„Mein Platz in der Welt“

David Harris blickt in seinen Memoiren auf seine Laufbahn zurück.
David Harris, damals Generaldirektor des American Jewish Committee (AJC), spricht 2014 in New York mit Ursula von der Leyen, zu dieser Zeit deutsche Verteidigungsministerin.
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David Harris, damals Generaldirektor des American Jewish Committee (AJC), spricht 2014 in New York mit Ursula von der Leyen, zu dieser Zeit deutsche Verteidigungsministerin.

David Harris leitete zwei Jahrzehnte lang die einflussreiche US-amerikanische Organisation American Jewish Committee (AJC). Obwohl er selbst Sohn von Shoah-Überlebenden ist, setzte er die Eröffnung des ersten AJC-Büros in Berlin durch. Den Aufstieg der AfD betrachtet er als Bedrohung für jüdische Gemeinden. Auch der Wahlsieg des pro-palästinensischen New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani besorgt den 76-Jährigen sehr. Ein Porträt Harris’ vom deutsch-israelischen Journalisten Igal Avidan.

David Harris verbrachte 1960 mit seinen Eltern ein Jahr in München. Sein Vater Eric hatte nach der Shoah zwar geschworen, niemals nach Deutschland zurückzukehren, musste jedoch sein Wort brechen. Der Ingenieur wurde von seinem amerikanischen Arbeitgeber gezwungen, in München deutsche Kollegen in neuen Fernsehtechnologien auszubilden. Er ließ seine Frau und den elfjährigen David nachkommen. Auch heute noch erinnert sich David Harris an die wunderbaren Konditoreien, die Briefmarkenläden und die Parks der bayerischen Metropole. Er kann sich an diese Zeit sehr gut erinnern, weil seine Eltern alles an Deutschland hassten und daraus keinen Hehl machten. „Fast täglich erlebte ich, dass meine Eltern im Bus oder im Restaurant saßen, umherschauten und zum Beispiel sagten: ‚War er in der Wehrmacht, der Gestapo, der SS oder in einer Einsatzgruppe?‘ Jeder, der älter als 33 war, war möglicherweise Teil der Nazi-Maschinerie.“

Seine lebhafteste Erinnerung stammt vom Münchner Hauptbahnhof. „Wir waren auf dem Weg zu einem Tagesausflug“, erzählt er. „Plötzlich wurde mein Vater rot vor Wut und rannte erbost zu einem Werbeplakat in der Wandelhalle. Meine Mutter versuchte, ihn zu beruhigen, doch ohne Erfolg. Er schrie und zeigte auf ein Werbeplakat für Ausflüge nach Dachau. Gemeint war jedoch nicht das Konzen­trationslager, sondern die hübsche historische Altstadt.“ Bevor sie eine Wohnung in München mieteten, teilte die Familie sich ein Zimmer im Platzl Hotel. „In einer Nacht sprang mein Vater aus dem Bett. Am nächsten Morgen erfuhr ich, dass er angeblich Nazimusik aus der Bierhalle unten gehört hatte. Papa ging herunter, um sich den Nazis entgegenzustellen. Er war ein jüdischer Kämpfer.“ Hatte die Nähe zum Münchner Hofbräuhaus, nur 100 Meter entfernt, seine Wahrnehmung beeinflusst? Denn das Hofbräuhaus war ein entscheidender Ort bei der Gründung der NSDAP 1920.

Die Harris wohnten in einem Mehrfamilienhaus in München-Schwabing. „Wir waren keine religiöse Familie, aber meine Mutter war sehr jüdisch“, erzählt Harris. „Daher stellte sie während des Chanukkafestes die Menora auf das Fensterbrett – als einen Akt des Ungehorsams. Wir wohnten im ersten Stock, sodass alle, die ins Haus kamen, die Menora sahen. Danach änderten manche Nachbarn ihr Verhalten uns gegenüber.“

David Harris ist ein begnadeter Erzähler mit einem ausgezeichneten Gedächtnis und einem Gespür für die jüdische Geschichte. Sie prägte sein Leben sowohl privat als auch beruflich. Russisch lernte er von seinen Großeltern mütterlicherseits, die in New York direkt gegenüber wohnten. Die Familie seiner Mutter wanderte 1930 von Moskau nach Frankreich aus. Sie lebte im Krieg 17 Monate lang in Südfrankreich im Untergrund und gelangte nach dem japanischen Angriff auf den US-Stützpunkt Pearl Harbor in das neutrale Portugal und anschließend in die USA.

Wende in Moskau

David Harris durfte 1974 an einem amerikanisch-sowjetischen Austauschprogramm für Lehrer teilnehmen, auch weil er Russisch sprach. Bald begegnete er in Moskau einheimischen Juden. Daraufhin beschloss er, die einzige aktive Synagoge zu besuchen. Am Tag des Thorafestes Simchat Torah, an dem der Zyklus der Thora-Lesungen beginnt, lief Harris ausgerechnet entlang der Chmelnyzkyj-Straße. Diese ist nach dem Mörder von zehntausenden oder gar hunderttausenden Juden im 17. Jahrhundert benannt. „Ich dachte, dass an diesem Arbeitstag niemand das Risiko auf sich nehmen würde, in die Synagoge zu kommen. Aber als ich um die Ecke bog und auf der Spitze des kleinen Hügels stand, sah ich erstaunt Tausende von Menschen. Ich begann zu weinen. Denn diese Juden sagten nur einen Kilometer vom Kreml entfernt: Das Volk Israel lebt.“ In seinem Buch schreibt er: „In dieser Sekunde verstand ich meinen Platz in der Welt und meine Verpflichtung als Jude.“ Nachdem er mehrere jüdische Familien besucht hatte, denen die Auswanderung nach Israel verweigert worden war, wurde er nach Leningrad versetzt. Zurück in Moskau, dolmetschte er in der Synagoge zwischen einer Gruppe jüdischer Touristen und einigen sowjetischen Juden. Daraufhin wurde er festgenommen und nach zwei Tagen Hotelarrest ausgewiesen.

Als Teil einer kleinen Gruppe jüdischer Verleger durfte Harris 1981 dennoch an der Moskauer Internationalen Buchmesse teilnehmen. „Der Speicherplatz sowjetischer Computer war damals wohl begrenzt“, schmunzelt er. „Die Sowjets wiesen uns den entferntesten Platz in der großen Halle zu, aber die Juden fanden uns.“ Sie stellten sich in eine lange Reihe, sodass sie die benachbarten Stände blockierten. „Ein älterer Herr verweilte so lange, dass ich ihn irgendwann leise auf Russisch bat, weiterzugehen. Er antwortete: Junger Mann, verweigere mir nicht die einmalige Chance in meinem Leben, deine jüdische Luft zu atmen.‘“

David Harris arbeitet seit 1979 für das American Jewish Committee (AJC), von 1990 bis 2022 als Generaldirektor. Wir sitzen in seinem Berliner Hotelzimmer, das nur einen Katzensprung vom Tiergarten entfernt ist. Dort hatte sein Vater Eric als Kind gern gespielt, bis auf den Bänken Schilder mit der Aufschrift ‚Keine Juden‘ standen. Nach Hitlers Machtergreifung wurde der 13-jährige Eric zu seiner Tante ins sicherere Wien geschickt. 1938 wurde er zusammen mit anderen jüdischen Studierenden von der Universität verwiesen und floh nach Frankreich. Er kam in die Fremdenlegion und wurde in Algerien stationiert. 1940 ließ ihn das mit Nazi-Deutschland kollaborierende Vichy-Regime verhaften. Doch er konnte vom Gefangenenlager fliehen und schloss sich dem US-amerikanischen Geheimdienst an, der ihn am Kriegsende in die Vereinigten Staaten brachte. Dort wurde 1949 sein Sohn David geboren.

In seiner Biografie An vorderster Front: Ein Leben im Auftrag jüdischer Diplomatie erzählt David Harris, dass der Holocaust eine sehr wichtige Rolle in seiner Familie spielt. Seine älteste Enkelin, Mila, ist nach seiner Cousine Mila Racine benannt. Diese rettete während der Nazizeit in Frankreich über 230 jüdische Kinder in die neutrale Schweiz, bevor sie im KZ-Mauthausen ermordet wurde. Harris wollte ein Büro in Berlin eröffnen, um die Beziehungen zwischen Deutschland und dem jüdischen Volk aufzubauen. Dazu wollte die AJC mit der Bundesregierung, den Kirchen, dem Zentralrat der Juden in Deutschland und der Konrad-Adenauer-Stiftung kooperieren. Die Meinung seines Vaters war ihm dabei wichtig: „Er hatte kurz vor seinem Tod zugestimmt.“

Der Standort des AJC in Berlin ist eng mit der deutsch-jüdischen Geschichte verbunden. Nach der deutschen Wiedervereinigung erhielt die jüdische Verlegerfamilie Mosse das Grundstück am Leipziger Platz, das sich zuvor im Niemandsland zwischen Ost- und West-Berlin befunden hatte, zurück. Die Familie wollte, dass das Bürogebäude den Namen Mosse trägt und eine jüdische Organisation dort einzieht. Als es Mitte der 1990er Jahre errichtet wurde, „wurde die AJC empfohlen, und ich habe sofort zugesagt“. 1998 eröffnete Geschäftsführer David Harris das erste AJC-Büro in Deutschland. „Ich spürte die Gegenwart meines verstorbenen Vaters, der nun lächelnd darauf herabblickte, dass Juden in ein neues, demokratisches und offenes Deutschland zurückkehrten.“

David Harris beendete 2022 seine Arbeit für die AJC, lange bevor die Organisation die Studie „Die Umsturzpartei. Wie die AfD unsere Demokratie gefährdet” in Auftrag gab. Seine Meinung über die „Alternative für Deutschland“ verheimlicht er jedoch nicht: „Es gibt allen Grund, sich ernsthaft Sorgen wegen der AfD zu machen – wegen der Ideologie und der Popularität der Partei. Die jüdischen Gemeinden sehen sie als eine ernste Bedrohung und wollen keinen Kontakt zu dieser Partei.“

Historischer Moment

Israel liegt Harris sehr am Herzen. Eines seiner ersten Projekte als Generaldirektor des AJC war es, die UN-Resolution von 1975, die den Zionismus als eine Form des Rassismus einstufte, zu annullieren. „Diese Resolution wurde in Moskau in Kooperation mit arabischen Staaten ausgedacht, um Israel zu dämonisieren, zu isolieren und zu delegitimieren. Denn als ein rassistischer Staat hat er kein Existenzrecht. Es ist sehr selten, dass eine UN-Resolution annulliert wird.“ 1991 war die Zeit durch die israelisch-arabische Friedenskonferenz von Madrid und das Ende des Kalten Krieges dafür reif. „Die Resolution wurde auch mit den Stimmen derer abgeschafft, die 1975 dafür gestimmt hatten, einschließlich der Sowjetunion. Es war ein historischer Moment.“

David Harris’ Leben und Werk sind von zwei Schwerpunkten geprägt: Judenhass und Auswanderung. Er erzählt stolz, er sei der Erste aus seiner Familie, der in den USA geboren wurde. Macht er sich Sorgen um die Zukunft der Juden in den USA? Die Antwort überrascht: „Ich bin 76 Jahre alt, bin seit 50 Jahren aktiv in der jüdischen Welt und hoffe auf die erste friedliche Nachtruhe. Das ist noch nicht geschehen. Mich besorgt, dass der Antisemitismus normalisiert wird. Der neue Bürgermeister von New York macht mir große Sorgen. Mamdani sagt seit Jahren, er sei fanatisch auf der Seite der Palästinenser.“ Der neue Bürgermeister von New York, Zoran Mamdani, löst bei ihm starke Emotionen aus. „Eine Sache ist in seinem Leben beständig: sein fanatischer Hass auf Israel. Er steht für die Globalisierung der Intifada vom Jordan bis zum Mittelmeer. Jeder versteht, dass er damit das Ende des Staates Israel meint und Gewalt gegen Anhänger Israels und vielleicht auch gegen Juden generell sanktioniert.“

David Harris besucht Israel oft und nimmt dessen Politik immer wieder in Schutz. Manchmal wird er gefragt, wa­rum er nicht in Israel lebt. 1975 überlegten er und seine damalige Freundin, die heute seine Frau ist, nach Israel auszuwandern. Schließlich nahm er den Ratschlag eines israelischen Busfahrers an. „Eines Tages sind wir auf dem Weg zur Schwester meiner Freundin im Kibbuz Geva. Wir stehen an der Bushaltestelle, als der allerletzte Bus vor dem Feiertag kommt. Wie ein Jecke, ein deutscher Jude, warte ich geduldig in der Schlange und drängele nicht. So fährt der volle Bus vor meiner Nase los – mit meiner Freundin. Plötzlich sehe ich sie hektisch durch das Fenster winken. Der Busfahrer hält an und fährt zurück. Er steigt aus, läuft durch die Schlange, kommt auf mich zu und fragt: ‚Bist du David? Deine Freundin sagt, du sollst mit mir kommen.‘ Er führt mich zum Bus, schließt die Tür ab und sagt: ‚David, hier ein guter Ratschlag: Komm niemals nach Israel, um hier zu leben. Du würdest hier nicht überleben.‘“

Seine Frau und er fragen sich andauernd, ob er den Busfahrer ignorieren sollte, sagt er zum Schluss. „Wenn unsere Kinder nach Israel auswandern, werden wir ihnen unbedingt folgen. Trotz meiner Liebe und Dankbarkeit für Amerika, das meinen Eltern und meiner Frau eine Heimat gab, ist mein Herz groß genug, um einen großen Teil davon Israel zu widmen.“

 

Information:
Die Memoiren von David Harris sind erschienen in einem Gesprächsband mit Agnieszka Markiewicz unter dem Titel: An vorderster Front. Ein Leben im Auftrag jüdischer Diplomatie. Verlag Hentrich & Hentrich, Leipzig 2025, 370 Seiten, Euro 24,90.

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