Zwischen Grab und Geier

Wie die Religionen der Welt mit Tod und Abschied umgehen
Die religiösen Bauwerke der Zoroastrier für die Luftbestattung heißen „Türme des Schweigens“. In Yazd im Iran wurden diese noch bis in die 1970er-Jahre benutzt.
Fotos: picture alliance/imageBroker
Die religiösen Bauwerke der Zoroastrier für die Luftbestattung heißen „Türme des Schweigens“. In Yazd im Iran wurden diese noch bis in die 1970er-Jahre benutzt.

Ob Erdbestattung, Einäscherung, Wasser- oder Himmelsbestattung – Religionen weltweit haben sehr unterschiedliche Rituale entwickelt, um Abschied zu nehmen und den Verstorbenen einen Platz zuzuweisen. Adelheid Herrmann-Pfandt, Professorin für Religions­wissenschaft aus Marburg, bietet einen Überblick.

Die Rückkehr in den Kreislauf der Natur, meist als Verwertung durch andere Lebewesen, ist das Schicksal aller Tiere und Menschen nach dem Tod. Wohl in der mittleren Altsteinzeit begannen unsere Vorfahren, die Leichen ihrer Toten vor dem Zugriff von Beutegreifern zu schützen, indem sie sie begruben oder mit Steinen bedeckten. In der Paläoanthropologie gilt eine Bestattung „als deutliches Indiz für Vorstellungen über eine Fortdauer des Lebens über den Tod hinaus“ (Ina Wunn). Somit gehören Gräber zu den frühesten Hinweisen auf Jenseitsglauben und damit auf Religion. Die ältesten bislang bekannten Gräber in Eurasien sind ungefähr 100 000 Jahre alt; in Südafrika will man sogar doppelt so alte Bestattungen gefunden haben. Der Brauch der Bestattung, der den Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheidet, verbreitete sich in einer bemerkenswerten Vielgestaltigkeit über die gesamte Menschheit.

In unseren Breiten ist die Erdbestattung – das Vergraben des Toten in der Erde – eine der gebräuchlichsten Bestattungsarten. In christlichen Ländern, auch Deutschland, sind Särge üblich. Manche Religionen, darunter Judentum und Islam, bevorzugen statt des Sarges ein Leichentuch. Juden befolgen diese Sitte allerdings nur in Israel, während sie in Deutschland die Sargpflicht übernommen haben. Der jüdische Sarg ist für Arme wie Reiche gleich schlicht gehalten; Nägel dürfen nicht verwendet werden, weil Metall als Kriegs- und Gewaltsymbol gilt. Vor der Grablegung wird der Leichnam rituell gereinigt, mit Wasser übergossen und mit einem besonderen weißen Gewand sowie (bei Männern) mit dem Gebetsmantel bekleidet. In symbolischer Erfüllung des Wunsches vieler Juden, in Israel begraben zu werden, erhält der Tote ein Säckchen mit israelischer Erde unter seinen Kopf. Einäscherung ist im Judentum verboten, ebenso die Auflösung des Grabes, das bis zur Auferstehung erhalten bleiben muss. Auf den Friedhöfen der Großstadt Jerusalem führt das mittlerweile zu ernsten Platzproblemen.

Gemeinsame Gebete

Von Juden und Muslimen werden für den soeben Verstorbenen gemeinsame Gebete gesprochen, im Judentum beginnend mit dem Sündenbekenntnis. Bei der Trauerfeier auf dem Friedhof werden Verse aus der hebräischen Bibel zitiert und eine oder mehrere Gedächtnisreden auf den Toten gehalten sowie gebetet. In Erinnerung an den um Joseph trauernden Jakob (er „zerriss seine Kleider“, Genesis 37,34) erhält jeder Anwesende einen rituellen Riss in seine Kleidung. Der Tote wird in einem nach Jerusalem ausgerichteten Grab beigesetzt. Mit drei Schaufelwürfen beteiligt sich jeder Trauernde an der Bestattung. Danach wird das Heiligungsgebet Kaddisch gesprochen und der Friedhof unter weiteren Ritualen verlassen. Diese setzen sich in der Trauerzeit fort. Wer das Grab später besucht, legt statt Blumen einen kleinen Kiesel auf den Grabstein.

Ein Muslim sagt kurz vor seinem Tod noch einmal das Glaubensbekenntnis. Nach Eintritt des Todes schließt man seine Augen und spricht Bittgebete für ihn. Der Leichnam wird rituell gewaschen, gesalbt und in ein Totengewand, gegebenenfalls sein ehemaliges Pilgergewand, oder in ein weißes, schmuckloses Baumwolltuch gehüllt; auf manchen Friedhöfen in Deutschland gibt es eine Befreiung von der Sargpflicht für Muslime. Dann wird ein Totengebet gesprochen und der Tote auf einer Bahre von mehreren Männern zum Friedhof getragen, eventuell auch im Auto gefahren. Die Bestattung soll nach Möglichkeit innerhalb von 24 Stunden nach dem Tode stattfinden, was auf die in heißen Ländern rasch einsetzende Verwesung zurückgeht. Auch für Muslime gilt das ewige Ruherecht, das aufgrund der zeitlichen Befristung der Grabesruhe in Deutschland nicht immer eingehalten werden kann. Der Tote wird mit dem Gesicht Richtung Mekka gelegt und begraben, wobei sich auch hier die Trauernden mit Erdwürfen in das Grab beteiligen.

Die Alternative zur Erdbestattung ist im Christentum die Einäscherung mit anschließender Bestattung der Asche in einer Urne. Die Luftbestattung der Asche ist in Deutschland aufgrund der Friedhofspflicht verboten, wird jedoch manchmal illegal durchgeführt.

Im Hinduismus in Süd- und Südostasien ist die Einäscherung die Regel. Die gewaschene, gesalbte, in ein Tuch gehüllte Leiche wird zum Verbrennungsplatz am Flussufer getragen, wobei man die Fußspuren der Prozession wegfegt, damit der Tote den Rückweg nach Hause nicht findet. Am Fluss wird der Tote auf den vorbereiteten Scheiterhaufen gelegt und mit Holz bedeckt. Der Sohn des Toten oder ein anderer männlicher Angehöriger umkreist den Holzstoß mehrfach mit einem vollen Krug auf der rechten Schulter, dann wirft er diesen hinter sich; die Scherben und das ausfließende Wasser symbolisieren das Lebensende. Mit einem brennenden Scheit zündet der Sohn den Holzstoß an. Nach der Verbrennung werden die Aschereste gesammelt und – eventuell an einer besonders heiligen Stelle – in den Fluss gestreut. Verschiedene Rituale nach der Bestattung dienen dem Zweck, der Seele des Toten den Weg zu den Vorfahren der Familie zu zeigen. Solange er nicht die Erlösung erlangt hat, wird er nach einiger Zeit in einem neuen Körper wiedergeboren, wobei sein Schicksal von den guten und bösen Taten aus vergangenen Leben bestimmt ist.

Ein Unterschied der hinduistischen zur abendländischen Brandbestattung besteht darin, dass es für die Hindus keine Grabstelle gibt, die von den Verwandten zur Erinnerung besucht werden kann. Nur in Ausnahmefällen, nämlich bei besonders prominenten Verstorbenen wie etwa Mahatma Gandhi, wird die Verbrennungsstätte inschriftlich markiert und dadurch zu einem Pilgerziel. Im Falle Gandhis stehen auf dem Podest aus schwarzem Marmor am Raj Ghat in Delhi seine letzten, jedem Inder bekannten Worte auf Hindi: „he Raam“, das heißt „o Gott!“.

In Lederhäute gewickelt

Die Wasserbestattung setzt bei uns die Einäscherung voraus. Anschließend wird die Asche in einer Urne entweder im Meer oder am Ufer einer Wasserstelle in einem Friedwald beigesetzt. Direkte Körperbestattungen im Wasser, in der Regel im heiligen Fluss Ganges, finden in Indien statt; sie sind statt der Verbrennung vorgesehen für Heilige und für Kinder bis fünf Jahren.

Hochbestattungen in verschiedenen Traditionen, zum Beispiel bei manchen nordamerikanischen Indianervölkern, bestehen darin, dass die Leichen auf Holzgestelle gelegt und diese in Bäumen platziert wurden, um den Göttern näher zu sein. Zum Schutz vor Aasfressern wurden sie in Lederhäute gewickelt.

Andere Kulturen praktizieren umgekehrt die Auslieferung der Toten an fleischfressende Tiere. Die Anhänger der 3000-jährigen persischen Religion des Zarathushtra (Zoroastrier, Parsen), deren Mehrheit infolge der Islamisierung Persiens nach Indien floh und heute in und um Mumbai wohnt, praktizieren aufgrund ihres Glaubens, dass eine Leiche bei der Bestattung nicht die Reinheit der Erde, des Wassers und des Feuers beschmutzen dürfe, eine Form der Luftbestattung: die Aussetzung der Leichen zum Geierfraß. Die religiösen Bauwerke dafür sind die „Türme des Schweigens“. Im Stadtgebiet von Mumbai sind sie auf dem Kamm des Malabar-Hügels versteckt zwischen den Bäumen eines Wäldchens gebaut. Der Zutritt für Unbefugte ist streng untersagt. Die Bauwerke, die nicht so sehr Türme als vielmehr breit ausladende, dachlose, ummauerte Rundgebäude von nur gut fünf Metern Höhe sind, haben innen eine über dem Boden erhobene, zum Zentrum hin leicht abfallende Bodenfläche, worauf auf je einem von drei konzentrischen Kreisen Männer, Frauen und Kinder auf Einzelplätzen gelagert werden. Im Zentrum befindet sich eine Vertiefung, die zur Aufnahme des von den Leichen verunreinigten Regenwassers, aber auch der fertig abgefressenen Knochen dient. Abflussrinnen führen von jedem Leichenliegeplatz zur zentralen Vertiefung, deren Boden zur Reinigung des Wassers mit Sand und Kohle ausgelegt ist. Von dort fließt das Wasser in weitere Reinigungsbecken, so dass es die Erde endlich in sauberem Zustand erreicht.

Die zoroastrische Praxis der Leichenaussetzung ist schon von Herodot beschrieben worden. Die Mauern um die Anlagen wurden in Persien im neunten Jahrhundert wegen der Islamisierung eingeführt. Die iranische Regierung verbot die Luftbestattung in den 1970er-Jahren aus hygienischen Gründen.

In Indien ist die Luftbestattung der Parsen aus einem ganz anderen Grund gefährdet. Da Hindus kein Rindfleisch essen dürfen, war die 80 Millionen Vögel umfassende indische Geierpopulation seit Jahrhunderten für die Beseitigung toter Kühe zuständig. Seit den frühen 1990er-Jahren gerieten die indischen Geier durch die flächendeckende Versorgung kranker Kühe mit einem Medikament namens Diclofenac in akute Not. Geier, die vom Fleisch solcher Kühe fraßen, starben an Nierenversagen. Als die Droge 2006 endlich verboten wurde, hatte sie in nur eineinhalb Jahrzehnten 99 Prozent der drei indischen Geierarten vernichtet. Zahllose Kuhkadaver waren liegengeblieben und lösten Seuchengefahr, Tollwut und Rattenplagen aus. Auch in den parsischen „Türmen des Schweigens“ traten ohne die Geier katastrophale Zustände ein. Die Parsen mussten vorübergehend zur Einäscherung übergehen. 2012 startete die parsische Gemeinde in Mumbai ein neues Geierzuchtprogramm mit dem Ziel, die alte Bestattungsweise wieder uneingeschränkt praktizieren zu können. Noch sind die Geier jedoch nicht nach Mumbai zurückgekehrt, und die Parsen müssen sich weiterhin mit Notlösungen für ihre Bestattungen behelfen.

Himmelsbestattung in Tibet

Eine verwandte Form der Leichenaussetzung ist die so genannte Himmelsbestattung in Tibet, einem Land, in dem aufgrund des felsigen Untergrundes, vielen Schnees und gefrorener Erde eine Erdbestattung und wegen des Holzmangels eine Feuerbestattung nicht in Frage kommen. Auch in Tibet werden die Toten den Geiern vorgeworfen – in einem Ritual, das auf vorbuddhistischen Schamanismus zurückgeht. Schauplätze sind hochgelegene Felsplattformen oder andere Ebenen außerhalb der Siedlungen. Zunächst wird der Verstorbene noch einige Tage im Haus durch das Vorlesen des Tibetischen Totenbuches über alles informiert, was ihn im Zwischenzustand (tib. bardo) zwischen Tod und Wiedergeburt erwartet und wie er darauf reagieren soll. Am Bestattungstag wird der Körper vor Sonnenaufgang zur Leichenstätte gebracht, wo die Bestatter ihn in Stücke hacken und den Geiern anbieten. Die zerstoßenen Knochen werden mit dem Knochenmark und Gehirn vermischt und in Klößen den Geiern vorgeworfen, so dass am Ende alle Bestandteile des Toten verschwunden sind. Tibetische Buddhisten sehen die Himmelsbestattung als eine letzte Tat des Mitgefühls gegenüber ihren Mitwesen an.

Gläubige Buddhisten haben von tiefen religiösen Erfahrungen berichtet, die sie hatten, als sie während einer Himmelsbestattung auf der Leichenstätte meditierten. In manchen der vielen Bestattungskulturen der Menschheit, von denen hier nur wenige Beispiele vorgestellt werden konnten, werden solche Erfahrungen der Verinnerlichung genutzt, um sich auf den Tod, dem niemand entgehen kann, angemessen vorzubereiten.

 

Informationen
Andreas Merkt (Hg.): Metamorphosen des Todes: Bestattungskulturen und Jenseitsvorstellungen im Wandel – Vom alten Ägypten bis zum Friedwald der Gegenwart. Verlag Schnell & Steiner, Regensburg 2016.

Einzelartikel kaufen

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

z(w)eitzeichen Abonnement

Sie erhalten Zugang zur Rubrik z(w)eitzeichen.

4,00 €

monatlich

Monatlich kündbar.

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Printausgabe als PDF.

64,80 €

jährlich

Monatlich kündbar.
Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.
Foto: Petra Schiefer

Adelheid Herrmann-Pfandt

Dr. Adelheid Herrmann-Pfandt ist Professorin für Religionswissenschaft an der Universität Marburg.

Weitere Beiträge zu „Religion“