So schön ist das Judentum
Die Schwere der Kippa
Als ich das erste Mal eine Synagoge betrat, wurde mir eine Kippa gereicht. In meiner Hand lag dieser kleine Kreis aus Stoff, und doch fühlte er sich an, als trüge er das Gewicht einer uralten Geschichte. Es fiel mir schwer, sie einfach aufzusetzen, denn in diesem Moment war sie mehr als nur ein Gebot der Höflichkeit. Sie wurde zu einem Zeichen, das all das in sich trug, was ich jetzt spürte: die Demut, die Hingabe, die stille Ergebenheit vor Gott.
Mit zitternden Händen nahm ich sie, und es war, als würde ich mich selbst in dieser Geste verlieren – als müsste ich für einen Moment all meinen Stolz, all mein Wissen und meine Zweifel ablegen. Ich zögerte, denn in diesem winzigen Akt schien sich die Größe des Glaubens zu offenbaren, etwas, das ich tief in mir trug, aber nie auf diese Weise erfahren hatte. Schließlich setzte ich die Kippa auf meinen Kopf, und es war, als würde ich in einen Raum der Hingabe eintreten, der mir fremd war und doch auf geheimnisvolle Weise vertraut. Die Kippa wollte nicht auf meinem Kopf bleiben. Immer wieder löste sie sich von meinen Haaren, sodass ich sie mit einer Hand festhielt. Es war, als würde die Kippa sich weigern, nur eine Geste der Etikette zu sein. Ihr fortwährendes Lösen von meinem Kopf schien mir fast wie ein leises Zeichen, eine Erinnerung daran, dass der Weg zur Demut und Hingabe kein müheloser ist. Mit jeder Bewegung, die ich machte, um sie festzuhalten, spürte ich die feine Grenze zwischen meiner eigenen Unsicherheit und der Ehrfurcht, die dieser Moment in mir auslöste.
Ich stand da, mit der Hand an meiner Kippa, und spürte die Schwere dieser kleinen Geste – nicht als Bürde, sondern als Geschenk. In dieser Zerbrechlichkeit lag die Kraft einer alten Tradition, die mich einhüllte, wie ein Mantel, den ich nicht erwartet hatte und der doch zu mir gehörte, zu dem fremden Vertrauten. Die Kippa verband mich mit einer Geschichte, die so alt war, dass sie mir fast unbegreiflich erschien, und dennoch spürte ich in diesem Moment ihre lebendige Gegenwart. Es war eine Begegnung nicht nur mit dem Göttlichen, sondern mit mir selbst – und mit einer Tradition, die mir eine neue Art der Nähe zu Gott offenbarte, still und eindringlich, weit jenseits dessen, was Worte fassen konnten.
Eine Begegnung
Es war nicht bloß ein Symbol, es war eine Begegnung – mit dem, das größer war als ich, und mit der stillen, leisen Schönheit der jüdischen Tradition, die mich auf eine Art berührte, die ich nicht erwartet hatte. Die Wahrheit kann uns trennen, weil sie nichts neben sich sein lässt. Aber die Schönheit?
Gerne hätte ich die Kippa am Ende nicht zurückgegeben, gerne hätte ich das mir Anvertraute mitgenommen, nicht weil sie jetzt meine geworden wäre, sondern weil sie mir etwas gezeigt hatte, das ich nicht verlieren wollte. Sie war ein Symbol der Schönheit, das mich an die Demut erinnerte, an die Hingabe, die im Herzen jeder Begegnung mit dem Göttlichen liegt. Nicht weil ich plötzlich ein Teil dieser Tradition war, sondern weil sie ein Teil von mir wurde, weil ich etwas von ihrer Schönheit erblickt hatte – einer Schönheit, die nicht trennt, sondern verbindet.
Die Kippa war nicht mein Besitz, aber sie hatte einen Raum in mir geöffnet, der mich dazu einlud, tiefer zu sehen. Sie war ein Zeichen der Nähe, das in seiner Schlichtheit schwer wog. Und während ich sie zurückgab, fühlte ich, wie das, was sie symbolisierte, bei mir blieb. Es war nicht die Kippa selbst, sondern das, was sie in mir ausgelöst hatte: die Ahnung, dass Schönheit eine Brücke schlagen kann, die sich wie Liebe anfühlte.
In diesem Augenblick erinnerte mich die Kippa auch an eine Freiheit, die älter ist als jede einzelne Geschichte, die wir über sie erzählen. Sie stammt aus einer Bewegung heraus, die von der Unfreiheit in die Weite führte, vom engen Raum der Knechtschaft in den offenen Raum der Würde. Seit dem Auszug aus Ägypten (Exodus) begleitet sie ein Volk, das sich in dieser Freiheit neu fand. So wurde die Kippa nicht nur Zeichen der Demut, sondern Ausdruck einer Schönheit, die aus der Freiheit erwächst: einer Freiheit, die weiß, dass Größe nicht in Macht liegt, sondern im Bewusstsein der eigenen Endlichkeit. Als sie mir gereicht wurde, war es, als würde ein Hauch dieser Freiheit auch mich streifen – leise, unaufdringlich, wie eine Erinnerung daran, dass wahre Nähe immer befreit.
Judenliebe bedeutet, die Demut zu schätzen, die die Kippa verkörpert – eine Demut, die uns daran erinnert, in Achtung miteinander zu leben.
Liebeskunst: Menschlichkeit
Liebe. Sie kennt keinen Gegensatz. Darin besteht ihre Weite und Tiefe, weil sie vor nichts und niemandem Halt macht. Liebe kennt keine Grenzen. Sie überschreitet Barrieren, durchbricht Mauern, überwindet Vorurteile. Doch Liebe ist leise, sehnend, zitternd. Sie sucht den anderen, kreist um ihn, atmet seinen Duft, findet Berührung. Daher ist die Liebe immer auch schwach. Ihre Schwäche aber zieht an, weil sie nichts verbergen, nichts verschleiern will. Vielmehr macht Liebe wesentlich. Ihre Schwäche erzählt ihre Wahrheit, dass sie nichts nehmen, aber alles geben will. Die Liebe existiert schutzlos, wie eine offene Wunde. Nicht selten gibt es Augenblicke, die sie unglaubwürdig machen, unmöglich und verklärt erscheinen lassen. Und nicht selten ist sie genau dann gefragt.
Die Liebe lehnt nichts ab, auch wenn sie sich zuweilen zurücknehmen, Raum geben, Zeit gewähren muss. Die Liebe atmet immerfort. Selbst wenn wir atemlos sind, keine Hoffnung wagen, keine Lösung erblicken. Oft zeigen sich Hass, Ignoranz, Feigheit, Gewalt als ihre Gegensätze, weil sie lauter, härter und unnachgiebiger erscheinen. Doch gerade in ihrer stillen, sanften Beharrlichkeit entfaltet die Liebe ihre Existenz. Sie überdauert den Lärm und die Härte, heilt, wo Wunden geschlagen wurden, verbindet, wo Trennungen herrschten. Die Liebe ist geduldig. Sie wartet, wenn wir zögern, hält uns, wenn wir fallen, leuchtet aus, wo sonst Finsternis herrscht, führt uns, wenn wir verloren sind. In ihrer Gegenwart wachsen wir, lernen zu vergeben, lernen zu vertrauen, lernen zu lernen. Die Liebe ist unmöglich, aber wahr. Darin liegt ihre Einzigartigkeit und zugleich ihre Notwendigkeit.
Wer über die Liebe schreiben will, verstellt sie, macht sie zu einer Ware, die sich erst bewerben muss, um verkauft zu werden. Nicht über, sondern von der Liebe soll geschrieben werden. Die Liebe sucht Stille. Erst dann kann sie Ausdruck finden. Ihr Ausdruck ist ihre eigentliche Erscheinung.
Ein ständiges Werden
Wer von der Liebe schreibt, liebt das, was er beschreibt. Solches Schreiben ist kein distanziertes Beobachten, keine Liebesgeschichte, sondern eine Geschichte der Liebe. Sie lässt sich nicht in ein Korsett aus Definitionen zwängen. Denn die Liebe lässt sich nicht greifen, nicht festhalten, nicht in ihrer Gesamtheit verstehen. Sie ist ein ständiges Werden, ein Pulsieren, ein Geheimnis, eine Kunst der Unverfügbarkeit, die sich demjenigen offenbart, der sich ihr mit Offenheit nähert. Wie auch in Teilen der Kabbala, einer Ausprägung jüdischer Mystik, die Liebe als Schlüssel zum Geheimnis Gottes erscheint. Sie macht das Verborgene nicht erklärbar, aber spürbar. Wer von der Liebe schreibt, legt Zeugnis ab von der Kraft der Liebe, von ihrer Fähigkeit zu heilen, zu verbinden, zu verwandeln. Und so wird das Schreiben von der Liebe zu einem Akt der Liebe selbst. Es ist ein Sich-Hingeben an das, was größer ist als man selbst, ein Sich-Öffnen für das, was das Leben lebendig hält, denn die Liebe ist keine Strategie, kein Weg, sondern Geständnis.
Nur die Liebe ist konkret. Der Hass hingegen nackt, derb, schnell, übergriffig, aber gesichtslos. Denn der Hass hat kein Gesicht, sondern er wird zu einem Zerrbild, indem er den anderen verzerrt. Er zerstört Beziehungen, marginalisiert den anderen, aber verliert durch Bindungslosigkeit sich selbst. Während Hass Grenzen zieht, reißt die Liebe die Grenzen ein. Während Hass Menschen entmenschlicht, erkennt die Liebe in jedem das Menschliche. Die Liebe geht nicht über das Menschliche hinaus, nicht über das Fehlbare, nicht über das Unfertige, das wir immer bleiben.
Der Hass ist endgültig, er ist dem Ende der Beziehung verschrieben. Die Liebe hingegen bleibt offen, sucht in jedem Atemzug den Anfang. So betrachtet, findet in der Liebe kein Fortschritt statt. In der Liebe bleiben wir Anfänger. Auch die Haltung der Liebe ist dem Anfang verschrieben. Den anderen zu lieben heißt, den gemeinsamen Anfang nicht zu vergessen, nicht zu ignorieren, dass wir am Anfang stehen, jeden Tag aufs Neue, jeden Tag erneut uns anblicken, uns anhören, uns halten, als würden wir uns zum ersten Mal anblicken, anhören und halten.
Wer von der Liebe schreibt, muss sich selbst der Liebe öffnen, muss bereit sein, sich fremd zu werden. Er muss den Mut aufbringen, verletzlich zu sein. Nur dann wird das Geschriebene lebendig.
Judenliebe bedeutet, in der jüdischen Liebe zur Menschlichkeit auch den eigenen Weg zur Mitmenschlichkeit zu erkennen und die zarte, unerschütterliche Kraft der Liebe als Brücke zwischen uns zu ehren.
Information:
Der Text stammt aus: Ahmad Milad Karimi: Die Schönheit des Judentums. Eine muslimische Liebeserklärung. Patmos Verlag, Ostfildern 2026, 80 Seiten, Euro 12,–.
Ahmad Milad Karimi
Ahmad Milad Karimi, geb. 1979 in Kabul, studierte Philosophie und Islamwissenschaft an der Universität Freiburg i.Br. und wurde 2012 mit einer Arbeit über Hegel und Heidegger promoviert. Er ist ordentlicher Professor für Kalām, islamische Philosophie und Mystik an der Universität Münster. Karimi ist stellvertretender Leiter des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster, Leiter der internationalen Muhammad Iqbal-Forschungsstelle. 2019 erhielt er den Voltaire-Preis für „Toleranz, Völkerverständigung und Respekt vor Differenz“ der Universität Potsdam.