Seelsorge auf Abwegen

Endlich wird in der evangelischen Kirche ein lange vernachlässigtes Thema diskutiert
Martin Luther verbrennt 1520 die päpstliche Bannbulle gegen ihn. Seine Reform könnte auch als Initiative gegen systematischen geistlichen Missbrauch interpretiert werden (Zeichnung nach C. F. Lessing). Foto: epd-bild/akg-images
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Martin Luther verbrennt 1520 die päpstliche Bannbulle gegen ihn. Seine Reform könnte auch als Initiative gegen systematischen geistlichen Missbrauch interpretiert werden (Zeichnung nach C. F. Lessing). Foto: epd-bild/akg-images

Geistlichen Missbrauch gibt es nicht nur in Sekten und anderen Konfessionen, sondern auch in der EKD. Er kann ähnlich dramatische Folgen wie andere Formen des Missbrauchs haben. Außerdem stellt er oft den Einstieg für solche anderen Formen dar, wie der Systematische Theologe und Diakoniewissenschaftler Alexander Dietz erläutert.

Martin Luther wandte sich vor rund 500 Jahren gegen den Ablasshandel, da er darin einen Missbrauch geistlicher Macht zu monetären Zwecken beobachtete. Er warf seiner damaligen Kirche vor, die strukturell-hierarchische Autorität von Amtsträgern, Bibelstellen sowie theologische Lehren von Sünde und Gnade zu verfälschen und zu instrumentalisieren, um eine destruktive Macht über die Gewissen der Glaubenden zu gewinnen, bei ihnen Schuldgefühle zu erzeugen und sie eigennützig im Blick auf ihre religiösen Vorstellungen und Handlungen zu manipulieren. Insofern könnte die Reformation in heutigen Worten auch als Initiative gegen systematischen geistlichen Missbrauch interpretiert werden.

Später kritisierte Luther mit ähnlich großem Eifer auch „Lügenprediger“ aus den eigenen Reihen, die anstelle der biblischen Botschaft von der göttlichen Gnade persönliche Offenbarungen, moralische Reinheitsappelle oder politische Utopien verkündigten. Das Thema geistlicher Missbrauch stand also offenbar ganz oben auf seiner theologischen Prioritätenliste.

Demgegenüber wurde das Thema in den heutigen evangelischen Landeskirchen lange eher vernachlässigt. Lediglich die Weltanschauungsbeauftragten hatten es auf dem Schirm – als Problem in so genannten Sekten. Seit den frühen 1990er-Jahren wurde geistlicher Missbrauch erstmals als kirchlich verbreitetes Phänomen im evangelikalen Lager in den USA diskutiert. Wenig später begann auch in der katholischen Kirche im angelsächsischen Raum eine entsprechende Debatte, da geistlicher Missbrauch als Ermöglichungsfaktor für sexualisierte Gewalt erkannt wurde. Nach der Jahrtausendwende begann man auch in der deutschen evangelikalen sowie katholischen Szene, sich mit dem Thema zu beschäftigen, es erschienen einige differenzierte Publikationen sowie kirchliche Stellungnahmen und Leitfäden.

Die evangelischen Landeskirchen verhielten sich – so wie beim Thema sexualisierte Gewalt – lange zurückhaltend. Man hielt geistlichen Missbrauch wohl eher für ein Problem von Sekten, Evangelikalen und der katholischen Kirche. Erst in den vergangenen Jahren entstand langsam eine Sensibilität für die Relevanz des Phänomens in allen religiösen Gemeinschaften, insbesondere angesichts der ausführlichen Thematisierung in mehreren Aufarbeitungsstudien zu sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche. Mittlerweile liegen Leitfäden zum Umgang mit geistlichem Missbrauch der Württembergischen und der Bayerischen Landeskirche vor, die Hannoversche Landeskirche hat kürzlich eine Anlaufstelle für Betroffene eingerichtet.

Aber was genau meint eigentlich der Begriff geistlicher Missbrauch? Alternativ sprechen manche auch von spirituellem oder religiösem (Macht-)Missbrauch, von geistlicher oder spiritueller Gewalt beziehungsweise vom Missbrauch geistlicher Autorität. Damit ist eine Form psychischer beziehungsweise emotionaler Gewalt gemeint, bei der geistliche Autorität und entsprechende Abhängigkeitsbeziehungen missbraucht werden, um begleitete Menschen jeden Alters (ihre spirituelle Selbstbestimmung missachtend) unter Berufung auf die Autorität Gottes zu manipulieren.

Beim geistlichen Missbrauch, den bereits die Bibel kritisch thematisiert (beispielsweise Hiob 5,27), gehen die Tatpersonen davon aus, zu wissen, was richtig ist, und versuchen – unter entsprechend begünstigenden institutionellen Rahmenbedingungen, ihre Opfer zu bestimmten spirituellen Wahrnehmungen (Bibelauslegung, Frömmigkeitsform, Gottesbild, Ethos und so weiter) beziehungsweise Handlungsentscheidungen zu drängen. Im schlimmsten Fall können die Opfer die Welt nur noch aus der Perspektive der Tatperson wahrnehmen und fühlen sich wehrlos, schuldig, minderwertig oder sogar innerlich getötet.

Viele verlieren ihr Vertrauen in Gott und ihre Mitmenschen. Manche entwickeln – durchaus vergleichbar mit anderen Formen des Missbrauchs – Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. Spiritueller Missbrauch kann theologisch als blasphemisch eingeordnet werden, da die Tatpersonen ihre Stimmen mit der Stimme Gottes verwechseln, sich selbst an die Stelle Gottes setzen, und, indem sie den Namen Gottes missbrauchen, um Macht über vulnerable Menschen zu gewinnen, gegen das erste Gebot verstoßen.

Als Jugendlicher habe ich in einer freikirchlichen Gemeinde geistlichen Missbrauch hautnah beobachtet. Das ist mittlerweile schon 35 Jahre her, und die Gemeinde gibt es nicht mehr. Der Begriff geistlicher Missbrauch zur Einordnung der entsprechenden Phänomene steht mir erst heute zur Verfügung. Der leitende Pastor dieser Gemeinde, der über keinerlei theologische Qualifikation verfügte, verstand es, die Gemeindeglieder durch Charme und Redegewandtheit von seiner besonderen Berufung beziehungsweise Geistbegabung zu überzeugen und sich als bewundertes geistliches Vorbild und Sprachrohr Gottes zu inszenieren.

Seine Aussagen wurden nicht infrage gestellt, sondern als Wahrheiten akzeptiert. Dies sicherte ihm eine unkontrolliert machtvolle Position an der Spitze der streng hierarchischen und autoritären Leitungsstruktur. Leitungspersonen (die selbst wiederum Opfer des leitenden Pastors waren) traten ohne Selbstzweifel mit dem Anspruch auf, den Willen Gottes für andere Menschen (besser als diese selbst) zu kennen, was mit der Erwartung von Vertrauen und bedingungsloser Unterordnung verknüpft war. Kritik und Widerspruch wurden tendenziell als Illoyalität, (potenziell dämonisch verursachte) Rebellion oder Widerstand gegen den Heiligen Geist gedeutet. Wer ein Problem ansprach, musste damit rechnen, selbst als Problem und Störfaktor für die angeblich harmonische Einheit wahrgenommen zu werden. Eine pluralistische Diskussion über verschiedene Positionen und Bibelauslegungen war kaum möglich. Wer eine abweichende Sichtweise vertrat, dem wurde die vermeintlich wahre Position wiederholt „erklärt“, wer sich nicht bevormunden lassen wollte, wurde ausgegrenzt.

Dass die Gemeinde sich selbst idealisierend als besondere Gemeinschaft mit („endzeitlich“) herausragender Berufung verstand, ging mit einem elitären Denken und der Überzeugung einher, dass es außerhalb, beispielsweise in den Landeskirchen, kaum „echte Christen“ gebe. Darum lag es auch nahe, ein Verlassen der Gemeinde als Auflehnung gegen göttliche Führung wahrzunehmen. Die Außenwelt wurde im Sinne eines Schwarz-Weiß-Denkens als Gefährdungsraum für geistliche Angriffe durch „den Feind“ interpretiert. Dadurch entwickelte sich die Gemeinde zu einem geschlossenen System, das für viele zum Lebensmittelpunkt wurde. Die intensive zeitliche Vereinnahmung durch Gemeindeveranstaltungen und erwartetes freiwilliges Engagement trug zusätzlich zu sozialer Isolation sowie zur Anfälligkeit für geistlichen Missbrauch bei.

Ein Familienersatz

Die Gemeinschaft wurde zum Familienersatz, woraus eine emotionale Abhängigkeit resultierte, die ein umfassendes Manipulations- und Kontrollsystem ermöglichte. Meist ohne vorsätzliche böse Absichten der Tatpersonen, die sich im Besitz der göttlichen Wahrheit wähnten, wurde geistliche und moralische Reinheit gefordert. Entsprechend wurden beispielsweise Bibelstellen, Gebete, emotionale Predigten, manipulative prophetische Worte, Seelsorgegespräche, spirituelle Erfahrungen und Gruppendynamiken subtil dafür instrumentalisiert, Schuldgefühle und Leistungsdruck zu erzeugen sowie Grenzüberschreitungen zu legitimieren, wie eine Brechung der Persönlichkeit oder Einflussnahme auf das Privatleben, von Zeitplanung über Musikkonsum bis zur Sexualität. Es gehörte dabei zum Wesen des geistlichen Missbrauchs, dass die manipulierten Personen glaubten, aus freien Stücken Geld zu spenden, Freundschaften zu beenden oder unbezahlte Zivildienst-Überstunden zu leisten, während über ihrem möglichen Ausstieg das Damoklesschwert des Verlusts der Gottesbeziehung, der sozialen Einbindung und des Lebenssinns hing.

Geistlicher Missbrauch kommt jedoch nicht nur in solchen „totalen Institutionen“, sondern in nahezu allen religiösen Gruppen jeglicher theologischen Ausrichtung vor – und zwar in einem größeren Ausmaß, als allgemein vermutet wird. Wir liberalen landeskirchlichen Christenmenschen nehmen häufig sehr sensibel Missstände in evangelikalen, konservativen oder katholischen Kontexten wahr, aber sind nicht gefeit vor Betriebsblindheit. Auch bei uns gibt es asymmetrische Beziehungen, sozialen Erwartungsdruck, Familienersatzphänomene, religiöses Leistungsdenken, aufopferungsbereite freiwillig Engagierte oder narzisstische Leitungspersonen, und damit Einfallstore für geistlichen Missbrauch.

Wir schüren vielleicht keine Schuldgefühle wegen homosexueller Orientierungen, aber wie sieht es mit Schuldgefühlen wegen des ökologischen Fußabdrucks aus? Wir manipulieren vielleicht nicht mit „prophetischen“ Eindrücken, aber wie sieht es mit manipulativer Vereinnahmung durch politische Fürbitten in Gottesdiensten aus? Nicht jede selbstgerechte Positionierung, nicht jeder ungute Umgang mit Macht ist gleich geistlicher Missbrauch. Aber wir brauchen eine Kultur der Achtsamkeit gegenüber Grenzverletzungen, wie der göttlichen Überhöhung der eigenen Meinung, der theologisch begründeten Abwertung Andersdenkender oder der Gewissensbelastung durch eine gesetzliche Moralisierung des Evangeliums.

Die Grundlage für geistliche Manipulierbarkeit und geistlichen Missbrauch ist geistliche Vernachlässigung, die dazu führt, dass Menschen das Bewusstsein und die Befähigung dafür fehlen, ihre Gottesbeziehung und ihre Spiritualität selbstbestimmt und souverän zu gestalten und geistliche Angebote zurückzuweisen, die ihnen nicht guttun. Daher ist die effektivste Präventionsmaßnahme gegen geistlichen Missbrauch, der oft den Einstieg für weitere Formen des Missbrauchs darstellt, die Förderung geistlicher Handlungsfähigkeit beziehungsweise Selbstbestimmung. Spirituelle Selbstbestimmung ist das Ergebnis theologischer Bildungsprozesse, die in entsprechenden kirchlichen Bildungsangeboten angestoßen und auf möglichst hohem theologischem Niveau begleitet werden sollten. Wir müssen also aus guten Gründen endlich wieder den Mut zu mehr (anspruchsvoller) Theologie und geistlichen Angeboten finden anstelle einer Reduktion der christlichen Botschaft auf Ethik sowie einer „minimalistischen Theologie der Krabbelgottesdienste“ (Günter Thomas).

Wenn Sie Opfer von geistlichem Missbrauch sind oder waren, dann sind Sie nicht allein. Sie können Rat und Unterstützung finden, zum Beispiel bei der Beratungsstelle der Hannoverschen Landeskirche (www.evangelische-agentur.de).

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