Gesetzlose der Tiefe

Tortoises wehender Geist

Definiere Postrock! Die KI wird nicht reinhören und aus ausgeweideten Artikeln dennoch einen passablen Textbatzen auf das Display rotzen. Den Begriff mögen Douglas McCombs, John Herndon, Jeff Parker, Dan Bitney und John McEntire nicht, gelten mit ihrer Band Tortoise trotz einiger Weggefährten aber geradezu als dessen Synonym. Bis auf Jazz-Gitarrist Parker kommen sie alle aus der US-Indie-Szene der späten 1980er, deren Haupttross da gerade in Richtung Grunge, MTV-Hype und Kurt-Cobain-Suizid abbog. Bassist McCombs und Drummer Herndon nahmen im maroden Chicago einen anderen Weg. Arbeiten wollten sie als Rhythmus-Section-Freelancer – und sonst nur mit Freunden spielen. Einen günstigen Ort dafür fand Tortoise in einem Lagerhaus. Als Instrumentalband gaben sie fortan konsequent allem Raum, was sie mögen: Dubreggae, Minimal Music, Krautrock, Jazz, Musique concrète. Und ihre Leidenschaft für Technik und Produktion passte nicht bloß zu Letzterer, denn zeitgleich begannen House und Techno in den Clubs, die Welle zu machen, während der Advanced Jazz des Art Ensemble of Chicago schon länger einen weiteren Nährboden bereitet hatte.

Tortoise waren über Nacht mittendrin. Die Remix-Szene griff ihr Debut gleich begeistert auf, und sie setzten 1996 mit „Millions Now Living Will Never Die“ einen ersten Meilenstein, eröffnet vom knarzend-knisternden Djed, 22 Minuten lang, eine Experience. Seither können sie sich nicht mehr übertreffen, was auch Befreiung bedeutet, die sie bis heute weidlich nutzen. „Touch“ ist ihr gerade mal siebtes Album, zehn Tracks in weniger als 40 Minuten. Es fühlt sich länger an, als wechselte Zeit den Modus. Zwischen elegischer Finesse, Kammerrock, Loungejazz und Dancefloor-tauglicher Abfahrt, rhythmisch stets tricky, indes nie anstrengend, öffnen sie Räume, Landschaften. Leicht, triftig, konzentriert, entspannt, dazu Gitarren mit Duane-Eddy-Westerntwang und viel Sorgfalt beim Detail. Man kann „Touch“ als Best of wie als Standalone hören. Ihre Alben sind Reise und Ankunft in einem – irisierendes Seltsamland ähnlich jener Gegend, wo man mit dem Herzen sieht, mit den ‚Gesetzlosen der Tiefe‘ des WK-I-U-Bootes aus Thomas Pynchons prä-apokalyptischem Roman „Schattennummer“ taucht oder von Kurt Vonneguts „Cat’s Cradle“ beißend-smart Menschheitstrost erhält: „No damn cat, and no damn cradle.“

Das ist Postrock?! Und war das jetzt KI? Deren Zauber grenzt vielleicht näher an ein Konklave oder eine Synode, als man denkt. Nach reichlich Absprachen zuvor und Tagesordnungstricks gibt es Ergebnisse, die sich im Nachhinein als Wirken des Geistes verkaufen lassen. Tortoise gehen den anderen Weg. Auch an „Touch“ haben sie wieder lange gefeilt, viel probiert, miteinander gehört und noch mehr verworfen. So kann er denn dann wehen, der Geist. Sanft, kräftig. Touch ist ein gültiges Album und unbedingt hörenswert.

 

Tortoise: Touch. International Anthem/Indigo 2025

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