Im Schulterschluss
Wem gehören eigentlich die Kirchen? Das im Mai 2024 erschienene Kirchenmanifest findet darauf eine weitreichende Antwort. Nicht allein der Gottesdienstgemeinde am Sonntagmorgen gehört der Kirchenraum, sondern Kirchen sind Gemeingüter. (mehr dazu lesen Sie im Schwerpunkt in zeitzeichen 11/24). Sie prägen das Bild von Städten und Dörfern, sie sind kulturelles Erbe aller Menschen und multifunktionale Orte. In manchen dörflichen Strukturen ist der Kirchenraum überhaupt der einzige Ort, wo Menschen zusammenkommen können.
In Hessen wurde offenbar verstanden, dass die Frage nach der Zukunft der Kirchenräume nur in Verantwortungsgemeinschaft von Politik, Kirchen und Zivilgesellschaft in den Blick genommen werden kann. 200 Vertreter*innen aus Politik, Kirchen, Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft tummelten sich daher in der vergangenen Woche im Hessischen Landtag. Die CDU-Fraktion hatte eingeladen zu diesem „Kongress für gesellschaftlichen Zusammenhalt“, mit dem Ziel diesen Zusammenhalt durch den Erhalt und die mögliche multifunktionale Nutzung von Kirchengebäuden als Orte zwischenmenschlicher Begegnung zu stärken.
Ein Meilenstein
In seiner symbolischen Bedeutung ist dieses Ereignis von hohem Wert. Die Aufgabe, sich um die Zukunft der Kirchengebäude zu kümmern, eint Politik und Gesellschaft in ihrem Eifern um eine lebenswerte Gesellschaft. Dass dieses Anliegen in Wiesbaden zur gemeinsamen Sache erklärt wurde, ist ein Meilenstein.
Die Aufgaben sind groß. In einer weitgehend ländlich geprägten Region wie dem Werra-Meißner-Kreis beispielsweise stehen 137 evangelische Kirchengebäude. 133 von diesen Liegenschaften sind denkmalgeschützt. 54 dieser Kirchen werden zukünftig noch antragsberechtigt sein für kirchliche Finanzmittel zur Bauunterhaltung. Für die 79 übrigen Kirchen gilt, dass sie nicht mehr aus kirchlichen Finanzressourcen unterhalten werden können. Für diese Gebäude müssen künftig Lösungen gefunden werden. Wenn wir in Zukunft nicht in mehr als jedem zweiten Dorf einen Bauzaun um eine langsam verfallende Kirche mit 21mm Spanplatten vor den Fenstern sehen wollen, dann müssen Ideen zur Umnutzung dieser Gebäude entstehen.
Kommunale Intelligenz
Spannend wird die Frage sein, wie wir zu diesen Ideen kommen können. Die Sehnsucht nach einfachen Lösungen ist groß. Aber die Vorstellung, es gäbe irgendwann einen Pool von 10 bis 15 tragfähigen Umnutzungsalternativen, die dann seriell je nach örtlichen Gegebenheiten umgesetzt werden könnten, ist eine Illusion. Dritte Orte müssen wachsen und sie müssen angeeignet sein von den Menschen vor Ort. Bei der Planung neuer Quartiere wird oft deutlich, dass Versammlungsorte nicht auf dem Reisbrett entstehen. So mancher geplanter dritter Ort bleibt nach seiner baulichen Realisierung verwaist und leer, weil Menschen diese Orte nicht beleben.
Wenn die Umnutzung von Kirchengebäuden gelingen soll, sind es die Menschen im Dorf oder im Quartier, die über die Potentiale der Kirchengebäude entscheiden. Kirchen und Kommunen müssen den Menschen Möglichkeiten eröffnen, vor Ort zu experimentieren und auszuprobieren. Gelungene Umnutzung entsteht nicht am Reisbrett, sondern sie ist das Produkt einer kommunalen Intelligenz vor Ort. Nur wo Menschen gemeinsam in eine kreative Suchbewegung kommen, werden vielleicht tragfähige Perspektiven entstehen.
Große Chance
Momentan liegt der Fokus stark auf Problemlösung und Tempo. Vielleicht ist aber das wirklich interessante im Hinblick auf den Umgang mit Sakralgebäuden der Prozess. Wenn wir diesen Prozess als Weg der Partizipation und des Experiments gestalten können, dann wird diese kollektive Suchbewegung selbst zu einem Raum gesellschaftlichen Zusammenhalts. In Zeiten immer weiter erstarkender populistischer Tendenzen, die sich nähren von einem diffusen Gefühl von Menschen, nicht gehört und wahrgenommen zu werden, können solche Suchbewegungen in Dörfern und Städten eine große Chance sein. Menschen erleben sich neu als Gestalter*innen ihres Gemeinwesens und mit der Frage nach zukünftigen Nutzungen des Kirchengebäudes wird sich immer auch die Frage stellen, wie wir hier in diesem Dorf gut miteinander leben wollen. In diesem Sinne ist der Weg geradezu das Ziel.
In Wiesbaden ist ein erster wichtiger Schritt auf dem Weg gemacht worden. In einem letter of intent haben die CDU-Fraktion, die katholischen Bistümer und die evangelischen Landeskirchen ihre Verantwortungsgemeinschaft für die Sakralgebäude schriftlich erklärt. Nun geht es darum, diese Verantwortungsgemeinschaft gemeinsam zu realisieren. Zu hoffen ist, dass dadurch in so manchem Ort die Kirche im Dorf bleibt.
Katharina Scholl
Dr. Katharina Scholl ist Studienleiterin am Evangelischen Studienseminar Hofgeismar. Zuvor war sie Gemeindepfarrerin in Hanau-Großauheim.