionen zerstört und soziale Errungenschaften abschafft.
Gewaltwünsche oder Gewaltphantasien gegen Unrechttäter sind ein Mittel, seelisch mit dem Unrecht fertig zu werden. So wie in den Psalmen gegen die Feinde Gottes und Israels aggressive Rachewünsche laut werden bis hin zu dem schlimmen Vernichtungswunsch „Tochter Babel, wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert.“ (Ps 137,8f. ) Es gibt gegenwärtig viele politische Konflikte, in denen solche Wünsche gegen die Herrschenden laut werden.
Verständlicher Hass
„Wer über gewisse Dinge nicht den Verstand verliert, der hat keinen zu verlieren.“ (Lessing) Wer angesichts der Untaten Hass auf die Täter verspürt, der muss sich nicht entschuldigen. Es ist beeindruckend zu sagen, „meinen Hass bekommt ihr nicht“, wie es der französische Journalist Antoine Leiris tat, dessen Frau Helene beim Terroranschlag auf die Pariser Konzerthalle Bataclan 2015 getötet wurde. Aber es ist auch verständlich, wenn andere Betroffene, die Ihre Kinder verloren, sagten, das sei nicht in ihrem Namen gesagt. Nein, sie hassten die islamistischen Täter, sagten sie offen.
Der Hass gegen die Alleinherrscher unserer Zeit, die Untaten begehen, ist ein Mittel um ihr Unrechttun zu ertragen. Die heutigen Königsbekämpfer wünschen sich eine Ahndung der Verbrechen, wohl wissend, dass das nicht so einfach ist. Sie sind Königsbekämpfer in Gedanken und in gewaltfreien Protesthandlungen. Sie können sich auf die Formulierung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 berufen: „Wenn immer eine irgendeine Regierungsform sich diesen Zielen“, sprich den unveräußerlichen Rechten nach Leben, Freiheit und Streben nach Glück „als abträglich erweist, ist es das Recht des Volkes, sie zu ändern oder abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen.“
Hans-Jürgen Benedict
Hans-Jürgen Benedict war bis 2006 Professor für diakonische Theologie an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie des Rauhen Hauses in Hamburg. Seit seiner Emeritierung ist er besonders aktiv im Bereich der Literaturtheologie.