Mein Vater war kein Nazi

War das politische Wegducken vieler Menschen in der NS-Zeit schon eine Art inneres Exil?
Der Autor als Bub ganz links neben seinem Bruder und seinem Vater nach dem Krieg.
Foto: privat
Der Autor als Bub ganz links neben seinem Bruder und seinem Vater nach dem Krieg.

Der Artikel von Philipp Gessler „Opi war ein Nazi“ über seinen Großvater in der Dezemberausgabe hat Gerd Schwieger keine Ruhe gelassen. Der promovierte Historiker aus dem niedersächsischen Osterholz-Scharmbeck erinnert an seinen eigenen Vater, einen früheren Sozialdemokraten, der in der NS-Zeit in einer Art Widerstand gewesen sei: Er sei einer der Menschen gewesen, die sich mehr oder weniger zähneknirschend in der Diktatur einrichteten, weil ihnen nichts anderes übrig blieb.

"Opi war ein Nazi“ – die von Philipp Gessler geschilderte Biografie seines Großvaters (zz 12/2025) ist symp­tomatisch für die „Re-Aktivierung“ ehemaliger Nationalsozialisten oder dienst(ideologie)eifriger Beamter nach 1945. „Repatriierung“ ehemals Verwickelter war die bewusste Politik der „Eingliederung“ ehemals Belasteter, die nicht zuletzt von Bundeskanzler Konrad Adenauer, aber auch von nicht wenigen anderen Politikern (damals in der Tat überwiegend Männer) im Sinne einer Schlussstrich-Mentalität betrieben wurde. Ein Gedanke, der bekanntlich einem weit verbreiteten Bedürfnis im „Volk“ entsprach. Ergebnisse der neueren historischen Forschung belegen dies vielfältig. Und wie war es mit dem „großen Schweigen“ in den Familien? In den 1950er- und 1960er-Jahren wurde allzu oft nicht über die Vergangenheit gesprochen.

Kein Thema

Zudecken, vergessen? Weshalb also schwiegen sie? Weshalb war das „Gestern“ kein Thema? Auch viele von denen schwiegen, die keine Nazi-Vergangenheit hatten, also die nicht Verstrickten. Wollten sie sich einfach nur für den Neuaufbruch einsetzen, aktiv aus demokratischer Überzeugung am Wiederaufbau und dem Neuaufbau der Demokratie mitwirken? War das ihre Form, das „Gestern“ Vergangenheit sein zu lassen, im Neuaufbau die Vergangenheit zu „bewältigen“ (falls das überhaupt möglich war)?

Ich selbst stamme aus einer solchen Familie. Mein Vater war später SPD-Landtagsabgeordneter in Schleswig-Holstein. (Beiläufig bemerkt: Er saß dann im Parlament einem Präsidenten und einem Ministerpräsidenten gegenüber, die stark belastet waren!) Er legte in seiner „Biografie“ Wert darauf, dass er in der Nazizeit „keine politischen Aktivitäten entfaltete“, sich also schlicht und einfach verweigerte, auch weil er vor 1933 sehr aktiv in der SPD, der Gewerkschaft, dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold gewesen und sein Leben, seine Existenz und seine Familie vor Ort durchaus bedroht waren, was übrigens für meine gesamte Familie galt.

Zudem war mein Vater dann fast sechs Jahre einfacher Soldat. „Mitmachen“ per Gestellungsbefehl, nicht aus Überzeugung. Vielen ging es bekanntlich so. Helden-Kriegserzählungen waren nicht sein „Ding“, wohl aber eine dezidiert pazifistische und antinationalsozialistische Einstellung. Ich kann daher aus voller Überzeugung sagen: Mein Vater war kein Nazi, und er beteiligte sich auch nicht an Kriegsverbrechen der Wehrmacht.

Was bedeutete es angesichts dessen, im „inneren Exil“ gewesen zu sein? War diese Haltung „in den allermeisten Familien nicht sehr wahrscheinlich“, wie Philipp Gessler in „Opi war ein Nazi“ schrieb? In der Tat: Acht Millionen waren NSDAP-Mitglieder („jeder [A]chte“). Dagegen standen nur ein „paar Zehntausend Deutsche“ im aktiven Widerstand. Waren also doch die meisten Deutschen verstrickt, war die überwiegende Mehrheit „dabei“?

Waren die „Sieben“ – jeder Siebte war nicht Mitglied der NSDAP – am Ende irgendwie „Mitbeteiligte“, wenn nicht gar „Mittäter“? Oder ist es nicht doch so, dass diese „Gruppe“ differenzierter zu betrachten wäre? Weil es vermutlich sehr verschiedenartige Verhaltensweisen gab, sich unter der Herrschaft der Nazis „wegzuducken“, den zunehmend schwieriger werdenden Alltag überhaupt noch zu bewältigen, mit den herausfordernden Gegebenheiten fertigzuwerden, sich vielleicht auch zu arrangieren oder sich schlichtweg durch Nicht-Mitmachen zu verweigern – um nur einige mögliche Verhaltensformen zu nennen.

Passiver Verweigerer

Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich viele Deutsche, auch wenn sie nicht der Partei angehörten, aktiv anpassten, sei es zum Beispiel als Denunzianten oder als „Mitgewinner“, beispielsweise bei der Enteignung der Juden. Und doch gab es eine vermutlich nicht allzu kleine Gruppe von Menschen, die mit der Situation leben mussten, wie sie nun einmal war: Diktatur, Krieg, Mangel, Bedrohung. Es waren Menschen, die sich mehr oder weniger „zähneknirschend“ einrichteten, weil ihnen nichts anderes übrig blieb.

Die Frage, weshalb dann so wenige aktiven Widerstand leisteten, ist sie unter diesen Umständen trotzdem berechtigt? Ich frage mich: Wäre mein Vater nicht als passiver „Verweigerer“ und dann „als Soldat Zwangsverpflichter“, sondern als aktiver Widerständler „unterwegs“ gewesen – gäbe es mich dann überhaupt? Auch der Überlebenswille und die Fürsorge für andere sind nicht zu unterschätzende menschliche Faktoren. Im Übrigen bedauere ich als Historiker in der Tat, meine Eltern, meine Großeltern nicht befragt, ihr „Alltags-Schweigen“ nicht hinterfragt zu haben. Das war teils meinem damals jüngeren Alter geschuldet, zum anderen der Tatsache, dass viele Fragestellungen erst sehr viel später „virulent“ wurden. Selbst in meinem Studium verfolgten die meisten Historiker ganz andere Ansätze, manche vielleicht auf Grund verkürzender Betrachtungsweisen, andere wegen damals noch eingeschränkterer Quellenlage, manche vielleicht im Rahmen des herrschenden Zeitgeistes. Und es gab schließlich auch noch die Belasteten.

Zurück zu meinen Eltern: Sie waren keine Widerständler, aber als innerlich Widerstehende, sich Verweigernde, keine Nazis. Ganz am Rande: Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende bezahlten ihre nicht-nationalsozialistische Einstellung mit KZ-Haft, ohne aktive Widerständler zu sein. Sie alle gehörten zu jenen, die in dieser Zeit lebten, leben mussten, die den Alltag (nicht zuletzt ihrer Kinder) zu meistern hatten, die (auch Verfolgung, Folter, Haft, Erniedrigung) überleben wollten oder etwa als Soldaten gezwungenermaßen dabei waren, weil ihnen die Chance aktiver Verweigerung verwehrt blieb.

Das, was ich hier beschreibe, ist dann wohl doch als „eine Art von innerem Exil“ zu begreifen. Und deshalb ist eine Bewertung, es treffe für die „allermeisten Familien“ nicht zu, im „inneren Widerstand“ gewesen zu sein, nur sehr begrenzt richtig. Das heißt: Was die „Ersten bis Siebten“ antrieb, bewegte, sie handeln oder nicht handeln ließ, weshalb sie schwiegen oder sich im Alltag „einrichteten“, weshalb sie einfach nur überleben wollten, wäre sehr differenziert zu betrachten. Selbst die „organisierten Nazis“ sind ja nicht „über einen Kamm zu scheren“. Von „Märzgefallenen“, Anpassern, Opportunisten, Unkritischen, Naiven, schlichtweg mit Blindheit Geschlagenen, Verführten, sich Verführen-Lassenden bis hin zu Fanatikern und fanatischen Tätern öffnet sich ein weites Spektrum.

Die Erfolge der AfD bei uns zeigen in deren Wählerschaft ähnliche Strukturen. Wer AfD wählt, liest vielleicht Bild (oder vermutlich manche auch Höherwertiges), aber er/sie muss nicht zwingend ein rot-blauer Faschistoider sein. Die Parallelen zu damals sind oft nicht zu übersehen. Und – in der Tat: Wie schwer ist es, die Differenziertheit der Verhaltensweisen in der Zeit von 1933 bis 1945 (und danach) in der Rückschau zu erfassen! Zwischen der Aussage „Opi war ein Nazi“ und der Feststellung „Mein Vater war kein Nazi“ öffnet sich ein weites Feld.

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