Manchmal finden Kinder die besten Worte für das Unaussprechliche: Die Nachricht vom plötzlichen Tod eines Angehörigen habe sich, so schreibt Albi Roebke, für das Kind so angefühlt, „als wäre es mit Karacho in einen Kaktus gerannt und als müsste es sich jetzt nach und nach die Stacheln wieder aus dem Körper ziehen“.
Wir kennen die Geschichte nicht, die sich hinter diesem Satz verbirgt, aber er formuliert treffend, was in Menschen vorgehen mag, wenn der Tod ganz unerwartet in ihr Leben einbricht, wenn Krisen und Katastrophen die bis dahin gefühlte Sicherheit erschüttern, wenn plötzlich nichts mehr ist, wie es war …
Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war – diese Erfahrung steht denn auch als Titel über dem von Albi Roebke gemeinsam mit Lisa Harmann verfassten Buch über die Arbeit der von beiden Kirchen getragenen Notfallseelsorge. Roebke ist evangelischer Pfarrer und seit 25 Jahren Notfallseelsorger im Bereich Bonn/Rhein-Sieg; Harmann, im Hauptberuf freie Journalistin und Buchautorin, ist auch als Familientrauerbegleiterin und Notfallseelsorgerin im Einsatz.
Was lehrt ihr Buch? Zunächst einmal, dass niemand sicher ist. Wir können noch so vorsichtig fahren, noch so gesund leben, uns noch so gegen alle Eventualitäten versichern – wir haben das Leben letztlich nicht in der Hand. Aber das Buch zeigt auch, dass es nach Krisen und Katastrophen Wege zurück in ein gelingendes Leben geben kann: sogar für Eltern, die ein Kind verloren haben durch Krankheit, Unfall oder ein Verbrechen, genauso wie für Kinder, die ohne eines oder gar ohne beide Elternteile weiterleben müssen.
Es sind bewegende Geschichten von schrecklichen Ereignissen, die Roebke und Harmann zusammengetragen haben. Da ist zum Beispiel die 14-jährige Hannah, die Opfer eines Gewaltverbrechens wird. Da ist der Fünftklässler Jonas, der auf dem Schulweg tödlich verunglückt. Oder die vierfache Mutter, die unter Depressionen leidet und sich das Leben nimmt. Sie alle hinterlassen Angehörige, die Hilfe benötigen – in der akuten Situation und darüber hinaus.
Anhand ihrer erlebten Geschichten, bei denen sie immer wieder auch Betroffene zu Wort kommen lassen, machen die Autoren deutlich, wie wirksam die Notfallseelsorge sein kann – vor allem dann, wenn eine längerfristige Begleitung über die ersten 48 Stunden nach dem Unglück hinaus möglich ist. Das scheint zwar im Alltag eher die Ausnahme als die Regel zu sein, dennoch zeigt die Erfahrung, dass manchmal auch schon die ersten Stunden nach einem Unglück darüber mitentscheiden können, wie es für die Betroffenen weitergeht. Denn es macht einen Unterschied, ob in dem Moment größter Erschütterung neben Polizei und Rettungsdiensten auch Menschen da sind, die den Betroffenen seelisch zur Seite stehen, die sie sein lassen in ihrer Verzweiflung, ihrer Wut, ihrer Fassungslosigkeit. Für Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger steht fest: Jede Reaktion eines/einer Angehörigen auf einen schweren Verlust, auch die vermeintlich absurdeste, ist erlaubt. Die einen fangen an zu putzen, andere gehen mit ihrem Hund spazieren. Und Leni? Sie – tanzt.
In einer solchen Situation die richtigen Worte zu finden oder zu schweigen, das Richtige, das Angemessene zu tun, dafür ist neben Empathie und menschlicher Bildung auch Professionalität vonnöten. Roebke selbst bildet Notfallseelsorger aus, und das spiegelt sich auch in dem Buch: Zu jedem der geschilderten Fälle gibt es eine Meta-Ebene, auf der psychologische und seelsorgliche Grundregeln der Arbeit erläutert werden. Diese Informationen sind nicht nur hilfreich für bereits aktive oder künftige Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger, sondern auch für alle anderen Menschen, die ihre Hilf- und Sprachlosigkeit im Angesicht von schweren Schicksalsschlägen im Kreise von Verwandten, Nachbarn, Kollegen oder Freunden überwinden möchten.
Annemarie Heibrock
Annemarie Heibrock ist Journalistin. Sie lebt in Bielefeld.