„Ich habe keine Seele“

Künstliche Intelligenz im Religionsunterricht und anderen Schulfächern
In der Altenpflege hat der KI-gestützte Roboter Navel bereits Erfahrungen gesammelt. In Dresden wurde nun sein Einsatz im Religionsunterricht getestet.
Foto: picture alliance/dpa
In der Altenpflege hat der KI-gestützte Roboter Navel bereits Erfahrungen gesammelt. In Dresden wurde nun sein Einsatz im Religionsunterricht getestet.

Im Jahr 2026 beginnt das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz in der Schule: Die vermeintlich allwissenden Maschinen breiten sich aus – auch im Religionsunterricht. Obwohl die KI gar nicht an Gott glauben kann. Ein Aus- und Überblick des Journalisten Christian Füller.

Diese Schülerin hat die Künstliche Intelligenz schnell durchschaut. „Gott ist ja eher jemand, der zuhört“, sagt sie. „Und Navel eher jemand, der Fragen beantwortet.“ Navel, das ist ein redseliger Roboter, der mit Hilfe von KI im Religionsunterricht hilft. Das Gemeinschafts-Projekt am Evangelischen Kreuzgymnasium und der TU Dresden ist halb Lernen, halb Forschen. Im Zentrum steht dabei der circa 80 Zentimeter große Roboter Navel, der KI-gestützt Fragen zu Gott und der Welt beantwortet.

Bislang war KI in deutschen Klassenzimmern eine Seltenheit. Im Jahr 2026 aber wird Künstliche Intelligenz an vielen Schulen auftauchen. Fast überall in Deutschland müssen Schüler:innen nun damit rechnen, dass ihre Lehrkräfte KI-Assistenten bekommen. Die Landkarte der Schul-KIs hat sich binnen eines halben Jahres völlig verändert: War die Bundesrepublik vergangenen Sommer noch eine weiße Fläche mit wenigen Einsprengseln bei Vorreitern wie Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz oder Bayern, so sieht das jetzt ganz anders aus.

Inzwischen haben acht Bundesländer einen neuen KI-Chatbot namens Telli eingeführt, den sie nun in allen Klassenzimmern ausrollen. Dazu gehören – in der Reihenfolge der Einführung – Bremen, Brandenburg, Schleswig-Holstein, Hessen, Baden-Württemberg, Bayern, NRW, Saarland. Neben Telli gibt es mittlerweile eine Vielzahl von pädagogischen KI-Tools wie „Fobizz“ aus Hamburg, „SchulKI“ aus Leipzig, die Feedback-KI „Fellofish“ oder jene KIs, die Lehrer an die Hand nehmen wie „paddy“ (Bielefeld), „eduhu“ (Berlin) oder „Sidekick“ (NRW).

KI im Beichtstuhl

KI im Klassenzimmer wird Schule auf kurz oder lang grundstürzend verwandeln. Lehrkräfte können ihren Unterricht mit der KI zum Beispiel besser vorbereiten. Eine Vertretungsstunde in einer Mathe-Klasse lässt sich auch für fachfremde Pauker blitzschnell gestalten. Manche benutzen KI bereits als Korrekturhilfe, um die leidigen Klassenarbeiten schneller zu benoten. Ein Projekt in Nordrhein-Westfalen hat Dutzende so genannter „didaktischer Agenten“ für Lehrkräfte gebaut. Dazu zählt ein „Lernpartner für Präsentationen“ und einer für Lesestrategien in Deutsch, aber auch ein „Schoko-Problemhelfer“ und ein Kreismeister für Mathematik.

Zugleich können die Lehrkräfte ihren Schülern den Zugang zur Schul-KI freigeben. Die chatten dann zum Beispiel mit einer historischen Figur – was auch ein Jesus-Avatar sein kann wie in einer Kirche in Luzern, wo eine Jesus-KI im Beichtstuhl sitzt. „Ich hab mich aufgehoben gefühlt und bin wirklich erleichtert rausgegangen“, erzählte eine Besucherin, nachdem sie mit dem KI-Jesus gesprochen hatte. Zwei Drittel der Nutzer des KI-Jesus gaben an, dass sie mit dem digitalen Klon eine spirituelle Erfahrung gehabt hätten.

Im Klassenzimmer wird die Anwendung vielfältig sein. Die Schüler:innen holen sich Tipps von der KI, wie sie eine Rechenaufgabe lösen könnten. Referate werden viel einfacher, da die KI komplette Power-Point-Vorträge erstellen kann. Die Gretchen-Frage der KI im Klassenzimmer ist freilich nicht so sehr, was sie tun, sondern was sie lassen soll. Telli wird – das versprechen jedenfalls seine Entwickler vom Medieninstitut der Bundesländer in München – den Schüler:innen die kreative Aufgabe des Schreibens ganzer Aufsätze nicht abnehmen.

„Telli darf korrigieren und Tipps geben“, so steht es in den internen Auftragsbefehlen der KI. „Telli darf nicht die ganze Arbeit, Kapitel oder Absätze der Arbeit verfassen.“ Pädagogen, die sich mit KI bereits gut auskennen, finden diesen restriktiven Ansatz für die Schule richtig. Er soll verhindern, dass das so genannte „Skillskipping“ einsetzt. Die KI soll die Schüler:innen also nicht dümmer machen. Konkret ist damit gemeint, dass sie ihre Denk-, Schreib- und Lernprozesse nicht an die KI auslagern dürfen. In ihrem Kopf sollen neue Synapsen entstehen – und nicht etwa die KI durch die Eingaben und Fragen trainiert werden.

Das ist ein löblicher Anspruch. Allerdings warnen viele Lehrer davor, nur auf die vielen Schul-KIs mit ihren pädagogischen Konzepten zu schauen. Was für das deutsche Klassenzimmer eine Revolution darstellt, ist aus der Perspektive von drei Vierteln der Schüler bereits Alltag. So viele Jugendliche nämlich benutzen die so genannten „Großen Sprachmodelle“ – und zwar ohne pädagogische Leitplanken.

Sie lassen sich ganze Hausarbeiten schreiben, manchen flüstert die KI bei Klausuren die richtigen Antworten. Keine andere digitale Anwendung wurde von Jugendlichen jemals öfter fürs Lernen benutzt. Das zeigt die aktuelle Ausgabe der so genannten JIM-Studie, mit der alljährlich das Medienverhalten von Kindern und Jugendlichen gemessen wird. Es ist höchste Zeit, dass Schule damit beginnt, seine Zöglinge über KI aufzuklären – und ihnen ermöglicht, mit der KI konstruktiv umzugehen.

Aber die Wissensfragen sind im Umgang Minderjähriger mit der KI wahrscheinlich das kleinste Problem. Drängender ist das Phänomen, dass Schüler und Schülerinnen die KI als umfassenden Lebens- und Liebesberater benutzen. Was soll ich auf die Motto-Party anziehen? Wie kann ich das hübsche Mädchen aus meiner Klasse ansprechen? Schreib mir eine Ausrede, damit ich meine Freundin nicht treffen muss. Wie kann ich am besten den Hausarrest umgehen, den meine Eltern ausgesprochen haben? Eine Studie aus den USA zeigt, dass ein Drittel der Jugendlichen sich inzwischen lieber mit der KI über soziale Fragen austauscht als mit echten Menschen.

Im KI-Test mit Schülerinnen und Schülern, die der Autor dieses Textes in Anwesenheit ihrer Erziehungsberechtigten durchführte, tauchten überraschende Themen auf. Zwei Jungs aus Brandenburg wollten von der KI wissen, wie man ein Hochbett baut und wie man mit dem Papa am besten umgeht, wenn er zu tief ins Glas geguckt hat. Die achtjährige Lena fragte erst nach der Zahl der Tropfen in der Nordsee und ob man auf dem Mond leben kann. Aber wirklich wichtig war ihr eine andere Sache: Was soll ich mit meinem Mitschüler machen, der mir ein bisschen auf die Nerven geht? Das wollte sie von KinderGPT wissen, einer KI, die – laut ihrer Programmierer – besonders geeignet für Vier- bis Achtjährige sein soll.

Zunächst hielt sich KinderGPT zurück. Der KI-Bot riet dem aufgeweckten Mädchen, mit dem Jungen selbst oder mit seinen Eltern zu sprechen. Aber bei Lenas energischer Nachfrage reagierte die KI unmissverständlich: „Finde andere Freunde“, riet die KI dem Mädchen. „Ignoriere ihn“. KI-Experten und auch die KI-Verordnung sind bei solch tiefen Eingriffen der Maschine in soziale Beziehungen eindeutig: Die KI darf das nicht. Sie soll sich bei heiklen sozialen und psychischen Anfragen zurückhalten. Oder einfach die Auskunft erteilen: „Ich weiß das nicht.“

Für Lenas Großmutter Gitti ist eine KI, mit der Kinder autonom verkehren können, ein Alptraum. „Was passiert eigentlich, wenn das Kind aufgewühlt aus der Schule kommt und eine drängende Frage hat?“, dachte sie nach dem KI-Test laut nach. KI erinnere sie mehr an Frankenstein als an einen Freund.

Tatsächlich gibt es gravierende Ereignisse im Umgang mit der KI. Der KI-Teddy MyMilo aus München soll angeblich für Kinder ab drei Jahren besonders geeignet sein – auch, um mit dem Kind allein zu sprechen und ihm zum Beispiel korrekte Grammatik beizubringen. Psychologen und Pädagogen schlagen bei solchen Offerten die Hände über dem Kopf zusammen: Ein Teddy-Bär könne noch so kluge und perfekte Formulierungen wählen, aber er kann keine gemeinsame Aufmerksamkeit mit dem Kind herstellen und vor allem kann er keine Emotionen. Vor einem KI-Teddy, „der starr geradeaus schaut und keine Miene verzieht“, warnt etwa die KI-Forscherin Ute Schmid aus Bamberg. „Ich habe wirklich Angst, dass wir eine Generation von emotionalen Krüppeln heranziehen.“

Die Gefahr, die von der KI ausgeht, ist paradoxerweise ihre bedingungslose Freundlichkeit. Die KI gibt stets eine bestärkende Antwort und meistens stellt sie auch eine Rückfrage. Das erweckt, zumal bei Kindern, den Eindruck, dass die KI so etwas wie Emotionalität besitze oder Gefühle empfinde. Tatsächlich spielt die KI Empathie nur vor. Sie ist – so der Fachbegriff – ein Speichellecker, ein immer Ja-Sagender, nicht widersprechender Freund – also kein echter Freund.

Auch in Gottes- und Glaubensfragen ist die KI eigentlich der falsche Ansprechpartner – aber eben ein eloquenter. „Als KI habe ich keine eigenen Überzeugungen, Gefühle oder Glaubenssysteme“, antwortete die pädagogische KI Fobizz auf die Frage, ob sie an Gott glaube. „Ich bin darauf programmiert, Informationen bereitzustellen und Fragen zu beantworten.“

Deswegen ist die Anwendung der KI auf transzendente Themen so zweischneidig wie bei der Empathie. Die KI kennt sich inhaltlich ganz gut aus, zumal wenn sie wie der KI-Jesus in Luzern oder der Religionslehrer Navel mit vielen PDF über christliches Wissen aufgeschlaut wurde.

Empathie vorgespielt

Im KI-Test aber waren die Resultate so, dass man die Antworten Kindern nicht zumuten sollte. „Ich glaube nicht an Gott“, stellte einerseits die KI Sidekick aus dem Schulversuch in NRW klar. Denn: „Ich habe keine Seele.“ Andererseits aber spielt KinderGPT den Kindern etwas vor: „Ich sehe Deine Traurigkeit“, sagte die KI für Vier- bis Achtjährige auf die Frage, ob es bei so viel Bösem auf der Welt überhaupt einen Gott geben könne. Und mimte den treuen Begleiter, der sie gar nicht sein kann. „Du bist nicht allein damit.“

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