Die Evangelische Theologie an den Universitäten steht unter erheblichem Anpassungsdruck: Neue Themen, neue Erwartungen, neue Rollenbilder prägen Forschung, Lehre und kirchliche Selbstverständigungsprozesse. Diese Dynamik sieht der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann überaus kritisch. Er meint: Eine übermäßige Ausweitung von Zuständigkeiten, Profilen und Kompetenzen gefährdet wissenschaftliche Tiefe und institutionelle Redlichkeit.
Sehr vieles ist komplizierter geworden, auch in und für Kirche und Theologie. Ein wesentlicher Grund dafür liegt in der Diversifikation des religiösen Feldes infolge der demografischen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte.
Themen und Fragestellungen, die lange Zeit eher am Rande oder außerhalb des Wahrnehmungsinteresses der Evangelischen Theologie als akademischer Disziplin lagen, drängen nun mit Macht in deren Zentrum vor: Gender und Race, Diversity und Postcolonial Studies, Emotionalitätsforschung, Körper-, Ernährungs- und Konsumgeschichte, Medien und Materialität, Religionstheologie, Globalgeschichte des Christentums jenseits des Eurozentrismus, jüdisch-christlicher, christlich-islamischer Dialog, interkulturelle und -religiöse Theologie et cetera pp.
An der Aufgeschlossenheit für die genannten Themen und Perspektiven entscheidet sich gegenwärtig, so scheint es, ob die Evangelische Theologie zeitgemäß ist. Die entsprechenden Erwartungen kommen sowohl von außen als auch aus dem Herzen der Fakultäten selbst auf sie zu.
In der Regel geht die Evangelische Theologie mit diesen Herausforderungen so um, dass sie die Ausschreibungstexte für Professuren um entsprechende Themenstellungen erweitert: Dogmatik, Ethik und Gender Studies; Biblische Theologie und ihre Didaktik in interkultureller Perspektive; Kirchengeschichte der Reformation und/oder Kirchliche Zeitgeschichte und/oder Globalgeschichte des Christentums und/oder Postcolonial Studies; Praktische Theologie unter besonderer Berücksichtigung von Homiletik, Poimenik, Diakonik, Medien, Ästhetik, spiritual care – um nur einige Beispiele zu nennen.
Nicht selten erfreuen sich diese innovativ wirkenden Ausschreibungstexte des besonderen Zuspruchs sowohl der Universitätsleitungen als auch der Kirchen, suggerieren sie doch den Erneuerungswillen der entsprechenden Institutionen und die Transformationsdynamik des evangelischen Christentums der Gegenwart.
Momente des Selbstbetrugs
Die insinuierte Modernität hat ihren Preis, denn die skizzierte Entwicklung geht mit Momenten eines fundamentalen systemischen Selbstbetrugs einher. Die akademischen Qualifikationsprozesse in der Evangelischen Theologie orientieren sich nämlich bisher, weithin ungebrochen, an den klassischen theologischen Einzeldisziplinen und verlaufen innerhalb derselben: Promoviert und habilitiert wird im Alten und Neuen Testament, in Systematischer Theologie, Kirchengeschichte oder Praktischer Theologie.
Qualifikantinnen und Qualifikanten, die nach der fachlich eindeutig definierten Promotion wissenschaftlich weiterarbeiten, sind – ähnlich wie ihre Lehrerinnen und Lehrer – in aller Regel von der Überzeugung geleitet, dass eine klassische Habilitation in einem der genannten Fächer alle denkbaren aspektivischen, perspektivischen und thematischen Erweiterungen, Brechungen und Schwerpunkte einschließt – „Systematische Theologie“ also Fragestellungen, die unter „gender“ verhandelt werden, selbstverständlich zu beinhalten hat, will sie ihrem Anspruch gerecht werden, eine gegenwartsverantwortete Interpretations- und Reflexionsgestalt Evangelischen Christentums zu bieten.
Insofern sind die Qualifikationsprozesse innerhalb der Evangelischen Theologie auch weiterhin von der der Wissenschaft eigenen Dynamik einer permanenten, durch neue Herausforderungen getriebenen, insofern intrinsischen Innovationskraft bestimmt. Oder anders formuliert: Die Sensibilität für neue Herausforderungen muss man der Wissenschaft nicht aufnötigen; sie kommt, sofern sie wissenschaftlich relevant ist, aus ihr selbst.
Ein Vabanquespiel
Innovationen niveauvoll auszuarbeiten, kostet Zeit; diese im Rahmen eines wissenschaftlichen Entwicklungsprozesses zu investieren, ist wünschenswert und geboten. Mit Inszenierungen, nach denen ein Bewerber dies oder das vermeintlich „abdeckt“, ist niemandem geholfen.
Der systemische Selbstbetrug der Evangelischen Theologie, der sich in manchen Ausschreibungstexten und Lehrstuhldenominationen niederschlägt, wird faktisch den jüngeren Kolleginnen und Kollegen aufgebürdet, die eine Professur anstreben. Denn von ihnen verlangt man, dass sie in Bewerbungsszenarien all das anbieten, was der Ausschreibungstext fordert.
Seit einigen Jahren geschieht dies nicht nur in Vorträgen, von denen man üblicherweise Forschungsimpulse oder neue Forschungsergebnisse erwartete, sondern noch zusätzlich in seminaristischen Lehrproben mit völlig unbekannten, zufällig zusammengestellten Student*innengruppen, deren zumeist völlig disparate Voraussetzungen (Sprachkenntnisse; Semesterzahl; Studiengang et cetera) in aller Regel erst in der Lehrsituation selbst entborgen werden können – eine Prozedur, die jede Vorbereitung zu einem Vabanquespiel macht und vor allem eines prüft: Nervenstärke und Improvisationskraft.
Breite statt Tiefe
Die in den Ausschreibungstexten geforderte Breite möglicher Kompetenzfelder verhält sich umgekehrt proportional zur Wertigkeit der Stellen – sie sinken auf W1 mit oder ohne Tenure-Track, als der sicheren Aussicht auf eine daran anschließende Dauerstellung; W2, die Dauerstellung, wird mancherorts zu dem, über das Höheres nicht gedacht werden kann!
Die Breite geht zwangsläufig mit einem Verlust an wissenschaftlicher Tiefe einher. Denn es ist eben etwas anderes, ob ich nach einer mit intensiven Forschungserfahrungen verbundenen Qualifikationsschrift etwa im Bereich der Reformationsgeschichte einen Bewerbungsvortrag halte – oder, unter dem Zwang eines entsprechenden Ausschreibungstextes, in Globalgeschichte herumdilettiere und die Exegese von Missionarsbriefen als postkolonialen dernier cri (deutsch: letzten Schrei) zu verhökern versuche.
Dass diese dilettantischen Vorträge von einer weit überwiegenden Mehrzahl an dilettantischen Zuhörern rezipiert und die in die Nähe einer Berufungsliste gelangenden Bewerber von zumeist ähnlich begabten Gutachtern, Berufungskommissionen und Fakultätsräten beurteilt werden, rundet das akademische Verfallsszenario ab. Zu unlängst kursierenden Reformplänen des Theologiestudiums hätte das hervorragend gepasst: Expertinnen im Christentum aufgrund von Ausbildung sollten erzeugt, nicht Theologinnen aufgrund von Studium gebildet werden.
Wassersuppiges Geschwätz
Für das Selbstverständnis der wissenschaftlichen Theologie in Deutschland war jahrhundertelang klar, dass sie eine wichtige Rolle in Bezug auf die Kirche zu spielen habe. Sie tat dies lange Zeit im Bewusstsein der präzisen Unterschiedenheit ihrer und der kirchlichen Aufgaben.
Dafür gibt es tiefe historische Ursachen, denn die „Reformation“ – jedenfalls das, was man vor dem wassersuppigen transformationstheoretischen Pluralisierungsgeschwätz von den vielen „Reformationen“ darunter verstand – ging von einer Universität aus. In ihrer Unterschiedenheit, als Gegenüber, hat die Theologie der Kirche gedient. Die evangelische Kirchengeschichte der Neuzeit wird man schwerlich traktieren und verstehen können, ohne theologische Lehrer wie Schleiermacher, Ritschl, Harnack, Barth oder Bultmann und ihre Wirkungen im kirchlichen Raum einzubeziehen. Die Bedeutung, die der akademischen Theologie im deutschen Protestantismus durch Jahrhunderte hindurch zukam, unterscheidet sich also signifikant von der, die sie im Katholizismus spielte. Denn hier setzten Kirchenrecht und Lehramt normative Grenzen, zu denen es im evangelischen Bereich keine Analogien gibt.
Einiges deutet nun allerdings darauf hin, dass die skizzierte Rollenverteilung der historischen Epoche einer prästabilierten Bedeutsamkeitsharmonie von Kirche und akademischer Theologie entstammt – einer Zeit, in der beider Wichtigkeit für einander und für die Gesellschaft außer Zweifel stand. Doch seit dies nicht mehr der Fall ist, hat ein verwirrender Rollentausch eingesetzt: Theologieprofessorinnen schwingen sich zu Interpretinnen personalentwicklungsplanerischer kirchlicher Anliegen auf. Die Expert*innen des Christentums sind ihre Kreation!
Nimbus von Internationalität
Auch andere Indizien sind als Ausdruck von Überforderungshysterie zu deuten: Neuberufene Theologieprofessor*innen drängen – meist ohne praktisch-pastorale Erprobung in einem Vikariat – auf Ordination und klerikale Mimikri. Kirchenvertreter*innen gründen theologische Kommissionen und bestücken sie mit Figuren und Figurinen ihrer Wahl, nicht selten, um unbequeme Geister auszugrenzen. Professorale Kolleginnen exponieren sich als zu Gegenwarts- und Zukunftsansagen befähigte Prophetinnen. Bisher als biedere Eurozentriker ausgewiesene Existenzen gerieren sich als postkoloniale Globalisierungsexperten. Patristiker mutieren zu Zeithistorikern, Ökumenikern und en passant zu Experten des konfessionellen Zeitalters gleich mit.
Wer als Schuster noch bei seinem Leisten bleiben zu sollen meint, kann mühelos als altmodisch und überholt abgefertigt werden – erst recht, wenn sich die Polemik mit dem Nimbus von Internationalität umgibt, mag diese, bei Licht betrachtet, doch auch nur provinzieller Natur sein.
Die skizzierten Entwicklungen bezeugen Überforderung. Aber wie reagiert man in angemessener Weise darauf? Am besten so, wie auch ein von Überforderungen bedrängter Mensch es üblicherweise tun wird: Indem er sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und konsequent zu priorisieren versucht.
Wir sollten uns wieder auf das konzentrieren, was wir von der reichen Tradition der Evangelischen Theologie her besonders gut können. Erstens: Komplexe, anspruchsvolle und lebensnahe Texte nach allen Regeln der Kunst auslegen, indem wir von uns abzusehen und die Texte historisch-kritisch in ihrer Zeit zu verstehen versuchen und sie uns gerade so in ihrer Fremdheit anzunähern, ja anzuverwandeln lernen. Zweitens: Den christlichen Glauben im Horizont seiner philosophischen Bestreitung, der Religionskritik, zu bedenken und die traditionellen Gehalte mit Blick auf die Gegenwart zu durchdenken. Drittens: Die historischen Wirkungen der christlichen Religion in ihren förderlichen und destruktiven Dimensionen kennenzulernen und verantwortungsbewusst mit ihnen umzugehen. Kurz: Der gelebten Religion und ihren aktuellen Herausforderungen dienlich zu sein.
Das „Wesentliche“
Das „Wesentliche“ des Theologiestudiums aber ergibt sich daraus, was man begründetermaßen von einem/einer Pastor*in in einer religionspluralen freiheitlichen Gesellschaft zu erwarten hat:
1. Zentrale Gehalte der christlichen Religion verständlich, also zeit-, sachgemäß und einladend zu kommunizieren.
2. Übergriffigen religiösen Zumutungen und Wahrheitsansprüchen couragiert entgegenzutreten. Solide ausgebildete Theolog*innen vermögen die allgegenwärtigen Dämonen religiöser Manipulation zu exzorzisieren!
3. Verständnis für unterschiedliche religiöse Stile innerhalb und außerhalb sozial und bildungsmäßig inhomogener Gemeinden zu fördern.
4. Hilfen bei der Beheimatung in den zentralen Traditionsbeständen evangelischen Christentums anzubieten.
5. Einer zusehends dem Christentum gegenüber distanzierten Gesellschaft die Gemeinwesenkompatibilität unseres Freiheit eröffnenden Glaubens zu verdeutlichen.
Wenn dies die wesentlichen Effekte eines glücklich verlaufenden Theologiestudiums sein sollen, ist auch klar, was es dazu braucht: eine profunde Kenntnis der grundlegenden Texte und Ideen der christlichen Tradition, Lehrerinnen und Lehrer der Theologie, die von ihren Gegenständen fasziniert sind, forschend lehren und in dem, was sie bereits gut können, immer besser zu werden bestrebt sind. Und das Vertrauen darauf, dass unser Glaube, weil er mit Vergänglichkeit umzugehen vermag, auch und gerade heute wirklich etwas zu bieten hat – im Leben und im Sterben!
Wenn die Evangelische Theologie an der Universität anbietet, was sie wirklich kann, gehört sie dorthin – und wird junge und auch ältere Menschen anziehen.
Thomas Kaufmann
Thomas Kaufmann ist Professor für Kirchengeschichte an der Universität Göttingen