Angesichts der Realität der Sünde

Gewaltfreiheit und Schutz vor Gewalt in der neuen Friedensdenkschrift der EKD
Butscha in der Ukraine, 11. April 2022: exhumierte Opfer eines russischen Massakers.
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Butscha in der Ukraine, 11. April 2022: exhumierte Opfer eines russischen Massakers.

Die jüngst verabschiedete Friedensdenkschrift der EKD hat zu einer lebhaften Diskussion im deutschen Protestantismus geführt. Der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg findet viel Gutes an ihr. Er argumentiert: „Du sollst nicht morden“ heiße auch „Du sollst nicht morden lassen“. Wer das Morden geschehen lasse, obwohl er einschreiten könnte, mache sich mitschuldig.

Bilder von niedergemetzelten Menschen in Butscha und Charkiw, Berichte von verschleppten Kindern aus der Ukraine – sie haben sich tief in unser Gedächtnis eingebrannt. Nahezu täglich hören und lesen wir von solchen grausamen Zeugnissen einer „Welt in Unordnung“. Diese ernüchternde Bilanz zur derzeitigen Lage zieht auch die neue Friedensdenkschrift des Rates der EKD.

Als Militärbischof begegne ich oft Männern und Frauen in Uniform. Sie sind bereit, Menschen vor Gewalt, Not und Unfreiheit zu schützen. Für sie – und für uns als Kirche – ist die Denkschrift nicht bloß ein akademisches Papier, sondern eine notwendige Positionsbestimmung in einer Zeit, in der friedensethische Gewissheiten zerbrochen sind.

In den einleitenden Seiten der Denkschrift wird deutlich: Wir leben nicht mehr in der Hoffnung der 1990er-Jahre. Die Friedens- und Sicherheitsordnung, die wir lange Jahre für stabil hielten, wird durch brutale Aggressionen erschüttert. Wenn wir heute über den „Gerechten Frieden“ sprechen, müssen wir dies mit einem Blick tun, der die Realität der Sünde und der Gewalt ernst nimmt.

Die andere Wange

Oft wird mir in Diskussionen eine Aufforderung aus der Bergpredigt entgegengehalten, die andere Wange hinzuhalten. Ja, dies ist ein radikaler Ruf Jesu zur individuellen Nachfolge. Er ist ein Mittel gegen Vergeltung und Eskalation von Gewalt. Dieser Ruf kann auch als christliches Vorbild für staatliches Handeln angeboten werden. Um den Frieden in der Welt zu wahren und zu fördern, haben gewaltfreie Mittel für staatliches Handeln Priorität.

Aber der Staat hat eine Verantwortung, Menschen vor Gewalt zu schützen. Daher kann er nicht allein dem persönlichen Bekenntnis des Einzelnen folgen, der zur kategorischen Gewaltfreiheit aufruft. Das Wort Jesu darf nicht auf die staatliche Ebene eins zu eins übertragen werden – gerade dann nicht, wenn Zivilisten ermordet, Frauen vergewaltigt und Kinder verschleppt werden. Menschen vor Gewalt zu schützen, ist oberste Aufgabe des Staates.

Verantwortung bedeutet hier: Ich kann mich als Christ entscheiden, auf Gewalt zu verzichten. Ich darf dies aber nicht stellvertretend für den bedrohten Nächsten entscheiden. Das Gebot „Du sollst nicht morden“ entfaltet in der Pflicht, den bedrohten Nächsten vor Gewalt zu schützen, seine volle Dimension. „Du sollst nicht morden“ heißt auch „Du sollst nicht morden lassen“. Wir dürfen nicht zulassen, dass andere morden, wenn wir die Mittel haben, dies zu verhindern. Wer das Morden geschehen lässt, obwohl er einschreiten könnte, macht sich mitschuldig.

Gleichzeitig erinnert uns die Denkschrift in ihrer theologischen Entfaltung an eine entscheidende Grenze: Auch beim Schutz von Opfern ist nicht alles erlaubt. Dies ist die zweite, oft übersehene Lehre der Bergpredigt. Selbst in der berechtigten Verteidigung bleibt das christliche Menschenbild der Maßstab. Der „Feind“ bleibt ein Geschöpf Gottes, mein Mitmensch. Daher dürfen Dehumanisierung des Gegners oder blinde Rache keinen Platz haben. Rechtserhaltende Gewalt hat seine Grenzen; sie muss an das Recht gebunden bleiben, sonst verliert sie ihre moralische Legitimation.

Die Denkschrift unterstreicht: Friede ist kein statischer Zustand. Er ist ein dynamischer Prozess, in dem Gewalt abnimmt und Gerechtigkeit zunimmt. Dieser Prozess entfaltet sich in vier Dimensionen: Schutz vor Gewalt, Förderung von Freiheit, Abbau von Ungleichheit und friedensfördernder Umgang mit Pluralität.

Neue Akzentuierung

Doch das Dokument macht eine entscheidende neue Akzentuierung: Der Schutz vor Gewalt wird als grundlegend betrachtet. Wenn Menschen vor Gewalt geschützt werden, ist damit schon viel gewonnen. Der Schutz vor Gewalt ist das grundlegende Gut, auf dem alles andere aufbaut. Ohne Sicherheit gibt es keine Freiheit und keine Gerechtigkeit. Dieses relative Prae der ersten Dimension heißt aber nicht, dass die anderen Dimensionen zu vernachlässigen sind. Im Gegenteil, sie sind höherwertige Güter. Zum Frieden gehören notwendig Freiheit, Gerechtigkeit und Pluralität. Die bloße Abwesenheit von Gewalt führt nicht zu einem dauerhaften und nachhaltigen Frieden.

Kurz: Ohne Sicherheit gibt es keinen Frieden. Aber ohne Frieden gibt es auch keine Sicherheit. Es bedarf politischer und staatlicher Institutionen, die ein Leben in Frieden ermöglichen, der mehr ist als die Abwesenheit von Krieg, sondern wo Menschen, vor Gewalt geschützt, in Freiheit, Gerechtigkeit und Pluralität leben können. Es ist eine Aufgabe von Kirche, diesen Dienst anzuerkennen.

Als Militärbischof sehe ich darin eine wichtige Bestätigung für den Dienst unserer Soldatinnen und Soldaten. Die Denkschrift erkennt an, dass die Anwendung von Gegengewalt zur Abwehr eines völkerrechtswidrigen Angriffs nicht nur völkerrechtlich, sondern auch unter bestimmten Bedingungen ethisch legitim sein kann. Das Leitbild des „Gerechten Friedens“ integriert die Ethik rechtserhaltender Gewalt als unverzichtbaren Bestandteil. Dies ist kein Rückfall in eine Form des Bellizismus. Vielmehr wird rechtserhaltende Gewalt verstanden als Ausdruck christlicher Nächstenliebe, die den Schwachen nicht der Willkür des Stärkeren überlässt. Ihre Androhung und Ausübung ist an enge ethische Kriterien gebunden.

Eine bittere Erfahrung

Oft wird gefordert, man müsse doch „mehr miteinander reden“. Und in der Tat: Das Gebet um Frieden und die Suche nach diplomatischen und anderen gewaltfreien Wegen haben immer Priorität in der Konfliktbearbeitung. Doch es bleibt eine bittere Erfahrung: Im vergangenen Jahr mangelte es nicht an Gesprächsbereitschaft von Seiten der westlichen Gemeinschaft oder der Ukraine – und dennoch kam es zu keinem Waffenstillstand. Der Aggressor ignoriert weiterhin das internationale Recht und setzt auf das Recht des Stärkeren.

Ein Blick in die Geschichte lehrt uns: Der Zweite Weltkrieg und die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten endeten nicht am Verhandlungstisch durch Kompromisse mit der Tyrannei. Sie endeten durch den D-Day, durch den militärischen Sieg der Alliierten und die konsequente Entwaffnung der Nazis. Erst die völlige Kapitulation war der Beginn der Möglichkeit, einen Frieden zu gestalten, der zu einer demokratischen Gesellschaft in unserem Land führte.

Gerechter Friede benötigt die Stärke des Rechts. Sie muss sich auch gegen das Unrecht behaupten können. Dazu braucht es die rechtserhaltende Gewalt. Ein bloßes Einfrieren von Konflikten, das Unrecht zementiert, ist kein gerechter Frieden. Gerechter Friede bedeutet ein sicheres Leben in Freiheit und Selbstbestimmung.

Prophetisches Ausrufezeichen

Die Denkschrift würdigt das Zeugnis derer, die aus Gewissensgründen jede Form von Gewalt ablehnen. Dieses Zeugnis hat seinen Platz als prophetisches Ausrufezeichen in unserer Kirche. Unbestritten. Doch als universale politische Ethik lässt sich eine solche Form von Pazifismus nicht legitimieren. Sie läuft Gefahr, das Opfer schutzlos zu lassen und dem Aggressor das Feld zu überlassen. Wer den Ruf zur absoluten Gewaltfreiheit im staatlichen Handeln zur universalen Norm erhebt, blendet aus, dass autoritäre Regime zivilen Widerstand oft effektiv und brutal brechen. Das konnte man in Russland über Jahre hinweg beobachten. Spätestens als die weltweit bekannte 1989 gegründete Menschenrechtsorganisation „Memorial“ 2021 behördlich aufgelöst wurde, wurde dies deutlich.

Für die Frauen und Männer in der Bundeswehr ist diese Denkschrift ein wichtiges Signal der Anerkennung. Ihr Dienst wird als stellvertretendes Handeln für das Gemeinwesen gewürdigt. Sie stehen bereit, unter Einsatz ihres Lebens die Sicherheit und Freiheit anderer zu schützen. Dabei tragen sie eine hohe persönliche Verantwortung und können im Einsatz schuldig werden – eine Ambivalenz, die wir als Kirche seelsorgerisch begleiten müssen, und dies auch tun.

Die Denkschrift lehnt den Begriff der „Kriegstauglichkeit“ als Selbstzweck ab und bevorzugt die „Verteidigungsfähigkeit“, die fest am Ziel des Gerechten Friedens orientiert wird. Es geht nicht um die Verherrlichung des Militärischen, sondern um die notwendige „Friedenstüchtigkeit“ einer Gesellschaft, die bereit ist, ihre Werte zu verteidigen. Dabei wird deutlich hervorgehoben: Frieden und Sicherheit kann nicht an andere Institutionen delegiert werden. Jeder und jede ist gefragt, welchen Beitrag er beziehungsweise sie für den Frieden und die Sicherheit leisten kann.

Seit dem Erscheinen der Friedensdenkschrift werde ich häufig von Soldaten unterschiedlicher Dienstgrade auf die Denkschrift angesprochen. Beispiel: 22. Dezember 2025. Auf dem Flug im Transportflugzeug A 400 M von Jordanien nach Bagdad kurz vor Weihnachten bat mich der Kapitän ins Cockpit. Das ist nicht unüblich. Unüblich war aber das, was sich dort entwickelte: eine lange und tiefe friedensethische Diskussion über einem Land, das nach Frieden sucht.

Der Soldat bedankte sich nach der Landung bei mir und meiner Kirche. Er hätte schon lange keinen Text mehr gelesen, der ihm und vielen Kameraden solche Möglichkeiten eröffnet hätte, sein Gewissen zu bilden und zu schärfen. Einen Tag später auf dem Flug von Erbil nach Berlin unterhielt ich mich mit einem Lademeister einer anderen Crew. Er ist seit Jahren in einer sächsischen Gemeinde aktiv. Dankbar und froh sei er, durch diese Denkschrift wieder einen Platz in seiner Kirche gefunden zu haben. Die Friedensdenkschrift hat auch zur Versöhnung beigetragen, mit den vielen, die für den Schutz von Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie eintreten.

Gewissen schärfen

Fazit: Standhaftigkeit im Vorläufigen ist nötig. Gerechter Friede bleibt unser Ziel. Dabei ist uns Christinnen und Christen bewusst: Vollkommener Frieden kann nur von Gott kommen. Unsere Friedensbemühungen bleiben in einer noch nicht erlösten Welt immer nur im Vorläufigen und Unfertigen. Aber wir handeln im Vertrauen auf den Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft. Wir tun dies mit wachen Augen für die Notwendigkeiten dieser Welt. Wir lassen nicht morden. Wir schützen das Leben. Und wir halten Frieden, so es an uns liegt.

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Bernhard Felmberg

Bernhard Felmberg, geboren 1965 in West-Berlin, war nach Theologie-Studium und Promotion einige Jahre an verschiedenen  Kirchenstellen tätig, ehe er von 2009 bis 2013 Bevollmächtigter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bei Bundestag,  Bundesregierung und Europäischer Union war. Von 2014 bis 2020 war er im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit
(BMZ) tätig, zuletzt als Ministerialdirigent. Seit Oktober 2020 ist er der evangelische Militärbischof der Bundeswehr.

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