In einer Regensburger Kirchengemeinde eskalierten Konflikte gleich zweimal: In den 1990er-Jahren rieben sich die Pfarrer auf erster und zweiter Stelle mehr als ein Jahrzehnt aneinander – bis keiner mehr konnte.
Vor kurzem wiederholte sich das Drama: Innerhalb von zwei Jahren verließen gleich zwei Pfarrer die Gemeinde nach heftigen Auseinandersetzungen. Das Ergebnis: verbrannte Erde, tiefe Verletzungen, eine Gemeinde, die bis heute unter den Nachwirkungen leidet.
Ein Einzelfall? Keineswegs. Wer die kirchliche Presse aufmerksam liest, stößt regelmäßig auf ähnliche Geschichten: Gemeinden, die sich spalten. Kirchenvorstände, die zurücktreten. Dekanate, die ihre Leitungskräfte verheizen. Konflikte sind in der Kirche keine Ausnahme – sie sind die Regel. Nur: Wir können nicht mit ihnen umgehen.
Die evangelische Kirche hat eine bemerkenswerte Kompetenz zur Konfliktvermeidung – und eine erschreckend geringe Fähigkeit zur Konfliktb earbeitung. Streit wird beschwichtigt, ausgesessen, individualisiert.
Wir flüchten uns in Harmonieformeln und beten lieber für Frieden, als uns den realen Spannungen zu stellen. Doch die verschwinden nicht. Sie schwelen. Und irgendwann fliegen die Fetzen. Kirche verwechselt Harmonie mit Heiligkeit – und schadet sich damit selbst.
Pfarrpersonen etwa werden in ein Berufsfeld entlassen, das so divers ist wie kaum ein anderes. Dorf, Diaspora oder Innenstadtgemeinde – die Anforderungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Trotzdem durchlaufen alle den gleichen standardisierten Ausbildungsweg.
Danach: viel Verantwortung, wenig Begleitung. „Rein ins Amt – und jetzt schwimm!“, lautet die unausgesprochene Devise. Wer untergeht, gilt als persönlich gescheitert. Auch die Kirchenvorstände sind längst an ihre Grenzen gestoßen. Früher bestand die Leitungsebene aus Honoratioren mit gewachsenen sozialen Strukturen. Heute jonglieren Ehrenamtliche mit Bauordnungen, Kita-Trägerschaften, Datenschutz und Digitalisierung – Themen, für die selbst gestandene Hauptamtliche Spezialschulungen brauchen. Wer wollte da noch freiwillig Verantwortung übernehmen?
Und die mittlere Leitungsebene? Vom Seelsorger und Visitator für „deka“ = zehn Pfarrer – damals wohlgemerkt Gemeindepfarrer und alles Männer – ist die Dekanin heute längst zur professionellen Führungskraft geworden. Dekane sind heute Manager, Personalentwickler, Krisenmoderatoren – nur sagt ihnen das niemand.
Sie werden gewählt wie vor 50 Jahren, ins kalte Wasser geworfen und sollen gleichzeitig pastoral führen, verwalten, repräsentieren. Dass viele an dieser Überforderung scheitern, ist kein Wunder. Es ist systemisch programmiert.
Was also tun? Kirche braucht mehr Mut zur Zumutung. Professionelle Begleitung darf kein Luxus sein. Supervision, Coaching, Organisationsberatung müssen flächendeckend, verbindlich und selbstverständlich finanziert sein. Ausbildung darf nicht mit dem Examen enden. Jeder Stellenwechsel braucht ein Jahr professioneller Begleitung – nicht als Ausnahme, sondern als Regel.
Leitungsämter sind neu zu denken. Ohne klare Qualifikationen, Onboarding und verbindliche Standards bleiben sie ein Lotteriespiel – und ein Risiko für alle Beteiligten. Und schließlich: Die Kirchengemeindeordnungen gehören entrümpelt. Ehrenamtliche müssen entlastet werden von Verwaltung, Baufragen und Personalakten. Nur dann bleibt Raum für das, was wirklich zählt: geistliche Gemeindeentwicklung.
Kirche redet gerne von Gemeinschaft, Versöhnung, Frieden. Aber sie scheut den Streit. Dabei wäre genau er heilsam. Denn Konflikte sind keine Katastrophen, sondern Signale, dass etwas nicht mehr stimmt. Wer sie ignoriert, ruiniert Beziehungen. Wer sie annimmt, eröffnet Chancen.
Der Regensburger Fall ist kein Betriebsunfall. Er ist ein Symptom. Und er zeigt: Kirche wird nur dann Zukunft haben, wenn sie ihre Streitlust entdeckt – und eine Kultur entwickelt, in der Konflikte nicht vertuscht, sondern verwandelt werden.
Jesus selbst war ein Meister der Auseinandersetzung. Er widersprach, provozierte, stellte infrage. Er stritt mit Pharisäern, mit den eigenen Jüngern, mit Mächtigen und Frommen gleichermaßen.
Das Evangelium ist kein Harmonieprogramm, sondern ein Aufruf, die Wahrheit auszuhalten – auch wenn sie unbequem ist. Wer also glaubt, Streit sei das Gegenteil von Glauben, täuscht sich. In Wahrheit ist Streit die Bedingung der Erneuerung.
Martin Schulte ist Pfarrer mit 37 Jahren Erfahrung in Gemeindearbeit, Erwachsenenbildung und kirchlicher Organisationsentwicklung. Er arbeitet als Körperpsychotherapeut und systemischer Coach (DBVC). Schulte hat eine eigene Praxis in Regensburg für die Beratung kirchlicher und externer Führungskräfte, Teams und Gremien in Veränderungsprozessen.
Kirche wird nur Zukunft haben, wenn sie ihre Streitlust entdeckt.
Martin Schulte
Martin Schulte ist Pfarrer und Coach in Regensburg.