Der Landstrich Gaza – etwas größer als Bremen und mit vier Mal so viel Einwohnern – hat in den vergangenen drei Jahren tragische Bekanntheit erlangt. Nur wenige haben diese Region als Besucher kennengelernt. Dennoch haben Menschen weltweit ein medial vermitteltes Vexierbild von „Gaza“, in dem je nach Haltung und politischer Verortung zu sehen sind: die 1 200 Israelis, die am 7. Oktober 2023 durch Hamas-Terroristen aus dem Gazastreifen ermordet wurden, und die 250 Menschen, die aus Israel nach Gaza entführt wurden; die mutmaßlich 70 000 Menschen, die im Gazastreifen durch den Krieg Israels gegen die Hamas getötet worden sind; die hungernden Kinder im Gazastreifen, in den in der Kriegszeit kaum Hilfslieferungen kamen; Menschen, die seit Jahren unter dem Terror des Hamasregimes leben; Menschen, die seit Jahrzehnten unter der israelischen Politik leiden.
Gaza: für manche ein Schreckenswort. Für andere Teil ihres Bekenntnisses zur unbedingten Solidarität mit den Palästinenser:innen. Für wieder andere Symbol seit Jahrzehnten verfehlter internationaler Politik und Rechtsordnung.
Einer, der den Gazastreifen gut kennt – durch Besuche, Beziehungen und einen wissenschaftlich geschulten Blick, ist der französische Islamwissenschaftler und politische Berater Jean-Pierre Filiu. Filiu ist ein Beobachter, der sich berühren lässt von dem Leiden und dem Unrecht, das er wahrnimmt, und dies zur Sprache bringt; sich jedoch davor hütet, diese Beobachtungen in eine griffige These zu bringen.
Jean-Pierre Filiu ist es gelungen, am 19. Dezember 2024 als Teil einer Gruppe von „Ärzte ohne Grenzen“ in den Gazastreifen einzureisen. Er blieb dort bis zum 21. Januar 2025. Im Mai 2025 wurde sein Buch über diese 34 Tage in Frankreich veröffentlicht und liegt nun auch in deutscher Übersetzung vor. Es ist großteils ein Tagebuch, in dem der Autor seine Kapitel mit den Geschehnissen des jeweiligen Tages beginnen lässt; von dort aus entwickelt er dann weiter seine instruktiven Darstellungen zu den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen in Israel-Palästina und zum Alltag im Gazastreifen: zu den Interessen der israelischen Regierung unter Benjamin Netanjahu; zum anhaltenden Hamas-Terror, der sich auch in Kriegszeiten nicht allein gegen Israel richtet, sondern auch gegen Menschen im Gazastreifen, die als Gegner wahrgenommen werden; zur fehlenden arabischen Solidarität mit den Palästinenser:innen; zum Funktionieren der Wirtschaft in dem kriegszerstörten Gebiet; zur Motivation des Hamasführers Yahya Sinwars, die so genannte Al-Aqsa-Flut des 7. Oktober 2023 zu befehlen; zum alltäglichen Tod und zu dem Bestattungswesen. Filiu beschreibt intensiv die Ängste und Nöte der Menschen, mit denen er spricht, und staunt über ihre Fähigkeit, in einem Gebiet, in dem kaum ein Stein auf dem anderen steht und die Infrastruktur zur Versorgung der Menschen fast vollständig zerstört ist, in Würde weiterzuleben.
Filius Band ist ein sehr menschliches Werk. Der Autor nimmt deutlich Stellung für die leidenden Menschen; er benennt auch die Schuld der politisch Verantwortlichen und das Unrecht deutlich. Dennoch ist es keine Anleitung zur moralisch begründeten Verachtung.
Warum scheint die Welt gerade den „Trumps und Netanjahus, den Putins und der Hamas“ überlassen zu sein? Warum zerbrechen in Gaza „die Normen eines internationalen Rechts, das geduldig geschaffen worden war, um eine Wiederholung der Barbarei des Zweiten Weltkrieges zu verhindern“? Mit dieser Überlegung beendet Jean-Pierre Filiu seinen Bericht. Er hat keine Antwort auf diese Frage.
Der Autor lässt uns mit vielen neuen Einblicken und Erfahrungen, aber auch fragend und ratlos zurück. Eben deshalb ist dieses Buch wichtig und lesenswert – Filiu sagt, was ist; aber er erklärt nicht das, was er nicht erklären kann.
Simon Kuntze
Dr. Simon Kuntze ist Nahostreferent des Berliner Missionswerks.