Die Gedanken zu den Sonntagspredigten für die nächsten Wochen stammen von Rainer Stuhlmann. Er ist Pfarrer i.R. in Köln.
Nur ein Vorzeichen
SONNTAG ESTOMIHI, 15. FEBRUAR
Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! (Lukas 18,41–42)
Wir sind nicht alle blind“, höre ich die blinde Banknachbarin flüstern. Sie reagiert auf den ersten Satz der Predigt, die die Heilung darauf reduziert, dass Jesus einem Blinden die Augen öffnet. Die Frau neben mir empfindet ihre Blindheit als Defizit. Und sie möchte sich damit nicht versöhnen und mit dem trügerischen Hinweis trösten lassen: „Du bist okay, wie du bist.“
Aber zur Heilung ist der Wille der Kranken gefragt. Denn Gott, für den der Jude Jesus redet und handelt, ist nicht der Alleskönner, wie ihn sich Leute gerne vorstellen. In der Bibel wirkt Gott vielmehr im Team. Schon bei der Schöpfung lässt er seine (sie ihre) Geschöpfe an der Schöpfung mitwirken. Tag für Tag sagt sie: „Es werde.“ Und die Geschöpfe lassen es leuchten, trocken werden, wachsen. Und sogar Leben schaffen sie.
„Sei sehend!“ Der geheimnisvolle, kaum übersetzbare Imperativ drückt die Kooperation zwischen Blindem und Heiler aus. Und siehe da, in diesem Fall funktioniert sie. Und das ist gelegentlich auch heute der Fall. Unerwartet werden Menschen geheilt, mit, ohne und manchmal sogar gegen die ärztliche Kunst. Aber ein Wunder geschieht nicht immer. So lässt Jesus Tausende ungeheilt. Die Schöpfung bleibt beschädigt. Und Heilungen sind nur Zeichen, Vorzeichen der neuen Schöpfung mitten in der alten.
Als der Mensch aus Jericho seinem Heiler sehend „auf dem Weg hinauf nach Jerusalem“ folgt, bekommt er dort einen Helfer zu sehen, dem die Hände gebunden sind und der auf Macht verzichtet. Jesus ist kein Zauberer, sondern nimmt teil am beschädigten Leben der Schöpfung. Und auch sein Leben und Werk sind Stückwerk. Das Vollkommene lässt eben noch auf sich warten. Aber die Vorzeichen geben dazu Kraft und lassen hoffen.
Wir sind nicht alle blind, aber wir sind alle behindert und beschränkt. Erträglich oder störend. Weniger oder mehr. Und die behindert sind, sind auch begabt. Befähigt, an der beschädigten Schöpfung Gottes mitzuwirken. In den Grenzen ihrer Möglichkeiten.
Riskante Freiheit
INVOKAVIT, 22. FEBRUAR
Und sie waren beide nackt, Adam und seine Frau, und schämten sich nicht. … Und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. … Aber Gott der Herr machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.
(1. Mose 2,25+3,7+21)
Vom Sündenfall ist hier mit keiner Silbe die Rede. Die Sünde hat sich erst in die moralisierende Auslegung abendländischen Christentums eingeschlichen. Erzählt werden vielmehr Grenzüberschreitung und Tabu-Bruch. Und sie können zweierlei, Leben fördern oder zerstören. In ihrer Freiheit gehen Menschen eben ein Risiko ein. Dieses Mal machen sie die Erfahrung, zu wachsen, indem sie Grenzen überschreiten. Der Tabubruch weitet also ihren Horizont. Aus unschuldigen Unmündigen werden schuldfähige Erwachsene, Frau und Mann. Sie können ihre Unterschiedlichkeit wahrnehmen. Und das verführt zum Vergleich. Die Unbefangenheit geht verloren, und das attraktive Anderssein von Mann und Frau kann peinlich werden.
Anderssein kann im Vergleich mit anderen als Vorzug, aber auch als Mangel erscheinen. Wenn Menschen sich eine Blöße geben oder bloßgestellt werden, kommt Scham auf. Und sie treibt Menschen dazu, ihre Unterschiede zu verstecken. So schützen sie sich vor visuellem Zugriff und Übergriff. Der Lendenschurz, die erste Uniform, soll verdecken, dass sie anders als andere sind. Die Bekleidung ist ein Bekenntnis zur eigenen Begrenztheit: „Ich bin defizitär und deshalb auf Verhüllung angewiesen.“
Freilich auch diese Grenze kann überschritten werden. Menschen entblößen sich bewusst. Im Übermut. Das kann schamlos sein, Ausdruck einer Hybris, die menschliche Begrenztheit einfach nicht wahrhaben will. Aber es kann auch Mut dazu gehören, sich als suchtkrank, inkontinent, depressiv zu outen, ohne Rücksicht auf die eigenen Blößen tapfer und unverschämt reden und tun, weil es in den Passionsgeschichten von heute notwendig ist.
Dieser Mut kommt aus dem Wissen, dass Gott die Blößen bekleidet. Wie ein Maßschneider und spendabler Herren- und Damenausstatter, der ordentlich was springen lässt. Es ist der Überfluss der Gnade Gottes, die Menschen vor jedweder Bloßstellung schützt und zur Unverschämtheit ermutigt, weil er oder sie geschützte Räume liefert.
Kleider schenken Bewegungsfreiheit. Jetzt sind die Menschen nicht länger damit beschäftigt, ihre Blöße notdürftig mit Feigenblättern zu bedecken. Vielmehr können sie laufen und springen, was das Zeug hält. Gottes gnädige Intervention befreit und eröffnet neue Möglichkeiten, Grenzen zu überschreiten und Tabus zu brechen.
Anwalt bei Gott
REMINISZERE, 1. MÄRZ
Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind. (Römerbrief 5,10)
Wer wird hier versöhnt? Gott jedenfalls nicht. Denn er muss nicht versöhnt werden. Schon gar nicht durch den Tod seines Sohnes.
Solche Klarstellung ist unverzichtbar. Nicht weil moderne Menschen eine Sühnopfer-Theorie nicht verstehen, sondern weil diese, gemessen an der Bibel, Irrlehre ist. Katechismus, Gesangbuch und Passionsmusik verbreiten sie. Aber Versöhnung und Sühne sind nicht dasselbe. Nur im Deutschen klingt es ähnlich. Und überhaupt: Paulus stellt nicht Luthers kleine Frage nach dem gnädigen Gott, sondern die große nach Gottes Gerechtigkeit in der Welt.
Der Apostel lebt in der jüdischen Tradition von den leidenden Gerechten. Und Hiob und Jeremia leihen ihnen ihre Worte. „Mein Gott, warum?“ So erheben sie Vorwürfe gegen Gott und wagen es, den Richter der Welt auf die Anklagebank zu setzen. Sie sind Gott feind, weil ihnen keine Gerechtigkeit widerfährt, und klagen sie ein – mit anderen und der ganzen Schöpfung. Sie halten Ausschau nach einem Verteidiger in ihrem Rechtsstreit mit Gott und lassen sich nicht versöhnen, solange die Gerechtigkeit ausbleibt. Für Paulus ist Jesus einer dieser leidenden Gerechten. Aber von allen anderen unterscheidet er sich dadurch, dass er als Einziger nicht im Tod geblieben ist. Darum kann Paulus den Tod Jesu im Licht seiner Auferstehung als Aufrichtung von Gottes Gerechtigkeit verstehen. Gott rehabilitiert den zu Unrecht Getöteten, indem er ihm das neue Leben schenkt. Gott versöhnt Jesus. So unterscheidet er den einen von den vielen und macht ihn zum erstgeborenen Kind Gottes unter vielen Geschwistern, zum Modell für alle.
Antisemitisch wird solche Christologie, wenn der versöhnte Messias damit sein Judentum überbietet oder gar überwindet. Wenn vergessen wird, dass er die Verheißung der Gerechtigkeit Gottes nicht einfach erfüllt, sondern bekräftigt. Denn im Messias ist die Gerechtigkeit Gottes nur erst ein Anfang, erster Schritt auf dem Weg der Versöhnung. Die Kette der leidenden Gerechten ist mit Jesus nicht abgerissen. Im Gegenteil. Paulus wird nicht müde, die Verbundenheit des Messias mit den Seinen gerade „in Bedrängnissen“ zu betonen.
Aber die leidenden Kinder Gottes haben jetzt eine Hoffnung. Ihr erstgeborener Bruder ist ihr Anwalt, vertritt sie gegen Gott vor Gott. Er ruft die Versöhnten ihrerseits zur Anwaltschaft für die Entrechteten. Die Warumfrage ist noch nicht erledigt. Und vielleicht stellen Versöhnte sie nur umso lauter.
Ermäßigte Nachfolge
OKULI, 8. MÄRZ
Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. (Lukas 9,59–62)
Jesu Metapher vom pflügenden Bauern finde ich unsympathisch. Einmal die Hand an den Pflug gelegt, zieht er stur seine Bahnen, ohne nach rechts und links zu blicken und schon gar nicht zurück. Solche Menschen, Bescheid wissend, selbstsicher, resistent selbst gegen freundschaftliche Kritik, immun gegen jede Selbstkorrektur, sind mir zuwider. Für diese Art „Reich Gottes“ habe ich jedenfalls kein Geschick.
Darum erwarte ich auch keine hilfreiche Antwort auf die Frage „Was würde Jesus dazu sagen?“ Meinen Eltern die letzte Ehre versagen? Nein. Meine Familie wortlos verlassen? Nein. Obdach- und bedürfnisloser als Füchse und Vögel werden? Nein. Alle Habe den Armen geben? Den Frieden bewusst stören? Meine Familie im Streit spalten? Eltern und Geschwister hassen? Auge, Hand und Hoden opfern? Nie und nimmer!
Ich liebe das Außerordentliche, wenn es das Normale aufbricht, Langeweile vertreibt und Aufbrüche initiiert. Aber ich hasse es, wenn Trost, Gnade, Gott zu billig daherkommen. Zum Leben eines galiläischen Wanderradikalen bin ich nicht geboren, auch nicht zum Wüstenvater, Bettelmönch oder Bruder in Dietrich Bonhoeffers Predigerseminar in Finkenwalde. In der Gesellschaft disziplinierter Asketen komme ich mir fremd vor, mit Bauch und A-14-Pension.
Aber zugleich frage ich mich, warum Lukas und Matthäus solche provokativen Jesusworte tradiert haben. Sie und die Gemeinden, die ihnen nachfolgten, wurden ja nicht zu Wanderradikalen wie Jesus. Sie waren vielmehr sesshaft wie wir. Sie hatten nicht ständig die Hand am Pflug, sondern leisteten sich Abschiede und Rückblicke, gründeten Familien, gönnten sich Feste und Feiern, reduzierten das Fasten auf sieben Wochen, ermäßigten den Besitzverzicht zum Teilen und später zum Almosen. Und das alles machte ihnen kein schlechtes Gewissen.
Darum kann ich meiner Gemeinde ihren Komfort nicht madig machen. Ich will nicht Wasser predigen und auf meinen Wein verzichten. Ich kann nicht ehrlichen Herzens über diesen Text predigen, ohne ihn zu ermäßigen. Zur Nachfolge Jesu bin ich nicht fähig. Vielleicht zur kritischen Orientierung an ihm. Und ich hoffe, dass Jesus einen Platz auch für die hat, die wie ich „ungeschickt für das Reich Gottes“ sind.