Ich will den Algorithmus als meinen Freund, oder besser: als meinen Bruder betrachten. Denn er hat mir schon viele schöne Stunden beschert. Richtig groß wurde meine Dankbarkeit ihm gegenüber, nachdem ich vor ein paar Jahren bei meinem deutsch-türkischen Barber an der Potsdamer Straße („Potse“ genannt) in Schöneberg, wo ich nur „Meister“ gerufen werde, während des Haareschneidens erstmals Musik von Aram Serhad hörte und fragte, wer das sei. Serhad ist ein türkisch-kurdischer Lieder­macher. Der Algorithmus von youtube spielt mir seine wunderbare Musik immer wieder zu.

Der Witz ist: Ich verstehe kein einziges Wort der vielen Wörter, die Serhad singt. Ich nehme an, es geht oft um die Liebe, aber das ist nur eine Vermutung. Serhad singt in einem Musikvideo etwa sehr innig den Song „Ey Welatê Min“ auf einer Anhöhe in Istanbul mit dem Blick auf den Bosporus. Er wird dabei von seinen Musikern begleitet, diedie Langhalslaute Saz (oder wohl am ehesten: die Bağlama) spielen sowie die türkische Holzflöte Mey mit einem Rohrblatt – das habe ich im Netz recherchiert. Aber was er singt: keine Ahnung!

Ich bin jedenfalls, spätestens seit dieser Entdeckung Serhads, ein großer Fan türkisch-urdischer Volksmusik und Songwriter, vorgeschlagen durch den nimmermüden youtube-Algorithmus, gerade weil ich nicht verstehe, was sie eigentlich singen. Diese Musik von Serhad und Co. belebt und erfreut – und lenkt nicht ab beim Arbeiten oder Lesen.

So ungefähr müssen sich Jugendliche in fast ganz Europa gefühlt haben, als sie in den 1960er-Jahren diese neue Beatmusik aus England und Amerika hörten: Völlig ratlos, was die singen, aber es ist schön. Und man kann dabei wunderbar träumen: von der Schönheit Istanbuls, der Weite Anatoliens, der Ewigkeit des Meeres – und der Liebe natürlich.

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