Mehr als Trost

Was evangelische Bestattungen leisten möchten
Evangelische Bestattungen trösten nicht nur die Hinterbliebenen. Sie ehren die Toten, deuten ihr Leben, stellen sie räumlich ins Zentrum und segnen sie.
Foto: picture alliance/Caro

Evangelische Bestattungen gelten oft als wortzentriert und auf die Hinterbliebenen ausgerichtet. Doch ein genauerer Blick zeigt eine vielschichtige Praxis, in der Materialität, Rituale und Beziehungen zu den Verstorbenen eine zentrale Rolle spielen. Über die kulturelle Logik protestantischer Bestattungskultur und ihre theologischen Implikationen schreibt Manuel Stetter. Er ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Rostock.

Die Spezifika der evangelischen Bestattung scheinen auf den ersten Blick rasch umrissen. Für nicht Wenige steht der Protestantismus für eine Kultur der Bearbeitung des Todes, die zunächst – und zumeist – die Lebenden in den Blick nimmt und dabei auf die tröstende Kraft des Wortes setzt. Evangelische Bestattung erscheint in dieser Perspektive vor allem als ein Geschehen der Ansprache: als Predigt, Gebet und Zuspruch, weniger als ein rituell oder materiell geprägtes Handeln.

In dieser Wahrnehmung wirkt ein zentrales reformatorisches Anliegen nach. Es richtet sich darauf, religiöse Missverständnisse zu vermeiden, die den Umgang mit dem Tod als Frage menschlicher Leistung, religiösen Verdienstes oder gar einer Beeinflussung des jenseitigen Schicksals erscheinen lassen könnten. Der Tod soll nicht religiös „bewältigt“, sondern im Vertrauen auf Gottes Handeln gedeutet werden. Die neuere protestantische Theologie hat diese Grundlinie weiter verstärkt, indem sie Religion vor allem als ein Geschehen der Sprache, der Sinnzuschreibung und der Deutung verstand. Auch dort, wo seit dem Aufgreifen des Ritualkonzepts in den 1970er-Jahren die liturgischen Aspekte der Bestattung neue Aufmerksamkeit erfuhren, blieb diese Schwerpunktsetzung weitgehend erhalten. Das Interesse richtete sich vor allem auf die symbolischen Bedeutungszusammenhänge des Rituellen: auf das, worauf Rituale verweisen, was sie anzeigen oder zum Ausdruck bringen. Demgegenüber wurden ihre materiellen, leiblichen und sinnlichen Dimensionen weniger beachtet – also jene Aspekte, in denen Rituale nicht nur etwas bedeuten, sondern auch etwas tun.

Verlorene Präsenz

Die evangelische Bestattungspraxis ist damit Teil eines breiteren kulturellen Entwicklungszusammenhangs, in dem die Toten insgesamt an Präsenz verloren haben. Körperlich zeigt sich dies in der zunehmenden Ausgliederung der Verstorbenen aus den sinnlichen Erfahrungsräumen der Hinterbliebenen, die mit der Professionalisierung der Totenfürsorge in der Moderne einherging. Der Umgang mit dem toten Körper verlagerte sich in institutionelle Kontexte, in denen Nähe, Berührung und unmittelbare Wahrnehmung immer stärker reguliert wurden.

Hinzu tritt eine mentale, psychologisch geprägte Perspektive auf Trauer, die über lange Zeit hinweg wirkmächtig war. Gelingende Verlustbearbeitung wurde dabei als ein Prozess verstanden, der auf innere Distanzierung und Ablösung vom „geliebten Objekt“ (Sigmund Freud) zielte. Trauer galt als bewältigt, wenn es gelang, die emotionale Bindung an die Verstorbenen allmählich hinter sich zu lassen. Diese Vorstellungen prägten nicht nur therapeutische Diskurse, sondern wirkten auch auf kulturelle und religiöse Deutungen des Trauerns zurück.

So sehr solche weit ausgreifenden Beschreibungen den Blick zu Recht auf die komplexen Verflechtungen zwischen protestantischer Tradition und den Entwicklungen der Moderne lenken, so sehr bleiben sie hinter den konkreten Kulturen gelebter Trauer und den lokalen Praktiken des Bestattens immer auch zurück. So war der evangelische Umgang mit dem Lebensende stets mehrdeutiger und widersprüchlicher, als es seine theologische Rekonstruktion oder kulturgeschichtliche Grobzeichnung erfassen können.

Empirische Detailstudien zeigen, dass auch protestantische Trauerfeiern in hohem Maße materiell vermittelt sind. Ein genauerer Blick auf die Interaktionen mit Sarg und Urne, auf die räumlichen Ordnungen des Bestattens oder auf Textilien, Gesten, Blicke, Berührungen und Gerüche macht deutlich, dass Bestattungsrituale nicht in sprachlichen Handlungen aufgehen. Sie beziehen Körper, Sinne, Dinge und Räume ebenso ein wie Worte und Deutungen. Gerade in diesen oft unscheinbaren Vollzügen entfalten sie ihre Wirksamkeit.

Exemplarisch lässt sich dies an so genannten Funeralporträts beobachten. Historisch eher in katholisch geprägten Regionen verbreitet, sind bildliche Repräsentationen der Verstorbenen inzwischen auch zu einem festen Bestandteil evangelischer Bestattungskultur geworden. Häufig treten sie als großformatige Fotografien auf, die sichtbar in das Ensemble der Trauerfeier integriert sind und den Blick der Anwesenden immer wieder auf sich ziehen.

Werden diese Fotografien nicht primär als Bilder im kunsttheoretischen Sinn, sondern als Bestandteile ritueller Mikropraktiken betrachtet, lassen sich drei idealtypische Register beschreiben, die gegenwärtige Bestattungsrituale prägen. Erstens individualisieren Funeralporträts das Trauerritual. Fotografien besitzen eine hohe identifizierende Kraft und stiften – noch vor aller sprachlichen Kommunikation – einen markanten Personbezug (Register der Individualität). Zweitens finden sich Praktiken, in denen Trauergäste den standardisierten Kamerablick der Abgebildeten zu einem Wechselblick dramatisieren. In diesem Sinn fungieren die Bilder, mit dem deutschen Soziologen Ronald Hitzler gesprochen, als „Präsenzvehikel“, die eine Als-ob-Begegnung im Hier und Jetzt eröffnen (Register der Intimität). Drittens sind Funeralporträts nicht nur Gegenstände der Betrachtung, sondern werden berührt oder in Verbeugungsvollzüge einbezogen. In solchen Gesten wird die Bildpraxis zur Ehrerweisung, zu einem kleinen Kult der Anerkennung (Register der Pietät).

Diese Register – für die sich zahlreiche weitere Beispiele finden ließen, etwa das Abspielen eines Lieblingslieds, die Berührung des aufgebahrten Körpers oder die Tradition des Nachrufs – machen deutlich, dass Bestattungspraxis nicht ausschließlich auf die Lebenden ausgerichtet ist. Auch evangelische Bestattungen trösten nicht nur die Hinterbliebenen. Sie ehren die Toten, deuten ihr Leben, stellen sie räumlich ins Zentrum, segnen sie und wenden sich ihnen kommunikativ zu. Die Verstorbenen bleiben im Ritual präsent – nicht nur erinnernd, sondern adressierend.

In neueren Forschungen zeigt sich, dass die Anrede der Verstorbenen in protestantisch geprägten Bestattungen ihren Ort vor allem im Akt des Segens hat. In konfessionell ungebundenen Trauerfeiern hingegen ist die Inszenierung einer postmortal fortbestehenden Beziehung vielfach ein Grundmuster. Vorstellungen einer bleibenden Wirksamkeit der Toten im Alltag der Angehörigen, Formen ihrer direkten Adressierung oder meditative Annäherungen machen hier rituell wirksam, was in der Trauerpsychologie seit Längerem unter dem Stichwort der continuing bonds (Deutsch: fortbestehende Verbindungen) diskutiert wird.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass auch evangelische Bestattungsfeiern nicht allein durch kirchliches Personal gestaltet werden. Sie entstehen im Zusammenspiel mit den anwesenden Trauergästen und umfassen häufig rituelle Elemente, die von Bestattungsinstituten gemeinsam mit den Angehörigen vorbereitet wurden. Wo persönliche Briefe an die Verstorbenen verlesen oder von den Verstorbenen selbst verfasste Texte zu Gehör gebracht werden, treten Artikulationsformen hervor, die nicht nur über die Toten sprechen, sondern sie als kommunikative Gegenüber rituell zur Aufführung bringen.

Hermeneutisches Zusammenspiel

Wie bereits im Register der Individualität angedeutet, sieht sich auch die im Protestantismus zentrale Bestattungspredigt gegenwärtig der weit verbreiteten Erwartung gegenüber, das Leben der Verstorbenen in seiner Unverwechselbarkeit zur Sprache zu bringen. Diese Ausrichtung auf das Besondere ist konstitutiv für jede Kasualrede. Zugleich beschränkt sie das rhetorische Deutungsangebot nicht auf den individuellen Einzelfall.

Vielmehr ist der Bestattungspredigt ein hermeneutisches Zusammenspiel eigen, in dem im Modus der Darstellung des Besonderen ein darüber hinausreichendes Allgemeines verhandelt wird. Wie ein Roman oder ein Song im Rekurs auf hochspezifische Gegenstände einen umfassenderen Sinn erschließt, so wird auch das Leben der Verstorbenen als Beispiel-für-etwas gedeutet. Mit dem US-amerikanischen Philosophen Nelson Goodman gesprochen, referiert und exemplifiziert die Traueransprache zugleich.

In diesem Sinn erschöpft sich die Bestattungspredigt nicht in der Auslegung einer konkreten Lebensgeschichte. In der Deutung derselben geht es um eine „Verständigung über das Leben“ überhaupt (Birgit Weyel). Darin liegt ihre überindividuelle Bedeutung: Die Funeralrhetorik erfüllt nicht nur individuell-spirituelle, sondern immer auch öffentlich-kulturelle Funktionen. Sie trägt zur gemeinsamen Verständigung über Leben, Sterblichkeit und Endlichkeit bei. Die Rede von der evangelischen Bestattung könnte dazu verleiten, funerale Praxis als punktuelles Einzelereignis zu verstehen. Tatsächlich sind Bestattungsrituale jedoch vielfach prozessual eingebettet. Dies zeigt sich zunächst in weiteren Anlässen rituellen Handelns, die unter dem Stichwort der „gestreckten Kasualie“ diskutiert werden. Insbesondere das Trauergespräch widersetzt sich einer Engführung der Bestattung auf die Trauerfeier und eröffnet einen längeren Zeitraum gemeinsamer Deutung.

Auch die liturgischen Bücher zur Bestattung verweisen auf eine verteilte Praxis. Neben der Trauerfeier selbst zählen dazu Segenshandlungen am Krankenbett, vor und nach der Einsargung oder im Zusammenhang mit der Überführung aus dem Trauerhaus, dem Krankenhaus oder dem Altenheim. Mit der zunehmenden Verbreitung der Kremation und der Entkopplung von Trauerfeier und Beisetzung dehnt sich die Bestattung zudem zeitlich und räumlich aus und wird als Prozess über verschiedene Orte hinweg beschreibbar.

Darüber hinaus beruht die evangelische Bestattung auf Praktiken, die im Vorfeld maßgeblich von Bestattungsbetrieben geleistet werden. Neben der Vorbereitung räumlicher Arrangements ist es insbesondere die Präparation des Leichnams, durch die Bestatter:innen an der Trauerfeier mitwirken. Durch die dirty work (Julia Twigg), also die konkrete körperliche Arbeit der thanatopraktischen Versorgung auf den funeralen Hinterbühnen, werden die Verstorbenen überhaupt erst zu sozial verträglichen, wahrnehmbaren und damit auch ritualisierungstauglichen und religionsfähigen Objekten gemacht.

Wo die evangelische Bestattung als Prozess beobachtet wird, kommt die segnende Handauflegung und die sublimste religiöse Ausdeutung des Jenseits in Kontakt mit den allzu menschlichen Handgriffen der death care und den profanen Verrichtungen am Körper der Toten. Dann wird sichtbar, was an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten alles getan werden muss, um Verstorbene Gott anzuvertrauen, Trauernden Trost zu spenden und die Lebensgeschichten der Toten in den Horizont der gnädigen Rechtfertigung Gottes zu stellen (Wilhelm Gräb). 

 

Literatur
Manuel Stetter: Die Konstitution der Toten. Eine Religionsethnografie der Bestattungspraxis. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2024, 324 Seiten, Euro 98,–.

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