Theologie ohne Pfarramt
Was wird aus der Evangelischen Theologie, wenn das Pfarramt nicht mehr der selbstverständliche Zielberuf ist? Friederike Erichsen-Wendt und Johannes Wischmeyer, beide tätig in der Planungszentrale der EKD in Hannover, analysieren die Verschiebung von Studienstrukturen und kirchlichen Berufsbildern. Und sie blicken kritisch auf das geplante neue Modell in der Schweiz, das zu einer Grauzone des Amtlichen und unklaren Zuständigkeiten führen könne.
Wer heute Studierende der Evangelischen Theologie fragt, welche berufliche Zukunft sie für sich sehen, bekommt immer wieder auch Antworten, die überraschen. Oft ist nicht das Pfarramt das Ziel, manchmal nicht einmal die Kirche, zuweilen haben die Studierenden quasi keine Erfahrungen kirchlicher Praxis gesammelt. Und doch bleiben viele dem theologischen Denken, der religiösen Deutung und einer kirchlichen Frömmigkeitspraxis eng verbunden. Auch die Wege hinein in kirchliche Berufe sind vielfältiger geworden – und genau darin liegt eine Herausforderung, aber auch eine Chance für die evangelischen Kirchen.
Zwei Entwicklungen überlagern sich derzeit, ohne bislang systematisch aufeinander bezogen worden zu sein: Zum einen verändern sich die Anforderungen an pastorales Handeln und damit an kirchliche Berufsbilder rasant. Zum anderen steht das Studium der Evangelischen Theologie vor einer strukturellen Neuordnung im Horizont von Bachelor- und Masterabschlüssen. Beide Prozesse verlaufen nicht koordiniert – ihre Wechselwirkungen sind aber absehbar und unvermeidlich.
Abschied von der Eindeutigkeit
Lange Zeit schien die Sache klar: Wer Evangelische Theologie studiert, strebt – mit allen biografischen Umwegen – das Pfarramt an. Das Studium war zwar akademisch frei, zielte aber als angenommene Normalität auf einen – nach kirchenleitender ebenso wie praktisch-theologischer Meinung relativ klar umrissenen – Professionsberuf. Diese Selbstverständlichkeit erodiert. Nicht nur wegen sinkender Pfarrstellenzahlen oder knapper werdender Ressourcen. Kirchliche Arbeit ist vielmehr insgesamt an einem Wendepunkt angekommen. Sie wird sich künftig nicht lediglich weiter ausdifferenzieren (vermutlich sogar im Gegenteil), sondern ist grundlegenden Veränderungen unterworfen.
In vielen Landeskirchen zeichnet sich ab, dass verbeamtete und angestellte Pfarrer*innen künftig dauerhaft nebeneinander tätig sein werden. Neuverbeamtungen könnten in einer Reihe von Landeskirchen zur Ausnahme werden. Zugleich entstehen neue Formen kirchlicher Tätigkeit, die nicht mehr selbstverständlich an Ordination, Lebenszeitverhältnis oder umfassende Leitungsverantwortung gebunden sind. Die klassische Verbindung von theologischer Qualifikation, Pfarramt und institutioneller Absicherung löst sich.
Es zeichnet sich ab, dass in dieser Gemengelage zwei Anwege zum Pfarrberuf rechtsfest werden: Das öffentlich-rechtliche Dienstverhältnis und das privatrechtliche Anstellungsverhältnis. Beide haben das Ziel, das akademische Qualifikationsniveau von Pfarrer*innen zu halten. Dies vor allem auch deshalb, weil die theologischen Leitungsanforderungen mit dem Rückgang der Mitgliederzahlen und abnehmender öffentlicher Reichweite der Kirchenorganisation nicht sinken. Einige Landeskirchen versuchen, der absehbaren Doppelgestalt des Pfarrberufs einen positiven Sinn abzugewinnen. Differenzierte Personalentwicklung soll dazu führen, dass das Berufsfeld zwei profilierte und eigenständige Ausformungen erhält. Ein mögliches Zielbild ist die Unterscheidung zwischen „Somewheres“ (privatrechtlich angestellte Pfarrerinnen und Pfarrer, die persönliche Planungssicherheit ohne Dienstwohnungspflicht und mit familienfreundlicher Arbeitszeitbegrenzung genießen) und „Anywheres“ (in herkömmlicher Weise Verbeamtete, die nach Bedarf bei anspruchsvollen Transformationsaufgaben einspringen oder sich etwa in der Militärseelsorge bei der Einsatzbegleitung auch persönlichen Risiken aussetzen). Diese mögliche zweifache Gestalt des Pfarrberufs geht dementsprechend mit dem Versprechen einer größeren kulturellen Reichweite pastoralen Handelns einher.
Dabei zeichnet sich ab, dass keine theologische Vorzugswürdigkeit einer bestimmten Anstellungsform von Pfarrer*innen erkennbar ist. Gleichwohl zahlen beide Anstellungsformen auf unterschiedliche Organisationsverständnisse ein: Während das Beamtentum als bestmögliche Ausprägungsform hergebrachter religiöser Sicherungsfunktionen verstanden werden kann, entspricht das Angestelltenverhältnis der konsequenten Organisationsförmigkeit unter Marktbedingungen. Beide Anstellungsformen gehen mit verschiedenen Risiken einher – vor allem in den Bereichen Arbeitsmarktattraktivität, Finanzierung und Mitarbeitendenbindung. Weil kein genereller Zusammenhang zwischen einer Anstellungsform und dem Wirkungsgrad kirchlichen Handelns besteht, gibt es aus theologischer Sicht keine Priorität für eine bestimmte Anstellungsform.
Der Bachelor als Irritationsfigur
In diese Situation hinein tritt der Bachelor in Evangelischer Theologie – bislang eher als strukturelle Größe: Die inhaltliche Ausgestaltung dieses in sich abgeschlossenen primären Studienabschnitts wird nämlich derzeit noch diskutiert. Anders als das traditionelle „Volltheologiestudium“ bildet der Bachelor einstweilen nicht die akademische Qualifikation für ein kirchliches Berufsbild. Vielmehr ist er eingebettet in eine umfassende Studienreform. Sie zielt darauf, dass neben dem Magisterabschluss wie bisher auch ein gestufter Studiengang möglich sein wird. Und doch werden Kirchen sich darauf einstellen müssen, dass Absolvent*innen eines theologischen B.A. an ihre Türen klopfen: interessiert an Mitarbeit, auf der Suche nach Sinn, Wirksamkeit und Erwerbsarbeit.
Dabei ist der Bachelor zunächst ein offener Abschluss. Er wird ohne das anschließende Masterstudium nicht für den Pfarrberuf qualifizieren. Wohl aber wird der evangelisch-theologische B.A., wenn er denn mehr als ein reiner „Exit-Bachelor“ sein soll, für eine akademisch bewährte religionshermeneutische Kompetenz bürgen. Diese ist in vielen kirchlichen Handlungsfeldern relevant. Dass es dafür bislang kein klares, geschweige denn konsentiertes Berufsbild gibt, mag man als Versäumnis einer Kirchenorganisation sehen, die sich notorisch strategischen Entscheidungsnotwendigkeiten verweigert. Ins Positive gewendet: Die anstehende Studienreform wird unter Umständen in nächster Zeit eine Gruppe von gut ausgebildeten und motivierten jungen Menschen hervorbringen, die sich im besten Fall für sehr offene und unkonventionelle Tätigkeitsprofile gewinnen lässt.
Fachkräftemangel und Verheißung der Pragmatik
Der Fachkräftemangel verschärft die Situation. Schon heute stehen Kirchen vor der Entscheidung, ob sie theologisches Personal auch unterhalb und neben der pfarrberuflichen Qualifikation einstellen wollen – oder müssen. Ökonomisch betrachtet ist das attraktiv: geringere Personalkosten, flexiblere Einsatzmöglichkeiten, projektbezogene Arbeit. Organisationssoziologisch jedoch ist Vorsicht geboten.
Erfahrungen aus anderen Berufsfeldern zeigen: Die Einstellung von Bachelorabsolvent*innen verlagert Aus- und Weiterbildungskosten in die Organisation. Onboarding, Traineeprogramme und begleitende Qualifizierung werden personalstrategisch relevant. Dabei wird es vor allem darum gehen, Kompetenzen zur Umsetzung von Innovationen kirchlichen Lebens so zu stärken, dass sie gleichzeitig innerorganisational nachvollziehbar und der säkularen Gesellschaft angemessen wahrgenommen wird. Denn die Herausforderung, unter komplexen, wechselnden Bedingungen handlungsfähig zu bleiben, bleibt bestehen.
Für kirchliche Organisationen bedeutet das: Wer Bachelorabsolvent*innen beschäftigt, muss zugleich Ressourcen für Begleitung, Fortbildung und letzten Endes realistische Tätigkeitsprofile einplanen. Andernfalls droht strukturelle Überforderung – und frühe Abwanderung.
Zwischen Performanz und Profession
Empirische Studien zeigen, dass viele Theologiestudierende gar nicht primär an umfassenden Leitungsaufgaben interessiert sind. Ihr Wunsch richtet sich auf Wirksamkeit in konkreten Handlungsfeldern: Seelsorge, Kasualien, missionale Projekte, religiöse Kommunikation. Genau hier aber verschwimmen die Grenzen zwischen bestehenden kirchlichen Berufen und neuen möglichen Tätigkeitsprofilen. Leitungsverantwortliche kann das vor ein Dilemma stellen: Transprofessionalität – also der Überschritt von der Berufskompetenz als Kriterium der Tätigkeit hin zum Tun dessen, was situativ geboten erscheint – erscheint als das Gebot der Stunde. Gleichzeitig soll die Kirche als Organisation die Leistungsversprechen, die sie ihren Mitgliedern macht, zuverlässig erfüllen. Oft fehlen die personellen Ressourcen, komplexen offenen Situationen rasch und wirksam zu reagieren. Muss dieser Schmerz ausgehalten werden, oder bietet der neue Qualifikationsgrad die Chance auszuprobieren, ob religionssensibles und theologisch kundiges Ad hoc-Situationsmanagement eine hilfreiche kirchliche Berufstätigkeit werden kann?
Das Proprium eines theologischen Bachelors liegt nicht in der Spezialisierung auf ein einzelnes Handlungsfeld (dafür gibt es genug etablierte kirchliche Berufe), sondern in einer spezifischen Sprach- und Deutungskompetenz (etwa im Blick auf Nutzendenorientierung etc.). Diese kann, wenn sie klug gelehrt und studiert wird, anschlussfähig an viele Praxisfelder sein, ohne in ihnen aufzugehen. Sie ist keine „Pfarrqualifikation light“, sondern etwas Eigenes – wenn sie im universitären Curriculum des B.A. und in der anschließenden kirchlichen Fort- und Weiterbildung entsprechend Profil gewinnt.
Entscheidend wird sein, ob es gelingt, daraus ein empowerndes Berufsbild zu entwickeln – eines, das eigenständig im Feld der bereits bestehenden kirchlichen Berufe agiert. Der theologische Bachelor zielt weder auf ein „kleines Pfarramt“ noch auf eine Variante diakonischer oder pädagogischer Tätigkeit. Sein Akzent läge weder auf Verkündigung und Seelsorge noch auf umfassender Leitungsverantwortung, ebenso wenig auf sozialpädagogischer Fachlichkeit. Gemeint ist vielmehr eine klar abgegrenzte, sichtbar theologische Beruflichkeit eigener Art. Sie müsste auf Anstellung beruhen, nicht auf Ordination, dürfte nicht funktional aufgehen in anderen Berufsfeldern – und müsste dennoch theologisch ernst genommen und kirchlich legitimiert werden.
Auf Performanz fokussiert
Darin liegt übrigens auch ein deutlicher Unterschied zu dem Konzept, das ab 2027 in der Deutschschweiz umgesetzt werden soll: Dort führt eine frühe Verzahnung von akademischem Studium und praktischen Erfahrungen zu der Möglichkeit, bis zu fünf Jahre lang zur theologischen Mitarbeit an pfarramtlichen Aufgaben angestellt zu werden. Besonders positiv und in seiner Wirksamkeit empirisch belegbar ist daran zu bemerken, dass hier ein Modell geschaffen wird, um dem seit den 1970er-Jahren oft bemängelten fehlenden hermeneutischen Theorie-Praxis-Theorie-Zusammenhang strukturell abzuhelfen zu versuchen.
Kritisch zu sehen ist allerdings aus unserer Sicht, dass der Pfarrberuf hier vor allem auf seine Performanzen hin fokussiert wird, nicht jedoch als komplexe hermeneutisch-kybernetische Gesamtaufgabe gesehen wird. Die Schlussfolgerung wäre, dass neben der (im Team repräsentierten) vollumfänglichen pastoralen Kompetenz eine Art befristeter clerus minor zu stehen käme. Dieses Modell schafft aus unserer Sicht mehr Probleme als es löst. Vor allem verabschiedet es die reformatorische Grundeinsicht eines strikt funktionalen Pfarramts zum Zwecke der Beteiligung möglichst Vieler. Es entstünde in der Praxis eine Grauzone des Amtlichen, die Zuständigkeiten verunklart und Spannungen zu anderen Formen des Dienstes und der Beauftragung mitunter erhöht. Eine drohende Hierarchisierung ist aber nun gerade das, was es Menschen nicht leichter macht, mit Kirche in Kontakt zu kommen.
Um jeglichem Eindruck einer qualitativen Hierarchisierung einerseits, eines schleichenden Qualitätsverlusts des Pfarramts andererseits entgegenzutreten, ist es deshalb unerlässlich, die Beruflichkeit von theologischen Bachelorabsolvent*innen als neue Kompetenz in einer sich stark verändernden Kirche zu gestalten, die nicht an die Logik des Pfarrberufs oder anderer bereits bestehender Berufe anschließt.
Durchlässige Biografien, lernende Organisation
Langfristig eröffnet diese Entwicklung neue Perspektiven. Durchlässigere Berufsbiografien könnten es ermöglichen, dass Menschen mit einem Bachelor in Evangelischer Theologie später – bei entsprechender Weiterqualifikation durch ein M.A.-Studium – doch noch ins Pfarramt wechseln und damit einen neuen Beruf in einem bereits vertrauten Feld ergreifen. Umgekehrt könnten kombinierte Studienprofile, etwa ein Mehr-Fächer-Bachelorstudium, kirchliche Organisationen transprofessionell stärken.
Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Kirchen ihre Personalentwicklung strategisch weiterdenken: modularisierte Fortbildung, berufsgruppenübergreifende Lernformate, engere Kooperationen mit Theologischen Fakultäten und Hochschulen, die sich mitverantwortlich wissen, auf solch offene Berufssituationen vorzubereiten. Das wird nur durch erheblich engere und inhaltlich ehrgeizigere Kooperation und Abstimmung zu schaffen sein. Kurz: Kirchen müssten sich selbst stärker als lernende Organisationen verstehen.
Offene Fragen – und ein realistischer Optimismus
Noch ist vieles ungeklärt. Die inhaltlichen Konturen eines theologischen Bachelors sind ebenso im Fluss wie zukünftige Gestalten kirchlicher Arbeit. Aber gerade darin liegt eine produktive Unruhe. Die Frage ist nicht, ob sich neue kirchlich-theologische Beruflichkeiten entwickeln – sondern ob Kirchen sie aktiv und transparent gestalten.
Wer hinschaut, wo Theolog*innen heute hingehen, könnte tatsächlich erstaunt sein, „was alles rauskommen kann“. Die entscheidende Frage lautet: Wie kommt die evangelische Kirche auf diesen Berufswegen vor und wie rüstet sie sich angemessen für den in Zeiten des Fachkräftemangels absehbaren Kampf um die besten Talente?
Friederike Erichsen-Wendt
Dr. Friederike Erichsen-Wendt ist Referentin für Strategische Planung und Wissensmanagement im Kirchenamt
der EKD in Hannover.
Johannes Wischmeyer
Dr. Johannes Wischmeyer (Jahrgang 1977) ist seit 2021 Leiter der Abteilung „Kirchliche Handlungsfelder“ im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und unter anderem zuständig für Catholica-Fragen.