Zwischen Vereinnahmung und Respekt
Das Bucerius Kunstforum Hamburg hat über den Jahreswechsel und noch bis zum 6. April 2026 ein traditionell weihnachtlich besetztes Bildmotiv in den Blick genommen und sammelt damit zur besten Ausstellungs-Jahreszeit doppelt Punkte: Das Kind steht im Mittelpunkt der künstlerischen Auseinandersetzung, genauer gesagt, Porträts von Kindern. Und wer denkt da nicht sofort an eine der präsentesten und frühesten Darstellungen eines Kindes: die heilige Familie im Stall – und in deren Mitte das Jesuskind. Aber es gibt doch einen wesentlichen Unterschied der Betrachtung zwischen diesem Motiv und dem Ansinnen der Ausstellungsmacher:innen in Hamburg: Dem Kind in der Krippe fehlt individuelle Kontur. Die Krippe ist Beweisdokument, symbolisch besetzt, lichtdurchwirkt, und weist hinter der mitten im kalten Winter durch Blöße, Zartheit und Wärme animierten Rührung auf das große Ganze, den Erlöser, hin. Nicht selten wird schon das irdische Ende in den Blick genommen mit den ringsum eingestellten oder über Engel durch die Lüfte eingeflogenen Leidenswerkzeugen.
Hier in Hamburg ist jedes Kind konkret. Wer sich durch die wieder einmal klug aufbereitete, systematisch fein nuancierte Ausstellung bewegt, fühlt sich vielfach beobachtet. Oder zumindest immer in den Blick genommen, angesehen mit allem Stolz, aller neugierig-abwartenden Distanz, aller kindlich ganzheitlichen Offenheit oder Verlorenheit, die noch keine Berechnung des eigenen Ausdrucks kennt. Kein Kalkül, keine strategisch zielgenaue Vermessung des Auftritts auf seine Wirkung hin. Die arrangieren schließlich die Auftraggebenden und ihre Maler:innen – und die sind hier durch die Jahrhunderte großartig vertreten von Tizian über Anthonis van Dyck bis Oskar Kokoschka, Paula Modersohn-Becker, Nobuyoshi Araki, Thomas Lawrence, Joshua Reynolds, Christoph Amberger und Gerhard Richter, um nur einige zu nennen, die in der Kunstwelt Rang und Namen haben.
Die Hamburger Ausstellung widmet sich schwerpunktmäßig folgenden Oberthemen: Mutter, Vater, Kind – Antike und moderne Rollen – Gesellschaftlicher Status – Einfache Verhältnisse – Früher Abschied – Kindsein zwischen Spiel und Schule. In allem werden die sich verändernde Wahrnehmung und der Wandel von Werten und Normen im Umgang mit Kindern deutlich, gespiegelt in familiären und gesellschaftlichen Strukturen, zwischen Inszenierung und Beobachtung, Vereinnahmung und Respekt. Selbstverständlich gehören Kinder über die Jahrhunderte zuerst zur Mutter, in der Darstellung vielfach von Madonnendarstellungen beeinflusst, oder sind unter sich – Väter stehen zumeist im Hintergrund und treten oft erst mit der Präsentation ihrer Söhne als Stammhalter in Erscheinung. Noch im 20. Jahrhundert sind intime Momente zwischen Vätern und Kindern selten dargestellt – wie etwa in „Der Maler Gutmann mit Kind“ (1911) von Heinrich Eduard Linde-Walther, der die väterliche Nähe rücksichtsvoll direkt in einem alle männlichen Kraftattitüden fallen lassenden, ungewohnt und beinahe scheu Zärtlichkeit zulassenden Moment beeindruckend einzufangen weiß, ohne in die intime Aura einzubrechen. Hier spricht das Bild plötzlich vor allem über den Vater und offenbart dessen Unsicherheit im Umgang mit dem und seine Gefühle für das Kind, die für die Mutter im nicht minder anrührenden Gegenstück „Maria mit Kind“ (um 1635/40) von Hendrick Bloemaert in höchstem Maße handfest und selbstverständlich sind. Allein für dieses Bildpaar lohnt der Besuch dieser Ausstellung.
Nachdrücklich beeindrucken unabhängig aller augenöffnenden Kategorisierungen bekannte Bilder wie Philipp Otto Runges „Bildnis der Luise Perthes“ (1805), „Liesje malt“ (1906) von Floris Arntzenius oder „Weine nicht“ (1879) von Léon Bonnat – ebenso die fotografischen Arbeiten von Friedrich Seidenstücker wie der kleine Fußballer im „Humboldthain“ (1926), Markéta Luskacovás „Children in a Playground“ (1988) oder Rineke Dijkstras „Ruth drawing Picasso“ (2009). Und Rätsel wie „Zwilling I“ (2009) von Stephan Melzl führen schließlich auf den Weg der Symbolsprache, die heute vielfältig neu buchstabiert und doch stark von der Geschichte beeinflusst ist. Hinsehen lohnt. Immer wieder.
Bucerius Kunstforum Hamburg, Alter Wall 12, 20457 Hamburg – fußläufig vom Hauptbahnhof, täglich 11–19 Uhr, donnerstags 11–21 Uhr, bis 6. April 2026.
Klaus-Martin Bresgott
Klaus-Martin Bresgott ist Germanist, Kunsthistoriker und Musiker. Er lebt und arbeitet in Berlin.