Sakral durch die Praxis

Marcel Brenner untersucht durch Feldforschung, was beim Abendmahl geschieht
Marcel Brenner
Foto: Stefanie Siegmeier

In seiner theologischen Doktorarbeit erforscht Marcel Brenner (34) die sozialen Faktoren, die das Erleben des Abendmahls beeinflussen.

Ich wuchs in einem Dorf in der Nähe von Oberndorf am Neckar auf, wurde in der römisch-katholischen Kirche getauft, empfing die Erstkommunion und wurde gefirmt. Bis zu meinem 18. Lebensjahr war ich in der konservativen, marianisch geprägten Schönstatt-Bewegung aktiv. Im Gymnasium ermutigte meine Religionslehrerin zur kritischen Aneignung des Glaubens. Zunächst hatte ich damit Probleme. Aber schließlich fand ich ihren Unterricht anregend. Mein Schwulsein führte zu einem inneren Konflikt mit der Schönstatt-Bewegung und zur Entfremdung von der römisch-katholischen Kirche. In der Oberstufe hatte ich noch vorgehabt, katholische Theologie zu studieren, um Religionslehrer zu werden. Aber ich gab diesen Plan auf, weil ich nicht mit einer Doppelmoral leben wollte.

An einem Gründonnerstag besuchte ich in einer evangelischen Kirche den Abendmahlsgottesdienst. Anders, als ich das zuvor in der katholischen Kirche erlebt hatte, bildete die Gemeinde einen Halbkreis um den Altar und empfing gemeinsam Brot und Wein. Ich fühlte mich als Teil einer Gemeinschaft, obwohl ich nicht zu der Gemeinde gehörte, ja nicht einmal evangelisch war. Nach dieser Erfahrung, die mich tief berührt hatte, beschloss ich, mich mit der evangelischen Kirche näher zu beschäftigen. Schließlich schrieb ich mich an der Universität Tübingen für den Studiengang evangelische Theologie ein. Und in meiner Entscheidung bestärkte mich, dass Professor Volker Henning Drecoll bei der Einführungsveranstaltung sagte, im Theologiestudium gehe es darum, selbst urteilsfähig zu werden.

Um noch eine andere Stadt und eine andere Theologie kennenzulernen, studierte ich ein Jahr in Berlin. Vor der Aufnahme einer wissenschaftlichen Tätigkeit an der Universität Tübingen wollte ich aber Erfahrungen in der Gemeindearbeit sammeln und wurde Vikar in Freiburg im Breisgau. Das war während der Corona-Pandemie. So wurde viel darüber diskutiert, wie man angesichts der Infektionsgefahr Abendmahl feiern kann. Und im Predigerseminar sprachen wir auch über konfessionelle Unterschiede bei der Abendmahlsfeier. Aber ich fand es spannender, bei meiner Rückkehr an den Lehrstuhl Praktische Theologie III in Tübingen der Frage nachzugehen, welche sozialen Faktoren bei der Feier des Abendmahls eine Rolle spielen. Daher wählte ich für meine Doktorarbeit das Thema „Doing Abendmahl. Praxistheoretische Ethnografie des gegenwärtigen Evangelischen Abendmahls“. Und so besuchte ich zwischen 2022 und 2023 in Baden und Württemberg elf Abendmahlsgottesdienste mir bekannter Pfarrerinnen und Pfarrer. Unterstützt durch eine Videokamera im Hintergrund, beobachtete ich, wie Abendmahl gefeiert wird. Und dazu nehme ich in den verschiedenen Gottesdiensten immer einen anderen Platz ein.

Bei meiner Feldforschung gehe ich von zwei Grundannahmen aus: Der Berliner Soziologe Andreas Reckwitz spricht von Praktiken, in denen implizites oder körperliches Wissen steckt. So weiß man innerlich, kulturell gelernt und eingekörpert, wie man sich bei einer Geburtstagsfeier verhält. Und der US-Soziologe Erving Goffman (1922–1982) hob hervor, dass die soziale Interaktion im Alltag auf Ritualisierungen und somit auf Praktiken beruht.

Die Deckchen, die beim Abendmahl Kelch und Patene bedecken, erinnern zum Beispiel an die Tücher eines Zauberers, der mit dem Verhüllen auf eine bestimmte Weise das Verhüllte sichtbar macht. Die Gemeinde, die sonst im Gottesdienst einem Publikum gleicht, tritt beim Abendmahl in eine starke Interaktion untereinander und mit denen ein, die die Feier leiten. Aber ein gewisser Bereich um den Altar scheint ein Tabubereich zu sein, den nur gewisse Personen betreten dürfen. Bei meiner Mitarbeit in der DFG-Forschungsgruppe 2828 „De/Sakralisierung von Texten“, die meine Doktormutter Birgit Weyel leitet, hatte ich gelernt, dass Texte nicht per se heilig sind, sondern Sakralität in praxi hergestellt wird. Und auch beim Altarraum scheinen Ensembles von Praktiken Texte, Räume, Personen und Dinge zu (de-)sakralisieren.

Aufgefallen ist mir bei meiner Feldforschung auch eine eindeutige Tendenz zum Einzelkelch. Aber das hängt möglicherweise auch mit dem Erhebungszeitraum 2022/23 zusammen, als die Corona-Pandemie noch nachwirkte. Der Gemeinschaftscharakter des Abendmahls wird meines Erachtens auch durch Einzelkelche gewahrt, da alle Teilnehmenden gleichgemacht werden.

Ebenfalls fiel mir auf, dass die Einsetzungsworte von den Liturginnen und Liturgen nicht verlesen, sondern auswendig gesprochen werden. Dabei halten sie Patene und Kelch in der Hand und nehmen so Schritt für Schritt schauspielerisch die Rolle Jesu ein. Und die Gemeinde tut so, als ob sie die Jünger beim letzten Abendmahl wären.

Zur Zeit bin ich dabei, die Protokolle meiner Gottesdienstbesuche auszuwerten. Und die erhobenen Daten analysiere ich mit einem methodischen Zugang, der der pragmatischen „Grounded Theory“ des Tübinger Soziologen Jörg Strübing und der „Situationsanalyse“ der US-Soziologin Adele Clarke (1945–2024) folgt.

Bisher besuchte ich nur Abendmahlsgottesdienste in der badischen und in der württembergischen Landeskirche. Vielleicht werde ich dies noch durch Besuche in Gemeinden der lutherischen Landeskirche Bayerns ergänzen.

Mit Handlungsanweisungen möchte ich mich zurückhalten. Aber während meiner Feldforschung ist mir bei der Gestaltung der Gottesdienste eine große Vielfalt aufgefallen. Und die findet sich ja schon in den Abendmahlstexten des Neuen Testamentes. Daher möchte ich Gemeinden ermutigen, den verschiedenen Aspekten des Abendmahls Raum zu geben, an Buß- und Bettag und Karfreitag zum Beispiel der Sündenvergebung und zu Pfingsten der Gemeinschaft der Christen.

Meine Doktorarbeit möchte ich bis Frühjahr 2027 abschließen. Zur Zeit bin ich zur Hälfte als Pfarrer z. A. im Kirchenbezirk Rottweil tätig und zur anderen Hälfte als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl von Professorin Birgit Weyel. 

 

Aufgezeichnet von Jürgen Wandel

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Foto: Stefanie Siegmeier

Marcel Brenner

Marcel Brenner ist Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Praktische Theologie der Universität Tübingen.

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