Im Land der Frauen

In Pariangan regieren die Lehren des Korans und das Matriarchat
Pariangan
Foto: Nick Reimer

Bei den Minangkabau haben Männer nichts zu sagen. Allerdings setzt die Globalisierung der Frauenherrschaft immer stärker zu, die Macht der Frauen schwindet. Nick Reimer hat das muslimische Matriarchat im Westen Sumatras besucht.

Natürlich ist es sehr viel besser, eine Frau zu sein.“ Eti ist 76 Jahre alt, Mutter von neun Kindern und streng gläubige Muslima. Und sie lebt in Westsumatra, wo die Minangkabau zu Hause sind: Mit mehr als sieben Millionen Menschen bildet das Volk die größte matrilineare Ethnie weltweit. „Männer sind doch arme Schlucker“, sagt Eti und grinst: Matrilinear bedeutet, dass die Frau alles besitzt – Haus, Land, Fischteich, Einfluss, Entscheidungsgewalt, Respekt. Männer dagegen sind hier die Bittsteller.

Das Leben als Mann ist sehr schwer, sagt Budiman vor seinem Laden.
Foto: Nick Reimer

Das Leben als Mann ist sehr schwer, sagt Budiman vor seinem Laden.

„Das Leben als Mann ist sehr viel schwerer“, sagt Budiman, der in Pariangan gleich neben den heißen Quellen einen kleinen Laden betreibt, mit Teeausschank und einer Bank zum Schwatzen. Pariangan liegt an den Hängen des Vulkans Marapi, der in diesen Tagen wieder heftig eruptiert. „Es fehlt die Wertschätzung, die wir Männer angesichts unserer Leistung verdienen“, klagt der 67-Jährige. Die harte körperliche Arbeit, das Engagement für die Sache, der Schutz der Gemeinschaft – er ist es, der das Geschäft am Laufen hält. Besitzen würde den Grund, die Mauern des Ladens, die Waren, selbst die Schwatzbank aber seine Frau. Und damit steht ihr auch der Verdienst des Ladens zu, „obwohl sie hier keinen Finger krümmt“.

Ein traditionelles „Rumah Gadang“.
Foto: Nick Reimer

Ein traditionelles „Rumah Gadang“.

Pariangan gilt als Wiege der Minangkabau-Kultur. Der Ort in Westsumatra, gelegen auf 600 Metern Höhe, ist ein „Nagari“ – eine „autonome Dorfrepublik“. Wie Büffelhörner ragen die Enden der Dächer in den Himmel, und das ist auch so gewollt: „Rumah Gadang“ werden die traditionellen Minangkabau-Häuser genannt. Sie erinnern an den Krieg mit den Völkern der indonesischen Nachbarinsel Java: Um Blutvergießen zu vermeiden, sollten zwei Büffel gegeneinander kämpfen, so die Verabredung der Kriegsparteien. Die Minangkabau schickten lediglich ein kleines, hungriges Kalb – mit einer Speerspitze im Maul. Die Minangkabau siegten. Seitdem verehren sie den Büffel. Minangkabau heißt übersetzt „siegreicher Büffel“, es gibt heute noch Büffelrennen, bei denen die massigen Tiere ein dem Pflug nachempfundenes Wägelchen mit rasantem Tempo durch den Matsch eines abgeernteten Reisfeldes ziehen.

Gegenüber Budimans Laden liegt die beige getünchte Moschee. Sie ist der Mittelpunkt der Stadt und zeigt: Die Minangkabau sind streng muslimisch gläubig. Der Handel mit der arabischen Welt brachte im 14. Jahrhundert auch Sufi-Gelehrte auf die Insel Sumatra, das Sultanat Aceh am Nordzipfel der Insel breitete sich im 17. Jahrhundert auch ins Minangkabau-Gebiet aus. Frauenherrschaft und die Lehren des Korans – hier empfindet das heute niemand als Widerspruch: Frauen und Männer beten in den Moscheen gemeinsam nebeneinander; dass Frauen hier Zeremonien eröffnen, ist keine Seltenheit. Auf dem Marktplatz von Bukittinggi, der größten Minangkabau-Stadt, versammeln sich tief verschleierte Frauen, um Karaoke zu singen – und sich dabei zu filmen. Emanzipierter dürfte der Islam weltweit nirgendwo sein.

„Das Matriarchat ist bei uns älter als der Islam“, sagt Budiman. Links von seinem Laden braust ein kleiner Fluss ins Tal, über den eine steinerne Brücke führt. Vermutlich kam die Herrschaft der Frauen im 10. Jahrhundert aus Südchina hierher. Der Verkäufer reicht Tee, der sehr gut duftet. „Natürlich kämpfen wir für mehr Gleichberechtigung“, sagt Budiman. Er sagt aber auch: „Diesbezüglich ist der Fortschritt eine Schnecke.“

Immerhin dürfen die Männer der Minangkabau mittlerweile selbsterworbenes Vermögen an ihre Söhne vererben, was die matrilineare Kultur allerdings aushöhlt. „Aber genau das wollen wir: Die Macht der Frauen brechen“, sagt der Teeverkäufer. Er werde aber bestimmt nicht mehr erleben, dass Männer gleichwertig wie Frauen behandelt werden, „dafür sind die Strukturen, die es zu verändern gilt, viel zu ausgeprägt“.

„Natürlich ist es sehr viel besser, eine Frau zu sein“, sagt Eti (links), hier mit Enkelin und einer anderen Minankabau vor der Moschee.
Foto: Nick Reimer

„Natürlich ist es sehr viel besser, eine Frau zu sein“, sagt Eti (links), hier mit Enkelin und einer anderen Minankabau vor der Moschee.

Etis Haare sind noch feucht, sie war gerade mit einer ihrer Töchter und den Enkeln im Bad der heißen Quellen, das selbstverständlich nach Geschlechtern getrennt ist: rechts der Brücke das Bad für die Frauen, links auf der Seite von Ladenbetreiber Budiman für die Männer. „Es ist natürlich wichtig, dass du einen Mann findest, der etwas taugt“, sagt Eti. Hermachen müsse er etwas, tüchtig sein, gehorsam, und er dürfe nicht „verknöchern“, also träge werden. Sie habe das Glück gehabt, dass sie ihren Mann nicht habe rausschmeißen müssen, „er hat sich ganz gut gefügt.“

Mittellos im Männerhaus

Kaidor hatte nicht so viel Glück, der 79-Jährige kommt gerade vom Nachmittagsgebet aus der Moschee. Heute lebt er in einem Männerhaus, einem Heim für mittellose Minangkabau-Singles, obwohl er selbst geglaubt hat, eine gute Partie zu sein. Polizist sei er gewesen, dann Kraftwagenfahrer, stets bemüht, ein guter Ehemann zu sein, beteuert Kaidor. „Nach zehn Jahren hab ich es aber nicht mehr ausgehalten“, er flog zu Hause raus. So etwas wie Rente gibt es nicht auf der indonesischen Insel Sumatra. „Die Kinder überweisen manchmal etwas Geld an mich, aber natürlich nie so viel wie an ihre Mutter.“

Die Mutter wählt den Gatten ihrer Tochter aus.
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Die Mutter wählt den Gatten ihrer Tochter aus. Nach der Hochzeit zieht dieser in das Haus seiner Frau.

Wie alle Jünglinge in der Minangkabau-Gesellschaft musste auch Kaidor früh sein Elternhaus verlassen. Im Alter von neun Jahren wechselte er in die Koranschule, wo er acht Jahre lang die heilige Schrift studierte. Nur zum Essen ging er noch in sein Elternhaus, in der Koranschule wurde auch geschlafen. Dann schickte er sich an, in den Polizeidienst einzutreten, und das habe ihn attraktiv gemacht auf dem Heiratsmarkt. „Die Mutter meiner Frau hat mich ausgesucht“, erinnert sich Kaidor, auch das Bräutigamgeld bezahlte sie an seine Eltern. Wie viel er wert war, habe er nie erfahren. Gefragt worden, ob er die Frau heiraten wollte, deren Mutter bezahle, sei er auch nie.

Bis heute ist es bei den Minangkabau üblich, dass die Mutter den Gatten ihrer Tochter auswählt. Und bis heute ist es zwingend, dass die Brautmutter der Familie des ausgesuchten Schwiegersohnes ein Handgeld zahlt. Die Höhe richtet sich nach Stand, Titel und Ansehen der Familie eines Kandidaten, „das kann schon mal so viel wie für einen neuen Toyota sein“, sagt Kaidor, und seine Augen funkeln. Toyotas mit Allradantrieb gelten im bergigen Westsumatra mit seinen schlechten Straßen als „Rolls-Royce“ unter den Automarken. Und bis heute ist es so, dass der Mann nach beglichener Rechnung ins Haus der Frau einzieht. Wohin sollte er auch sonst: Sie, im schlechteren Fall ihre Mutter, besitzt es ja.

Zum Totenschmaus treffen sich die Frauen ohne Männer.
Foto: Nick Reimer

Zum Totenschmaus  treffen sich die Frauen ohne Männer.

Nach seiner Trennung wurde Kaidor Händler, „weil ich dachte, dass das mehr Geld bringt“. Als er den Irrtum bemerkte, versuchte er sich in der Sicherheitsbranche. Aber da war sein sozialer Abstieg längst im Gange. „Ohne Frau an deiner Seite hast du hier keine Chance“, sagt der Mann, der eine modische Reebock-Jacke trägt.

Straßen zu bauen, ist schwierig auf Westsumatra: Keine der Frauen will dafür ihr Land hergeben. Der fruchtbare Boden rings um den Vulkan war seit Jahrhunderten Wohlstandsquelle für sie: Reisfelder, Fischteiche, Wälder und Höfe warfen kräftige Gewinne ab. „Das ist heute nicht mehr so“, sagt Eti mit den nassen Haaren, Mutter von neun Kindern, von denen drei Mädchen sind. In der Regel nämlich habe nicht eine Tochter den Besitz der Mutter übernommen, er wurde unter den Töchtern aufgeteilt. „Von Generation zu Generation: Wenn du geteiltes Land weiter teilst, wird es irgendwann so klein, dass es die Besitzerin nicht mehr ernähren kann.“ Dazu kommt, dass der Reispreis stark gefallen ist. Obwohl mittlerweile 76 Jahre alt, müsse sie immer noch mit ihren Töchtern auf die Reisfelder, damit es zum Leben reicht. Natürlich werden da auch deren Ehemänner ran zitiert, „aber einer taugt nicht viel, der kann nicht zupacken“, schimpft Eti.

Genug geplauscht, sie müsse weiter! Zum Abschied hat die Minangkabau aber noch einen guten Rat parat: „Vorsicht vor der weißen Frau!“ Die heißt so, weil sie lange weiße Haare hat, niemand sie aber kennt. „Wenn es dunkel wird, treibt sie sich auf dem Platz vor der Moschee herum.“ Sie spreche sehr gern Menschen an, Eti hält die Hand vor den Mund und flüstert: „Bloß nicht antworten! Wer antwortet, wird sehr schwer krank. Er kann sogar sterben!“

Giftige Dämpfe

An die Existenz der „alten weißen Frau“ glaubt Roni, der Reiseführer, nicht. „Trotzdem würde ich nach Einbruch der Dunkelheit hier nicht auf die Straße gehen.“ Denn manche der alten Sagen enthalten altes Wissen. „Vielleicht sind es giftige Dämpfe des Vulkans, die abends aus den heißen Quellen aufsteigen. Ich kenne Menschen, die auf die Weiße Frau gepfiffen haben – und fast erstickt wären.“

Reiseführer Roni: „Ich fürchte, die matrilinearen Tage sind gezählt.“
Foto: Nick Reimer

Reiseführer Roni: „Ich fürchte, die matrilinearen Tage sind gezählt.“

Roni ist ein weltgewandter Mann. Eine Zeit lang lebte er in Holland, war dort verheiratet, aber nicht glücklich. „Mir fehlte Sumatra“, sagt der 42-Jährige. Es fehlte ihm derartig, dass er seine Frau überredete, mit ihm dahin zurückzukehren. „Sie hielt es hier aber auch nicht aus“, sagt Roni, also beschloss das Paar, sich zu trennen. Seit zwei Wochen ist er Vater einer Tochter, was Roni ein „Wunder“ nennt: Bei den Minangkabau kann ein Mann nicht einfach auf eine Frau zugehen und ihr sagen: „Du gefällst mir.“ In seinem Fall hat ein Freund vermittelt, der die Mutter seiner heutigen Frau überredete, Roni in ihr Büffelhaus einzuladen.

„Wir als Paar haben kein Problem mit dem Besitz“, sagt Roni. Natürlich habe seine Frau viel mehr Land als er, immerhin das Grundstück ihres Hauses konnte er über Strohfrauen für einen Preis deutlich über dem Marktwert kaufen. „Das Tourismusgeschäft läuft sehr gut, ich erwirtschafte viel mehr als meine Frau“, sagt der Touristenführer. Seine Frau besitze das Land, er aber verdiene den Wohlstand des Alltags der jungen Familie.

So etwas bringt die jahrtausendealte Minangkabau-Kultur ins Wanken. „Die Arbeit auf den Reisterrassen ist hart, viele junge Leute gehen weg, um anderswo ihr Glück zu finden.“ Roni schätzt, dass drei der sieben Millionen Minangkabau Sumatra verlassen haben. Zudem bringt das, was die Frauen hier früher reich und damit tonangebend gemacht hat, nicht mehr sehr viel ein, der Reisanbau lohnt sich kaum noch.

Der Boden rings um den Vulkan ist fruchtbar, doch der Reispreis ist stark gefallen.
Foto: Nick Reimer

Der Boden rings um den Vulkan ist fruchtbar, doch der Reispreis ist stark gefallen.

„Ich liebe mein Volk und ich verehre es“, sagt Roni, „aber ich fürchte, die matrilinearen Tage sind gezählt.“ Viele der alten Minangkabau-Häuser stehen leer und verfallen, sein größter Traum ist, eines dieser „Büffelhäuser“ zu kaufen und mit neuem Leben zu erfüllen. Roni hat auch schon ein begehrtes Objekt gefunden, das dringend saniert werden müsste, wenn die Verwitterung es nicht zum Opfer nimmt. „Die Eigentümerin will aber nicht an einen Mann verkaufen.“

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Foto: Matthias Rietschel

Nick Reimer

Nick Reimer ist Journalist und Autor zahlreicher Veröffentlichungen zum Thema Umwelt- und Klimaschutz. Er lebt in Berlin.

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