Dies ist ein gewichtiges Buch, ein opus magnum im mehrfachen Wortsinn. Hans Joas, geboren 1948, zuletzt in Erfurt und Chicago tätig und mittlerweile seit über zehn Jahren mit einer Honorarprofessur an der Berliner Humboldt-Universität betraut, bringt damit eine Trilogie zum Abschluss, in der er sich der Geschichte von Religion und Macht in der Moderne widmet. Standen in den Vorgängerbänden Die Macht des Heiligen (2017) und Im Bannkreis der Freiheit (2020) noch die kritische Auseinandersetzung mit den klassischen Verhältnisbestimmungen bei Max Weber beziehungsweise Georg Friedrich Hegel im Zentrum, so ist dem renommierten Soziologen diesmal stärker an einer eigenen konstruktiven Entfaltung gelegen.
Sein erklärtes Ziel ist dabei kein geringeres als eine „Globalgeschichte des moralischen Universalismus“. Dahinter verbirgt sich im vorliegenden Fall allerdings keine ideengeschichtliche Tour d’horizon. Vielmehr geht Joas von der These aus, dass moralischer Universalismus als Produkt der Auseinandersetzung mit dem zu verstehen sei, was er „politischen Universalismus“ nennt, mithin das imperiale Streben nach Expansion und Machterweiterung. Der Fokus richtet sich also auf die Geschichte von Imperien. Wie unterschiedlich sich moralischer Universalismus in verschiedenen zeitgeschichtlichen Kontexten darstellt und welche Wechselwirkung zu den jeweiligen Machtverhältnissen sich daraus ergibt, veranschaulicht Joas unter anderem am Beispiel Chinas, wo im Konfuzianismus der moralische Universalismus Teil einer imperialen Ideologie wird, aber auch am Wirken des Dominikanermönches Bartolomé de Las Casas, der im Mexiko des 16. Jahrhunderts gegen die koloniale Ausbeutung der einheimischen Bevölkerung zu argumentieren beginnt.
Was Omri Boehm jüngst nur gefordert hat, versucht Hans Joas dabei als Arbeitsprogramm einzulösen: nämlich auch nicht-christliche und nicht-europäische Traditionen stärker zu berücksichtigen und damit die faktische Pluralität des Universalismus zu zeigen. So kommt neben dem antiken Griechenland und den christlich geprägten Imperien auch Indien in den Blick, in einem relativ spät angesetzten Überblickskapitel auch die islamische Welt. Indigene Ethiken thematisiert Joas leider nur am Rande, und auch die zeitgenössische Diskussion um die Allgemeingültigkeit der Menschenrechte in aktuellen Debatten wird nur gestreift. Nicht um Tagesaktualität geht es Joas, auch nicht um ein oberflächlich politisches Plädoyer, sondern um eine „affirmative Genealogie“, die – im sorgfältig recherchierten Gang durch das exemplarische Material – vor Geschichtsvergessenheit und Selbstgerechtigkeit warnen will. Dazu gehört einerseits, immer wieder auf die ambivalente bis offen gewalttätige Rolle der Religion in der Verteidigung eines moralischen Universalismus hinzuweisen. Andererseits erscheinen vermeintlich altbekannte Geschichtserzählungen wie die von der Amerikanischen oder der Französischen Revolution in einem anderen, deutlich eingetrübten Licht, sobald der kolonialen wie der globalen Perspektive mehr Beachtung geschenkt wird. So erweitert sich der heute gebotene moralische Universalismus bei Joas um eine Haltung, die der eigenen Tradition mit Demut und Selbstkritik, anderen dagegen aufgeschlossen und lernbereit begegnet.
Wer sich auf dieses Opus magnum einlässt, wird also nicht nur belohnt mit transparenten Argumentationslinien, einer Fülle an aufschlussreichen Details und einer klaren Sprache, der man ihre Nähe zur angloamerikanischen Schreibtradition auf das Angenehmste anmerkt. Am Ende steht auch die Einsicht, dass zwar die Lage des moralischen Universalismus „immer und überall prekär bleiben“ wird, eine universalistisch gesinnte Praxis aber in jedem denkbaren Kontext Wurzeln fassen kann.
Julia Koll
Prof. Dr. Julia Koll ist Direktorin der Evangelischen Akademie Loccum.