Warten auf 2030

Oberammergau und die Juden

Seit nunmehr fast 400 Jahren setzen die alle zehn Jahre veranstalteten Passionsspiele von Oberammergau einen bedeutsamen Fokus auf die Weitergabe der Kerngehalte des christlichen Glaubens. Sie erreichen heute weltweite Aufmerksamkeit mit bis zu einer halben Million Besuchern. Seit gut einem halben Jahrhundert unterliegen sie jedoch wegen ihrer nicht zu leugnenden massiven antisemitischen „Anmutungen“ heftiger Kritik. Jüdische Besucher haben sich darüber immer wieder entsetzt gezeigt, und die Verantwortlichen begannen ab 1970 zunächst zaghaft, dann energischer damit, den Text zu überarbeiten. Mit der Aufführung von 2022 liegt nun eine Fassung vor, der auch von jüdischen Gremien bescheinigt wurde, frei von Antisemitismus zu sein, ja der geradezu attestiert werden muss, einen eigenen Beitrag zum Kampf gegen Antisemitismus zu leisten.

Mit seinem Buch macht Wolfgang Reinbold es möglich, diesen bemerkenswerten Prozess eines radikalen Wandels einer die Tradition zutiefst bewahrenden Institution nachzuverfolgen. Antisemitismus ist, wie gerade Oberammergau zeigt, tief im Christentum verankert. Aber offensichtlich gelingt es dennoch, sich von dieser fürchterlichen Last zu befreien – und das nicht irgendwo am Rande sondern in einem Zentrum der Zelebration seines Kernmythos. Reinbold sagt zu Recht: „Oberammergau ist zu einem Labor des christlich-jüdischen Dialogs geworden.“ Und das verdient alle Anerkennung.

Der Kern des Buches besteht in einer Synopse der Aufführungen von 1900, 1970, 1990 und 2010. Sie werden ergänzt durch genaue Analysen der für den Wandel zentralen Aufführungen von 2000 und 2022. Während sich noch 2000 der Regisseur Christian Stückl und der Dramaturg Otto Huber am klassischen Text orientierten, ihn aber vom offenkundigen Judenhass zu befreien suchten, legten sie 2022 eine komplette Neufassung vor, die die Tradition endgültig überwand. Dazu zählten 2000 unter anderen der Abschied von den Pharisäern, die gestrichen werden; Jesus wurde eindeutig als Jude inszeniert (das letzte Mahl mit seinen Jüngern ist ein Passahfest!); es gibt keine Verstoßung der Synagoge mehr, und Jesu Gegnerschaft wird differenziert dargestellt – auch aus den eigenen Reihen gibt es Widerspruch. Damit wird die Entdämonisierung der Gegner Jesu vorangebracht, allerdings bleibt der Eindruck fanatischen Hasses gegen Jesus auf Seiten der Juden noch erhalten.

An diesen Stellen setzt der Text von 2022 einen radikalen Neuanfang und bricht mit der Tradition, womit in Oberammergau eine neue Epoche beginnt, wie Reinbold meint. Die Motive der Gegner Jesu weisen endgültig nichts Dämonisches mehr auf; die antipharisäische Polemik von Matthäus 23 entfällt. Ja, Nikodemus wird als Pharisäer an der Seite Jesu ins Bild gerückt, und Pilatus wird zum eindeutigen Täter gemacht (Die Szene mit dem Hände-Waschen-in-Unschuld entfällt zugunsten eines Glas Wassers, das Pilatus begehrt). Die Barrabas-Episode, die klassisch den Sinn hat, den Juden die Schuld am Tod Jesu zuzuschreiben, wird entdramatisiert. Pilatus wird zum zynischen Spötter gemacht, der Jesus wohl doch für schuldig hält. Und nicht zuletzt werden die traditionellen Einsetzungsworte beim Abendmahl durch andere biblische Weisungen ersetzt. Mithin: Von der klassisch den Text prägenden Schuld der Juden bleibt nichts mehr übrig.

Reinbold steht klar auf der Seite der Veränderungen, aber am Ende fragt er sich auch, ob sie nicht zu weit gehen und den ursprünglichen Sinn des Spiels von „Leiden, Sterben und der Auferstehung“ Jesu Christi verdecken, ja zum Teil unverständlich machen. Auf jeden Fall aber gilt: Anhand dieses Buches erschließt sich das Spiel in neuer Weise, und man ist gespannt, wie es 2030 weitergeht.

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Foto: privat

Gerhard Wegner

Gerhard Wegner ist Direktor i.R. des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD und Niedersächsischer Landesbeauftragter gegen Antisemitismus und für den Schutz jüdischen Lebens.

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