Der Ethik wird bisweilen nachgesagt, sie komme immer zu spät. Reagiert ihr reflexives Geschäft doch auf neue Problemzusammenhänge meist mit Verzögerung. Das gilt insbesondere für Forschungsbeiträge, die gedruckt zwischen zwei Buchdeckeln vorgelegt werden. Dieser Vorwurf kann dem 2025 von Alexander Dietz und Hermann Diebel-Fischer im LIT-Verlag herausgegebenen Sammelband Umstrittene allgemeine Dienstpflicht nicht gemacht werden, denn er schaltet sich mit einem vielfältigen Angebot an ethischen Orientierungsperspektiven in eine derzeit unaufschiebbar dringlich erscheinende gesellschaftliche Debatte ein.
Die Herausgeber beweisen damit ein offenkundiges Gespür für gesellschaftlich relevante Fragestellungen. Der auf die Jahrestagung des Arbeitskreises für Theologische Wirtschafts- und Technikethik e. V. (ATWT) im März 2024 zurückgehende Band geht mit fünf interdisziplinären und vier theologischen Beiträgen auf gut 200 Seiten der Frage nach, ob junge Menschen dazu verpflichtet werden sollten, sich ein Jahr lang an einem gemeinwohldienlichen Einsatzort ihrer Wahl zu engagieren, und ob und inwiefern „unsere Gesellschaft“ vielleicht sogar auf eine allgemeine Dienstpflicht angewiesen sein könnte.
In der Dienstpflichtdebatte kulminieren daher nach Ansicht der Herausgeber die Diskussionen um den Umgang mit neuen, dringlichen sicherheitspolitischen Erfordernissen und die Debatte zum Thema „gesellschaftlicher Zusammenhalt“ in Deutschland (Alexander Dietz).
Der Band bündelt bekannte und relevante Perspektiven aus Soziologie (Silke van Dyk), Rechtswissenschaft (Ferdinand Weber), Ökonomie (Panu Poutvaara), Geschichte (Rainer Hub) und Diakonie (Michael Frase) und bringt diese ins Gespräch mit theologischen Positionen (unter anderem von Frank-Martin Brunn und Hartwig von Schubert). Darunter finden sich innovative, bisher wenig beachtete Debattenbeiträge: So erhebt etwa Lukas Johrendt unter Rückgriff auf radikale Demokratietheorien (zum Beispiel Chantal Mouffe) bedenkenswerte Einwände gegenüber einem Verständnis demokratischer Pflichten als Eingliederung in Bestehendes und legt dabei auch hegemoniale Tendenzen gängiger politischer Begründungszusammenhänge einer allgemeinen Dienstpflicht offen.
Hervorzuheben ist ebenso der friedensethische Beitrag von Anna Löw, die im Anschluss an Hans-Richard Reuter eine Kriteriologie evangelischer Ethik zur Bewertung von Wehrdienstkonzepten entwickelt. Weiterhin mahnt Löw aus sozialkonstruktivistischer Perspektive auch die stärkere Berücksichtigung genderethischer Gesichtspunkte in der Debatte um den Grundsatz „Wehrgerechtigkeit“ an, die in weiten Teilen noch stark binär und heteronormativ geführt wird. Nicht reflektiert wird in diesem Band dagegen die Frage nach dem Für oder Wider einer Dienstpflicht mit Blick auf die Subjekte der Entscheidung, mit der ja auch bereits Jugendliche und Heranwachsende konfrontiert sind. Wird hier angesichts der Fülle ethischer Gesichtspunkte möglicherweise eine überfordernde Entscheidungsfindung abverlangt? Ebenso wäre ein vertiefender Blick in die (jüngere) innerprotestantische Theologie- und Debattengeschichte etwa um die Kontroverse im Zuge der Wiedereinführung der Wehrpflicht um 1954 und der damaligen theologisch-ethischen Argumentationslinien lohnenswert gewesen.
Nichtsdestoweniger eröffnet der Band als gelungenes interdisziplinäres, kompaktes und allgemeinverständliches Kompendium seinen Leser:innen einen Raum zur Gewinnung einer eigenen Position zu einer dringlichen Frage und bietet damit vor allem eines: einen instruktiven theologischen Debattenbeitrag zur rechten Zeit.
Julian Zeyher-Quattlender
Dr. Julian Zeyher-Quattlender ist Professor für Systematische Theologie mit dem Schwerpunkt Ethik (Tenure Track) an der Universität Göttingen.