Theologie des Winters

Wie wir in Hoffnung durchhalten und eine Haltung des gespannten Wartens einüben können
Ein leerer Stuhl am verschneiten Strand von Sopot
Foto: Stephan Kosch
Am Strand von Sopot, Januar 2024.

In einer zunehmend entchristlicheren Gesellschaft durchleben Glauben und Kirche eine winterliche Zeit. Das wusste schon Karl Rahner in den 1980er-Jahren. Ulrich Körtner nimmt seine Gedanken auf und skizziert eine Theologie in dürftiger Zeit, in der wir hier und jetzt auf epochale Weise auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen sind.  

„Wintertime Has Come“ – ein wunderbarer Song des begnadeten, 2016 verstorbenen Gitarristen, Sängers und Komponisten Werner Lämmerhirt. Zu finden auf seinem 1979 erschienenen Album All Alone. Der Titel des Albums ist programmatisch, folgt doch schon auf die Ouvertüre der genannte Song, den Lämmerhirt auf der Plattenhülle selbst so kommentiert: „Ein Liebeslied, geschrieben an einem kalten Wintertag, in der Hoffnung, nicht allein zu sein oder zu bleiben.“ Der Refrain des Stückes lautet:

Oh it's good to know you well

When everything goes wrong

Sometimes I feel down myself when

Wintertime has come

Wintertime has come

Lämmerhirts Song kam mir in den Sinn, als ich kürzlich Texte von Karl Rahner las, in denen er zu Beginn der 1980er-Jahre die Lage des Christentums als Glauben in winterlicher Zeit beschrieb. Andreas A. Batlogg und Peter Suchla haben sie in einem kleinen Leseband mit dem Titel Warum gerade heute Christ bleiben? (2024) zusammengestellt.[1] Ihm komme es vor, so Rahner, als durchlebe die Kirche im Zuge der fortschreitenden Entchristlichung der Gesellschaft „so etwas wie eine winterliche Zeit“, die dazu herausfordere, „so etwas wie eine Art Theologie des Winters“ zu entwickeln. Dass es solche Zeiten in der Kirchengeschichte gebe, sei kein Grund, an Gott und seiner Existenz zu zweifeln, aber auch kein Anlass für dauerreformerischen Aktionismus. Schließlich könne es in der Kirche – wobei Rahner vornehmlich seine eigene, die römisch-katholische, im Blick hat – nicht ständig konziliare Aufbruchsstimmungen geben. 

Nicht resiginieren

Das Erste, was angesichts der fortschreitenden Säkularisierung und Entkirchlichung gefordert sei, „ist doch das nüchterne und tapfere Eingeständnis, dass wir in der Kirche in einer winterlichen Zeit leben“. Es gelte aber nicht nur anzuerkennen, dass die der Kirche verbundenen Christen in einer winterlichen Zeit leben, sondern die Aufgabe anzunehmen, „winterlich zu leben“. Winterlich glauben und leben bedeute nicht, in Resignation zu verfallen. „Auch im Winter gibt es genug Arbeit, in der eine Zukunft vorbereitet wird.“ Voraussetzung dafür sei, das gleiche Maß an Mut, Zuversicht und Hoffnung wie die ersten Christen aufzubringen und sich auf elementare Weise darauf zu besinnen, was es heißt, ein Christ zu sein und als solcher zu glauben und zu hoffen. Es gehe darum, „in einer winterlichen Zeit in Hoffnung durchzuhalten und Verständnis zu haben für die einsame Größe, die in einer solchen Haltung der schweigenden, nicht jammernden Treue liegt“.

Der evangelische Theologe Oswald Bayer hat von der glücklichen Skepsis des Glaubens gesprochen. Recht verstanden bilden Glaube und Skepsis keinen Gegensatz. Dem Glauben sei vielmehr eine Skepsis zu eigen, die darin bestehe, „die unvernünftig gewordene Vernunft“ und ihre Hybris zu entlarven, um sie auf ihre Verantwortung und auf ihre Grenzen hinzuweisen. Die Skepsis des Glaubens, so Bayer, ist „kraft des unbedingten und bedingungslosen Lebens, das Gott zusagt, eine glückliche Skepsis“[2]. 

Blick auf den Gekreuzigten

Auch Rahner kennt eine Skepsis, die er als „Erfahrung von Gnade“ versteht, die sich als „nüchterne Hoffnung wider alle Hoffnung“ zeigt. Sie bringt es fertig, selbst noch mit dem „unbegreiflichen, schweigenden Gott zu leben“ und in seine Finsternis hinein zu glauben, „obwohl scheinbar keine Antwort kommt als das hohle Echo der eigenen Stimme“. Auf extreme Weise hat Mutter Teresa über Jahrzehnte eine solche Glaubenskrise durchlebt, die von sich sagte, sollte sie jemals eine Heilige werden, dann eine „Heilige der Finsternis“.

Wenn Rahner von Gottes Schweigen und seiner Unbegreiflichkeit spricht, dann nicht als Agnostiker, sondern als Glaubender, der seinen Blick auf den Gekreuzigten richtet. In ihm findet er Gottes Dasein. Das ist für ihn das Zentrum des christlichen Glaubens, dem gegenüber alle liturgischen Traditionen und Andachtsformen zweitranging sind.

Es gibt gute Gründe, der Kirche bzw. den Kirchen eine Mitschuld an der Verdunkelung Gottes anzulasten. Ihr Umgang mit sexualisierter Gewalt und geistlichem Missbrauch gibt nach wie vor Anlass zur Kritik. Ohne die Verantwortlichen in kirchenleitenden Ämtern aus ihrer Verantwortung entlassen zu wollen, gehört es nach meinem Dafürhalten aber zur letzten Redlichkeit bußfertigen Christeins wie Karl Rahner zu fragen, worin der eigene Beitrag zur Verdunkelung der Kirche und des Evangeliums besteht. Ich stelle mir die Frage jedenfalls als jemand, der mehr als drei Jahrzehnte als Theologieprofessor gewirkt hat.

Als Ermutigung

„Das Christsein heute“, so Rahner, „entwickelt sich massiv weg vom traditionellen Mitläufer-Christentum hin zum Entscheidungs-Christsein.“ Das ist heute eine ökumenische Erfahrung, ebenso wie die Diasporaexistenz der Kirche. Bereits 1954 notierte Rahner: „Wir haben […] durchaus das Recht, ja fast die Pflicht, damit zu rechnen und nicht nur verstört zur Kenntnis zu nehmen, dass die Form des öffentlichen Daseins der Kirche sich wandelt. Daß die Kirche überall Diasporakirche wird, Kirche unter vielen Nichtchristen“[3]. Seine Diagnose trifft sich mit derjenigen der beiden evangelischen Theologen Wilhelm Dantine (1911–1981) und Ernst Lange (1927–1974), All drei sind davon überzeugt, dass die Diasporaexistenz der Kirche nicht konfessionalistisch, sondern ökumenisch verstanden werden muss. Es geht also nicht nur darum, in welchen Landstrichen jeweils die eine oder andere Konfession die Mehrheit oder Minderheit bildet.

Theologie der Diaspora als ökumenische Zeitansage in winterlicher Zeit: Nicht als Ausdruck des Rückzugs aus der säkularen Welt, sondern im Gegenteil als Ermutigung, sich in diese Welt einzumischen und das Evangelium von der Liebe Gottes, seiner Agape oder Caritas, in Wort und Tat zu bezeugen. Recht verstanden kann eine Theologie der Diaspora zu einer Erneuerung von konfessioneller Identität in ökumenischer Offenheit einen Beitrag leisten, weil sie verdeutlicht, dass die eigene Identität ohne das Gegenüber zu den anderen und ohne das Miteinander mit ihnen nicht lebendig ist, sondern im Traditionalismus erstarrt. Lebendige Identität ist nicht statisch, sondern dynamisch und wandelbar, dabei aber stets auf Christus als den einen und entscheidenden Orientierungspunkt hin ausgerichtet.

Gespanntes Warten

Auch wenn Rahner die Diasporaexistenz der Kirche zu ihrem Wesen rechnet, ist eine Theologie der Diaspora gleichwohl kontextuell. Alles hat seine Zeit und seinen Ort. Die Situation der Christenheit liefert im Weltmaßstab ein recht vielstimmiges Bild. Nicht überall herrscht Winter, aber man kann den Frühling geistlicher Aufbrüche in anderen Erdteilen nicht einfach auf die eigene Lebenswelt übertragen. Schon Luther sprach von der Neuentdeckung des Evangeliums in der Reformationszeit als einem „fahrenden Platzregen“, dessen Kairos nicht ewig dauern werde. 

Theologie des Winters, das ist Theologie in dürftiger Zeit, in der wir hier und jetzt auf epochale Weise auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen sind und eine Haltung des gespannten Wartens auf Gottes Zeit einzuüben haben.

Zur Glaubenserfahrung in winterlicher Zeit gehört die Einsamkeit, wobei es einen Unterschied macht, ob man allein und für sich oder wirklich einsam ist. Für Rahner „gehört zur heutigen Spiritualität der Christen der Mut zur einsamen Entscheidung gegen die öffentliche Meinung, der einsame Mut, der dem Märtyrer des ersten Jahrhunderts des Christentums analog ist, der Mut einer spirituellen Glaubensentscheidung, die ihre Kraft aus sich selber bezieht und nicht gestützt zu werden braucht durch die Zustimmung der Öffentlichkeit.“

Vereinzelung des Glaubens

Ein evangelischer Märtyrer des 20. Jahrhunderts war Dietrich Bonhoeffer. In seinem Buch Nachfolge schrieb er: „Der Ruf Jesu in die Nachfolge macht den Jünger zum Einzelnen. Ob er will oder nicht, er muß sich entscheiden, er muß sich allein entscheiden. Es ist nicht seine Wahl, Einzelner sein zu wollen, sondern Christus macht den Gerufenen zum Einzelnen.“[4] Die Vereinzelung des Glaubenden ist etwas anderes als Individualität in einer Gesellschaft der Singularitäten, die der Soziologe Andreas Reckwitz beschreibt, eben weil sie nicht das Ergebnis einer Selbstwahl ist, sondern Antwort auf einen Ruf Gottes, der auf aufrichtige Gebete und Taten wartet – und antwortet. 

Für Bonhoeffer gilt freilich auch: „Jeder tritt allein in die Nachfolge, aber keiner bleibt allein in der Nachfolge.“[5] Winterlich leben: Einander im Glauben und im Leben aus Glauben bestärken und tragen. Das ist eine ökumenische Aufgabe in winterlicher Zeit.

Nicht jeder ist zum buchstäblichen Märtyrertum gefordert, und Rahners Verweis auf den Mut der Glaubenszeugen des ersten Jahrhunderts sollte auch nicht so verstanden werden, als sollte einem religiösen Heldenkult das Wort geredet werden. In der Haft erinnert sich Bonhoeffer an ein Gespräch, das er einmal mit einem jungen französischen Pfarrer geführt hatte, der ihm erklärte, er wolle ein Heiliger werden. Bonhoeffer gab zu Antwort, er wolle glauben lernen. Den Gegensatz habe er selbst lange Zeit nicht verstanden. Eine Zeit lang habe er wohl selbst eine Art Heiliger werden wollen. In dieser Zeit verfasset er sein Buch Nachfolge, aus dem ich zitiert habe. Christsein, so Bonhoeffer jetzt, bedeute darauf zu verzichten, etwas aus sich machen zu wollen, gleich ob einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder. Es bedeute, „in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Mißerfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten“ zu leben und sich Gott ganz in die Arme zu werfen.

Heillos überfordert

In einem Punkt schießt Bonhoeffer jedoch über das Ziel hinaus, wenn er schreibt, dann nehme man nicht nur die Leiden Gottes in der Welt Ernst, sondern wache mit Christus in Gethsemane. Niemand seiner Jünger vermochte mit Christus im Garten am Fuße des Ölbergs zu wachen, weil sie alle vom Schlaf übermannt wurden. Auch wir sind nicht Christus. Mit ihm in der Gotteinsamkeit zu wachen, würde uns heillos überfordern. 

Der einsame Christus in seiner Todesangst, Christus am Kreuz, der in Gottverlassenheit stirbt: Er hat stellvertretend für uns gelitten, so dass wir – Gott sei es gedankt! – eben nicht in letzter Einsamkeit sterben müssen. Selbst noch das Schweigen Gottes, von dem Rahner spricht, bleibt erfüllt vom Wort, das in Christus Fleisch geworden ist, Gottes letztes Wort, sein großes Ja, auf das wir das Amen sprechen dürfen (vgl. 2. Korinther 1,19f.).

„Sometimes I feel down myself when Wintertime has come (Werner Lämmerhirt). – „Man kann aber auch im Winter gelassen, hoffnungsvoll und sogar humorvoll leben“ (Karl Rahner).

 


 

[1]     Karl Rahner, Warum gerade heute Christ bleiben?, hg. von Andreas R. Batlogg und Peter Suchla, Matthias Grünewald Verlag, Ostfildern 2024. Zitate im Folgendes aus dieser Ausgabe.

[2]    Oswald Bayer, Autorität und Kritik. Zu Hermeneutik und Wissenschaftstheorie, Tübingen 1991, 140.

[3]    Karl Rahner, Theologische Deutung der Position des Christen in der modernen Welt (1954), in: ders.  Sendung und Gnade. Beiträge zur Pastoraltheologie, Innsbruck 51988, 13–47, hier 32. Siehe auch Karl Rahner, Über die Gegenwart Christi in der Diasporagemeinde nach der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils, in: ders., Schriften, Bd. VIII, Einsiedeln 1967, 409–425.

[4]    Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge (DBW 4), hg. von Martin Kuske und Ilse Tödt, Güterloh 32002, 87.

[5]    Bonhoeffer, a.a.O., 95.

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