Der Band bezeichnet sich im Untertitel bescheiden als „Lesebuch“. Das vierteilige Buch leistet indes mehr als nur die Dokumentation von Akademieveranstaltungen, welche die Erarbeitung der 2025 veröffentlichten Friedensdenkschrift der EKD („Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“) inhaltlich vorbereiteten und begleiteten.

Nach einem knappen Vorwort des Friedensbeauftragten der EKD, Landesbischof Friedrich Kramer, stellen die drei Herausgeber die Konzeption des „Gerechten Friedens“ vor und führen in die einzelnen Beiträge ein. Der emeritierte Theologe Hans-Richard Reuter (der bei der Entstehung der Denkschrift von 2007 eine federführende Rolle spielte) zeichnet sodann kenntnisreich, kritisch und präzise den Gang des friedensethischen Diskurses seit 2007 nach. Er hebt als Stationen den „Afghanistan-Text“ der Kammer für Öffentliche Verantwortung (2013) und die EKD-Synodenkundgebung (2019) hervor, die jeweils Abweichungen von der 2007-er Denkschrift darstellen, aber in unterschiedliche Richtungen weisen.

Der zweite Teil des Buches widmet sich der internationalen Rechtsordnung und dem Gedanken der rechtserhaltenden Gewalt, der dritte den Möglichkeiten und Grenzen ziviler Konfliktbearbeitung. Im letzten Teil werden Fallbeispiele skizziert. Sie gelten in Afghanistan sowie vor allem dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Das Buch präsentiert ein relativ breites Spektrum evangelischer Friedensethik, in dem der prinzipielle politische Pazifismus jedoch kaum noch Platz hat.

Der Leitbegriff des „Gerechten Friedens“ wird gründlich geprüft und in seinen Implikationen vor dem Hintergrund gegenwärtiger friedenspolitischer Herausforderungen durchdacht. Zutreffend wird er nicht als Zustand, sondern als Zielperspektive eines Prozesses verstanden, bei dem zivile und militärische Elemente im Rahmen einer internationalen Rechtsordnung zusammenwirken müssen. Insofern bleibt die Denkschrift von 2007 der Reflexionsrahmen des in Ausschnitten dokumentierten Konsultationsprozesses, der zur aktuellen Denkschrift führte. Zwei Gedanken werden in der neuen Denkschrift aufgenommen: erstens die These, dass dem „Schutz vor Gewalt“ ein besonderer, grundlegender Status hinsichtlich der 2007 unterschiedenen vier Dimensionen des Friedens (neben: Förderung von Freiheit, Schutz kultureller Vielfalt und Abbau von Not) zukomme. Diese These würde die 2007 entworfene friedensethische Grammatik nicht unerheblich verändern.

Ein zweiter Gedanke fand ebenfalls Eingang in die 2025-er Schrift: die Einsicht, dass das Gebet eine wesentliche Quelle des Friedens ist. Allerdings bleibt diese Erkenntnis hinter der starken Aussage der früheren Friedensdenkschriften zurück: „Jeder Gottesdienst kann und soll zum Frieden bilden.“ Denn Gottesdienste umfassen mehr als nur Gebete, und Friedensbildung erschöpft sich nicht in Religionspädagogik.

Weitere Reflexionen gelten der Aufgabe des Klimaschutzes, der Notwendigkeit konventioneller Abschreckung und der (Wieder-)Einführung der Wehrpflicht (oder einer allgemeinen Dienstpflicht). Bei alledem spielt der Blick auf den Krieg in der Ukraine eine maßgebliche Rolle, wie die am Ende des Buches stehenden „Fallbeispiele“ zeigen. Diese schränken aber die Sicht ein, und nicht selten scheint die hiesige friedenspolitische Situation die Grundsätze der Friedensethik zu diktieren, während ja umgekehrt ein ethisches Mandat gegenüber der Politik wahrzunehmen wäre. Auch fehlen die Stimmen von Klaus von Dohnanyi, Jürgen Habermas, Julian Nida-Rümelin oder Erich Vad, die beharrlich Verhandlungswillen als politisch-ethische Tugend einfordern. Sie hätten das Lesebuch gut ergänzen und abrunden können.

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