Nicht nur politisch, auch erotisch hat München eine schillernde Geschichte. Die bis 1910 in Schwabing notorische Bohemienne Franziska Gräfin zu Reventlow und deren freie Liebe haben darin ein eigenes Kapitel („in der alten Treue bin ich immer stärker gewesen als in der neuen“).

Souveräner Verzicht auf Indiskretion ist nur eine der Stärken ihrer bis heute anregenden und knackigen Prosa. Herbert Kapfer, geboren 1954, der lange inspiriert die Abteilung „Hörspiel und Medienkunst“ im Bayerischen Rundfunk leitete, fügt mit seinem novellistischen Kammerspiel aus sieben klug komponierten Auftritten literarisch nun ein Kapitel hinzu. Außer zwei die Protagonisten prägenden Vorspielen (Germanistikstudentin Bea erlebt beim Italienurlaub mit ihrem Vater eine feministische Demo mit; Theoretikerin Françoise d’Eaubonne und deren „Feminismus oder Tod“ werden ihr Leitstern – der Schulabbrecher und Ausreißer Kai trifft in Köln sein Idol, den Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann) sind alle 1975 angesiedelt, also nach der so genannten sexuellen Revolution und den 1968er-Jahren. Wir befinden uns demnach auf der weiten Ebene der Anwendungsfälle, was heute auch gerade deshalb interessant ist, weil derzeit so viel um sexuelle Identitäten und deren gesellschaftliche Akzeptanz kreist.

Indes entscheidend ist und bleibt „auf‘m Platz“, wie das im Fußball so schön heißt – und eben auch im Bett. Letztlich genau dort treffen Bea und Kai in einer diffus links aktivistischen Münchener WG aufeinander. Beide sind immens gescheit und so was wie Anführertypen. Doch kann es da halt nur eine(n) geben. Kai unterwirft sich Beas von Beginn an klarem „Ich bestimme gern“. Die begehrenden jungen Beiden landen in einer Sado-Maso-Beziehung. Der erigierte Schwanz muss sich ihrem begehrten Fuß beugen, ejakulieren darf er indes schon gar nicht. Das hat sardonischen Witz, ist dem ideologischen Zwang oder Selbstanspruch dahinter bloß angemessen und in aller unaufgeregten sprachlichen Präzision jedoch nie denunzierend, sondern erzählerisch ganz stark.

Kapfer, der bis ins Geburtsjahr hinein zur Generation der Protagonisten gehört und mutmaßlich erfahrungssatt schreibt, schaut bloß genau hin. Darin liegt auch die faszinierende Zeitlosigkeit von Der Planet diskreter Liebe. Passgenau flicht er zudem süffig-schlüssig alt- und mittelhochdeutsche Minnedichtung mit ein, Bea zuliebe, doch Kai hält mit, und so ist auch der archaisch-mythische Aspekt von Herrin und Diener, master and servant, Königin und Knecht mit drin, den beide lustvoll ausleben. Der begehrte, doch stets verwehrte Schoß treibt alles voran. Konflikte gibt es stets dann, wenn die fast zerbrochene, jetzt aber auf „ökologischen Feminismus“ umdisponierte Links-WG ins Spiel kommt. Vor solchem Außen will Kai sich nicht entblößen, lenkt im tragenden Schutzraum ihrer Liebe dann indes jeweils schuldgefühlszermartert, obwohl zweifelnd, ein. Es geht um Macht, trotz all dem Bohei um Emanzipation und Befreiung. Umkehrung trifft es eher.

Valie Export mit Peter Weibel an der Leine auf dem Cover, aus ihrer legendären Aktion und Mappe der Hundigkeit von 1968, was auch im Buch Bezugspunkt ist, bringt es auf den Punkt. Kapfer ist da sehr detailvertraut und scheut nie die Komik daran, so ernst alles auch war und ist. Nebenher angedeutet ist ein Missbrauch durch Beas liberalen, bildungsbürgerlichen Vater, bleibt aber im Vagen. Schön ist, wie Kapfer andeutet, dass da sehr wohl so was wie Zärtlichkeit und Einandermögen zwischen ihnen ist, um nicht zu sagen: Liebe, trotz all der Zwänge, unter denen sie innerlich wie durch die Ideologie der angestrebten „alternativen“ Gesellschaft stehen. Diskrete Liebe eben. So schreibt Kapfer auch. Er versteht zu inszenieren und insinuiert luzide, dass Freiheit immer der Anwendungsfall ist und errungen werden muss. Die stets prekäre Schwabinger Gräfin Reventlow war vermutlich da schon längst viel weiter, als wir es heute sind.

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