Abschied neu gestalten

Warum viele junge Menschen heute Bestattungsfachkraft werden wollen
Magdalena Dietze hält eine Urne in den Händen – das zentrale Objekt ihrer täglichen Arbeit. Die 26-Jährige arbeitet bei Bestattungen Dunker in Leipzig.
Foto: Uwe Winkler
Magdalena Dietze hält eine Urne in den Händen – das zentrale Objekt ihrer täglichen Arbeit. Die 26-Jährige arbeitet bei Bestattungen Dunker in Leipzig.

Der Tod ist kein Tabu mehr – zumindest nicht für eine wachsende Zahl junger Menschen. zeitzeichen-Volontärin Anna Hofer hat mit der Leipziger Bestatterin Magdalena Dietze über ihren Weg in den Beruf, den Wandel der Bestattungskultur und die neue Attraktivität eines alten Gewerbes gesprochen.

Gestorben wird immer.“ Ein Satz, den Magdalena Dietze nicht mehr hören kann. Die 26-Jährige arbeitet bei Bestattungen Dunker in Leipzig. Noch vor kurzem war sie Auszubildende, eine von rund eintausend bundesweit – so viele wie nie zuvor. Inzwischen hat sie ihre Ausbildung zur Bestattungsfachkraft abgeschlossen. Dass sich immer mehr junge Menschen für diesen Beruf interessieren, überrascht sie nicht. „Aber es liegt weniger an der Systemrelevanz“, sagt Dietze. „Viele suchen wirklich nach einer sinnstiftenden Arbeit.“ Der Gedanke, Bestatterin zu werden, kam früh – und wurde doch lange verdrängt. Magdalena Dietze wuchs in einem katholisch geprägten Haushalt auf und war viele Jahre Ministrantin. „Bestattungen gehörten dazu“, sagt sie. „Aber als Kind hatte ich große Angst, mich emotional damit auseinanderzusetzen.“ Der Wendepunkt kam mit dem Tod ihrer Großeltern. Als sie 15 war, krank zu Hause lag und die Polizei anrief, um ihr nüchtern zu eröffnen, dass die Oma verstorben sei, blieb etwas hängen. „Da habe ich zum ersten Mal gedacht: So sollte man das Angehörigen nicht mitteilen. Das muss doch besser gehen.“

Zunächst traute sie sich nicht, diesem Gedanken nachzugehen. Sie machte Abitur und begann, Kunstgeschichte an der Universität Leipzig zu studieren. Doch das Studium erfüllte sie nicht. „Und jedes Mal, wenn ich unzufrieden war, kam dieser Gedanke wieder: Werde doch Bestatterin!“ Eine Freundin brachte es schließlich auf den Punkt: „Wie viele Zaunpfähle brauchst du denn noch?“ Ihr Umfeld fand diesen Wunsch alles andere als befremdlich. „Das könnte aber auch daran liegen, dass ich in der schwarzen Szene unterwegs bin“, sagt Dietze. „Bei den Gruftis hört man öfter: Oh ja, über diesen Job habe ich auch schon mal nachgedacht. Da ist der Tod kein Tabuthema.“

Das war früher anders. Zwar kümmerte man sich seit der Spät­antike gemeinschaftlich um einen Sterbefall: Familie, Freunde und Nachbarn übernahmen die Versorgung und Überführung des Leichnams, Schreiner zimmerten den Sarg, Geistliche bestimmten den rituellen Ablauf des Begräbnisses. Doch Menschen, die beruflich mit dem Tod zu tun hatten, haftete ein Makel an, der das Bild des Bestatters bis in die Gegenwart prägte. Maßgeblich dafür waren historische Figuren wie der mittelalterliche Leichenbitter. Bis ins 19. Jahrhundert zog er von Tür zu Tür und überbrachte die Todesnachricht. Er arrangierte außerdem die Beerdigung, unterrichtete den Pfarrer, bestellte Totengräber und Totenträger, zahlte Löhne aus und lud formell zum Leichenschmaus ein. Sein Dienst war notwendig – aber gesellschaftlich belastet. Man empfand ihn als unehrlich und kultisch unrein, mied seinen Umgang und bat ihn nicht ins Haus, denn der Tod sollte nicht hereinkommen. Kunst und Literatur zeichneten den Leichenbitter stets in schwarzer Kluft und mit ernstem, finsterem Blick – der sprichwörtlichen Leichenbittermiene. Ein Bild, das sich tief ins kulturelle Gedächtnis einschrieb und dem Bestatter lange ein düsteres, randständiges Wesen zuschrieb.

Zwischen Notwendigkeit und Misstrauen

Dieses Image hielt sich bis weit ins 20. Jahrhundert, obwohl sich das Bestattungswesen längst gewandelt hatte. Industrialisierung, Urbanisierung und neue Hygienevorschriften machten Bestattungen komplexer und gesellschaftlich unverzichtbar. Mit der Gewerbefreiheit von 1810 entstanden erste Bestattungsunternehmen – doch der Bestatter galt weiterhin als kaltherzig, geldgierig, als jemand, der mit dem Tod Geschäfte macht. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann eine langsame Professionalisierung. 1948 gründete sich der Bundesverband Deutscher Bestatter e. V., um Qualität und Reputation des Gewerbes zu heben. In den 1950er-Jahren folgte die freiwillige Prüfung zum „Fachgeprüften Bestatter“, lange Zeit das einzige formale Qualifikationsmerkmal in einem ansonsten ungeregelten Berufsfeld.Tatsächlich konnte – und kann bis heute – jeder mit Gewerbeschein ein Bestattungsunternehmen gründen, ohne eine spezifische Fachausbildung nachweisen zu müssen. Um dem entgegenzuwirken, strebte der Verband zu Beginn des 21. Jahrhunderts einen geregelten Ausbildungsweg an. Was 2003 als Pilotprojekt begann, wurde 2007 offiziell als Ausbildung zur Bestattungsfachkraft staatlich anerkannt: drei Jahre duale Ausbildung, Berufsschule und überbetriebliche Lehrgänge. Die Zahlen zeigen, wie stark sich der Beruf seither positiv verändert hat: 2005 schlossen gerade mal 23 Menschen ihre Ausbildung ab, 2015 waren es bereits 137. 2025 befanden sich rund 1 000 Bestattungsfachkräfte in Ausbildung.

Ein Grund für diesen Anstieg liegt im Facettenreichtum des Berufs – etwas, das auch Magdalena Dietze überzeugt hat. Natürlich gebe es viel Bürokratie: Termine koordinieren, Gespräche mit Krankenhäusern führen, Überführungen organisieren, Verträge aufsetzen, Unterlagen, Fristen und Kosten im Blick behalten. „Aber unsere Arbeit ist viel kreativer, als man auf den ersten Blick vielleicht sieht.“

Man organisiere die Bestattung und Trauerfeier, kümmere sich um die Dekoration, stimme sich mit Floristen, Musikern und Rednern ab. In der Ausbildung lernte Dietze außerdem, Särge auszukleiden und zu transportieren, zu löten oder ein Handgrab auszuheben. „Da fließen viele Berufszweige zusammen – vom Handwerker bis zum Dekorateur und Eventmanager.“ Sogar ihr Kunstgeschichtsstudium sei plötzlich relevant geworden. „In der Warenkunde muss man Gegenstände ganz genau beschreiben – seien es die Intarsien im Sargdeckel oder der Spitzenbesatz am Sterbehemd. Auch wenn kein Kunde danach fragt, ist es wichtig, zu wissen, womit man arbeitet.“ Und dann ist da die hygienische und kosmetische Versorgung – also das Waschen, Ankleiden und Herrichten des Verstorbenen. Ein Bereich, vor dem viele aus Angst oder Ekel zurückschrecken. Dietze empfand weder das eine noch das andere. Gleich am ersten Tag ihres Praktikums durfte sie bei der Einbalsamierung eines Leichnams zusehen. „Das klingt vielleicht nach einem Schubs ins kalte Wasser“, sagt sie, „aber es war keine geplante Mutprobe.“ Sie hätte jederzeit gehen – und danach auch wiederkommen können. „Ich bin geblieben – und wusste sofort: Das ist es. Das ist so schön. Das gibt mir so viel.“

Ein Praktikum würde sie allen vor Ausbildungsbeginn empfehlen. Sie selbst habe sich bewusst früh mit dem Anblick Verstorbener konfrontiert. „Solange ich noch umdrehen kann.“ Als der erste Suizidfall kam, meldete sie sich freiwillig. „Mein Ausbilder nahm mich an die Hand und sagte: Okay, dann sargen wir den jetzt gemeinsam.“ Den Anblick habe sie nie vergessen. „Aber man gewöhnt sich an das Aussehen, das Gefühl eines toten Körpers, die Gerüche.“ Die hygienische Versorgung fasziniert sie bis heute. Die größte Erfüllung findet Dietze jedoch in den Trauergesprächen. „Ich erlebe sie als sehr sinnstiftend“, sagt sie. „Wir sind zwar keine Trauerpsychologen – dafür gibt es in der Ausbildung nur einen kurzen Crashkurs. Aber wir fangen den ersten Moment ab.“ Angehörige kämen oft völlig orientierungslos zum Bestattungsinstitut. „Ich kann ihnen einen Rahmen geben, einen Ablauf, einen roten Faden.“

Therapie ist kein Tabu

Diese Gespräche seien nicht nur traurig. „Manchmal wird gelacht, wenn eine schöne Erinnerung hochkommt.“ Und es tue gut, „wenn jemand mitlacht“. So entstehe Sicherheit. „Und wir zeigen, dass alle Gefühle ihren Platz haben.“ Gleichzeitig sei diese Arbeit emotional anspruchsvoll. „Menschen in Ausnahmezuständen können auch ungerecht reagieren.“ Manchmal sei sie Ventil, manchmal „der letzte Tropfen“ oder „die Leinwand des Problems“. „Das darf man nicht persönlich nehmen.“ Hier kommt ein Punkt ins Spiel, den Dietze für zentral hält – und den viele junge Menschen heute mitbringen: Psychohygiene. „Die junge Generation beschäftigt sich viel mehr mit ihrer mentalen Gesundheit“, sagt sie. Therapie sei kein Tabu mehr, man reflektiere, spreche über Belastungen. „Vielleicht gibt es gerade deshalb auch eine größere Bereitschaft, sich mit Tod und Trauer auseinanderzusetzen.“

Spiegel des Lebens

Bewerbungen gebe es viele, geeignete Menschen weniger. „Man braucht ein gutes Mittelmaß“, sagt Dietze. „Einfühlsamkeit ist wichtig – aber man darf nicht mitleiden.“ Wer jeden Fall mit nach Hause nehme, halte diesen Beruf nicht lange aus. Und Lebenserfahrung helfe. „Auch wenn sich manche schon mit 15 für diese Ausbildung entscheiden – Angehörige spüren, ob jemand im Leben Umwege gegangen ist oder bereits selbst Verlust erlebt hat. Das schafft Vertrauen.“

Dass der Beruf heute boomt, hat auch mit einem Wandel in der Bestattungskultur zu tun. „Es ist moderner geworden“, sagt Dietze. „Damals kam der Verstorbene gefühlt in die Kiste, und das war’s.“ Heute gebe es – trotz anhaltendem Friedhofszwang in Deutschland – viele Möglichkeiten, Abschied individuell zu gestalten. „Und das Bedürfnis nach Individualisierung ist groß.“

Angehörige wollten die Persönlichkeit und den Lebensweg ihres geliebten Menschen sichtbar machen und seien offen für kreative Ideen, neue Rituale und Bestattungsformen. „Da werden auch mal personalisierte Spielkarten statt Blumen gestreut, wenn der Verstorbene leidenschaftlicher Skatspieler war.“ Kirchliche Bestattungen würden allerdings immer seltener, zumindest beobachte sie das in Sachsen. Dabei hatte die Kirche über Jahrhunderte das Monopol auf das Bestattungswesen. Bereits in frühchristlicher Zeit galt die Bestattung als Werk der Barmherzigkeit und Christenpflicht. Geistliche bestimmten Rituale und Ablauf, Ruhestätten lagen traditionell auf Kirchhöfen rund um das Haus Gottes. Im Zuge der Reformation und der Säkularisierung verlor die Kirche dieses Monopol. Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden kommunale, konfessionsfreie Friedhöfe, die häufig aus Platzgründen am Stadtrand angelegt waren. Die Rolle der Kirche verlagerte sich zunehmend auf die Gestaltung der Trauerfeier – sofern von den Angehörigen gewünscht.

Kirchlich – und doch persönlich

Heute arbeiten Pfarrer und Bestatter meist Hand in Hand, wenn es um kirchliche Bestattungen geht – wobei die Bestattungsunternehmen den Großteil der Abläufe organisieren und die Kirche sich um die seelsorgerliche Begleitung und die Trauerzeremonie kümmert. „Doch viele empfinden gerade diese Zeremonien als starr und unpersönlich“, meint Dietze. „Die Leute wollen keinen Abschied, der sich rein auf Verkündigung, Fürbitte und Gebete beschränkt.“ Gleichzeitig habe sie schon einige Geistliche erlebt, „die den Abschied sehr offen und spannend gestalten, weltliche Musik zulassen und tröstende Anekdoten aus dem Leben des Verstorbenen erzählen“. Wenn die Kirche hier mitziehe, glaubt sie, „werden sich Menschen auch wieder stärker dieser Bestattungsform zuwenden“. Vielleicht ist der Beruf der Bestattungsfachkraft gerade auch deshalb so gefragt. Weil er dort ansetzt, wo Kirche und Gesellschaft neu lernen müssen, Abschied zu gestalten. 

 

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Foto: Rolf Zöllner

Anna Hofer

Anna Hofer ist Volontärin bei zeitzeichen und Der Sonntag. Sie hat Kunstgeschichte und Hörfunk an der Universität Leipzig studiert.

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