Geniale Frauenpower

Barbara Strozzis klingende Welt

Fanny Hensel etwa war mindestens so begabt wie ihr berühmter Bruder Felix Mendelssohn. Doch noch im 19. Jahrhundert machten gesellschaftliche Konventionen es unmöglich, dass sie als Frau eine vergleichbare öffentliche Karriere beginnen konnte. Heute wird diese Schieflage zumindest langsam korrigiert: Kürzlich erhielten mit der Britin Rebecca Saunders (* 1967) und der Österreicherin Olga Neuwirth (* 1968) zwei herausragende zeitgenössische Komponistinnen den renommierten Ernst-von-Siemens-Musikpreis, der mit 250 000 Euro dotiert ist.

Von solchen Ehrungen konnte die venezianische Musikerin und Komponistin Barbara Strozzi (1619–1677) nur träumen. Dabei gehört sie zweifelsohne zu den herausragenden Komponistinnen der Musikgeschichte. Dass man überhaupt von ihr weiß, liegt daran, dass sie ihre Werke veröffentlichen konnte – im stark patriarchal geprägten 17. Jahrhundert eine absolute Ausnahme. Möglich wurde dies wohl nicht nur durch die hohe Qualität ihrer Kompositionen, sondern auch durch die Unterstützung wohlhabender Mäzene. Zudem war Strozzi als Kurtisane tätig. Ein von ihr überliefertes, freizügig dekolletiertes Porträt, das auch das CD-Cover ziert, legt davon Zeugnis ab. Unabhängig davon gilt: Ihre Musik ist faszinierend – voller Leidenschaft, instrumentaler Raffinesse und erstaunlicher Vielfalt.

Beim 40-jährigen Jubiläum der Tage Alter Musik war Barbara Strozzi ein eigenes Konzert gewidmet, das das Publikum regelrecht zu Begeisterungsstürmen hinriss (vergleiche zeitzeichen.net/node/11885). Nun ist endlich die bereits angekündigte CD erschienen, die im Umfeld dieses Konzertes produziert wurde. Ein Hochgenuss für alle Liebhaberinnen und Liebhaber Alter Musik – so überzeugend kann Barockmusik heute klingen. Zu verdanken ist dies vier Interpretinnen von internationalem Rang: den beiden Sopranistinnen Dorothee Mields und Hana Blažíková, die ein wahres vokales Feuerwerk entfalten – in dramatischen wie in elegisch getragenen Arien und Duetten gleichermaßen. Unbedingt genannt werden aber müssen auch die Gambistin Romina Lischka und die Violinistin Christine Busch, die gemeinsam mit dem reich besetzten Hathor Consort entscheidend zu diesem intensiven Hörerlebnis beitragen. Fazit: eine CD, die nicht nur musikalisch begeistert, sondern zugleich daran erinnert, wie viele bedeutende Stimmen der Musikgeschichte lange überhört wurden.

P.S.: Wer neugierig geworden ist auf die nach und nach wiederentdeckte Welt der Komponistinnen, dem sei das hervorragende Buch 250 Komponistinnen – Frauen schreiben Musikgeschichte des Musikwissenschaftlers Arno Lücker (Aufbau Verlag – Die Andere Bibliothek, 2023) empfohlen – eine wahre Fundgrube, nicht zuletzt der Beitrag über Barbara Strozzi.

 

Barbara Strozzi: Duette für 2 Soprane.  Dorothee Mields, Hana Blažíková, Hathor Consort CPO 11874076, 2025.

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